Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Februar 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
09.02.2003Sucht
16.02.2003Einkaufsparadies Deutschland
23.02.2003Die Staufer
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Sucht
09.02.2003 *** Wdh. 11.02.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Deutschland einig Junkieland – so muß das Ergebnis des Mitte Januar vorgestellten Jahrbuchs Sucht lauten. Warum das so ist, darüber hat sich Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte einige Gedanken gemacht.

Beitrag Walter Kuhl

Weltspitze ist Deutschland nicht nur beim Export von Rüstungsgütern, Weltspitze ist Deutschland auch beim Konsum von Suchtmitteln aller Art. Dies läßt tief blicken. Wenn statistisch gesehen jeder und jede in diesem Land – Babys eingeschlossen – einen halben Liter Alk pro Tag trinken, dann läßt dies deutliche Rückschlüsse darauf zu, wie trist das Leben im Partyland der Globalisierung wirklich ist. Leistungsdruck, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit – all dies wird erkauft mit der Dröhndroge Alkohol.

Das ist die uns verordnete Medizin von Bert Rürup, Gerhard Schröder, Daniela Wagner und Silke Lautenschläger. Apropos Medizin. Natürlich sind die Deutschen auch beim Arzneimittelkonsum Weltmeister. Anderthalb Millionen Menschen gelten hierzulande als mediamentensüchtig. Doch falsch wäre es, hier das Geschrei über die hohen Kosten des Gesundheitswesens ertönen zu lassen. Vielleicht sollten wir uns eher der Tatsache stellen, daß diese Gesellschaft und ihre Anforderungen krank machen. Doch Wolfgang Clement und Dieter Hundt wollen bekanntlich mehr davon.

Bleiben noch die Luftverpester zu erwähnen. Die Tabakdroge scheint wieder auf dem Vormarsch zu sein. Auch hier ist nach den Gründen zu fragen, warum vor allem Jugendliche wieder verstärkt nach dem Glimmstengel greifen. Das Einwerfen, Schlucken und Inhalieren von Suchtmitteln deutet auf eine zutiefst lebensfeindliche und selbstzerstörerische Haltung hin.

Kein Wunder bei einer Gesellschaft, die keine positiven Perspektiven mehr vermitteln kann außer Arbeit, Leistung, Konsum und ... Rausschmiß. Und so verwundert es uns auch nicht, wenn die Kids von heute genau so sind, wie es die Gesellschaft, also die Wirtschaft, erfordert. Süchtig nach der Medizin Wirtschaftswunder eben.

Nur Haschisch scheint keine in diesem Sinn erwünschte Droge zu sein. Der darmstädter Psychiatrie-Chefarzt Martin Hambrecht sagt auch, warum. Süchte funktionieren seiner Meinung nach über ein Belohnungssystem im Stammhirn. Durch den künstlichen chemischen Anstoß des Haschisch-Konsums würden Dopamine freigesetzt und damit Glücksgefühle ausgelöst. Nur seien die ja nicht echt. Doch die Konsumentin und auch der Konsument – sie beide wollen diesen Zustand immer wieder erreichen. Andere, als natürlich deklarierte, Belohnungssysteme erscheinen für sie dann schal und langweilig. So jedenfalls wird Hambrecht im Darmstädter Echo vom vergangenen Donnerstag wiedergegeben. Natürliche Belohnungssysteme – was mag das sein? Die Eins im Zeugnis? Die Disco zum Krafttanken für eine weitere Runde Hamsterrad? Geld, Ruhm, Macht, Herrschaft? Die Freiheit des Marktes? Arbeiten für den Profit Anderer? Dann doch lieber eine Runde Zudröhnen.

Martin Hambrecht behauptet jedoch auch, daß Haschisch-Sucht Psychosen auslösen würde. Dies habe eine von ihm mit erarbeitete mannheimer Studie ergeben. Doch dann muß er selbst zugeben, daß nicht klar ist, ob die Depressionen vom Kiffen herrühren oder vielleicht doch eher selbst zum Kiffen führen. So gesehen ist Haschisch dann auch nicht schlimmer als die ganz legalen, erwünschten und überall erhältlichen Drogen. Es ist einfach scheinheilig, die Freigabe einer weiteren Droge abzulehnen, ohne die Ursachen der Drogensucht anzugehen.

Denn nicht die Drogen – diese Gesellschaft und ihre Anforderungen sind das Problem. Und solange dieses Problem nicht gelöst, sondern auf den Knochen und der Psyche von Millionen Menschen ausgelebt wird, solange werden Drogen und Sucht ein ganz normales Phänomen und manchmal auch Problem einer ganz normalen kapitalistischen Leistungsgesellschaft sein.

Keine Macht den Drogen? Wie scheinheilig darf man und frau in diesem Land eigentlich sein?

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Einkaufsparadies Deutschland
16.02.2003 *** Wdh. 17.02.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Am vergangenen Donnerstag brachte die blaßrosarot-olivgrüne Bundesregierung ein neues Reformgesetz in erster Lesung durch den Bundestag. Die Läden sollen länger geöffnet werden können. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte beleuchtet die Hintergründe.

