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Radiowecker

Redaktionelle Beiträge Februar 1999

Sendemanuskripte

 

Mit Beginn des Dauersendebetriebs am 1. Februar 1997 nahm auch der morgendliche Radiowecker seine redaktionelle Arbeit auf. Mit wechselnden Teams wurde in der Regel täglich von 6.00 bis 8.00 Uhr und an Wochenden und Feiertagen von 7.00 bis 9.00 Uhr Darmstadt und die nähere Umgebung geweckt. Ursprünglich war der Radiowecker in der Unterhaltungsredaktion angesiedelt. Im Herbst 2001 lösten sich die meisten Teams aus dieser Redaktion, weil sie ihre Belange dort nicht vertreten sahen, und gründeten eine eigene Redaktion. Von Ende 2001 bis Sommer 2006 gab es daher das Kuriosum, daß (zuletzt) an sechs Tagen die Redaktion Radiowecker das Programm gestaltete, nur am Donnerstag ein einsamer Kämpfer für die Unterhaltungsredaktion zu hören war. Im Herbst 2006 wurde die Redaktion Radiowecker aufgrund vereinspolitisch motivierter Anfeindungen zerschlagen und aufgelöst. Bis in den Sommer 2007 torkelte eine Art Not-Radiowecker durch den Äther, bevor nach und nach weitere feste Sendeplätze gefüllt werden konnten. Im ersten Halbjahr 2008 war der Radiowecker montags, dienstags, manchmal mittwochs, donnerstags, freitags und samstags on air. Das zweite Halbjahr zeigte eine nachlassende Sendefrequenz. [1]

Diese Seite enthält die Sendemanuskripte meiner Beiträge für den Radiowecker im Februar 1999.

 


 

Freitag, 5. Februar 1999

     Internationaler Solidaritätstag für Leonard Peltier

Freitag, 19. Februar 1999

     Innen – Genderfragen im Lokalradio

 


 

Internationaler Solidaritätstag für Leonard Peltier

Freitag, 5. Februar 1999
 

Anmoderation : Im Dezember 1998 feierten die westlichen Demokratien den 50. Jahrestag der UNO-Menschenrechtsdeklaration. Wie die Realität im Musterland der Demokratie aussieht, erhellt der folgende Beitrag.

Leonard Peltier ist ein nordamerikanischer Native American, der seit 23 Jahren aufgrund einer gefälschten Anklage und eines manipulierten Prozesses inhaftiert ist. Obwohl inzwischen gerichtlich festgestellt wurde, daß das FBI wichtiges Beweismaterial unterschlagen hat, kann seine Freilassung frühestens in neun Jahren geprüft werden.

Das US-amerikanische Rechtssystem funktioniert anders als das deutsche und läßt einem Menschen wie Leonard Peltier kaum eine Chance.

Was war geschehen?

Anfang der 70er Jahre trat er dem American Indian Movement bei, welches die Rückgabe des von den USA geraubten Landes forderte. Das American Indian Movement trat schon damals nicht als Bittsteller auf, sondern besetzte zur Bekräftigung seiner Forderung indianisches Land. Diese Besetzungen erfolgten aus Gründen der Selbstverteidigung gegen die Angriffe weißer Siedler oder von staatlichen Behörden unterstützter Gangs bewaffnet.

Schon Ende der 60er Jahre startete der damalige FBI-Chef J. Edgar Hoover das sogenannte Counterintelligence Program mit dem Ziel, die Wortführer des schwarzen, puertoricanischen und indianischen Widerstandes zu neutralisieren. Neutralisieren hieß: deren Führer auf jede mögliche Weise (also auch durch staatlichen Mord) unschädlich zu machen.

1975 errichtete das American Indian Movement ein Camp in South Dakota auf dem ehemaligen Stammesgebiet der Lakota, um den Anspruch auf dieses indianische Land zu bekräftigen. In dieser Gegend führte das FBI seit drei Jahren eine sogenannte Friedensmission aus, bei der mindestens 60 Aktivistinnen und Unterstützer des American Indian Movement getötet wurden.

