Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Juni 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
01.06.2003Krieg gegen Terror?
08.06.2003Lesbos
15.06.2003Unterwegs im Römischen Reich
22.06.2003Einstein For Aliens
29.06.2003Manching – Die Keltenstadt
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Krieg gegen Terror?
01.06.2003 *** Wdh. 03.06.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Der Irak ist besiegt, die Beute wird aufgeteilt. Doch geht es nur ums Öl? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte versucht im folgenden Beitrag, den Zusammenhang zwischen Kriegs- und Wirtschaftspolitik wiederherzustellen.

Beitrag Walter Kuhl

Wir hätten es uns ja denken können und wir haben es uns auch so gedacht: Der stellvertretende US-Kriegsminister Paul Wolfowitz plauderte es jetzt auch aus. Der Vorwand für den Krieg gegen den Irak, die angebliche Existenz von Massenvernichtungswaffen, war eine Ente. Dieser Vorwand war genauso erlogen wie der Vorwand zum NATO-Krieg gegen Jugoslawien vor vier Jahren. Und wenn sich jetzt Gerhard Schröder und George Dubya Bush die Hand reichen, so demonstrieren sie damit nur ihr geheimes Einverständnis. Im Lügen sind alle Regierungschefs gleich, ihre Außenminister übrigens auch.

Ob nun ausgerechnet, wie Wolfowitz behauptet, dieser Krieg gegen Saddam Hussein geführt worden ist, um sich aus Saudi-Arabien zurückziehen zu können, erscheint jedoch zweifelhaft. Dafür ist der von den USA erklärte Antiterror-Krieg einfach zu groß dimensioniert. Außenminister Cheney hatte schon 2001 unmißverständlich klargemacht, daß dieser Feldzug sehr lange dauern würde.

Karl Grobe-Hagel, seit 1963 Journalist bei der Frankfurter Rundschau, hat ein Buch vorgelegt, das sehr tiefsinnig die dahinter stehende Interessenskonstellation offenlegt. Schon der Titel macht dies deutlich, wenn er fragt: Krieg gegen Terror? Und genau darum geht es ja: was ist und wer definiert Terror, und worin bestehen die tatsächlichen Kriegsziele?

Karl Grobe-Hagel untersucht daher die Folgen des 11. September auch dahingehend, ob und wie die USA die Gelegenheit genutzt haben, offene Rechnungen zu begleichen und sich als Ordnungsmacht weltweit neu zu positionieren. Dabei geht er jedoch auch auf das Afghanistan der Taliban und deren zunächst erwünschte Rolle als Ordnungsfaktor ein, auf die Bedeutung des Heiligen Krieges im Islam und natürlich auch auf Osama bin Laden und das vielzitierte Terrornetzwerk al-Qaida. Klar wird, daß auch fast zwei Jahre nach den Anschlägen von New York und Washington die Urheberschaft al-Qaidas alles andere als sicher erwiesen ist.

Karl Grobe-Hagels Darstellung hat jedoch eine weiterführende Qualität. Gerade weil es so ist, daß sich der 11. September immer mehr als willkommener Anlaß einer längst überfälligen globalen Kriegsführung herausschält, schaut der Autor auch auf die kriegsbegleitenden Maßnahmen. 2001 wurde nämlich auch eine ultimative Liste terroristischen Organisationen erstellt, die der willkürlichen Zuordnung der US-Administration unterliegt. Die Europäische Union hat sich diese Liste zu eigen gemacht, um sie nach den Bedürfnissen der Festung Europa zu modifizieren. Gegen diese Liste gibt es kein Rechtsmittel. Sie ist Willkür. Selbst die Antiglobalisierungsbewegung wird auf dieser Grundlage paramilitärisch be-, nein eigentlich sollte ich sagen: mißhandelt.

Neben der Antiterrorliste wurde eine Achse des Bösen konstruiert - und diese Achse hat nun eindeutig nichts mit dem 11. September zu tun. Aber darauf kommt es ja auch nicht an. Denn der 11. September ließ alle Kettenhunde los. Daß auf dieser Grundlage jede Menge Verschwörungstheorien, angeheizt etwa durch Mathias Bröckers, kursieren, darf nicht verwundern. Und dennoch geht es um etwas ganz anderes. Die neoliberale Offensive, die bewußte und planmäßige Zerstörung der sozialen Errungenschaften im Namen des Herrn, also des Profits, wird begleitet von präventiven (d.h. vorbeugenden) und von sofort nutzbaren Vorstößen, geltende rechtsstaatliche Grundsätze außer Kraft zu setzen. Die USA sind hier schon wesentlich weiter als Otto Schily, aber der ist bekanntlich lernfähig, wie sein Einsatz der Rasterfahndung beweist. Die Einführung des Kriegsrechts, ungehemmte Überwachung und Einschränkung der Pressefreiheit sind nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird und was teilweise jetzt schon Standard als rechtsfreier Raum in den USA ist.

