Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Mai 2004 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
02.05.2004Ein Almanach mit Fehlern
09.05.2004Bayern München II
16.05.2004Zwangsumsiedlung
23.05.2004Pfahlbauten
30.05.2004Religion und Mythologie der Germanen
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2004.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Ein Almanach mit Fehlern
02.05.2004 *** Wdh. 04.05.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Zahlen sind trügerisch. Fußballergebnisse erst recht. Denn Nachschlagewerke erschlagen dich nicht nur in einem Wust von Zahlen und Namen, sondern enthalten wohldosiert den einen oder anderen kleinen Fehler. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt uns im folgenden Beitrag eine solche Zahlensammlung vor.

Beitrag Walter Kuhl

Am vergangenen Mittwoch lieferte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr neuestes Meisterstück ab. Das 1:5 in Rumänien ist jedoch keine Blamage, wie eine große südhessische Zeitung vermeldete. Diese Niederlage ist vielmehr sinnfälliger Ausdruck dafür, daß der deutschnationale Fußball endgültig ins Hintertreffen geraten ist. Es ist ja kein Zufall, daß ausgerechnet ein Fußballspiel in Bern 1954 zum Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland gehört. Nur – die sentimentale Kitschnostalgie interessiert im globalen Fußball keine und niemanden. Oder offensichtlich doch: aber nur noch im dumpfbackigen Deutschland. Dabei ist die Entwicklung im modernen Fußballspiel weitergegangen und ganz offensichtlich an Völlers Gurkentruppe vollkommen vorbei. Das ist auch nicht so tragisch, weil dann dem neuen deutschen Großmachtstreben die symbolträchtigen Helden fehlen werden. Das 1:5 stimmt daher auch hoffnungsfroh, bei der Europameisterschaft noch ein paar mehr Klatschen dieser Art zu erleben. Denn wer glaubte, nach der zufällig herbeigestolperten Vizeweltmeisterschaft vor zwei Jahren könnte der deutsche Fußball nach den Sternen greifen, hat wohl nur zuviel Bier konsumiert.

Die Gegner bei der EM haben es jedoch in sich: Holland und Tschechien besitzen keine Gurkentruppen. Doch schon 1980, zwei Jahre nach dem Debakel im argentinischen Cordoba gegen Österreich, standen sich in einer Vorrundengruppe die Bundesrepublik Deutschland, die Niederlande, die Tschechoslowakei und Griechenland gegenüber. Erstaunlicherweise wurden die Deutschen damals nicht nur Gruppensieger, sondern auch Europameister. Das wird sich diesmal jedoch sicher nicht wiederholen!

Für Freundinnen und Freunde der Statistik gibt es das passende Buch zur Europameisterschaft in Portugal. Matthias Kropp hat in seinem Fußball–EM Almanach alle Daten aller Europameisterschaften von 1960 bis 2000 zusammengetragen. Logisch, daß alle Ergebnisse mitsamt der Qualifikationsspiele enthalten sind. Doch die über 400 Seiten enthalten weitaus mehr: wer erhielt wann welche gelbe Karte, welcher Schiedsrichter pfiff welches Spiel, wie erging es dabei der DDR–Mannschaft und wer verschoß die Elfmeter? Bei soviel Zahlen fragt man und frau sich natürlich, ob den Angaben blindlings zu trauen ist. Die Antwort lautet: nicht immer.

Offensichtlich wurden beim Abschreiben einige kleine Flüchtigkeitsfehler eingebaut, manche davon sind geradezu verständlich. Bei der Qualifikation zur Europameisterschaft 1964 gab es nämlich eine handfeste Sensation. Luxemburg warf in zwei Spielen auf holländischem Boden die Niederlande aus dem Rennen; einem 1:1 in Amsterdam folgte ein 2:1 in Rotterdam. Das hat die Person, die das Buch gesetzt hat, offensichtlich nicht geglaubt und daraus einen holländischen Sieg gemacht. Doch beinahe hätte Luxemburg anschließend auch noch Dänemark rausgeworfen und wäre fast in der Endrunde mit damals noch vier Mannschaften gelandet.

