Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Juli 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
06.07.2003Coburger Schultod
13.07.2003Arbeitsverträge
20.07.2003Straßenkinder in Ghana
27.07.2003Reisen auf Island
Urheberrechtliche Anmerkung
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Coburger Schultod
06.07.2003 *** Wdh. 07.07.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Kurz vor den Sommerferien erschoß sich letzte Woche ein Schüler in Coburg. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt hierzu Fragen, die nur allzu gerne verdrängt werden.

Beitrag Walter Kuhl

Anfang vergangener Woche erschoß sich ein 16-jähriger Realschüler in Coburg. Die deutsche Medienlandschaft hatte ihr Thema zur Vermeidung eines drohenden Sommerlochs; doch wirft die Tat auch unabhängig vom medialen Gewaltkonsum ernsthafte Fragen auf. Der Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) fragt beispielsweise: An welcher Schule wird das nächste Mal geschossen? Als wenn Schußwaffengebrauch zum alltäglichen deutschen Schulalltag gehören würde.

Gertraud Richardt, Präsidentin dieses BDP, rät uns und vor allem der Politik, das ganze Spektrum der Gründe für Gewalttaten zu betrachten. Hierzu gehören die Gewaltanwendung in der Gesellschaft genauso wie Gewaltdarstellungen im Fernsehen, in Videos oder Videospielen. Sie senken, so meint Gertraud Richardt, die Hemmschwelle für die Anwendung von Gewalt. Wenn dem so wäre, so müßten wir uns eigentlich fragen, warum nur so wenige Menschen gleich zur Waffe greifen, wenn sie mit sich oder ihrer Umwelt nicht klarkommen.

Seltsamerweise stellt sie sich die Frage nicht, weshalb Gewalt in den Medien, in Filmen und Videospielen nicht nur Quotengaranten sind, sondern weder verboten noch verfolgt werden. Liegt es nur daran, daß unsere Politikerinnen und Politiker nicht richtig sensibilisiert sind? Oder könnte es gar sein, daß ein gewisses latentes Gewaltpotential sogar als gesellschaftlich nützlich angesehen wird? Der sozialdarwinistische Kampf ums Dasein ist das Lebenselixier jeder anständigen kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Die damit verbundenen Werte und Normen werden nicht zuletzt in der Schule vermittelt. Man und frau spricht hier vom heimlichen Lehrplan.

Während Gertraud Richardt meint, der Konsum von Gewalt in den Medien, insbesondere bei Jungen, gehe häufig mit sinkenden Leistungen in der Schule einher, ist doch eher nach Ursache und Wirkung zu fragen. Gertraud Richardt hinterfragt gar nicht erst den Wert einer Aussage wie sinkende Leistung in der Schule, denn es scheint für sie selbstverständlich zu sein, daß Leistung in der Schule sein muß. Damit verstellt sie sich jedoch den Blick für die entscheidende Fragestellung: Ist nicht Schule selbst Gewalt? Und wenn dem so ist, ist es dann so seltsam, wenn aus einer Institution organisierter Gewalt dann auch Gewalttäter herauskommen?

Warum jedoch sage ich, daß Schule Gewalt ist? Es heißt immer so schön: Nicht für die Schule, sondern für's Leben lernen wir. Doch wir alle wissen, es ist genau umgekehrt. Es wird für den Termin der Klassenarbeit gelernt, nicht für's Leben. Es werden Inhalte vermittelt, die nur selten hinterfragt werden und die uns schon gar nicht interessiert haben. Dafür wird in der Schule nicht thematisiert, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der Menschen geheuert und gefeuert werden, in der 10 Millionen Kinder jedes Jahr verhungern müssen, in der sich jeder anständige Staat eine Armee als organisiertes Gewaltpotential hält und auch mal Kriege führt, und in der es nicht ausreichend Lehrstellen und schon gar keine Berufsperspektive gibt.

