Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Januar 2005 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
09.01.2005Puzzlesteine
16.01.2005Große Männer
23.01.2005Hilfsbereitschaft
30.01.2005Das Zelt
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2005.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/rawe/rw_jan05.htm
 
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Puzzlesteine
09.01.2005 *** Wdh. 11.01.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Was haben Feuerstein und Salzsalinen miteinander zu tun? Was sagen uns Erdverfärbungen über die Vergangenheit. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat das Jahrbuch hessenArchäologie 2003 gelesen und gibt im folgenden Beitrag einige Antworten.

Beitrag Walter Kuhl

Manchmal sind es die eher unscheinbaren Dinge, welche uns Rätsel aufgeben. Manche dieser Rätsel lassen sich ein Stück weit auflösen. Vor einigen Jahren fanden Höhlenforscher am Ostrand des Westerwaldes ein Knochenfragment von etwa 7 cm Breite und 12 cm Höhe. Obwohl dies das einzige Stück ist, das gefunden wurde, läßt sich hieraus rekonstruieren, daß vor etwa 35.000 Jahren ein mindestens 4 Jahre altes Exemplar des sogenannten Höhlenlöwen in Hessen heimisch gewesen sein muß.

Einige Jahrtausende später, so etwa vor 13.000 Jahren, müssen einige Jäger aus dem Norden bei Rüsselsheim ihr Jagdcamp aufgeschlagen haben. Aus den Fundhinterlassenschaften läßt sich vermuten, daß sich diese Gruppe mit baltischem Feuerstein ihr erstes Frühstück zubereitet und für ihre Steinwerkzeuge Material aus dem 30 Kilometer entfernten Lämmerspiel bei Offenbach mitgebracht hatte.

Buchstäblich auf Sand gebaut wurde ein rund 120 Meter im Durchmesser breites Bauwerk, das schon 1949 im Raum Marburg/Biedenkopf entdeckt und vor zwei Jahren noch einmal gründlich untersucht wurde. Anhand der für die Archäologie nunmehr zur Verfügung stehenden geomagentischen Meßmethoden konnte herausgearbeitet werden, daß dieses Erdwerk aus einem bis zu fünf Meter breiten und teilweise mehr als zwei Meter tiefen Graben bestand. Hinzu kamen wahrscheinlich ein Wall und eine Palisade. Erdverfärbungen sind hier verräterisch. Derartige Bauwerke aus der Zeit vor etwa 7.000 Jahren wurden normalerweise in der Nähe von guten Ackerböden errichtet. Doch hier war nur Sand zu finden. Andererseits liegt dieses Rundbauwerk an einer natürlichen Nord–Süd–Verbindung, die auch heute noch von der Bundesstraße 3 genutzt wird. Haben wir es hier mit einer frühen Form sich herausbildender Territorialstruktur zu tun?

Auch die Burg Tannenberg bei Seeheim–Jugenheim gibt so manches Rätsel auf. Sie wurde 1399 von einem Landfriedensheer geschleift und schon 1849 planmäßig ausgegraben. Urkundlich bezeugt ist eine Kapelle des Heiligen Johannes des Täufers, deren Ruinen jedoch schon 1849 nicht eindeutig identifiziert werden konnten. Daher wurde im Herbst 2002 noch einmal genauer nachgegraben. Tatsächlich wurde die kleine Kapelle gefunden, deren vier Bauphasen auch zeitlich zwischen etwa 1200 und 1400 nachzuvollziehen sind. Innerhalb der Burg muß es häufiger gebrannt haben, was den wiederholten Neubau der Kapelle erklären mag.

Zum dritten Mal legt die Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege des Landes Hessen mit ihrem Jahresband hessenArchäologie 2003 eine gut dokumentierte und die Neugier anregende Zusammenfassung der archäologischen Forschung in Hessen vor. Die zeitliche Spanne der Beiträge reicht von Fossilienfunden in über 300 Millionen Jahren alten Gesteinen bis hin zur Entdeckung einer unter Flugsand vergessenen Allee in Dreieich–Götzenhain. Es gibt demnach auch nahe bei uns um die Ecke so einiges zu finden und wiederzuentdecken.

