Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Mai 2005 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
01.05.20051. Mai
08.05.200527. Automobilausstellung
15.05.2005Villen
22.05.2005Sachsen
29.05.2005Ethik für Anfänger
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2005.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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1. Mai
01.05.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Erster Mai – Baden gehen oder baden gehen? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte mit einigen Gedanken zum Tag der Arbeit.

Beitrag Walter Kuhl

Ende des 19. Jahrhunderts war er noch nicht selbstverständlich – der Maifeiertag. In Zeiten, wo jede Regung der Arbeiterklasse als Bedrohung des Staates aufgefaßt wurde, mußte er erst noch erkämpft und durchgesetzt werden. Er war ein ganz normaler Arbeitstag und es bedurfte vieler Streiks und Demonstrationen, um das Recht auf eigene Organisierung zu erkämpfen. Der Maifeiertag hatte eine politische Bedeutung, die wir heute nicht mehr ermessen können.

Rosa Luxemburg wies schon damals zurecht darauf hin, daß in Ländern mit einem ausgeprägten Mangel an politischen Freiheiten, wie im deutschen und österreichischen Kaiserreich oder im zaristischen Rußland und Polen, der Maifeiertag eine besondere Bedeutung besaß. Hier wurde die Forderung nach dem Achtstundentag, dem allgemeinen Wahlrecht, der Versammlungs– und Pressefreiheit von Hunderttausenden erhoben. Der internationale Charakter dieses Tages verkündete eine Solidarität, die im Ersten Weltkrieg unter tatkräftiger Mithilfe von Sozialdemokraten und Gewerkschaften zerrann.

Die Nationalsozialisten erkannten die besondere Bedeutung des Tages. Sie entpolitisierten ihn, indem sie ihn zum offiziellen Feiertag erhoben. Und sie veränderten seinen Sinn, indem sie ihn zum Tag des völkischen Arbeitsethos erhoben, zum Tag der Arbeit. Sie kamen damit jedoch auch einer jahrzehntelangen Forderung nach, der Arbeiterklasse an ihrem Feiertag arbeitsfrei zu geben. Allerdings war hierzu die Zerschlagung der Arbeiterbewegung vonnöten.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, erscheint dieser Feiertag seltsam inhaltsleer. Weder müssen politische Freiheiten erkämpft werden noch gilt der Maifeiertag als Bedrohung der Wirtschaft und ihres Staates. Längst ist er ein normaler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens geworden. Nur wenige Traditionalistinnen und Traditionalisten versammeln sich noch zu einer gemeinsamen Kundgebung oder gar Demonstration. Der Maifeiertag ist ein Relikt einer vergangenen Zeit. Aber seine ursprüngliche Bedeutung ist deshalb nicht verschwunden; wir müssen sie allerdings wiedersuchen und auf eine völlig neue Weise beleben.

Der Siegeszug des Kapitalismus erscheint unaufhaltsam. Sozialdemokraten und Gewerkschafterinnen helfen dem nimmersatten Kapital dabei, Niedriglöhne zu etablieren, Arbeitslose zu verwalten und der Standortfrage den Stellnewert eines Menschenrechts zu geben. Franz Münteferings Warnung vor der wachsenden Macht des Kapitals ist albern. So als wäre ihm nach Jahren der solidarischen Unterstützung genau dieses Kapitals auf einmal aufgegangen, daß die kapitalistische Ökonomie unsozial sei. Natürlich ist sie das. Aber waren es nicht Sozialdemokraten wie er – Franz Müntefering –, die dabei tatkräftig mitgeholfen haben? Was anderes als unsozial sind denn Agenda 2010 und Hartz IV, für die ja schließlich auch Darmstadts zukünftiger Oberbürgermeister Walter Hoffmann im Bundestag gestimmt hat?