Der neoliberale Staat braucht keine Freiheit der Bürgerinnen und Bürger, nur eine Freiheit des Marktes. Wenn nötig mit Gewalt. Insofern hat Karl Grobe-Hagel absolut Recht, wenn er fragt: Krieg gegen Terror? - und wenn er dann herausarbeitet, gegen wen dieser Krieg noch geplant ist. Daß die US-Regierung hierbei mit Terrorregimes paktiert und selbst terroristische Maßnahmen gutheißt und durchführt, ist keine Verschwörung, sondern gehört zum Programm. Wenn sich Gerhard Schröder und mit ihm die ganze rot-grüne Koalition einschließlich eines gewissen Walter Hoffmann mit diesem Amerika sofort uneingeschränkt solidarisch erklärt haben, dann ist das kein Charakterfehler, sondern ebenfalls Programm. Denn es ist die Begleitmusik zu Rentenkürzungen, Arbeitsplatzvernichtung, Lohndumping und Reformgeschwätz.

Verständlicher wird dieser Zusammenhang durch die Lektüre von Karl Grobe-Hagels Buch. Es ist im Neuen ISP Verlag erschienen, heißt Krieg gegen Terror?, und kostet 14 Euro.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Lesbos
08.06.2003 *** Wdh. 09.06.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Wer mag bei dieser Hitze noch an Urlaub denken? Obwohl, wenn, dann gerade jetzt. Die Arbeit, den Nerv, den Streß vergessen – und sich dabei vielleicht neuen einhandeln? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte schlägt uns im folgenden Beitrag ein Reiseziel vor.

Beitrag Walter Kuhl

Ob last minute oder lange vorher geplant – auch die griechische Insel Lesbos könnte eine Überlegung wert sein. Thomas Schröder empfiehlt in seinem Lesbos-Reiseführer diese an der türkischen Küste gelegene Insel gerade für diejenigen, die gut und gerne auf die Segnungen einer enervierenden Spaßgesellschaft verzichten können:

Zu Recht beliebt ist Lesbos vor allem bei Reisenden, die auf Animation und ein internationales Vergnügungsangebot gut verzichten können [...]. Für Wanderer, Mountainbiker und andere Liebhaber verschlungener Pfade erweist sich die Insel fast als Paradies. Und obwohl der Tourismus deutlichen Aufschwung nimmt, konzentriert er sich doch auf einige wenige Orte. Abseits der Hauptrouten trifft man manchmal auf Dörfer, in denen sich seit Jahrhunderten kaum etwas verändert zu haben scheint. [Seite 8-9]

Gehen wir ausnahmsweise einmal davon aus, daß auch Mountainbikerinnen gemeint sind, so stellt sich wie bei vielen Urlaubsreisen ein grundsätzliches Problem. Wie hinkommen? Die Deregulierung aller Lebensbereiche hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Flüge, sogar Linienflüge, sind oftmals konkurrenzlos billig. Reden wir daher lieber nicht von der Ökobilanz, die wäre grauenhaft. Aber Deregulierung nimmt darauf ja auch keine Rücksicht.

Was bietet uns Lesbos? Wie jede touristisch erschlossene Region wird auch Lesbos langsam, aber sicher den Bedürfnissen des Urlaubsmarktes unterworfen. Beispiele derartiger Idiotie kennen wir alle, auch Lesbos bleibt davon nicht verschont. Das kleine Dörfchen Vaterá mit seinen vielleicht 50 Bewohnerinnen und Bewohnern liegt an einem etwa zehn Kilometer langen Strand. Logische Folge: das Dorf erstreckt sich rund sieben Kilometer entlang des Strandes, aber nur von Juni bis September. Den Rest des Jahres schmückt eine Geisterstadt. [Seite 161]

Dennoch oder gerade deshalb läßt es sich auf Lesbos gut baden, wandern oder einfach nur entspannen. Wem dies nicht ausreicht, mag die Fähre zur türkischen Küste zu einem Besuch des antiken Pergamon nutzen. Der Reiseführer von Thomas Schröder gibt hier nützliche Tips, was übrigens auch die An- und Abreise über Athen betrifft. Für einen kurzen Zwischenstop mit dem üblichen Besichtigungsprogramm reicht die knappe Beschreibung der griechischen Metropole.