Neben den Funden und ihrer Deutung stellen sich auch andere Fragen. Was tun, wenn eine Umgehungsstraße ein vermutetes Fundareal durchschneidet? Welche Vegetation dürfen wir für die vergangenen Jahrtausende annehmen? Wie lassen sich Pflanzenreste in einer Datenbank zusammenfassen, die verschiedenen unabhängig voneinander arbeitenden Projekten Informationen liefern kann? Und schließlich – wie konserviert man erhaltenswerte Funde aus organischem Material, wenn mitten im Sommer ein keltischer Holztrog vor dem Austrocknen bewahrt werden soll? Das Jahrbuch hessenArchäologie 2003 stellt Antworten auf diese Fragen vor und ermöglicht uns dadurch, hautnah dabeizusein, ohne das Buch aus der Hand legen zu müssen.

Feuersteine und Salzsalinen sind in diesem Zusammenhang Wegweiser in die Vergangenheit, die das im Theiss Verlag erschienene Jahrbuch gut lesbar eingefangen hat. Es hat 184 Seiten mit über 200 meist farbigen Abbildungen, die das im Text Besprochene für das Augentier Mensch auch sichtbar werden lassen. Der Band ist im September vergangenen Jahres erschienen und kostet 24 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel (Dienstag)
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Große Männer
16.01.2005 *** Wdh. 18.01.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die römische Geschichte wird uns schon in der Schule erzählt. Doch warum und mit welchen Mitteln ein kleines Dorf zur Weltmacht wurde, und warum es so wichtig ist, daß wir im Unterricht damit traktiert wurden, bleibt meist unverständlich. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat hierzu ein Buch gelesen, daß Licht ins Dunkel bringen will.

Beitrag Walter Kuhl

Daß aus einem kleinen Nest an der Grenze zwischen den Latinern und den Etruskern einstmals die Hauptstadt eines drei Kontinente berührenden Weltreichs werden würde, war Rom nicht in die Wiege gelegt worden. Zwar gab es göttliche Vorzeichen, welche von den damaligen Priestern sicherlich positiv gedeutet wurden, doch wissen wir auch, daß dieselben Priester auch immer die Interessen der herrschenden Schicht oder Klasse widerspiegelten. Abgesehen davon sagt uns die römische Geschichtsschreibung auch nur das, was überliefert werden sollte.

Die Expansion Roms ist erklärungsbedürftig. Warum schuf sich das kleine Nest am Tiber eine Militärmaschine, die in der Antike ihresgleichen suchte? Welche sozialen und wirtschaftlichen Gründe waren dafür verantwortlich? Wenn die Triebfeder römischer Eroberungen der Heißhunger nach neuem Land, nach Sklavinnen und Sklaven und natürlich auch nach Reichtümern war, welche Rolle spielten in diesem Prozeß dann Feldherren und Politiker, also Männer? Frauen wurden ja nicht nach ihrer Meinung gefragt.

Der britische Historiker Philip Matyszak hat mit seiner bei Theiss erschienenen Geschichte der Römischen Republik den Versuch gewagt, die ersten sieben Jahrhunderte römischer Herrschaft durch die Brille der Taten ihrer großen Männer zu betrachten. Mit Hilfe von 57 Biographien schlägt er den Bogen von der mythischen Gründung Roms bis zur Eroberung Alexandrias und dem Beginn der Kaiserzeit unter Augustus. Die sozialen und wirtschaftlichen Gründe fallen damit weitgehend unter den Tisch; wir sehen hier nur Männer agieren, ohne zu wissen, in welchem Kontext sie sich bewegten. Manches läßt sich hierdurch sicher pointierter herausarbeiten, aber vieles – wie die Triebkräfte der Expansion – bleibt so auch im Dunkeln.