Genau dies macht jedoch den Wert einer Schule für das spätere Leben aus. Wir lernen, fremdbestimmte Inhalte wie eine Pille zu schlucken und sie bereitwillig zu akzeptieren. Doch in die Schule gehen die meisten Kinder nicht freiwillig. Das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Wir mögen im Nachhinein unseren Schulalltag verklären, aber wenn wir ehrlich sind und darüber nachdenken, was wir dort erlebt haben, dann müssen wir feststellen, daß wir viel sinnloses Zeug auswendig gelernt haben.

Die Schule ist die Institution einer Gesellschaft, in der die systemkonformen Werte und Normen eingepaukt werden. Die Schule selektiert die Kopf- von den Handarbeiterinnen und eines ihrer Instrumente ist der absolut schwachsinnige Notendruck. Als wenn eine Note etwas über einen Menschen aussagen würde. Aber ist es dann ein Zufall, wenn die Leistungsträgerinnen und -träger von morgen heute schon mit Pillen, Wachmachern oder ähnlichen chemischen Kampfstoffen vollgepumpt werden, um das Pensum zu schaffen?

Wir alle wissen, daß es mitunter von der Tagesform eines Lehrers abhängt, ob Schülerinnen weiterkommen oder durchfallen, wir alle wissen, daß Kinder aus Akademikerhaushalten viel bessere Chancen aufs Weiterkommen haben als Kinder von Migrantinnen und Migranten. Ist das alles etwa keine Gewalt? Warum reden wir dann von der Rolle gewaltverherrlichender Filme und Videospiele, wenn die Gewalt, die strukturelle Gewalt des Schulsystems vor unser aller Augen offen zutage liegt? Wir müßten nur hinschauen.

Helfen uns da Schulpsychologinnen und -psychologen weiter, wie es Gertraud Richardt vom BDP meint? Oder sollen diese bestenfalls die Misere verwalten und daran mitwirken, daß nicht noch mehr sinnlose Gewalt sichtbar wird? Wäre nicht die richtige Schlußfolgerung aus all dem, das Schulsystem selbst in Frage zu stellen? Und was für befreite Menschen könnten aus Kindern heranwachsen, wenn sie nicht gedrillt, mit Noten terrorisiert und mit fremdbestimmten Lehrplänen gepiesackt worden wären? Heißt das dann nicht im Umkehrschluß, daß Befreiung, Emanzipation, Selbstbewußtsein und eigenständiges Denken nicht zum Lehrplan gehören? Das gilt übrigens genauso für die angeblich so freien Waldorfschulen. Der heimliche Lehrplan mag hier anders funktionieren, aber sie sind ebenso wie das staatliche Schulsystem vor allem eins: eine Institution organisierter Gehirnwäsche, Vorbereitung auf das Leben genannt. Schon die alten Römer wußten nämlich, wie der Spruch richtig lautet: Nicht für's Leben, sondern für die Schule lernen wir.

Weltfremde Spinnerei? Also - in den 60er und 70er Jahren wußten die der Schule frisch entronnenen jungen Menschen, auch Studentenbewegung genannt, noch etwas vom repressiven Charakter der Schule. Ihre pädagogischen Experimente, es anders und vor allem besser zu machen, mögen gescheitert sein. Damit ist die Fragestellung jedoch nicht vom Tisch. Denn woher kommt der ungebrochene Erfolg von Songs wie Another Brick In The Wall ("We don't need no education. We don't need no thought control.") oder Hurra hurra die Schule brennt? Offensichtlich hat sich das Alltagsbewußtsein etwas bewahrt, was nun, wie in Coburg, trotz aller Verdrängung sich wieder einmal ans Licht gedrängt hat.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel oder Dirk Beutel (Montag)
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Arbeitsverträge
13.07.2003 *** Wdh. 15.07.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Wer in der deregulierten Kälte moderner hire-and-fire-Methoden noch einen Arbeitsplatz ergattern kann, steht bald vor einer ersten Hürde: dem Arbeitsvertrag. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt einen hierzu jüngst erschienenen Ratgeber vor.