1975 nun provozierte das FBI erneut. Es schickte zwei seiner Agenten in das Camp. Die beiden FBI-Agenten wurden in das Camp des American Indian Movement geschickt, um willkürlich und aus nichtigem Anlaß zwei Bewohner des Camps zu verhaften. Die dort lebenden Native Americans ließen sich das nicht gefallen und machten von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch. Beim nachfolgenden Schußwechsel mit 200 FBI-Agenten wurden die beiden Provokateure und ein indianischer Aktivist getötet.

Passenderweise wurde zur gleichen Zeit ein Vertrag aufgesetzt, der den Lakota weitere etwa 50.000 Hektar Land nahm. Auf dem Land war zuvor Uran entdeckt worden.

Das FBI jedenfalls konnte die indianischen Teilnehmer des Schußwechsels nicht ermitteln und verhaftete einfach drei beliebige Native Americans, unter ihnen Leonard Peltier. Seine beiden Mitgefangenen wurden jedoch freigesprochen und so entschied die US-Regierung, daß ihm der Prozeß so gemacht werde, daß ein Freispruch unmöglich sei. Der dafür ausgesuchte Richter verhinderte jeden Versuch einer effektiven Verteidigung, obwohl die staatlichen Zeugen offensichtlich logen. Leonard Peltier erhielt zweimal Lebenslang und wurde sofort in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt. Nach 23 Jahren Haft ist er inzwischen schwer erkrankt, angemessene medizinische Versorgung wird ihm bewußt verwehrt.

Der auf seinem Fachgebiet angesehene Arzt Dr. Keller von der Mayo-Klinik hat dem Gefängnis gegenüber seine Bereitschaft zur Behandlung Leonard Peltiers zum Ausdruck gebracht. Die Bundesbehörde für das Gefängniswesen jedoch verweigert die Behandlung, offensichtlich aus politischen Gründen [2]. Denn es existiert in den USA auch heute noch ein Nachfolgeprogramm des Counterintelligence Program.

Unterstützergruppen aus den USA sehen darin eine Form der Folter.

Deshalb ruft das Leonard-Peltier-Netzwerk die internationale Öffentlichkeit für den morgigen Samstag zu einem internationalen Aktionstag der Solidarität auf. Leonard Peltier wird morgen exakt 23 Jahre inhaftiert sein. Die Solidaritätsgruppen rufen dazu auf, beim Bureau Of Prisons zu protestieren, um Leonard Peltier die Behandlung in der Mayo-Klinik zu ermöglichen. Die zuständige Direktorin heißt Kathleen Hawk und ist per Fax unter folgender Nummer zu erreichen: 001-202-514-6878. Weitere Informationen können von der Redaktion Alltag und Geschichte angefordert werden.

 


 

Innen – Genderfragen im Lokalradio

Freitag, 19. Februar 1999
 

Anmoderation : Im folgenden Beitrag stellt der neue Schatzmeister von RadaR seine Vision eines besseren und für noch mehr Menschen ansprechenden Radioprogramms vor.

Einem Sender wie Radio Darmstadt steht es manchmal gut an, etwas selbstkritischer die eigene Arbeit zu betrachten. Wir können uns zum Beispiel die Frage stellen, was wir dafür tun, um möglichst vielen Menschen aus Darmstadt und Umgebung den Zugang zu unserem Programm zu ermöglichen.

Ich möchte aus unserem aktuellen Programmheft ein Beispiel zitieren, das auch von einer anderen Redaktion hätte verfasst werden können. Ich finde es symptomatisch für einen Sender, dessen Mitglieder und noch mehr dessen Radiomacher zum überwiegenden Teil männlich sind. So schreibt die Musikredaktion folgendes:

Die Moderatoren verhelfen dem Programm zu einem eigenen Musikprofil. Nach unseren Vorstellungen sollen die Darmstätter nicht das Gefühl haben, daß anderen Sendern oder Starmoderatoren nachgeeifert wird oder gar deren Sendungen kopiert werden. Die Musikredaktion erwartet von Machern und Hörern die Bereitschaft zum Experiment und die Lust am Unerwarteten.