Flüchtigkeitsfehler dieser Art finden sich leider auch an anderer Stelle, doch das sind Ausnahmen. Die Regel ist natürlich, daß die statistischen Angaben stimmen. Nur manchmal eben nicht. Insbesondere das deutsche Ausscheiden in der Qualifikation zur Europameisterschaft 1968 muß einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. In der scheinbar leichten Dreiergruppe besiegte man Albanien 6:0 und schied durch ein 0:0 in Tirana aus. Doch gegen die Jugoslawen verzeichnet der Almanach sowohl für das Hin– wie für das Rückspiel zwei verschiedene Ergebnisse. Eine Gegenkontrolle ist also manchmal nützlich.

Ich kann mich daher des Eindrucks nicht erwehren, daß der Verlag nur einmal prüfen wollte, ob auch tatsächlich jemand dieses Nachschlagewerk gründlich liest. Mit der gebotenen Vorsicht ist die Statistiksammlung von Matthias Kropp jedoch tatsächlich nützlich. Es heißt Fußball–EM Almanach 1960–2000 und ist in zweiter Auflage zum Preis von 15 Euro 30 im Agon Sportverlag erschienen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Bayern München II
09.05.2004 *** Wdh. 11.05.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Es soll sie ja geben, die Menschen, die weder wissen wollen, wer die Bayern sind, noch, warum man und frau ihnen die Lederhosen ausziehen soll. Für die anderen stellt Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte aus gegebenem Anlaß das passende Fan–Buch vor.

Beitrag Walter Kuhl

Unerträglich ist die Arroganz der Macht. Unerträglich sind auch Uli Hoeneß und seine Bayern. Doch das große Geschrei des Managers des Bundesligavereins ist keine Entgleisung eines durchgeknallten Emporkömmlings. Geschrei gehört zum Geschäft, wie wir ja nicht zuletzt aus der Werbebranche wissen: wer am lautesten schreit, meint, damit auch die größte Aufmerksamkeit zu erhalten. Und wie immer im Kapitalismus kommt es auf die Qualität des Produktes nicht an. So auch beim FC Bayern. Geradezu ein Genuß war es daher zuzuschauen, wie ein Denkmal vom neuen deutschen Fußballmeister Werder Bremen demontiert wurde.

Bayern München beherzigt nämlich seit Jahren das Gesetz des Marktes: Geld kauft Erfolg und deshalb kaufen die Bayern den deutschen Spielermarkt leer. Denn Konkurrenz darf es nicht geben; doch – wie wir jetzt ausnahmsweise gesehen haben – kann Geld den Erfolg nicht erzwingen. Da freut sich dann der echte Bayern–Hasser und auch die echte Bayern–Hasserin. Und so erschallt es nicht nur in den Fußballstadien ganz zurecht: Zieht den Bayern die Lederhosen aus!

Torsten Geiling und Niclas Müller haben in ihrem vor anderthalb Jahren bei Eichborn erschienenen Büchlein zur Unterfütterung die passenden Beispiele zusammengestellt. Die schönsten Niederlagen, die schönsten Gegentore, und vor allem die genialste Einwechslung der Welt, geschehen am 26. Mai 1999 in Barcelona. Der eingewechselte Thorsten Fink ermöglichte Manchester United den Sieg in der Champions League. Ein Fest für alle Bayern–HasserInnen. Nun ist Haß keine positive Eigenschaft, vielleicht wäre hier Schadenfreude angebrachter. Denn die Bayern und auch ihre Fans sind schon etwas ganz besonderes. Wer sich mit einem dauererfolgreichen Club identifiziert, hat offensichtlich ein Problem. Die beiden Autoren versuchen, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, und schreiben:

Wieso wird man Bayern–Fan? Die Frage macht uns ratlos, die Zahlen betroffen: Mehr als 90.000 Mitglieder und rund 1800 Fanclubs mit 120.000 Bayern–Anhängern hat der unsympathischste Fußballklub der Welt. Doch es kommt noch schlimmer: In einer Studie [...] gaben 13,2 Millionen Deutsche an, Fußballfan zu sein; 4,1 Millionen bekannten sich zum FC Bayern.
[...] Diese [...] Zahlen beruhen allerdings auf einem Irrtum. Die große Mehrzahl der Menschen, die sich zum FC Bayern bekennen, sind keine Fans, sondern Fernseh– und Show–Konsumenten. Für sie ist Bayern die erste Wahl, weil das Produkt ihre oberflächlichen Bedürfnisse am besten befriedigt. [...]
In der Mehrzahl der Fälle ist es eine billige, leidenschaftslose und charakterschwache Entscheidung, die Bayern zu seinem Lieblingsklub zu küren. Sie kostet vielleicht ein paar Euro jährlich für die neuesten [...] Trikots, für die Bayern–Bettwäsche und für die Schirmmütze, vielleicht auch für den Bayern–Haussender Premiere. Aber sie kostet keine Mühe, keine Schmerzen, keine Hingabe. Ein typischer Bayern–Fan kennt nicht das Gefühl der Verzweiflung, wenn sein Klub mit dem Rücken zur Wand steht. [...]
Der Bayern–Fan liebt die Bequemlichkeit. Er darf sich sicher sein, rundum versorgt zu werden – mit Klatsch, Stars und Trophäen. Wer sich für den FCB entscheidet, wählt den Weg des geringsten Widerstandes. Er scheut das Risiko, enttäuscht zu werden, und hasst es zu verlieren. Kinder, die nach einer verlorenen Partie Mensch, ärgere dich nicht! wutentbrannt das Spielbrett vom Tisch fegen, werden Kunden der Bayern. [Seite 113–114]
Wenn es einmal schlecht läuft für den FCB, dann mutieren seine Fernsehfans zu kleinen Hoenessen und Kahns. Eine Niederlage empfinden sie als Beleidigung, die sich am Ende rächen wird. Der Bayern–Fan fühlt sich überlegen. Er kopiert die Arroganz seines Lieblingsvereins.

Oder er versucht es zumindest. Dazu paßt dann, daß die wenigen wirklich leidenschaftlichen Fans von der Vereinsführung um Kaiser und Hoeneß wie der letzte Dreck behandelt werden. Offensichtlich ist dies – Arroganz gepaart mit Selbstverarschung – dann auch das Leitbild der Deutschland AG, verkörpert durch einen mit Stoiber verbandelten Klub aus München. Daher: Zieht den Bayern die Lederhosen aus! Den echten und auch ihren Nacheiferern. Das Buch von Torsten Geiling und Niclas Müller ist bei Eichborn erschienen und kostet 7 Euro 95.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Zwangsumsiedlung
16.05.2004 *** Wdh. 18.05.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Wenn Honoratioren von Weltoffenheit reden, sollten wir hellhörig werden. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte kann uns hierzu Neues aus Darmstadts sächsischer Schwesterstadt Freiberg erzählen.

Beitrag Walter Kuhl

Vor zwei Monaten berichtete ich an dieser Stelle über eine Initiative gegen Extremismus in Darmstadts sächsischer Schwesterstadt Freiberg. Diese Initiative wurde von den Honoratiorinnen und Honoratioren aus Stadt und Landkreis gegründet, um rechts– und linksextremistische Umtriebe zurückzudrängen. Denn Freiberg ist eine weltoffene Stadt, welche die dringend herbeigesehnten Investoren nicht verschrecken möchte. Das Image ist alles, die konkrete Wirklichkeit zählt nichts.

Als wenn es eines Beweises bedurft hätte, worum es tatsächlich geht, haben die ehrenwerten Männer und Frauen der Stadt Ende April das am Freiberger Bahnhof gelegene Asylbewerberheim räumen lassen. Den Beschluß hierzu hatte der Kreistag schon im Januar gefaßt, übrigens auch mit den Stimmen der PDS. Doch erst wenige Tage vor der Zwangsumsiedlung wurden die Menschen über diesen Verwaltungsakt im Heim informiert. Die Betroffenen protestierten, demonstrierten und gingen in einen Hungerstreik. Und wie reagierte die weltoffene Stadt? Na, wie wohl?

Die zuständigen Behörden drohten den Betroffenen mit Strafen und zogen ihr Umsiedlungsprogramm eiskalt durch. Persönliche Schicksale oder Erkrankungen wurden erst gar nicht wahrgenommen, denn man sperrte mehrere Personen in einem Zimmer zusammen. Hatte im alten Asylbewerberheim noch jedes Zimmer einen Sanitärtrakt, so steht nach dem Umzug nur noch eine Dusche und eine Toilette pro Etage zur Verfügung. Das reicht ja auch, denn schließlich gilt es auch in der weltoffenen Stadt Freiberg, die von dieser deutschen Rohheit betroffenen Menschen zur Rückkehr dorthin zu bewegen, woher sie aus gutem Grund gekommen sind.