Beitrag Walter Kuhl

Einigen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt, dann schließen sie einen Arbeitsvertrag. Das bürgerliche Recht sieht hierfür die Vertragsfreiheit vor, doch oftmals stellt sich dieses hehre Ideal als ein Trugbild heraus. Denn

normalen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bleibt bei der Arbeitssuche oftmals nichts anderes übrig, als die vom Arbeitgeber vorbereiteten Verträge anstandslos zu akzeptieren. Wer in dieser Situation so mutig ist, die Vertragsbestimmungen im Einzelnen in Frage zu stellen, riskiert, gar nicht erst eingestellt zu werden. [...] Durchweg sind die Verträge also oft sehr ausgeklügelte Instrumente, die Interessen der einen Vertragspartei, nämlich des Arbeitgebers, [durchzusetzen]. Allenfalls Tarifverträge oder betriebsvereinbarungen - also Normen aus dem kollektiven Arbeitsrecht - und in manchen Fällen zwingendes Gesetzesrecht schränken die Vertragsfreiheit des Arbeitgebers ein. [Seite 5]

Insofern gehen die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Bundesregierung, derartige Schutzrechte abzubauen, nicht nur in eine bedenkliche Richtung, sondern sind dem Wesen der Vertragsfreiheit im Kapitalismus nach durchaus konsequent.

Jens Peter Hjort und Andreas Bufalica haben daher in ihrem vor kurzem im gewerkschaftlichen Bund-Verlag herausgebrachten Buch zu Arbeitsverträgen die wesentlichen Grundlagen dieser Vertragsfreiheit zusammengefaßt. Dabei haben sie insbesondere die Bedeutung der Schutzbestimmungen hervorgehoben, welche durch die Schuldrechtsmodernisierung seit dem 1. Januar 2002 gelten.

Arbeitsverträge zeichnen sich in der Regel durch ungleiche Definitionsmacht aus. Wer einen Job haben will, unterzeichnet, was ihr oder ihm vorgesetzt wird. Seit den 70er Jahren wurde der Verbraucherschutz durch die inhaltliche Überprüfbarkeit der ebenso einseitig formulierten Regelungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen gestärkt. Damals wurden Arbeitsverträge noch ausdrücklich ausgenommen, weil davon ausgegangen wurde, daß Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen ausreichend Schutz böten.

Doch je deregulierter die Welt, als desto unsinniger erwies sich diese Annahme. Die Integration der Überprüfbarkeit von Arbeitsverträgen in das Bürgerliche Gesetzbuch im Zuge der Schuldrechtsnovelle wurde daher als notwendig erachtet. Demnach sind rechtlich betrachtet Arbeitsverträge fast genauso zu prüfen wie andere Verbraucherverträge auch.

Jens Peter Hjort und Andreas Bufalica befassen sich in ihrem Ratgeber daher mit allgemeinen Geschäftsbedingungen in arbeitsrechtlichen Verträgen, mit Aufhebungsverträgen, mit Leistungsstörungen im Arbeitsrecht, mit Abmahnungen, Kündigungen und Verjährungen, sowie mit der zumindest vorgesehenen neuen Kultur im Arbeitsrecht durch die gesetzliche Pflicht zur Rücksichtnahme.

Angenehm sticht hervor, daß hier nicht einfach eine trockene Materie aufbereitet wird, sondern daß sowohl mit einer inhaltlichen Herleitung einzelner Vertragsregelungen wie auch durch Fallbeispiele die Tücken in der Formulierung von Arbeitsverträgen deutlich gemacht werden. Zwar ist dieser Ratgeber für diejenigen gedacht, die sich berufsmäßig mit dem Arbeitsrecht auseinandersetzen möchten, aber er verschließt sich keineswegs der juristischen Laiin. Der Ratgeber hilft durchaus, wie im Vorwort des Buches versprochen, arbeitsrechtliche Verträge selbst bewerten zu können und damit auch Rechtsansprüche zu wahren oder durchzusetzen.

Für alle also, die vorsichtshalber doch einmal einen fundierten Blick auf den Inhalt ihrer Arbeitsverträge werfen wollen, bevor sie unangenehm aus den Träumen einer partnerschaftlichen Arbeitswelt gerissen werden, ist dieser Ratgeber ein Muß. Arbeitsverträge - von Jens Peter Hjort und Andreas Bufalica ist im Bund-Verlag erschienen und kostet 16 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Martin Keindl (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Straßenkinder in Ghana
20.07.2003 *** Wdh. 21.07.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Sommerzeit, Lesezeit. Doch auch Zeit zur Reflektion und zum Nachdenken über unsere Verantwortung. Amma Darkos neuer Roman Die Gesichtslosen versetzt uns ins afrikanische Ghana. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt diesen Roman im folgenden Beitrag vor.