Philip Matyszak ist der Verfasser eines auf der britischen Insel hochgelobten Werkes über die politische Soziologie der Römischen Republik von Sulla bis Augustus, also in ihrem letzten halben Jahrhundert. Mit seinem weiter ausholenden Lesebuch über weitere sechseinhalb Jahrhunderte entsteht der Eindruck, der Autor habe sich hier ein wenig übernommen. Nicht die dargebotenen Fakten sind das Problem, sondern der Umgang mit ihnen. Um eine Geschichte großer Männer zu schreiben, welche die Welt regieren, war es wohl notwendig, über die desolate Quellenlage und ihre anfechtbare Interpretation großzügig hinwegzugehen.

Das fängt schon mit der Vorgeschichte der Republik an, mit der mythischen Königszeit. Die Archäologie verrät uns zwar, daß es im 8. Jahrhundert tatsächlich Siedlungen auf dem Gebiet des späteren Rom gegeben hat; aber sie passen so gar nicht zur glanzvoll überlieferten Geschichte der römischen Könige. Auch dem Autor ist bewußt, daß die Quellen für diese Zeit gelinde gesagt höchst fragwürdig sind, aber zugunsten seiner Geschichte großer Männer blendet er diesen Sachverhalt aus. Was bleibt, ist das Selbstbildnis einer imperialen Macht. So wollte Rom seine Vorgeschichte gesehen haben. Über die Realität sagt dies jedoch wenig aus.

Wer nun eine grundlegende Vorkenntnis der römischen Geschichte besitzt, kann diese 57 Porträts sinnvoll darin einarbeiten. Manche vom Autor vorgetragenen Facetten regen durchaus zum Nachdenken an. Welcher Historiker benennt schon eindringlich die Grundlage des Erfolges und der Macht Caesars – nämlich einen grausam geführten Eroberungskrieg in Gallien, dem mehr als eine Million Menschen zum Opfer fielen? Derartige Zahlen wurden erst in der frühen Neuzeit wieder Standard.

Andererseits geht Philip Matyszak in die Irre, wenn er Caesars Förderer, den reichen Crassus, einfach zum Kapitalisten erklärt. Matyszak begreift den Unterschied zwischen Kapital und Bereicherung nicht, weil Kapitalismus Lohnarbeit und Ausbeutung voraussetzt – Rom war jedoch eine Sklavinnen– und Sklavenhaltergesellschaft.

Leider entgeht dem Autor ein wichtiger Sachverhalt, den er beschreibt, aber nicht begreift. Er wundert sich eher über die großen Männer, die wie Cato der Ältere als unbestechlich und integer galten, auch wenn oder vielleicht auch einfach weil sie mit ihren Sklaven grausam umsprangen oder kleinlich und frauenverachtend auftraten. Auch heutige große Männer brüsten sich mit ihrem Familiensinn, während sie aktiv die globale Plündertour moderner Konzerne, Banken und ihrer Armeen begleiten. Es gibt hier in der Tat einen Zusammenhang; aber einen, der eher erschaudern läßt. Die Leserin und der Leser sind also aufgefordert, sich anhand der vorgelegten Porträts selbst ein Bild zu machen. Und dazu eignet sich der Band durchaus.

Das Buch ist 2003 in London erschienen und im Jahr darauf als Übersetzung im Theiss Verlag herausgebracht worden. Leider haben sich in der Übersetzung einige kleine Ungenauigkeiten eingeschlichen. Eine alexandrinische Satrapie in Seleukia [Seite 180] meint wohl eine aus der Alexanderzeit errichtete Provinz des Seleukidenreiches mit seiner zeitweiligen Hauptstadt Seleukeia; und wenn Etruria mit Korinth Handel trieb [Seite 33], dann wohl kaum die Landschaft, sondern deren Bewohnerinnen und Bewohner. Ein politisches Gebilde Etruria ist hingegen eine Fiktion, denn die etruskischen Stadtstaaten waren niemals unter einer gemeinsamen Herrschaft. Diese Ungenauigkeiten sind jedoch so harmlos, daß sie sich nicht als störend erweisen.