Demonstrationen vom Gewerkschaftshaus, Kundgebungen auf dem Friedensplatz, geselliges Beisammensein auf der Schloßbastion – all dies ändert nicht das Geringste am bestehenden Zustand. Es wird ein bißchen geklagt und lamentiert, vielleicht kommt sogar das eine oder andere kämpferische Wort zum Vorschein. Und dann? Morgen geht die Mühle wie gehabt weiter. Business as usual.

Dabei ist die Botschaft der neoliberalen Offensive doch klar: die Durchkapitalisierung der gesamten Gesellschaft auf der Grundlage betriebswirtschaftlicher Rechnung. Was sich nicht verwertet, wird abgeschafft. Dabei werden die Poren des Arbeitstages ins Unerträgliche gefüllt. Uns wird die Luft zum Nachdenken und zur Gegenwehr genommen. Wo wir überfordert sind, schlagen wir verzweifelt um uns. Der alltägliche Druck, die Arbeitshetze, die Überforderung, die fehlende Zeit, die Vereinzelung und Monotonie – all dies macht aus uns Zombies, die abends nicht mehr wissen, warum sie morgens eigentlich aufgestanden sind.

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, daß wir uns weniger um den Standort des Kapitals kümmern würden, als um uns selbst. Vielleicht sollten wir einfach mal damit anfangen, das zu tun, was ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts einmal verkündet hat: bieten wir doch einfach unsere Arbeitskraft in mittlerer Güte an und schauen mal, ob die Herren Kapitalisten und ihre politischen Lakaien in ihrer mittleren Güte bereit sind nachzugeben.

Wir können natürlich heute auch einfach Baden gehen, um dann irgendwann festzustellen, daß wir mangels Gegenwehr und solidarischen Handeln … baden gehen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag)
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27. Automobilausstellung
08.05.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Dieses Wochenende findet in der Darmstädter Fußgängerzone zum 27. Mal die jährliche Automobilausstellung statt. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat hierzu in seinem Archiv einen immer noch aktuellen Text gefunden.

Beitrag Walter Kuhl

Das Automobil – eine Droge, die stinkt, lärmt und tötet, so lautete die Überschrift eines Flugblatts der Darmstädter StadtpiratInnen und der BUNDjugend zur 20. Auflage der Automobilausstellung im Jahr 1998. Vor etwa zehn Jahren gab es in Darmstadt noch eine Szene junger Menschen, die den Wahnsinn, für ein Mordinstrument öffentlich zu werben, kritisierten und anprangerten.

Sie unterbrachen beispielsweise den Darmstädter Oberbürgermeister Peter Benz bei seinem Grußwort und sie feierten mitten in der Einkaufspassage eine Beachparty. Durch den Klimakiller Automobil, so argumentierten sie, erwärme sich das Klima so sehr, daß das Ufer der Nordsee an den Luisenplatz grenzen werde. Was lag also näher, als sich dort an den Strand zu legen? Man und frau lud Sand ab, stellte ein paar Liegestühle und Sonnenschirme auf, und legte sich mitten im Einkaufstrubel an den Badestrand.

1998 wurde eine öffentliche Sprengung der Ausstellung angekündigt, und Polizei und Staatsanwaltschaft vorsorglich davon in Kenntnis gesetzt. Denn der Darmstädter Umweltaktivist Bastian Ripper war wegen einer ähnlichen Aktion, dem Sprengen von Bahngleisen an der Zufahrt zum AKW Biblis mit einer Gießkanne, tatsächlich von einem Darmstädter Gericht verurteilt worden. Was glaubt ihr, wie allergisch die Automobilbranche reagiert, wenn ihre kostbaren Gefährte mit einer Gießkanne gesprengt werden? Sie werden ziemlich rabiat. Denn das Automobil ist nicht zuletzt das Statussymbol aggressiver Verkehrsrowdies, also ganz normaler Männer und manchmal auch Frauen.