Noch schlimmer sind diejenigen dran, die ins 20 Kilometer entfernte Helbigsdorf zwangsumgesiedelt wurden. Denn eine Busfahrt nach Freiberg können sie sich natürlich nicht leisten. So fördert die weltoffene Politik von Darmstadts Schwesterstadt Frustration, Isolation und Aggression ganz bewußt und gezielt. Wenn beim bekannt großen Leerstand von Wohnungen in Freiberg keine und niemand auf die Idee kam, diese Wohnungen zu nutzen, um die Gäste der Stadt unterzubringen, wie dies beispielsweise in Zwickau praktiziert wurde, dann ahnen wir, daß die vielbeschworene Weltoffenheit nicht mehr als ein Marketinggag sein kann.

Hingegen dürfen in derselben weltoffenen Stadt Neonazis in aller Öffentlichkeit für sich und ihr rassistisches Volkstum werben. In Freibergs Fußgängerzone konnte sich die NPD Mitte April ungehindert tummeln; nur als der US–amerikanische Botschafter vorbeischaute, tauschte man die Neonazis gegen eine Verkaufsbar mit Volkskunst aus dem Erzgebirge aus. Freibergs alternative Zeitung, der FreibÄrger, fragte daraufhin beim Honoratiorenverein, dieser Initiative gegen Extremismus, nach, was dieser gegen derartige rechtsextreme Umtriebe zu tun gedenke.

Ihr ahnt es schon – nichts. Die Honoratioren waren sich wohl zu fein, diese ja nun wirklich dreiste Anfrage zu antworten. Denn was nicht ruchbar wird, kann auch das Image nicht schädigen. Das Schweigen im Wald ist also besser als das Reden über unhaltbare Zustände, an denen man und frau normalerweise tatkräftig mitwirkt. Denn während ich noch diese Zeilen schreibe, erreicht mich ein weiterer Beweis der Weltoffenheit einer sächsischen Kleinstadt.

Das Sozialamt des Landkreises Freiberg kontrolliert seit Anfang letzter Woche verstärkt Sozialhilfeempfängerinnen und –empfänger. Wenn die Denunziation nicht ausreicht, dann muß das Sozialamt selbst herumschnüffeln, um sog. "Mißbrauch" von Sozialleistungen festzustellen. Frei nach dem Prinzip der Umkehr der Beweislast muß nicht etwa die Behörde den Mißbrauch nachweisen. Im Gegenteil: alle von der Schnüffelei Betroffenen müssen ihre Wohnungen – natürlich ganz freiwillig – öffnen und den gläsernen Menschen mimen. Wer nicht freiwillig mitspielt, dem wird die Sozialleistung dann eben gestrichen. Das ist die wahre Freiheit des Kapitals.

Denn wo die Mittel knapper werden, sind Bürokratinnen und Politiker noch nie um Schikanen, Unterstellungen und populistische Maßnahmen verlegen gewesen. Wer Neonazis in der Stadt duldet und wo selbige sich aufgehoben fühlen, sind Denunziation und Heuchelei nicht weit.

Ist das Freiberg? Nun, auch in Freiberg gibt es aufrechte und politisch denkende Menschen, welche sich diese Zustände nicht gefallen lassen wollen. Vieles von dem, was diese – vor allem jungen – Menschen bewegt, ist in Freibergs alternativer Zeitung, dem FreibÄrger, nachzulesen. Das Internet bietet die Plattform; vielleicht auch für einen alternativen Gedankenaustausch zwischen der größeren westdeutschen und der kleineren ostdeutschen Schwesterstadt. Den FreibÄrger (ein hintersinniges Wortspiel mit den Bestandteilen Freiberg und Ärger) findet ihr übrigens im Internet unter www.freibaerger.de.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Beitrag 4
23.05.2004 *** Wdh. 25.05.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Vor 150 Jahren wurden 1854 erstmals Pfahlbauten am Zürichsee entdeckt. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte gibt im folgenden Beitrag einen Einblick in den heutigen Forschungsstand.

Beitrag Walter Kuhl

Den Pfahlbausiedlungen im Alpenvorland ist weniger ihre Bauweise gemeinsam als vielmehr ihre Lage an feuchten und überfluteten Uferzonen. So spricht die heutige Forschung auch eher von Feuchtbodensiedlungen, denn sie finden sich an Seeufern und in Mooren. Bei den benutzten Pfählen handelt es sich um Fundamentkonstruktionen, die das Einsinken der Häuser in den weichen Untergrund verhinderten – eine Technik, die übrigens auch beim Darmstädter Schloß oder in weiten Teilen Amsterdams und Venedigs verwendet wurde. Das hierbei benutzte Eichenholz ist in feuchter Umgebung besonders haltbar.