Die Geschichte der Römischen Republik von Philip Matyszak aus dem Theiss Verlag ist zum Preis von 39 Euro 90 erhältlich.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel (Dienstag)
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Hilfsbereitschaft
23.01.2005 *** Wdh. 26.01.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer haben eine große Koalition der Hilfsbereitschaft gebildet. Die Opfer der Flutkatastrophe im Indischen Ozean sollen großzügige Hilfe erhalten, auch wenn sicherlich der eine oder andere Auftrag für die notleidende deutsche Industrie damit finanziert werden wird. Aber ist Deutschland eigentlich immer so hilfsbereit? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte ist dieser Frage anhand eines lokalen Beispiels nachgegangen.

Beitrag Walter Kuhl

Nun sicher, Deutschland ist gewiß ein gastfreundliches und hilfsbereites Land. In Sachsen wird mit der NPD eine Neonazipartei hofiert und erhält im Landtag Stimmen aus einer oder mehreren anderen sich selbst demokratisch nennenden Parteien. Die CDU hat in Sachsen ausdrücklich erklärt, den rechten Rand abschöpfen zu wollen; aber war das so zu verstehen, die rechte Gesinnung gleich ganz offen (und doch im Verborgenen der geheimen Abstimmung) zu zeigen? Vielleicht schon.

So spektakulär das sächsische Eingeständnis ist, dass Neonazis zum Alltag gehören und sie auch solange toleriert werden, wie sie den gesellschaftlichen Konsens nicht über Gebühr strapazieren, so wenig spektakulär ist der gastfreundliche Alltag in diesem Land.

In Bremen wurde die nicht nur umstrittene, sondern auch längst als rassistisch dokumentierte Vorgehensweise der dortigen Polizei wieder einmal zur Todesfalle für einen Migranten. Um den Drogenwahn dieser Gesellschaft auszuleben, die Alk und Tabak erlaubt, aber Kokain und Haschisch kriminalisiert, wurde einem des Drogenhandels verdächtigen Mann aus Sierra Leone Ende Dezember solange ein Brechmittel verabfolgt, bis er daran ertrank. Sieben Kügelchen Kokain rechtfertigten den Verlust eines Menschenlebens. Mit deutscher Hilfe verließ der Afrikaner unser schönes Land.

Manchmal geht diese Hilfsbereitschaft sogar soweit, dass die Lieblingsfluglinie der Deutschen in Zusammenarbeit mit der nun Bundespolizei genannten Truppe des Bundesgrenzschutzes die abzuschiebenden Flüchtlinge gar nicht mehr im Heimatland ankommen lässt. Ganz ungastlich erstickt mal so ein Flüchtling an den Methoden unserer Freunde und Helfer, wie Aamir Ageeb im Mai 1999 auf dem Weg von Frankfurt in den Sudan. Manche Flüchtlinge kommen jedoch erst gar nicht bei uns an, sondern ertrinken in der Oder.

Gastfreundlich und hilfsbereit geht es auch in Hessen, genauer gesagt: in Darmstadt zu. Seit zwölf Jahren lebt die kurdische Familie Gözel in Darmstadt. Offensichtlich in vollkommenen Einklang mit der Asylpolitik des ehemaligen Grünen– und jetzt SPD–Politikers Otto Schily wurde ihr Asylantrag abgelehnt. Die Anerkennungsquote in Asylverfahren hat letztes Jahr ohnehin den für dieses Land bezeichnenden Tiefststand von unter zwei Prozent erreicht. Angesichts von politischer Verfolgung und Diskriminierung ein wahrlich hilfreiches Angebot deutscher Großzügigkeit.

