Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Mai 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
04.05.2003Eine Geschichte des Islam
11.05.2003Muttertag
13.05.200340 Jahre Bundesliga
18.05.2003Türkei Westküste
25.05.2003Helvetier
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Eine Geschichte des Islam
04.05.2003 *** Wdh. 06.05.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Wer von uns kennt schon den Islam wirklich? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat nicht nur jemanden gefunden, der ihn uns erklären kann, sondern auch jemanden, der ihn so gut erklärt, wie es nicht einmal ein gottesfürchtiger Muslim wissen und wahrhaben will.

Beitrag Walter Kuhl

Nach dem Fall der Mauer hat der besiegte angebliche Kommunismus eine tiefe Lücke hinterlassen. Den Militaristen und Rüstungskonzernen, den Ideologen der Marktwirtschaft und dem Vatican, ihnen allen war das Feindbild abhanden gekommen. Der Kapitalismus hatte so gründlich gesiegt, daß er sich nur noch an sich selbst messen lassen muß. Und das konnte nicht gut gehen. Spätestens am 11. September 2001 war das neue Feindbild gefunden und wurde von Expertenrunden in aller Welt verkündet: der Islam, der islamische Fundamentalismus.

Nun ist der Islam in der Tat eine rückständige Religion. Wie jede Religion legitimiert er Herrschaft, Ausbeutung und Krieg. Wie jede organisierte Religion ist er ein Instrument patriarchaler und sozialer Unterdrückung. Aber was ist er wirklich?

Es gibt nur wenige Menschen, die aufgrund ihrer Biographie in der Lage sind, fundiert, kritisch und hintergründig die Geschichte des Islam von Mohammed bis Mullah Omar zu erzählen. Tariq Ali, gebürtiger Pakistani, Marxist und nicht-muslimischer Muslim, wie er sich einmal selbst bezeichnet hat, fügt dem noch eines hinzu: er kann nicht nur analysieren, sondern er kann auch schreiben.

Wer seine Autobiographie Street Fighting Years gelesen hat, weiß, was ich meine. Politik ist alles andere als langweilig, wenn sie mit Humor und Lust betrieben und auch beschrieben wird. Vielleicht ist er manchen eher als Autor der Bücher Im Schatten des Granatapfelbaums, Das Buch Saladin und Die Steinerne Frau bekannt. Seine literarischen Qualitäten jedenfalls sind unbestritten. Dies kommt ihm auch in der politischen Analyse zugute.

Sein nach dem 11. September geschriebenes Buch Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung ist daher kein weiteres Expertentraktat. Im Gegenteil – Tariq Ali hat etwas von dem zu erzählen, was viel zu kurz gekommen ist, nämlich eine kritische Betrachtung der Geschichte des Islam. Hierbei kommt es ihm zugute, daß er den Islam von Kindesbeinen an kennengelernt hat und dennoch nicht in seinem Weltbild gefangen ist. So kann er wahrnehmen, wann der Islam durchaus tolerant, ja geradezu kritisch seinen Ursprüngen gegenüber gewesen ist.

Wer kennt schon die Sekte der Mutaziliten, die glaubten, es sei möglich, Rationalismus und Glauben miteinander zu verbinden? 30 Jahre lang bekannten sich in Bagdad Kalifen und Theologen dazu, daß der Koran nicht göttlich offenbart, sondern von Menschen erfunden worden sei.

Der Reiz, darüber zu spekulieren, schreibt Tariq Ali, was geschehen wäre, wenn die Mutaziliten an der Macht geblieben wären, ist unwiderstehlich. Hätten sie ihre Ideen weiterentwickelt, so hätten sie womöglich am Ende sogar die Existenz Gottes angezweifelt. Ein Vergleich mit den islamischen Denkern des 20. Jahrhunderts [...] zeigt, daß die Denker des 9. Jahrhunderts in jeder Hinsicht fortschrittlicher waren. [Tariq Ali, Seite 78]

Aber wer gibt schon gerne den Kitt auf, der eine Gesellschaft zusammenhält und damit auch die Privilegien sichert?