In den vergangenen 150 Jahren hat es mehrere Rekonstruktionsversuche derartiger Pfahlbauten gegeben. Eine der bekanntesten ist das 1922 gegründete Museum Unteruhldingen am Bodensee. Je nach Wissensstand und Weltbild wurden und werden verschiedene Interpretationen der Vergangenheit gezeigt. In Unteruhldingen kann man und frau somit nicht nur eine 6000 Jahre zurück liegende Lebensweise betrachten, sondern sich zugleich mit ideologisch gefärbten Deutungsmustern beschäftigen. Wie in vielen Bereichen der Archäologie hat sich unser Wissen auch hier in den letzten 25 Jahren entscheidend verbessert.

Siedlungen dieser Art am Seeufer und in Moorgebieten bestanden mehrere tausend Jahre lang. Dabei handelte es sich um kleinere Weiler, aber auch um richtig gehende Dörfer, die von Palisaden umgeben waren, einem strikt durchgehaltenen Plan folgten und von mehreren hundert Menschen bewohnt wurden. Daraus ergeben sich Fragen im Verhältnis zum Hinterland. Lagen die Siedlungszentren außerhalb der Seengebiete? Wurden diese Siedlungen nur in Phasen hoher Bevölkerungsdichte bewohnt? Interessant ist nämlich, daß diese Siedlungen auch dann, wenn sie nicht überflutet wurden oder abbrannten, nur zehn bis 80 Jahre Bestand hatten. Anschließend entschied man und frau sich – wohl weil die verwendeten Bauhölzer ausgingen – zu einem kompletten Neubau an anderer Stelle, wobei günstige Siedlungsplätze im Laufe der Zeit gerne wieder verwendet worden sind. Die Menschen lebten von Ackerbau und Viehzucht, sie fischten und handelten. Und es ist nicht einmal so, daß sie richtig seßhaft waren. So verrät ein Keramikfund in einer Schweizer Seeufersiedlung, daß offensichtlich eine Frau aus dem Osten des heutigen Österreich zugezogen ist und eine spezielle Technik der Keramikherstellung mitgebracht haben muß.

Neues von den Pfahlbauern – so lautet der Schwerpunkt des soeben erschienenen Heftes der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Weitere Artikel stellen einen Grabfund aus Trossingen vor, der eine vollständig erhaltene Leier aus dem 6. Jahrhundert enthielt, sowie Felsmalereien aus Südafrika. In Forchheim ist eine Ausstellung zur Geschichte Frankens zu sehen, in Trient eine weitere zu Machtstrukturen und deren Symbolik zwischen Donau und Norditalien. Und schließlich wird das archäologische Freilichtmuseum im thüringischen Dorf Westgreußen vorgestellt.

Das aktuelle Heft 3 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland ist im gutsortierten Buch– und Zeitschriftenhandel zum Preis von 9 Euro 95 erhältlich oder im Abonnement über den Konrad Theiss Verlag in Stuttgart.

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Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Religion und Mythologie der Germanen
30.05.2004 *** Wdh. 02.06.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Kann man heute ein Buch über die Religion der Germanen schreiben, ohne auf völkische oder andere ideologische Konzepte zurückzugreifen? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat ein solches Buch gelesen und stellt es im folgenden Beitrag vor.

Beitrag Walter Kuhl

Wer sich mit der Religion und der Mythologie der Germanen beschäftigt, wird zwangsläufig mit ideologischen und politisch motivierten Ansichten oder mythischen Verklärungen konfrontiert. Von Richard Wagner über die Nationalsozialisten bis zu heutigen Neuheiden und esoterischen Strömungen reicht das weite Feld der Instrumentalisierung und Propagierung germanentümelnden Unsinns. Dennoch ist die wissenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit den Germanen und ihrer Götterwelt keineswegs unmöglich, wie das im Theiss Verlag erschienene Buch von Rudolf Simek über die Religion und Mythologie der Germanen beweist.