Wie gesagt – Familie Gözel lebt seit zwölf Jahren in Deutschland. In Kurdistan verfolgt, ihr Haus von der türkischen Armee zerstört, sie selbst misshandelt und gefoltert. Sie flohen in ein – wie sie dachten – hilfsbereites Land. Aber ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Wir wollen hier nicht darüber spekulieren, ob das innige deutsch–türkische Verhältnis zur Ablehnung geführt hat. Wir wollen nur festhalten, dass Menschen unsere Hilfe gesucht und nicht gefunden haben.

Nach der Ablehnung des Asylantrags wurde die schon für Anfang des letzten Jahres geplante Abschiebung nach öffentlicher Intervention verschoben. Beim Hessischen Landtag ist eine Petition anhängig. Das christdemokratische Innenministerium hat jedoch schon verkündet, dass kein Aufenthaltsrecht für die Familie bestehe – Haydar und Ayşe Gözel und ihre fünfzehnjährige Tochter Ayfar und der fünfjährige Deniz.

Wohin würden sie abgeschoben? Ihr Heimatdorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. Daß hier deutsche Panzer oder deutsche Waffen beteiligt waren, ist gar nicht so unwahrscheinlich – gibt es doch eine lange Geschichte enger und hilfsbereiter Kooperation zwischen einem demokratischen Rechtsstaat und einer Folterdiktatur, die jetzt zur europäisch ausgerichteten Folterdemokratie mutiert ist.

Am kommenden Mittwoch, am 26. Januar, findet vor dem Verwaltungsgericht in Darmstadt um halb zehn eine Verhandlung statt, die über das weitere Schicksal der Familie mit entscheiden könnte. Ein negatives Urteil könnte die Darmstädter Ausländerbehörde dazu ermuntern, die Abschiebung wieder voranzubringen. Doch dazu muß es nicht kommen. Das Solidaritätskomitee gegen die Abschiebung der Familie Gözel ruft ausdrücklich dazu auf, an diesem Gerichtsverfahren teilzunehmen.

Mittwoch, 26. Januar, 9 Uhr 30, im Gerichtsgebäude Havelstraße 7 in Darmstadt, Erdgeschoß, Saal A.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Sonya Raissi oder Teodora Katzenmayer (Mittwoch)
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Das Zelt
30.01.2005 *** Wdh. 01.02.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die ägyptische Schriftstellerin Miral al–Tahawi ist 1996 durch ihren Roman Das Zelt bekannt geworden. 1998 erhielt sie für ihren zweiten Roman Die blaue Aubergine als erste Schriftstellerin den ägyptischen Förderpreis für Literatur. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte traf die Autorin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse und stellt im folgenden Beitrag ihr Erstlingswerk vor.

Beitrag Walter Kuhl

Während Die blaue Aubergine in der pulsierenden Metropole Kairo spielt, führt uns Miral al–Tahawi in ihrem ersten Roman Das Zelt in ihre beduinische Heimat. Die Autorin, 1968 geboren, kennt das Leben, das sie beschreibt, genau. Die Hauptfigur ihres Romans ist ein kleines fünfjähriges Mädchen, Fatima, die im Laufe der Jahre zu einer Frau wird, einer Außenseiterin in einer Gesellschaft, in der Frauen ohnehin keinen Platz haben. Fatima sieht mehr, als sie sehen soll, und stellt – wie ein Kind in ihrem Alter – sich und anderen Fragen, die so manches in Frage stellen.

Fatimas Mutter liegt erschöpft vom vielen Kinderkriegen in ihrem Zimmer und weint vor sich hin. Ihre herrische Großmutter erscheint, vor der alle ein wenig Angst haben, und sie verwünscht ihre Schwiegertochter, weil sie nur unnütze Mädchen in die Welt gesetzt hat – so wie Fatima. Der Vater soll sich endlich eine andere Frau nehmen, was er später auch tun wird, aber noch bringt er es nicht über sich, seine Frau zu erwürgen. Statt dessen sorgt er Jahr für Jahr für eine neue Schwangerschaft, bevor er wieder aus dieser Tristesse verschwindet.