Es ist sicher kein Zufall, daß das Zentrum der Gelehrsamkeit im frühen Mittelalter nicht im christlichen Europa, sondern im islamischen Mittelmeerraum zu finden war. Doch wenig ist davon geblieben. Tariq Alis Geschichtskurs von Mohammed über die Kalifen von Bagdad und die Emire von Cordoba, von den Osmanen und saudischen Wahhabiten bis heute ist alles andere als langweilig. Und er vermittelt eine Menge davon, was der Islam auch sein könnte, wenn er so etwas wie eine reformatorische Bewegung gehabt hätte.

Aber dem war nicht so. Und so durchzieht Tariq Alis Buch Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung auch ein zweiter Faden: nämlich der Kampf der Fundamentalismen. Kreuzritter gegen ein marodes Kalifat, Kolonialismus und Imperialismus gegen religiös normierte rückständige Ausbeutergesellschaften. Fundamentalismus ist kein islamisches Privileg. Tariq Ali, der revolutionäre Sozialist der 68er Bewegung, macht sich und anderen hier nichts vor: Er hat den Konflikt zwischen Pakistan und Indien erlebt, in Vietnam die Verbrechen der USA gesehen und palästinensiche Flüchtlingslager kennengelernt.

Und er ist ehrlich genug zu sagen: Ja, es ist möglich, daß islamische Fundamentalisten das World Trade Center und das Pentagon angegriffen haben. Aber bewiesen ist es nicht. Tariq Alis Buch Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung ist ein spannendes, informatives und vor allem gut lesbares Buch. Es ist letztes Jahr im Diederichs Verlag erschienen und kostet 23 Euro.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel oder Beatrice Kadel (Dienstag)
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Muttertag
11.05.2003 *** Wdh. 12.05.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Jedes Jahr dasselbe Ritual: Muttertag. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat sich einige ungewöhnliche Gedanken hierzu gemacht.

Beitrag Walter Kuhl

Einmal im Jahr werden alle Frauen auch im öffentlichen Bewußtsein gezielt auf ihren gesellschaftlichen Normzustand reduziert: sie werden als Mutter abgefeiert. Eine Frau, die nicht Mutter ist oder noch nicht, ist so gesehen ja auch keine richtige Frau. Mag ja sein, daß an allen anderen Tagen Frauen gefördert, gemobbt, angemacht oder ausgebeutet werden. Doch einmal im Jahr ist alles anders. Genau betrachtet, schlägt hier die gesellschaftliche Schizophrenie ihre eigenen Kapriolen.

Wenn Frauen entweder als Hure oder Heilige idealisiert werden, so steht der Muttertag für das Abfeiern der Heiligen. Der Frau in ihrer ureigensten Bestimmung als Mutter. Insofern paßt es, wenn ausgerechnet der Dumpfbackensender SAT.1 einmal im Jahr Anke Engelke Danke sagen läßt. Die 364 darauf folgenden Tage hat jede Frau und erst recht jede Mutter wieder richtig zu funktionieren.

Doch Halt! Bevor eine Frau Mutter werden kann, muß sie was? ... Nein, nein, nicht das, was ihr denkt. Zunächst einmal muß sie das passende Fahrrad ... finden. Und es ist gar nicht so einfach, den richtigen Mann zu finden, der geeignet ist, eine Frau zu ihrer ureigensten Bestimmung vor den Traualtar zu führen. Wovon dann auch eine ganze Industrie lebt.

Über die vielen verschlungenen Pfade zu jenem Mr. Right (als dem richtigen Mann) haben Andrea Saggau und Susanne Wernstedt den passenden Reiseführer geschrieben: Single in the City. Und der mvg-Verlag, in dem ihr Buch herausgekommen ist, hat dies passenderweise mit vom merkwürdigen Verhalten paarungsreifer Singles ironisiert. Reden wir also nicht von der Liebe, sondern davon, wie und wo der passende Mann zu finden ist, was ja bekanntlich nicht dasselbe ist. In Tanzschulen und Baggerseen, bei Blind Dates und in Chatrooms haben die beiden ihr Glück versucht.