Beitrag Walter Kuhl

Offensichtlich haben die Damen Parlamentarierinnen und Herren Parlamentarier ein Problem: Sie sind so mit Arbeit überhäuft, daß sie es nicht mehr schaffen, rechtzeitig die Milch zum Wochenende einzukaufen. Walter Hoffmann hat ja einmal in einem Interview erklärt, er sei 16 Stunden am Tag 7 Tage die Woche mit den existenziellen Fragen von Krieg und Frieden beschäftigt. Ohne die Milch für die grauen Zellen hat er dann natürlich ein Problem.

Was liegt also näher, als die Ladenschlußzeiten ein weiteres Mal zu erweitern? Diesmal trifft es den Samstag, der an jedem Wochenende bis 20 Uhr zum Einkaufen einladen soll. Der neoliberalen Spaßfraktion aus CDU und FDP geht das allerdings noch nicht weit genug. Sie wollen die Läden rund um die Uhr geöffnet haben – derzeit noch täglich außer Sonntag. Denn auch einem guten Christdemokraten ist klar, daß das Geschäft am Sonntag nicht brummen kann, wenn er zur Beichte geht. Die Schlange bei Roland Koch war ja schon lang genug.

Apropos Schlange. Habt ihr schon einmal überlegt, wieviele Stunden, Tage, gar Wochen eures Lebens ihr in den Schlangen vor Käsetheken und Ladenkassen verbringt? Also, bei einem realistisch geschätzten mitteleuropäischen Durchschnitts-Einkaufsverhalten werdet ihr in eurem gesamten Leben mindestens einen Monat, wenn nicht gar zwei oder drei Monate, rund um die Uhr darauf warten, daß euch eine Kassiererin von euren Scheinen und Münzen erlöst.

Grüne Parlamentarierinnen haben wahrscheinlich Dienstmädchen; deshalb kümmert es sie nicht, wenn andere Menschen Monate ihres Lebens für sie in Warteschlangen verplempern.

Nun können wir uns alle nach der Logik fragen, die hinter den verlängerten Ladenöffnungszeiten steckt. Also, mehr Kaufkraft wird dadurch ja nicht geweckt. Zwar sollen hochgestylte Einkaufsmeilen ohne Obdachlose und Junkies zu mehr Kaufrausch verlocken; allein – es fehlt am nötigen Kleingeld. Wozu dann die totale Neoliberalisierung, also die vollständige Deregulierung des Einzelhandels?

Ich denke, es gibt hierfür drei Gründe.

Erstens – wenn in anderen Branchen und im Dienstleistungsbereich sowieso schon fast rund um die Uhr gearbeitet wird, muß für die jetzt schon deregulierten Arbeitsverhältnisse auch noch ein Zeitfenster zum Einkaufsbummel geöffnet werden. Wer von morgens um 7 bis abends um 9 auf der Matte stehen muß, Fahrzeiten inbegriffen, benötigt logischerweise Ladenöffnungszeiten rund um die Uhr.

Zweitens – die neoliberale Offensive setzt auf totale Deregulierung aller Kapital- und Beschäftigungsverhältnisse. Das damit verknüpfte sozialdarwinistische Gedankengut – nur die Besten überleben – sorgt für die nötige Marktbereinigung, damit wenige dann mehr vom schrumpfenden Profitkuchen abbekommen. Einzelhändler schließen ihre Läden, während gleichzeitig subventionierte Großmärkte auf der grünen Wiese blühen und gedeihen. Ich sage nur – Darmstadt und Weiterstadt. Aber der kommunale Konkurrenzkampf um die Kaufkraft ist bundesweit im Gange.

Und drittens – es geht auch darum, das Lohn- und Tarifniveau der Beschäftigten im Einzelhandel anzugreifen. Wer als Personalchefin heutzutage pro ausgeschriebener Stelle mit weit über einhundert Bewerbungen rechnen muß, kennt das aus den Bewerbungen herausschreiende menschliche Elend. Man und frau ist bereit, zu den unmöglichsten deregulierten Bedingungen zu arbeiten. Hauptsache, sie bekommen überhaupt einen Job. Das nutzen die im Bundestag sitzenden Parteien in trauter Zusammenarbeit mit Handel und Industrie gnadenlos aus.

Vor zehn Jahren, als zunächst nur am Donnerstagabend der Ladenschluß erweitert wurde, haben sich viele Menschen geweigert, diese neuen Freiheiten auf dem Rücken der Beschäftigten auszunutzen. Aber Solidarität ist immer mehr zum Fremdwort geworden. Insofern gibt es außer den Gewerkschaften kaum eine oder jemanden, die diesen Wahnsinn kritisieren oder sich ihm verweigern. Daher finden wir überall blühende Landschaften im Einkaufsparadies Deutschland. Von den Millionen in Armut lebenden Menschen redet dann keine und niemand mehr.

Ich kaufe, also bin ich. Und der Markt ist alles. Ommmmmmm...