Beitrag Walter Kuhl

Die menschenfreundliche Politik des globalen Neoliberalismus verschont weder die Rentnerinnen in den Metropolen noch die Kinder in den Elendsvierteln der Dritten Welt. Während hierzulande - natürlich nicht ernsthaft, aber eben doch - (noch) nur darüber diskutiert wird, ob wir mit 75 unsere Löffel abgeben sollen, erreichen die unzähligen Straßenkinder der südlichen Hemisphäre nicht einmal annähernd dieses Alter, um sich gar Gedanken über ihre Rente machen zu müssen. Nein - die Ausplünderung des Südens durch den Westen geht gnadenlos weiter.

Doch wer weiß schon, was das für die Menschen, vor allem die Kinder dort bedeutet? Die ghanaische Schriftstellerin Amma Darko verschließt ihre Augen nicht vor dem Elend, das größtenteils aus den reichen Metropolen als Entwicklungshilfe gebracht wird. Mehrere ihrer Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, so zuletzt in diesem Jahr der Roman Die Gesichtslosen. Die Gesichtslosen, das sind die Straßenkinder der ghanaischen Hauptstadt Accra. Elend und Träume liegen dicht beieinander. So wurden einmal ein Junge und ein Mädchen von einer Reporterin eines privaten Radiosenders gefragt, was ihr größter Traum sei.

Die Reporterin erwartete zumindest, die Kids würden sich nach materiellen Dingen wie Schuhen oder Kleidern oder, noch naheliegender, warmen Decken für die Nacht sehnen. Sie mußte sich eines Besseren belehren lassen.
"Mein Traum ist", sagte der Junge, "daß ich eines Tages zu meiner Mutter nach Hause komme und sie sich freut, wenn sie mich sieht. Ich möchte neben ihr einschlafen. Ich wünsche mir, daß sie mir sagt, daß sie glücklich ist, wenn ich sie besuche. Ich darf nie lange bleiben. Nie hat sie ein Lächeln für mich. Sie kann es kaum erwarten, mich wieder von hinten zu sehen. Manchmal denke ich, das liegt daran, daß der Mann, mit dem sie mich gemacht hat, auch nie ein Lächeln für sie gehabt hat. Eines Tages sagte sie zu mir: ‘Geh dahin, wo du hingehörst.' Wenn ich nicht dahin gehöre, wo sie ist, wo gehöre ich dann hin? Aber ich weiß, das ist nicht nur, weil sie mich nicht sehen will, es geht auch ums Essen. Sie hat nie genug davon. [...]"
Das Mädchen erklärte: "Mich hat eine Frau von einer Betreuungsstation einmal sehr glücklich gemacht. Ich wußte sofort, daß sie mir etwas zu essen geben würde. Aber diese Frau gab mir noch mehr. Sie nahm mich in den Arm. Ich war dreckig. Ich roch schlecht. Aber sie nahm mich tatsächlich in den Arm. In dieser Nacht habe ich gut geschlafen. Und schön geträumt. Manchmal wünsche ich mir nur, in den Arm genommen zu werden, auch wenn ich nach der Straße stinke." [Seite 6-7]

Das also ist der Rahmen, in der Amma Darkos Geschichte spielt. Die Geschichte eines Straßenmädchens. Fofo. Deren Schwester unter mysteriösen Umständen ermordet wird. Das beim Klauen erwischt wird und einer Mitarbeiterin eines sozialen Projekts in die Hand fällt, das erstaunlicherweise diese Realität für sich hat ausblenden können. Deren Mitarbeiterinnen Fofo verstecken und auf die Suche nach dem Täter gehen. Fofo ist 14 und hat schon viel, zuviel, erlebt. Ihre Zukunft sieht nicht besser aus, perspektivlos. Und doch ...