Doch erstaunlicherweise haben die Bemühungen der beiden Autorinnen nicht zum Traummann geführt. Beide sind auch nach der Lektüre ihres Ratgebers immer noch unverheiratet und so gesehen mit ihren eigenen Ratschlägen nicht sonderlich erfolgreich. Eigentlich keine gute Basis, um daraus ein Buch zu machen. Was ist dann aber die message von Single in the City? In ihren fiktiven Personen Tina und Anne bringen Andrea und Susanne ihre Wünsche und Lebensvorstellungen zum Ausdruck – oder zumindest diejenigen, die sich gut verkaufen könnten. Die eine sehnt sich nach der Hochzeit in Weiß und darauf, auf Rosen gebettet zu werden, die andere ist etwas bodenständiger und pragmatischer. Nur – wo ist Mr. Right? Nun, vielleicht studieren wir einfach die Kontaktanzeigen [Single in the City, Seite 51]:

Herrenloser Hund sucht Frauchen – Wurde von seiner Frau verlassen und ist jetzt völlig hilflos.

Kuschelbär sucht Schmusekatze – Sie wollen doch einen Mann, oder?

Jung gebliebener Mann sucht – Ist jenseits der 60 und sucht eine Pflegerin.

Gibt es noch ehrliche Frauen? – Die einzige, der er wirklich vertraut, ist Mutti.

Ihr merkt schon – Muttertag. Aber auch: so ein Buch ist nützlicher als frau denken mag. Zum Beispiel bei der Interpretation eines der meist gehörten Sätze der Kinogeschichte: "Ich ruf dich an." Was soviel heißt wie – ciao, Baby. Es soll ja Frauen geben, die so naiv sind, und wirklich auf diesen einen Anruf warten ...

Warum also ein Buch kaufen, bei dem letztlich nichts rauskommt? Nun – vielleicht ist es auch so, daß Andrea Saggau und Susanne Wernstedt uns sagen wollen, daß es eine gar nicht mal so dumme Idee ist, als Single durch die Welt zu laufen. Es enthebt eine davon, Mutter spielen und Anke Engelke ertragen zu müssen. Doch die beiden Autorinnen haben ihr Single- und Flirtbuch nicht richtig zu Ende gedacht. Nachdem Mr. Right sich weigert zu erscheinen und die realen Männer eher schwer zu ertragen sind, bietet sich doch ... eine Frau an. Oder?

Das erspart den Muttertag und könnte eine echte Alternative zum Single-Leben sein. Ansonsten erzählen uns Andrea Saggau und Susanne Wernstedt in ihrem Buch Single in the City, was frau tun kann oder vielleicht doch besser lassen sollte, um garantiert den richtigen Mann zu finden. Sie verschweigen weder die Fallen noch die Peinlichkeiten, informieren über die geheimen Codes von Kontaktanzeigen und Internetchats, und eröffnen uns ein Leben voll aufregend deregulierter Arbeitsverhältnisse und postmoderner Marotten.

Wer dazu auch noch Männer braucht, mag zugreifen. Ihr Buch ist im mvg-Verlag erschienen und kostet 12 Euro 90. Oder ihr hört bei unserer Singlebörse Audiomax dienstags ab 19 Uhr zu.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel oder Beatrice Kadel (Montag)
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40 Jahre Bundesliga
13.05.2003 *** Wdh. 19.05.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Die Meisterschaft ist entschieden und das meistgehaßte Team der Republik war wieder einmal erfolgreich. Sie haben Ballack gekauft und damit Leverkusen abgeschossen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte weiß mehr zu 40 Jahren Bundesliga.

Beitrag Walter Kuhl

Auch wenn Fußball nicht unser Leben ist – die Bundesliga gehört für einen Großteil der Bevölkerung irgendwie dazu. Passend zum 40. Geburtstag erscheint nun im Agon Sportverlag das Jubiläumsbuch der etwas anderen Art. Weder werden Statistiken ausgebreitet, noch allseits bekannte Anekdoten erzählt. Statt dessen besuchen wir einen Jahrmarkt – einen Rummelplatz mit Achter- und Geisterbahnen, mit Marktschreiern und Karussells. Bierernst ist es nicht, was dort zum Besten gegeben wird, aber immer mit einem hintergründigen Humor.