Lesbos ist jedoch nicht nur Urlaubsinsel, sondern auch historisch interessant. Nicht zuletzt die griechische Lyrikerin Sapphó stammt von hier, weshalb sich der Strand von Skala Eressoú Anfang der 80er Jahre zum Geheimtip entwickelt hat. Doch die dortige Frauenwelt wurde längst von den Reiseveranstaltern entdeckt; und so ist hier zwar nicht der Massen-, aber dafür der Alternativtourismus daran beteiligt, auch diesen Teil der Insel auf den Kopf zu stellen. [Seite 211]

Mehr dazu, vor allem als nützliche Hintergrundinformation und als Planungsgrundlage, ist im Reiseführer Lesbos von Thomas Schröder zu finden, der in der vollständig überarbeiteten dritten Auflage im Michael Müller Verlag zum Preis von 15 Euro 90 erschienen ist.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel oder Dirk Beutel (Montag)
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Unterwegs im Römischen Reich
15.06.2003 *** Wdh. 17.06.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Wenn wir bei hochsommerlichen Temperaturen an Urlaub denken, dann machen wir uns wenig Gedanken über unsere Verkehrsmittel. Auto und Flugzeug, immer weniger die bewußt chaotisch organisierte Bahn, sind uns selbstverständlich. Doch wie reisten die Menschen in der Antike? Werner Heinz hat ein Buch über Reisewege in der Antike geschrieben, Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt es uns im folgenden Beitrag vor.

Beitrag Walter Kuhl

So selbstverständlich ist es ja nicht, ein gut ausgebautes Straßennetz. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts waren Überlandreisen beschwerlich; und Hollywoods Westernfilme geben uns eine Vorstellung davon, wie staubig und anstrengend das Reisen in den Postkutschen vor Erfindung der Eisenbahn war. Die Römer jedoch dachten anders darüber. Zwar fanden auch sie das Reisen beschwerlich, doch sie bauten sich ein Straßennetz, das bis zur Moderne in seiner Qualität und Ausdehnung unerreicht blieb. Schätzungen gehen davon aus, daß das römische Fernstraßennetz eine Länge von fast 100.000 Kilometern besaß; zum Vergleich: das Streckennetz aller Autobahnen der Europäischen Union umfaßt etwa die Hälfte. Natürlich waren nicht alle diese Straßen gleich gut ausgebaut, doch die Hauptstraßen hatten einen Qualitätsstandard, der jahrhundertelang seinesgleichen suchte. Viel Wert wurde auf einen soliden Unterbau gelegt, der schließlich aufgepflastert oder zumindest mit einer Schotterdecke versehen wurde. Frostschutz ist keine Erfindung der neuzeitlichen Straßenbautechnik; schon die Römer besaßen das hierfür nötige Know-How.

Überhaupt machten sie sich viele Gedanken über ein möglichst unbeschwertes Vorankommen. Nach einem durchschnittlichen Tagesmarsch konnten sich Reisende eines Gasthauses sicher sein, mitunter sogar mit einem erquickenden Bad versehen. Toiletten waren selbstverständlich, überhaupt umfaßten römische Straßen zumindest innerorts auch ein Kanalisationssystem. Und damit die Reisenden immer wußten, wo sie waren, wiesen Meilensteine am Straßenrand den Weg und die Entfernung zur nächst größeren Stadt.

Der klassische Archäologe Werner Heinz hat nun für den Theiss Verlag ein Buch geschrieben, das uns diese Lebensadern des römischen Imperiums näher bringt. Viele Römerstraßen sind ja bis heute Grundlage eines dichten Straßennetzes, auch wenn sie längst nicht mehr als Hauptstraßen benutzt werden. Doch gerade diese Straßen ermöglichten es den Bürgern des Römischen Reiches, Märkte und Gerichtsorte zu erreichen, oder den römischen Legionen ein schnelles Vorankommen. Von Caesar wird die selbst für damalige Verhältnisse unglaubliche Reisegeschwindigkeit von 150 Kilometern pro Tag berichtet, was nur durch eine wohlorganisierte Infrastruktur mit Relaisstationen und Pferdewechsel möglich war.