Religion und Mythologie der Germanen Nun fragt man und frau sich vielleicht, warum der Autor seine Darstellung ausgerechnet in der Jungsteinzeit mit der Megalithkultur beginnen läßt. Der Autor ist sich jedoch darüber im Klaren, daß das, was später die religiösen Vorstellungen der Germanen werden sollten, eine Vorgeschichte hat. Zwar kann man und frau kaum ernsthaft von Germanen oder gar von Urgermanen vor der älteren Eisenzeit, also etwa 400 vor unserer Zeitrechnung sprechen. Dafür sind die historischen Entstehungsbedingungen von dem, was wir neuzeitlich Völker nennen, einfach nicht geeignet.

Und doch lebten in Nord– und Westeuropa schon vor Tausenden von Jahren Menschen, deren Spuren wir beispielsweise in Megalithgräbern wiederfinden und die wir archäologisch und religionsgeschichtlich deuten können, zumindest in Ansätzen. Wenn wir weiter davon ausgehen, daß wir kaum über zuverlässige Quellen aus der frühgermanischen Zeit verfügen, dann scheint es durchaus sinnvoll, diesen Zeitraum und die dort entwickelten religiösen und mythologischen Vorstellungen von zwei Seiten einzugrenzen. Denn nachweisen läßt sich durchaus eine gewisse Kontinuität religiös besetzter Orte oder Praktiken, etwa von Begräbnissitten.

Die zweite Eingrenzung nimmt Rudolf Simek mit der Zeit der Wikinger vor. Zwar ist auch hier die Quellenlage nicht unproblematisch, da die Aufzeichnungen nach der Christianisierung Skandinaviens lückenhaft oder fehlerhaft sein können. Aber wir haben, etwa mit der Edda–Dichtung oder Überlieferungen christlicher Mission, einige Anhaltspunkte, an die wir anknüpfen können, um die Vorstellungen der Germanen des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung zu fassen zu bekommen. Doch warnt der Autor eindringlich vor der unkritischen Übernahme vorhandener Überlieferungen, gerade der Edda des isländischen Autors Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert. Rudolf Simek sieht in dieser Edda nicht etwa eine Quellensammlung, sondern eher eine erste germanische Religionsgeschichte.

Der Autor belegt gut nachvollziehbar die Entwicklungen innerhalb der germanischen Mythologie und Religion. Er zeigt die Unterschiede der Vorstellungen zur Römerzeit zu denen der Wikinger auf und macht damit deutlich, daß wir überhaupt nicht von der germanischen Religion sprechen können. Angesichts dessen, daß innerhalb der germanischen Vorstellung mehrere Grabbräuche zulässig waren, also Ganzkörper– und Brandbestattungen, Hügelgräber oder Schiffssetzungen, stellt sich schon die Frage, ob wir zumindest vor einer späten Systematisierung der Götterwelt nicht von mehreren parallel existierenden Religionen sprechen müssen, zumal in einem solch weitläufigen Gebiet.

Rudolf Simek führt uns ausführlich in die germanische Götterwelt ein – auch hier in kritischer Reflektion der archäologischen und literarischen Quellenlage. So erfahren wir, daß die niedlichen Elfen eine literarische Erfindung der Neuzeit sind, während ihr Charakter in heidnischer Zeit nicht genau ausgemacht werden kann. Auch sind Details germanischer Kosmologie, etwa der Weltenbaum Yggdrasil, spätere Rekonstruktionsversuche, nicht etwa erwiesene germanische Mythologien. Der Autor führt uns dafür durch die Spuren einer spannenden Vorstellungswelt, soweit sie wissenschaftlich erfahrbar gemacht werden konnte. Hierzu gehört ein langes Kapitel über das, was wir aus bekannten Opferplätzen erschließen können. Hierauf baut ein ebenso langes Kapitel über die germanische Götterwelt, vielleicht besser: die verschiedenen Götterwelten, auf. Dabei vergißt der Autor nicht, daß zwischen herrschender und zum Teil schriftlich erfaßter Vorstellung und einem Volksglauben durchaus Differenzen bestehen können. Jenseitsvorstellungen, magische Rituale und die Geschichte der Christianisierung der germanischen Gebiete vervollständigen ein Buch, das sehr klar zwischen Beweisbarem und Unbewiesenem zu unterscheiden weiß.

Wer sich wirklich ernsthaft mit den Germanen, ihren Gottes- und Jenseitsvorstellungen, ihrer Religion und Geschichte, auseinandersetzen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Rudolf Simeks Religion und Mythologie der Germanen ist bei Theiss erschienen und kostet 29 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Lena Switalla (Mittwoch)
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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2005 aktualisiert.
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