Kaum zu glauben, aber wahr: Am ersten Bundesliga-Spieltag gab es gleich eine ganze Reihe von Premieren: Den ersten Anstoß, den ersten Einwurf und die erste falsche Abseitsentscheidung. Ach ja, es fiel auch gleich das erste Tor [...]. [Seite 2]

Ob uns das Jörg Wontorra aus der ran-Datenbank so genau hätte sagen können? Ohnehin – was ist das Salz in der Suppe? Natürlich das Tor. Manchmal bricht es zusammen, wie im April 1971 und entscheidet fast die Meisterschaft. Meist steht es jedoch an der falschen Stelle und wird deshalb auch nicht getroffen. Doch was macht den wahren Kunstschützen aus? Während jedoch Eduardo Galeano in seinem Buch Der Ball ist rund und Tore fallen überall die Kunst des Fallrückziehers lobt, denn er liebt die Ästhetik des lateinamerikanischen Fußballs, ziehen Bürte Hoppe und Lorenz Knieriem ganz nüchtern und sachkundig Bilanz.

Er gilt gemeinhin als die absolute Krönung, als die nur von wenigen Auserwählten erreichbare Spitze auf der Skala aller nur denkbaren Torschussvarianten: Der Fallrückzieher. Nahezu jeder Fußballer dürfte zumindest einmal davon geträumt haben, in der letzten Minute des entscheidenden Meisterschaftsspiels mit einer solch formvollendeten und spektakulären Aktion die Zuschauer von den Sitzen zu reißen und seinem Verein den umjubelten Titelgewinn zu sichern. Doch wenn man sich die Angelegenheit einmal ein wenig genauer betrachtet, so läuft der Fallrückzieher fast schon Gefahr, etwas von seiner Faszination einzubüßen. Denn die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Stürmer die Möglichkeit einer derartigen Schusshaltung überhaupt in Erwägung zieht, ist der Umstand, dass zuvor zumindest ein grober Fehler passiert sein muss: Entweder die Flanke war so erbärmlich schlecht geschlagen, dass dem Angreifer nichts anderes übrig bleibt, als sich in die Lüfte zu schwingen, um den Ball doch noch irgendwie zu erreichen. Oder aber die Hereingabe war zwar perfekt getimt und ausgeführt, doch der nun zur Flugshow ansetzende Spieler hatte seine Gedanken gerade überhaupt nicht bei der Sache und stand mit dem Rücken zum gegnerischen Tor in der Gegend herum. [Seite 53]

Wir verstehen nun, warum Gerd Müller nicht zum König des Fallrückziehers werden konnte. Er stand immer da, wo der Ball ihn erwartete. Unspektakulär, aber erfolgreich.

Das Unspektakuläre, Hintersinnige, aber auch Dazugehörige – dies ist es, was das Buch von Bürte Hoppe und Lorenz Knieriem ausmacht. Ihr Buch Best of 40 Jahre Bundesliga ist im Agon Sportverlag erschienen und kostet 12 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Holger Coutandin (Dienstag), Dirk Beutel oder Beatrice Kadel (Montag)
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Türkei Westküste
18.05.2003 *** Wdh. 20.05.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Urlaub in der Türkei? War da nicht mal was? Gab es in den 80er Jahren nicht einmal aus gutem Grund einen Boykottaufruf zum Urlaub in der Militärdemokratie? Antworten darauf gibt uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte im folgenden Beitrag.

Beitrag Walter Kuhl

Wer es sich leisten kann, denkt jetzt schon an Urlaub. Das derzeitige Wetter ist ja nicht gerade der Hit und es gibt sicher Spannenderes als für Schröders Agenda 2010 arbeiten zu gehen. Manche mögen ihn schon gebucht haben, aber auch als Last Minute-Schnäppchen gibt es ihn – den Urlaub in der Türkei. Und wer den Urlaub an der türkischen Seite der Ägäis geplant hat, wird mit dem im Michael Müller Verlag erschienenen Reiseführer Türkei Westküste gut bedient.