Ich zitiere aus dem 1998 in der Fußgängerzone verteilten Flugblatt:

Auch dieses Jahr findet Oberbürgermeister Peter Benz freundliche Worte für einen Klimakiller und Totengräber.
Aus gegebenem Anlaß stellen wir fest:
  • Jedes Jahr werden allein in der Bundesrepublik etwa 10.000 Menschen im Straßenverkehr getötet.
  • Alkoholismus ist eine gesellschaftlich akzeptierte Erscheinung – aber Alkohol am Steuer ist neben Raserei die zweithäufigste Unfallursache mit Personenschäden; es gibt eben harte Drogen, die in dieser Gesellschaft erwünscht und erlaubt sind: Alk und Autos.
  • Um ein einziges Automobil herzustellen, werden etwa 20 Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen. Von den Emissionen im laufenden Betrieb einmal ganz zu schweigen …
Autofahrerinnen und Autofahrer erweisen sich zudem immer wieder als asozial; sie nehmen Fußgängern und Radfahrerinnen mutwillig die Vorfahrt, sie parken direkt vor der Stammkneipe auf Rad– und Fußwegen, sie gefährden bewußt andere, wenn sie bei ROT über die Straße brettern. Wollten wir jeden dieser Fälle anzeigen und bekämen nur 10% des Bußgeldes als Prämie, wir würden stinkreich werden.
Autos sind eine Gefahr für Mensch und Umwelt. Sie lärmen, sie verpesten die Luft, sie verletzen und töten. Hiergegen fordern wir vom Darmstädter Magistrat umgehend eine Gefahrenabwehrverordnung! Herr Knechtel, werden sie tätig! Sofort!
Warum fördert die Stadt Darmstadt eine Veranstaltung, die trotz all dieser bekannten Tatsachen in einer Fußgängerzone (!) stattfindet? Warum ist die Stadt Darmstadt so scheinheilig und geht gegen Drogenhändler auf dem Luisenplatz vor und fördert einige Meter weiter aktiv den Drogenhandel mit teuren Luxuskarossen selbst?

So fragten die Darmstädter StadtpiratInnen und die BUNDjugend in einem Flugblatt zur 20. Automobilausstellung in der Wilhelminenstraße im Mai 1998. Kaum zu glauben, aber wahr ist, daß die Darmstädter Grünen 1996 bei der 18. Auflage der Drogenwerbeshow ein generelles Verbot von Automobilausstellungen in der Wilhelminenstraße gefordert haben. "Nach Ansicht der Grünen müsse in den Vordergrund gestellt werden, daß Autofahren die Umwelt und die Gesundheit der Menschen schädige", schrieb hierzu das Darmstädter Echo. Damals waren die Grünen in der Opposition. Und in der Opposition erinnert sich die Umweltpartei zuweilen an ihre ökologischen Wurzeln. Natürlich hatte sie ihre Forderung ein Jahr später wieder vergessen, als sie mit der SPD die zweite rot–grüne Koalition einging. Wirtschaftsförderung ist eben wichtiger als Umwelt– oder gar Menschenschutz.

Dieses Jahr hingegen gibt es weder Proteste noch grüne Alibiforderungen. Dieses Jahr fällt die Automobilausstellung einfach ins Wasser. Sehr schön.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag)
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Villen
15.05.2005 *** Wdh. 17.05.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Darmstadt ist nicht nur eine Wissenschaftsstadt, sondern auch eine Stadt für gehobene Lebensentwürfe. Die Oetinger Villa in der Kranichsteiner Straße soll standesgemäß bewohnt werden. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat sich hierzu einige Gedanken gemacht.

Beitrag Walter Kuhl

Das enfant terrible der Grünen, der altgewordene Jugendliche Jürgen Barth, hat es auf den Punkt gebracht: Seine Partei beschäftige sich nur noch mit Nobelentscheidungen. Die Probleme der durch die neoliberale soziale Demontage Ausgegrenzten interessieren seine Partei eher nicht. Die Grünen setzen auf Wellness, auf abgehobene Kongresse, auf Schöner Wohnen und ein gediegenes Ambiente. Beispiele gefällig?