Amma Darkos Roman Die Gesichtslosen beschreibt nicht nur das Elend der Straßenkinder und die mit der Armut einhergehende soziale Verantwortungslosigkeit der Eltern. Denn auch in Ghana gibt es eine Mittelschicht, die relativ wohlhabend lebt, ohne sich mit der Realität konfrontieren zu müssen. Beide Ebenen prallen aufeinander. Ein Prozeß, der zum Nachdenken bringt. Ein Prozeß, der Perspektiven ermöglicht. Und mittendrin Frauen, an denen die soziale Emanzipation weitgehend vorbeigegangen ist und die anfangen, ihre Ausbeutung als Frau in Frage zu stellen.

Und bei all dem Elend kommt doch der Humor nicht zu kurz.

Die Gesichtslosen von Amma Darko ist im Schmetterling Verlag erschienen; der Roman kostet 16 Euro 80.

Und wer diesen Roman liest, mag daran denken, daß den Entwicklungshelferinnen und -helfern der rot-grünen Koalition zu all dem nur die Entsendung von Soldaten und Panzern einfällt. Wenn auch nicht in Ghana, so doch im Kongo.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel oder Dirk Beutel (Montag)
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Reisen auf Island
27.07.2003 *** Wdh. 29.07.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Im folgenden Beitrag hat Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte einen Tip für unseren Oberbürgermeister und einen weiteren für die neugierigen und reiselustigen Hörerinnen und Hörer von Radio Darmstadt.

Beitrag Walter Kuhl

Auf was für schlaue Ideen kommt unsere Unterhaltungsindustrie nicht so alles, um selbst aus der größten Hitze noch ein Geschäft zu machen. Snowboarden auf dem Marktplatz. Mich wundert, daß unser sportbegeisterter Oberbürgermeister Peter Benz den Gedanken noch nicht aufgegriffen und Darmstadt als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 vorgeschlagen hat. Dabei liegt der Gedanke - vor allem nach den gescheiterten Bewerbungen für die Landesgartenschau 2010 und die Sommerspiele 2012 [in Frankfurt] - doch wirklich nicht fern.

Das Snowboardstadion steht ja schon, der Woog wird als Eislauffläche hergerichtet und beim Heinerfest die Achterbahn als olmypische Bobbahn umgewidmet. Skilanglauf auf der Triathlon-Strecke und die Wilhelminenstraße eignet sich als Ersatz für die überflüssige Automobilausstellung zum alpinen Abfahrtslauf. Diese Bewerbung wird ein Knüller! In der deregulierten Welt des Neoliberalismus hat uns das noch gefehlt: Winterspiele im Sommer.

Peter Benz könnte sich nach dem mißlungenen Versuch mit der blühenden Weststadt hier schnell noch ein Denkmal setzen. Doch Vorsicht! Nichts ist so vergänglich wie Ruhm und vor allem wie der Schnee von gestern.

Doch bis es so weit ist, müssen wir uns unsere Abkühlung woanders suchen. Jens Willhardt und Christine Sadler machen uns mit ihrem Reiseführer Island ein überaus attraktives Angebot. Zwar ist Island als Urlaubsland alles andere als preisgünstig, doch dafür hat es vor allem den wandernden und radfahrenden Aktivurlauberinnen und -urlaubern so einiges zu bieten. Landschaft pur, Meeresblick, Vulkane, Gletscher und natürlich jede Menge Fisch.

Im Gegensatz zu den künstlichen Schneelandschaften auf dem Marktplatz ist der Schnee auf Island echt. Selbst im Sommer kann Schnee fallen. Und da Island nahe am Polarkreis liegt, sind die Nordlichter der Aurora Borealis besonders spektakulär. Im Norden des Landes geht die Sonne im Juli und August gar nicht unter. Die Hauptreisezeit ist daher auch zwischen Juni und August, denn in der 2. Septemberhälfte beginnt meist schon der Winter. Der mag zwar auch reizvoll sein, doch ist das Fortkommen mit dem Fahrrad und bei starkem Schneefall selbst mit dem allradgetriebenen Auto kein Vergnügen.