Durch seinen übersichtlichen Aufbau, der auch im Detail überzeugt, kann man und frau so ziemlich jede Art von Urlaub an der türkischen Küste vorbereiten und genießen. Ob als Badeurlaub oder als touristische Entdeckungsreise in die Vergangenheit, auf Wanderwegen oder mit dem Dolmuş (dem Sammeltaxi) unterwegs – nützliche Tips gibt der Reiseführer von Michael Bussmann und Gabriele Tröger zu fast allen Lebenslagen.

Die Türkei ist ein noch vergleichsweise preiswertes Reiseziel. Dies hat natürlich Gründe; und hier zeigt sich eine Schwäche des Buches. Wen politische und wirtschaftliche Hintergründe nicht interessieren, mag darüber hinwegsehen; ich denke jedoch, daß auch im Urlaub das politische Bewußtsein nicht abgeschaltet werden sollte. Deshalb ist eine Aussage wie die folgende einfach Unsinn:

Die wirtschaftliche Situation des Landes ist alles andere als gut. Experten führen dies zum einen auf den fehlenden Willen zur Privatisierung unrentabler Staatsbetriebe zurück, zum anderen auf die hohe Auslandsverschuldung. [Seite 11]

Und warum ist das Unsinn? Die Türkei ist ein von den kapitalistischen Metropolen abhängiges Drittweltland. Die Auslandsverschuldung ist Teil dieser Abhängigkeit und dient zum einen zur Finanzierung der Ausbeutung türkischer Arbeitskräfte, zum anderen der Finanzierung einer der größten Armeen dieser Erde. Die Armee wiederum wird gebraucht, um die Arbeitskräfte bei niedrigen Löhnen und hoher Arbeitslosigkeit bei Laune zu halten. Denn die Türkei ist ja ein Urlaubsland mit viel guter Laune. Und was den fehlenden Willen zur Privatisierung betrifft: gerade diese Sektoren haben sich noch dem Zugriff des neoliberalen Wildwuchses ein Stück weit entziehen können.

Und damit sind wir schon direkt bei der Frage: darf man und frau eigentlich in einem Land Urlaub machen, in dem gefoltert und gemordet wird, in dem es tausende politische Gefangene gibt und weiterhin die rigide Unterdrückungspolitik in Kurdistan? In dem gestreikt wird um einen Lohn zum Überleben und in dem Streiks mit Gewalt unterdrückt werden?

Diese Frage stellen sich Gabriele Tröger und Michael Bussmann erst gar nicht. Ist ja auch logisch: wer schreibt schon einen Reiseführer, um vom Urlaub in der Türkei abzuraten? Ich tue es auch nicht. Es ist sinnlos, den Gutmenschen spielen zu wollen. Wo will man und frau denn dann noch die Ferien verbringen? Unter Skinheads auf der mecklenburgischen Seenplatte oder in der national befreiten Zone der sächsischen Schweiz? Jedenfalls verrät ein politisches Denken den Grund für das preiswerte Reiseland. Billige Löhne mit staatlicher Garantie, denn das Militär ist der eigentliche Herrscher dieser sogenannten Demokratie.

Somit wieder zurück zum Reiseführer Türkei Westküste. Was mich als auch historisch interssierten Menschen positiv beeindruckt hat, ist die präzise Darstellung antiker Fundstätten und vor allem der Hinweis, ob es sich überhaupt lohnt, selbige aufzusuchen. Zum Beispiel folgende Bemerkung:

An das antike Halikarnassos erinnert nicht mehr viel, und das, was erhalten blieb, ist weniger als spektakulär. [Seite 65]

Die Lektüre des Reiseführers erspart also so manche Enttäuschung. Dafür ist die gesamte Küste und das anliegende Binnenland gut dargestellt – von den Dardanellen im Norden bis Bodrum im Süden, von Pergamon im Westen bis zum Weltkulturerbe von Pamukkale im Landesinnern. Doch die Sinterterrassen erstrahlen längst nicht mehr in leuchtendem Weiß; auch hier hat der Tourismus seine Spuren hinterlassen. Möglicherweise noch so eine Enttäuschung. Aber Badestrände, sogar ruhige und einladende, die gibt es tatsächlich immer noch.