Das Zentralbad soll nicht einfach nur saniert werden, nein, es soll richtig prunkvoll ausgebaut werden. 18 Millionen Euro, woher auch immer sie stammen mögen, werden dafür verwendet, dem noch zu erbauenden Kongreßzentrum das angemessene Entspannungszentrum zur Seite zu stellen. Schon werden Eintrittspreise von 5 Euro 50 für zwei Stunden Wellness genannt, doch ob es dabei bleiben wird? Derzeit kostet eine Runde Schwimmen nicht einmal ein Drittel dieses Preises und ist deshalb auch für sozial weniger Betuchte kein Luxus. Das wird sich ändern. Bei derartigen Eintrittspreisen darf die Darmstädter Hartz–Klientel zu Hause bleiben. So bleiben die Nutznießer grüner Wellness–Politik unter sich und dürfen sich unbelästigt von Armut wohlfühlen.

Darmstadts Kongreßzentrum ist nicht einfach nur ein Kongreßzentrum. Nein, in Darmstadt legt man Wert auf die richtige Einstellung. Und so wird der Wissenschaftstempel nach dem in Wixhausen künstlich und teuer subventionierten chemischen Element 110 benannt; allein, dieses Element ist so flüchtig wie der Ruhm der Stadt. Bezeichnend ist die Diskussion um den Namen – Darmstadtium; und anstatt den Sinn eines solch teuren Nobelbaus in Frage zu stellen, macht man und frau sich lustig über die Namensgebung. Dabei gehört das eine zum anderen; und auch hier fragt man und frau sich: woher und von wem nimmt die Stadt diesen zweistelligen Millionenbetrag? Bauvereinschef Hans–Jürgen Braun spricht von 77 Millionen Euro.

Daß zum Kongreßzentrum ein Kongreßhotel gehört, das nicht nur zusätzlichen Verkehr in die Stadt lockt, sondern gleichzeitig innerstädtische Grünflächen zerstört, sei nur nebenbei bemerkt. So etwas nennen Grüne garantiert nachhaltige Stadtökologie. Der öffentliche Raum wird auch hier verscherbelt; was übrig bleibt, sind ein paar kümmerliche grüne Brosamen für die Habenichtse dieser Stadt.

Die Nordostumgehung wird jetzt doch in einem Tunnel versteckt. Warum nur? Klar – die Menschen an der Nordostumgehung [Kosten: über 60 Millionen Euro] gehören zu den Betuchteren dieser Stadt und möchten nicht mit demselben Lärm und Gestank belästigt werden, der in anderen Stadtvierteln und an anderen Ausfallstraßen selbstverständlich als zumutbar erscheint. Demokratie ist eben, wer den dickeren Geldbeutel hat. Glaubt ihr nicht? Ok, dann erklärt mir dies. In Darmstadt gibt es eine ewig lange Warteliste für preiswerten städtischen Wohnraum; und was macht der stadteigene Bauverein?

Er baut Luxuswohnungen. Weil – die fehlen garantiert massenhaft. Auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Loos im Steinbergviertel werden 26 Einfamilienhäuser gebaut; Stückpreis mindestens eine halbe Million Euro. Bauvereinschef Hans-Jürgen Braun verkündete stolz, hier entstehe ein "hochqualitatives und exklusives" Wohngebiet. Sagt es mir, wenn ich mich täusche, aber nach meinen Informationen ist Braun Mitglied der Grünen. Da paßt es, wenn die Nassauische Heimstätte im Edelsteinviertel sechs Einfamilienhäuser der Premium–Klasse baut. Natürlich mit allem Schnickschnack – zum Beispiel Feng Shui. Wirkt zwar nicht, läßt sich aber prima und vor allem teuer verkaufen. Naja, wer sich für Blödsinn das Geld aus der Tasche ziehen läßt, muß genügend davon haben. Die Warteschlange für Sozialwohnungen wächst derweil weiter.