Die Römer zogen eine gerade Straßenführung vor, nur im Gebirge paßten sich die Straßen dem Geländeverlauf an. Wo Täler oder Sümpfe zu durchqueren waren, vertraute man auf Brücken; und diese bauten Sklaven, aber auch Lohnarbeiter, geradezu für die Ewigkeit. Eine von Kaiser Trajan Anfang des 2. Jahrhunderts erbaute Donaubrücke hatte eine Länge von 1135 Metern auf 26 Pfeilern. Derartige Brücken wurden zum Teil noch im 20. Jahrhundert genutzt.

Werner Heinz liefert mit seinem Buch Reisewege der Antike die Grundlagen zum Verständnis der römischen Straßenbaukunst. Er zeigt, nach welchen Kriterien Straßen geplant wurden, daß es eine für die Verwaltung des Riesenreiches unerläßliche römische Staatspost gab, und beschreibt zudem auch im Detail, wie eben diese Reisewege der Antike genutzt worden sind. Sein sorgfältig zusammengestelltes Buch ist im Frühjahr im Theiss Verlag erschienen, es kostet 24 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Einstein For Aliens
22.06.2003 *** Wdh. 23.06.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Wer dieses Jahr nicht im Cutting Edge Festival gewesen ist, hat etwas verpaßt. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte sagt uns warum.

Beitrag Walter Kuhl

Der Weltraum – unendliche Weiten ...

Einige Aliens, überdrüssig der Logik, die ihr Leben bestimmt, sind auf Erde gelandet auf der Suche nach Ekstase, also nach einem vollkommen unlogischem Vergnügen. Fahren sie daher auf Michael Schumacher ab? Nein. Obwohl – unlogisch ist es schon, was er macht. Schon Niki Lauda empfand es als seltsam, permanent mit Höchstgeschwindigkeit im Kreis herumzufahren. Doch die Aliens wollen Ekstase, keine Langeweile. Daher empfinden sie auch nichts bei einem Opernsänger oder Rede von Gerhard Schröder zur Agenda 2010. Unlogisch ist sie ja, auch gemein, aber sonst : ... gääähn.

Wie es der Zufall will, verirren sich unsere Aliens in einen dunklen Kellerclub, in dem ausgerechnet David Moss vor drei mehr oder weniger gelangweilten Gästen sein Schlagzeug traktiert. Und so nimmt ein irrer Abend seinen Anfang, der am vergangenen Freitag auf der Werkstattbühne des Staatstheaters zu bewundern war. Denn der Improvisationsmusiker David Moss nahm seine amüsierten Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf eine seltsame Reise zu sieben Planeten, nicht nur um die Aliens aus ihrer Logik herauszureißen, sondern auch, um wieder einmal eine Kostprobe seines stimmgewaltigen Könnens zu geben.

David Moss habe ich das erste Mal gesehen und gehört, als er den klanglichen Hintergrund für das Tanztheater-Stück Wenn der Körper eine Stummheit ist allein mit seinen Stimmbändern hervorbrachte. Ging es dort um das ernste Thema der in diesem Land immer noch vorzufindenen Folter namens Isolationshaft, so zeigte er in seinem Ein-Mann-Stück Einstein For Aliens, daß in ihm auch ein kleiner Schelm steckt. Ihm gelang es, sein Publikum zu fesseln, obwohl seine Performance auf Englisch stattfand.

Doch als gehörte es wie selbstverständlich dazu, warf er mit kleinen Karten um sich, auf denen die Essentials seiner englischen Ausführungen auf Deutsch zu mitlesen waren. Als die Dramaturgin Heike Guth mich nach der Premiere des Tanztheaters zur Isolationshaft ermunterte, mir David Moss einmal Solo anzuhören, war mir nicht klar, was mich erwartete. Ich bin kein Theatergänger und mich fesseln inszenierte Illusionen als Ablenkung von der Gewalt der zivilisierten Welt normalerweise nicht. Doch David Moss hat es geschafft.

Kein Wunder, daß die Aliens auf seine Performance scharf waren. Doch Einstein hatte Recht: es gibt eine Relativität zwischen Zeit und Raum. Als David Moss von seiner intergalaktischen Tournee zurückkehrte, waren über hundert Jahre vergangen und nicht einmal seine drei Gäste warteten noch auf ihn.

Das diesjährige Cutting Edge Festival hat gewiß in dieser Auführung einen Höhepunkt gehabt und ich bedaure all diejenigen, die ihn verpaßt haben. Manchmal ist ein Theaterbesuch eben doch lohnend.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel oder Dirk Beutel (Montag)
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Manching – Die Keltenstadt
29.06.2003 *** Wdh. 01.07.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Einige Kilometer südöstlich von Ingolstadt an der Donau gelegen, wartet das kleine Städtchen Manching mit einer Überraschung auf. Vor rund zweitausend Jahren erhob sich hier eine bedeutende keltische Siedlung, ein sogenanntes Oppidum. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte weiß mehr darüber zu erzählen.