Was mich an diesem Reiseführer besonders beeindruckt hat, ist die Fülle an sinnvollen Informationen. Nach der Lektüre ist man und frau bestens bewandert in isländischer Geologie (die Insel ist gerade einmal 25 Millionen Jahre alt), Geschichte (sie wurde seit dem 8. Jahrhundert regelmäßig aufgesucht), Literatur (die Isländerinnen und Isländer sind wahre Erzähltalente) und natürlich den Reise- und Übernachtungsmöglichkeiten auf der Insel (die schon bei einfachen Komfortansprüchen ganz schön ins Geld gehen können). Auch eine Kurzeinführung in die nicht ganz einfach zu verstehende isländische Sprache fehlt nicht.

Island ist eine Vulkaninsel auf dem Mittelatlantischen Rücken, also genau dort, wo die Nordamerikanische und die Eurasische Platte auseinanderdriften. Dies erklärt den Vulkanismus, die meist nicht allzu heftigen Erdbeben, die Geysire und die heißen Quellen. Ein Bad im Freien ist auf Island daher selbst mitten im Winter etwas völlig Alltägliches. "Den Engländer trifft man im Pub, den Franzosen im Café und den Isländer im Schwimmbad", so heißt es.

Island wurde seit dem 9. Jahrhundert besiedelt, meist aus Norwegen. Die dortigen dynastischen Fehden zwangen so manche Menschen ins unfreiwillige Exil, oft nahmen sie ihre keltischen Sklavinnen und Sklaven aus Britannien oder Irland mit. Die Sklaverei wurde jedoch gegen 1100 abgeschafft.

Seither lebten die Isländer, wahrscheinlich weniger die Isländerinnen, relativ egalitär. Island gilt gemeinhin als ein Land, in dem Frauen relativ emanzipiert leben. Doch nicht nur in Deutschland, auch auf Island sieht die Wirklichkeit anders als die Ideologie aus. Frauen verdienen durchschnittlich 18 Prozent weniger als Männer und finden sich so gut wie kaum unter den Spitzenverdienern und in Spitzenpositionen. Frauen sind weitaus häufiger arbeitslos als Männer.

Dafür ist das Bildungsniveau auf Island ausgesprochen hoch. Das Internet ist weiter verbreitet als hierzulande. Das mag damit zusammenhängen, daß die langen Winterabende eher zum Lesen als zum Snowboarden animieren.

All dies und noch weitaus viel mehr ist im Reiseführer Island von Jens Willhardt und Christine Sadler nachzuschlagen. Auf den fast 700 Seiten finden neugierig Gewordene so ziemlich alles, was es zum Land und seinen Menschen zu sagen gibt. Der Reiseführer ist im Michael Müller Verlag in der 3., überarbeiteten und aktualisierten Auflage erschienen und kostet 22 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Urheberrechtliche Anmerkung

Da bekanntlich im Kapitalismus nichts so verrückt ist wie die Wirklichkeit und jede Satire durch die Realität getoppt werden kann, stelle ich hiermit fest:

Der im Radiowecker–Beitrag vom 27. Juli 2003 geäußerte Gedanke, Olympische Winterspiele im Sommer auszutragen, stellt eine geistige persönliche Schöpfung nach dem Urheberrechtsgesetz (UrhG) dar. Dabei ist es unerheblich, ob diese Winterspiele in Darmstadt, einer anderen deutschen Stadt oder sonstwo auf der Welt stattfinden. Nicht nur, daß auch satirische Werke den Schutz des Urheberrechts in Anspruch nehmen können, nein, dies gilt auch für zugestandenermaßen vollkommen unsinnige Gedankengänge, die jedoch im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung neoliberaler Prägung ein derartiges Maß an Verselbständigung erlangen, daß sie real werden.

Anders ausgedrückt: Ich betrachte es schon als einen Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz, wenn Olympische Winterspiele im Sommer diskutiert werden, und erst recht, wenn sie dann sogar stattfinden sollten. Ich werde meine daraus resultierenden Tantiemen selbstverständlich einklagen und anschließend emanzipatorischen Projekten zur Überwindung derartigen Irrsinns zukommen lassen.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 18. Februar 2005 aktualisiert.
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