Und dann gibt es noch die Oetinger Villa. Haben sich doch Jugendliche aus dem Martinsviertel und aus Kranichstein erdreistet, in eine Villa einzuziehen! Villen gehören jedoch den Reichen und ihrer kulturellen Klientel vorbehalten. Deshalb ist es nur angemessen, wenn das Deutsche Polen–Institut eine standesgemäße Villa erhält, und die Jugendlichen, ja die Jugendlichen, die bekommen halt nichts. Hätten sie halt mal gewählt und den Wahlkampf ihrer Wahlpartei entsprechend finanziell unterstützt. Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, darf von außen einen sehnsüchtigen Blick auf die luxuriös ausgestatteten Räume werfen. Und was kostet uns dieser Spaß? Nun, so zwei Millionen kommen für Umbau und Umzug bestimmt zusammen. Mindestens.

Seltsam nur, daß dieses Geld für die Jugendkultur in der Oetinger Villa nie vorhanden war. Dort wurde geknausert, wo es nur ging. Daß die Jugendlichen sich beschweren, man habe sie nicht in den Entscheidungsprozeß einbezogen, ist töricht. Seit wann werden die Habenichtse in den exklusiven Kreis der Reichen und Mächtigen und ihrer politischen Entscheidungsträger und –trägerinnen vorgelassen? Verschaukelt zu werden, gehört genauso dazu, wie nachher auf der Straße zu sitzen. Ein nettes Abschiedsgeschenk, was uns Peter Benz hier hinterlassen hat. Klaus Feuchtingers öffentliches Eintreten für die Jugendlichen ist nobel, aber grüne Augenwischerei.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Simon Hülsbömer (Dienstag)
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Beitrag 4
22.05.2005 *** Wdh. 24.05.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Warum Sachsen nicht in Sachsen wohnten und statt dessen lieber nach England ruderten, das verrät uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte im folgenden Beitrag.

Beitrag Walter Kuhl

Für die Römer waren sie einfach nur Piraten. Sächsische Schiffe befuhren die Küsten Britanniens und Galliens, und natürlich ließen es sich die mit einem – Sax genannten – Hiebschwert bewaffneten Krieger nicht nehmen, die Küstenregionen zu plündern. Die Römer richteten daher schon im 2. Jahrhundert beidseits des Kanals ein Verteidigungssystem ein, um vor derartigen Überraschungen frühzeitig gewarnt zu sein.

Vermutlich entstand in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung zwischen Weser und der dänischen Nordseeküste ein lockerer Bund benachbarter Stämme, der später als Sachsen bekannt wurde. Die früheste als sicher geltende Bennung dieses Namens stammt allerdings erst aus dem 4. Jahrhundert, zu einem Zeitpunkt, als sich verschiedenste germanische Stämme auf die sogenannte Völkerwanderung aufgemacht hatten. Die Sachsen hingegen blieben relativ bodenständig. Sie vergrößerten zwar das von ihnen besiedelte Gebiet Richtung Westfalen und Thüringen, scheinen jedoch rund ein Jahrtausend lang mehr oder weniger dieselbe Region bewohnt zu haben. Erst als die Römer im 5. Jahrhundert Britannien räumten, siedelten sich hier sächsische Bäuerinnen und Krieger an. Für solche Fälle gibt es die allseits beliebte Erklärung einer Klimaverschlechterung, und sie fehlt auch hier nicht. Vielleicht führte auch einfach eine Bevölkerungszunahme zu einem knapperen Nahrungsmittelangebot, weshalb sich die von den Römern verlassene Insel als bäuerliches Siedlungsgebiet geradezu anbot.

Sachsen waren jedenfalls alle diejenigen, die sich subjektiv dazu zählten. Ethnische Zuschreibungen, wie wir sie kennen, sind eine Konstruktion des späten Mittelalters und der Neuzeit. Für germanische oder andere Stämme spielten derartige Konstrukte keine Rolle. Dies macht es manchmal schwer, Sachsen von Franken zu unterscheiden, insbesondere in Grenzregionen, worauf die Zeitschrift Archäologie in Deutschland in ihrer aktuellen Ausgabe Mai/Juni hinweist.