Es sind die Frauen im Haus, die eingesperrt und eingezwängt tagaus tagein leben. Werden die Mädchen älter, werden sie verheiratet – etwa an einen Vater und Sohn aus der Nachbarschaft. Nur um dort dasselbe eingezwängte Leben zu führen. Doch Fatima widersetzt sich dem schon früh. Sie will wissen, was außerhalb des verschlossenen Hoftores ist. Aber beim Versuch, das herauszufinden, fällt sie vom Baum und bricht sich ein Bein. Da sie seitdem eher kriecht und humpelt als geht, erschafft sie sich ihre eigene Welt. In ihren Träumen erlebt sie eine Welt der Bewegungsfreiheit und Zwanglosigkeit.

Jahre später ist es ihre eigene Schwester, die sie sich so aufführt wie die Großmutter zu Beginn des Romans. Eine Frau, die andere Frauen dazu anhält, sich zu unterwerfen. Eine Frau, die sich selbst verleugnet. Fatima hingegen gilt als die Verrückte in einer Welt, die selbst verrückt ist. Eine Welt übrigens, in der kein einziges Mal auf den Islam hingewiesen wird, um Unterwerfung und Unterdrückung zu begründen. Nicht der Islam scheint für die Autorin das Problem zu sein; es sitzt tiefer, und es ist gewiß nicht auf Ägypten beschränkt. Was hat Miral al–Tahawi dazu bewogen, diese – ihre – Welt zu beschreiben?

Because I'm bored of this society, I'm bored of this history, I'm bored of this position and situation of women. So I must mention that. Because I'm bored of that. But I don't have any answers, because I just know how this feeling of someone in a prison, someone suffered from something. I can draw my portrait for this very poor women.

Die Autorin ist angewidert von dieser Welt. Doch sie legt der Leserin und dem Leser keine fertigen Antworten in den Mund. Sie sieht ihre Aufgabe als Schriftstellerin vielmehr darin, die Realität zu beschreiben, wie sie ist, ehrlich und genau. Die Geschichte und die Menschen werden, so meint sie, ihre eigenen Antworten finden.

I didn't really care about answering to get the answer of the question. And I think there's my job to ask and to judge this society. I have another reason, it's artistic reason. So it's not my job as a writer to find a solution or to find answers. It's really my job to ask and to put the portrait of our true problem, our real life.

So eindringlich Miral al–Tahawi die Szenerie beschreibt, so ist doch nicht zu übersehen, daß hier autobiographische Elemente einfließen. Ja, so sagt sie, das ist so, aber es sind eigentlich mehrere [Auto–]Biographien. Die ihrer Großmutter, ihrer [auch metaphorisch:] Schwestern und weiblichen Verwandten, von vielen Frauen also, die sie hierbei verdichtet eingesponnen hat.

I guess I used my Grandma, my sisters, and all the history of women which I know or knew. I may trying to re–created it in my mind. And from some way it's autobiographic and other real is not my autobiography. It's something very attached to me, but it's not my.

Ihre Romane Das Zelt [€ 14,80] und Die blaue Aubergine sind als Hardcover im Schweizer Unionsverlag erschienen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

  Die Abschrift der gesendeten Auszüge dieses nicht autorisierten Interviews mit Miral al–Tahawi folgt dem originalen Wortlaut. Daß die Autorin ähnlich seltsame Anglizismen hervorbringt wie der Schreiber dieser Zeilen, soll nicht der Autorin angelastet werden. Der Sinn ihrer Aussagen ist, so denke ich, klar. Eventuelle sprachliche Mißverständnisse habe ich zu verantworten.
Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 6. Februar 2005 aktualisiert.
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