Der Reiseführer Türkei Westküste von Michael Bussmann und Gabriele Tröger ist im Michael Müller Verlag erschienen; er hat 256 Seiten und kostet sinnvoll angelegte 15 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

  Pressestimmen zum Buch Türkei Westküste.  
Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Helvetier
25.05.2003 *** Wdh. 26.05.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Die Confoederatio Helvetica kennen wir alle, zumindest als Autokennzeichen. Das Geheimnis, wer diese Helvetier jedoch waren, lüftet das neue Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat es gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Alle zwei Monate erscheint im Theiss Verlag die Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Doch der Blickwinkel dieser Zeitschrift ist alles andere als auf Deutschland fixiert, im Gegenteil – regelmäßig werden archäologische Ausgrabungen und Forschungsergebnisse aus aller Welt vorgestellt. Das vor wenigen Tagen erschienene Heft 3 beleuchtet beispielsweise schwerpunktmäßig die aus Caesars Gallischem Krieg bekannt gewordenen Helvetier oder schaut in Dschingis Khans ehemaliger Hauptstadt Karakorum in der mongolischen Steppe vorbei.

Und wer das Bild von ungebildeten wilden Barbaren mit den Eroberungszügen der Mongolen verknüpft, wird zumindest in archäologischer Hinsicht eines Besseren belehrt. Aus der Beschreibung des Franziskanermönchs Wilhelm von Rubruck aus dem Jahr 1254 wissen wir, daß die damalige mongolische Hauptstadt Karakorum einen geradezu kosmopolitischen Charakter besaß; und jüngste Ausgrabungen bestätigen dieses Bild. Dschingis Khan und erst recht sein Sohn Ögedei erbauten in Karakorum eine Weltstadt, in der Westeuropäer und Chinesen, Muslime und Mongolen friedlich zusammenlebten. Interessante Hinweise auf den zivilisatorischen Fortschritt der Hauptstadt des wohl größten Reiches der Geschichte bieten zum Beispiel beheizte Betten gegen den strengen Steppenwinter oder wieder aufgefundene Reste eines fachmännisch verlegten Straßenpflasters, etwas, wovon das damalige Europa noch nicht einmal geträumt hat.

Dreizehnhundert Jahre zuvor machten sich die Helvetier auf den Weg aus der Schweiz an die Atlantikküste. Doch Caesar, der sich seine militärischen Lorbeeren noch verdienen wollte, um in Rom Politik machen zu können, nahm den Wanderungszug zum Anlaß, in das unabhängige Gallien im Stile heutiger Intenventionsarmeen einzufallen. Vor ihrem Abmarsch sollen die Helvetier laut Caesar ihre Städte, Dörfer und Bauernhöfe eingeäschert haben; doch diese Aussage läßt sich durch die Archäologie nicht bestätigen. Die Helvetier waren Kelten, doch ihre Siedlungsgeschichte läßt sich nur schwer fassen. Während Tacitus behauptet, die Helvetier hätten zuvor nördlich des Rheins [also im heutigen Süddeutschland] gewohnt, findet sich die erste namentliche Erwähnung auf einer Keramikschale aus Mantua in der Po-Ebene, hergestellt im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Caesar schickte die Helvetier, nachdem er sie um zwei Drittel dezimiert hatte, in die heutige Schweiz zurück, und die römischen Legionen nahmen das Land in Besitz. Einige überlebende helvetische Aristokraten konnten ihre Macht unter römischer Aufsicht behalten oder gar ausbauen; manche Clans besaßen einen großen Grundbesitz und damit die Macht über Land und Leute. Schon die Römer wußten also, wie man ein Land effektiv beherrscht. Nach Ende der innerrömischen Bürgerkriege errichtete dann Augustus eine feste Verwaltungsstruktur.

Mehr hierzu wie auch zu den Mongolen oder dem Dorfleben in Niedersachsen vor 5000 Jahren findet sich in Heft 3 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Zwei archäologische Wandervorschläge im Altmühltal und in Sachsen, sowie Aktuelles aus der Landesarchäologie vervollständigen das Heft, das wie üblich im gutsortierten Buch- und Zeitschriftenhandel oder im Abo beim Theiss Verlag in Stuttgart erhältlich ist. Das Heft kostet 9 Euro 95.

Abmoderation

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Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel oder Beatrice Kadel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 18. Februar 2005 aktualisiert.
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