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Die Staufer
23.02.2003 *** Wdh. 25.02.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Auch ein Mitglied der Redaktion Alltag und Geschichte hat so seine geschichtlichen Bildungslücken. Walter Kuhl steht ganz offen dazu, daß die Geschichte des Mittelalters nicht gerade seine Stärke ist. Insofern kam ihn ein jüngst erschienener Band über die Staufer ganz gelegen. Im folgenden Beitrag stellt er uns das Buch vor.

Beitrag Walter Kuhl

Das Mittelalter gilt immer noch – zumindest mataphorisch – als eine Zeit düsterster Unwissenheit und frömmelnder Gläubigkeit. Wie schon der Name verrät, handelt es sich um das Zeitalter in der Mitte – zwischen bildungsbürgerlich glorifizierter Antike und nüchterner Moderne. Dennoch hat das sogenannte Mittelalter ein eigenes wirtschaftliches und ideologisches Fundament. Während die Wirtschaftsgrundlage der Antike die Sklavenhaltergesellschaft war und sich in der Moderne das Ausbeutungsverhältnis der Lohnarbeit durchgesetzt hat, gab es im Mittelalter etwas ganz eigenes: die Leibeigenschaft.

Das mit dieser Leibeigenschaft verbundene Feudalsystem brachte eine eigene Ordnung hervor, die insbesondere in Deutschland besonders ausgeprägt war. Ohne richtiges Zentrum, ohne Herrschersitz und Hauptstadt war das politische Leben des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von der persönlichen Anwesenheit der Könige und Kaiser abhängig. Eine solche Form der Herrschaft beinhaltete konsequenterweise auch den Keim des Zerfalls in sich: Tendenzen der Verselbständigung einzelner Reichsteile konnten nur durch die persönliche Hausmacht des Königs oder Kaisers bekämpft werden. Dieses Grundproblem kennzeichnete schon die Herrschaft der Ottonen und gipfelte in den dynastischen Auseinandersetzunge zwischen Staufern und Welfen im 12. und 13. Jahrhundert. Der nachfolgende Zerfall in Hunderte von zum Teil winzigsten Territorien und Herrschaften war die logische Folge.

Manfred Akermann, der langjährige Archivar der Stadt Göppingen, die am Fuße des Hohenstaufen gelegen ist, hat nun in allgemein verständlicher Weise die Geschichte der Staufer als dem Höhepunkt der Machtausdehnung des Heiligen Römischen Reiches nachgezeichnet. Er verfolgt hierin die Anfänge eines kleinen Grafengeschlechts aus dem östlichen Schwaben bis hin zur größten Machtentfaltung unter Friedrich Barbarossa und seinem Enkel Friedrich II., der das normannische Königreich Sizilien dem deutschen Reich hinzufügte. Die Blütezeit des deutschen Mittelalters spiegelt sich sowohl in seiner militärischen Dimension als auch in seiner künstlerischen Ausarbeitung wider. Entsprechend stellt Manfred Akermann die Burgen und Kastelle der Stauferzeit auf der einen und Beispiele staufischer Baukunst, Bildhauerei und Malerei auf der anderen Seite vor.

Die Faszination des Staufergeschlechts wirkte zudem in Sagen und mythischen Verklärungen nach; auch hiervon handelt der Band Die Staufer. Ein europäisches Herrschergeschlecht, das vor wenigen Tagen vom stuttgarter Theiss Verlag herausgebracht worden ist. Der Kyffhäuser wurde bekanntlich zu einem beliebten Symbol des erwachenden deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts; umso erfreulicher, daß Akermann auf die europäische Dimension der staufischen Geschichte hinweist, auch wenn diese weitestgehend auf Italien beschränkt bleibt.

Ich hätte mir etwas mehr Leben in diesem Band gewünscht. Die Grafen und Könige, Kaiser und ihre Ehefrauen bleiben ein wenig blaß. Was sie getrieben hat, mit welchen Visionen sie ihre Leben bestritten haben – hiervon erfahren wir leider wenig. Dies betrifft auch die Sozialgeschichte des staufischen Mittelalters. Welches waren die Grundlagen der ewigen Streits zwischen Kaiser und Papst, welche tatsächliche Bedeutung hatte die Exkommunikation für das politische Leben und inwieweit wurde die Politik tatsächlich von der christlichen Ideologie beherrscht? Was bleibt, ist oftmals eine nüchterne Chronologie. Also das historische Grundgerüst, um die von mir angesprochenen Fragen anzugehen. Es entschädigt uns hierfür der Bildteil und die auch für den Urlaub anregende Vorstellung der Monumente staufischer Macht: die Klöster, Pfalzen, Burgen und Kastelle zwischen Nijmegen im heutigen Holland und Catania auf Sizilien.

Das Stauferbuch von Manfred Akermann mit dem Untertitel Ein europäisches Herrschergeschlecht ist im Theiss Verlag zum Preis von 29 Euro 90 [ab 1.1.2004: € 36,00] erschienen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 10. Februar 2005 aktualisiert.
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