Moderatoren, Darmstädter, Macher, Hörer. Ich begreife nicht, wie es im vorletzten Jahr dieses Jahrtausends Menschen (meist Männer) immer noch fertig bringen, die Hälfte der Menschheit durch die Wahl ihrer Worte einfach auszuschließen. Ist es dann ein Wunder, wenn wir 80% Moderatoren und wahrscheinlich 100% Macher haben?

Kann das unser eigener Anspruch an ein selbstorganisiertes, basisdemokratisches und offenes Radio sein? Wo ist das eigene Profil, wenn nur Männer erwähnt und wohl auch gedacht werden? Wo ist da der Versuch, anderen nicht darin nachzueifern, die althergebrachten Konventionen nachzubeten. Wo ist die Bereitschaft zum Experiment?

Wo ist die Sendung, in der durchgehend einmal nur weibliche Formen benutzt werden – Moderatorinnen, Darmstädterinnen, Macherinnen, Hörerinnen; und Männer sind dann eben auch einfach mal nur mitgemeint [3]. Wo ist denn die Lust am Unerwarteten, wenn doch wieder nur Macher auf ihre Hörer treffen?

Wir hatten auf der letzten Vorstandssitzung eine Auseinandersetzung darüber, ob wir unseren Eintrag im Telefonbuch mit dem Begriff Hörertelefon oder dem Begriff HörerInnentelefon versehen sollten. Wohlgemerkt: HörerInnen mit großem I. Und es bedurfte eines gewissen Maßes an Hartnäckigkeit, um dafür zu sorgen, daß in der nächsten Ausgabe unseres lokalen Telefonbuchs ganz unerwartet und sozusagen experimentell ein großes I zu finden sein wird.

Sicher – ein großes I, eine beide Geschlechter meinende Form wie HörerInnen, RadiomacherInnen oder eben auch nur DarmstädterInnen, verändert nicht die Welt. Es ändert nichts an der realen Diskriminierung von Frauen in dieser Gesellschaft. Aber wir als GestalterInnen eines Kommunikationsexperiments namens Radio Darmstadt können dazu beitragen, Frauen sichtbarer zu machen. Und wir können vielleicht doch ein wenig dazu beizutragen, daß diese Männergesellschaft und auch dieses von Männern dominierte Radio nicht so bleiben wie sie sind.

Dies ist ein besonderes Anliegen des Schatzmeisters von Radio Darmstadt für dieses Jahr. [4]

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Siehe hierzu auch die Dokumentation des Radioweckers im Jahr 2007.

»» [2]   Siehe hierzu auch: Leonard Peltier denied adequate medical care, pressure needed vom September 1999.

»» [3]   In gewisser Weise ist der einzige Moderator, der dieses Experiment in seinen Sendungen durchführt, der Unterhaltungs- und Lokalredakteur Christian Knölker. Allerdings steht hierzu in seiner Vorlage die Schreibweise Innen, also beispielsweise ModeratorInnen. Anstatt dies etwa als Moderatorinnen und Moderatoren zu transformieren, spricht er das große I ohne jegliche sprachliche Betonung. Insofern ergibt sich hierbei das geschlechtsneutrale Femininum.

»» [4]   In Genderfragen war Radio Darmstadt noch nie aufgeklärt. Frauen, die es wagten, einen eigenen Kopf zu haben, Frauen, die es wagten, sich gegen männliche Dominanzansprüche zur Wehr zu setzen, hatten es hier genauso schwer wie Frauen anderswo auch. Kein Wunder, daß die meisten der wenigen Frauen, die im Sender verblieben sind, angepaßt im Medienmainstream mitschwimmen. Der Frauenanteil unter den Sendenden dürfte auch 2008 weniger als ein Drittel betragen. Gab es bis zum April 2007 sogar einmal eine Frauenredaktion, so scheint inzwischen die einstmals zweitgrößte Redaktion, die Musikredaktion, fast vollständig von Frauen befreit zu sein.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 10. Oktober 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1999, 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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