Beitrag Walter Kuhl

Manching, dessen keltischen Namen wir nicht kennen, war wahrscheinlich die größte süddeutsche Stadt vor dem Erscheinen der römischen Legionen in dieser Gegend. Leider sind große Teile des Fundareals durch die Bombardierungen des 2. Weltkrieges, aber auch durch Landwirtschaft, Besiedlung und einen kleinen Flugplatz zerstört worden. Dennoch geben die verbliebenen Fundplätze – und es ist noch lange nicht alles ausgegraben – einen Eindruck von keltischer Kultur, Siedlungsgeschichte und Kunst.

Manchings bedeutende Lage erklärt sich durch einen damals noch vorhandenen Hafen an einem Seitenarm der Donau, die in West-Ost-Richtung einen wichtigen Handelsweg kreuzte. Entsprechend vielfältig und reichhaltig sind die Funde in Manching, deren Spuren sich vor allem dann finden, wenn wieder einmal der Neubau einer Straße oder einer Industrieansiedlung eine Notgrabung erforderlich macht.

Susanne Sievers, die seit 1994 die Forschungen in Manching leitet, hat mit ihrem im Theiss Verlag erschienenen Bändchen Manching – Die Keltenstadt eine Lücke geschlossen. Denn wer sich bisher über dieses bedeutende Oppidum informieren wollte, mußte sich durch eine größere Anzahl dickleibiger Bücher durchlesen, oder zu Aufsätzen greifen, die allenfalls in wissenschaftlichen Bibliotheken vorrätig sind. Susanne Sievers verknüpft mit ihrer Darstellung der Keltenstadt eine konkrete Analyse der Fundsituation mit der möglichen historischen Bedeutung des Ortes. Augenfällig wird dies gegen Ende des 2. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, als Manching durch eine Mauer befestigt wurde. Offensichtlich waren die Zeiten unruhiger geworden; ganze Völkerschaften wurden durch den Druck germanischer Stämme aus dem Norden zur Wanderschaft gezwungen.

Teile der Stadtmauer von sieben Kilometern Länge, die ein Areal von 380 Hektar Fläche umschloß, sind auch heute noch als Wall vorzufinden. Will man und frau sich einen Eindruck von der Größe der Keltenstadt verschaffen, so bietet sich eine Wanderung vom rekonstruierten Osttor den Südwall entlang an. Auch wenn diese Rekonstruktion keine Vorstellung von den verwendeten Baumaterialien vermittelt und zudem noch das gewaltige Torhaus fehlt, so ergibt sich dennoch ein vorzüglicher Eindruck von der Monumentalität spätkeltischer Toranlagen. Um eine solche Mauer zu bauen, waren nicht nur umfangreiche Erdarbeiten vonnöten, sondern auch weitreichende Kontakte ins Umland. Denn Mauern, Nägel, aber auch Lebensmittel, Rohstoffe und Schmuckwaren hatten zum Teil einen weiten Weg hinter sich. Manching war ganz offensichtlich eines der wichtigsten Zentren der keltischen Zeit. Es wäre verwunderlich, wenn ausgerechnet Manching nicht das Ziel erobernder oder plündernder Kriegszüge geworden wäre.

Susanne Sievers Führer durch das keltische Manching ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, daß archäologische Forschung vermittelbar ist und zudem auch die eigene Phantasie und Neugierde anregen kann. Denn nicht alles, was in Manching gefunden wurde, läßt sich problemlos einordnen; manches wirft eher noch neue Fragen auf. Wer waren die Bewohnerinnen und Bewohner Manchings, wie haben sie gelebt, wer hat sie beherrscht und wie ist die Stadt untergegangen?

Manching – Die Keltenstadt von Susanne Sievers ist im Theiss Verlag erschienen. Die reich illustrierten rund 160 Seiten des Buches regen nicht nur zu einem Abstecher an der Autobahn Nürnberg-München an, sondern mehr noch zum Nachdenken über die kulturellen Wurzeln des süddeutschen Raumes. Das Buch kostet 14 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl auf Radio Darmstadt. Die Radioweckerbeiträge von Walter Kuhl sind im Internet nachzulesen unter: www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Martin Keindl (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 24. Dezember 2005 aktualisiert.
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