Das dritte diesjährige Heft der Zeitschrift beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Sachsen, ihrer Kultur, ihren Siedlungsgewohnheiten und – um einmal den Blick auf ein sonst vernachlässigtes Thema zu wenden – mit der Frage, wie fest die sächsischen Krieger denn im Sattel gesessen haben. Beigaben eines Pferdegrabes geben nun Hinweise auf den Aufbau sächischer Sättel; ein Nachbau bewies, wie funktional und bequem sie waren – für Mensch und Tier.

Wenn wir heute von Sachsen–Anhalt und Sachsen sprechen, dann handelt es sich nicht um die Siedlungsgebiete der historischen Sachsen. Die ottonischen Kaiser des 10. Jahrhunderts kamen aus einem sächsischen Adelsgeschlecht; sie eroberten Gebiete östlich der Elbe nicht zuletzt für ihr Herzogtum Sachsen. Im Zuge vielfältiger Machtwechsel wurde die Bezeichnung Sachsen dann auf Fürstengeschlechter übertragen, die mit den historischen Sachsen nichts zu tun hatten. Diese regierten somit über die Gebiete, die heute diesen Namen tragen.

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland wirft zudem einen Blick auf die goldenen Schuhriemen der Bajuwaren, auf den Grad der Zerstörung historischen Kulturguts im Irak, sowie auf jungsteinzeitliche Siedlungen in Bulgarien und Rumänien. Es gibt Hinweise darauf, daß die dortigen Menschen mehr als ein Jahrtausend vor den Ägyptern und den Sumerern kurz vor der Erfindung der Schrift standen. Ziemlich früh, nämlich schon im 5. Jahrtausend, breitete sich dort ein orientalischer Siedlungstyp aus, der uns fragen läßt, inwieweit hier sozial ausdifferenzierte Gesellschaften vorliegen. Siedlungen mit Gräben und Palisaden sprechen nicht gerade für ein friedliches Miteinander. Gräberfelder mit unterschiedlichen Beigaben für Männer und Frauen lassen an eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung denken. Diese späten Steinzeitmenschen waren offensichtlich keine Hinterwäldler, sondern standen an der Schwelle zur Hochkultur mit all ihren Folgen: Macht und Herrschaft, Reichtum und Armut, Krieg und Patriarchat.

Heft 3 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland ist im gutsortierten Buch– und Zeitschriftenhandel, sowie beim Theiss Verlag in Stuttgart erhältlich. Das Heft kostet 9 Euro 95.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Simon Hülsbömer (Dienstag)
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Ethik für Anfänger
29.05.2005 *** Wdh. 31.05.2005 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Vor einer Woche kündigte Kultusministerin Karin Wolff an, für muslimische Kinder an Hessens Schulen Ethikunterrricht anbieten zu wollen. Wenige Tage später beschloß das hessische Kabinett, das Schloß Erbach zu kaufen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte sieht hier einen Zusammenhang, welcher der CDU überhaupt nicht schmecken wird.

Beitrag Walter Kuhl

Es ist doch so: Ausländer, die aus islamischen Ländern nach Deutschland kommen, müssen die Werte des Grundgesetzes und des christlichen Abendlandes lernen. Zumindest sehen dies unsere wackeren Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte so, etwa unser Redakteur Aurel Jahn, der den christlichen Wertekonsens für alle fordert. Zwar ist Konsens etwas, was aus einer gemeinsamen Übereinkunft entsteht, aber derartige Begrifflichkeiten dürfen wir nicht so ernst nehmen. Was Konsens ist, bestimmen diejenigen, welche die Definitionsmacht haben. Also Deutsche. Migrantinnen und Migranten haben dies einfach zu fressen. Doch wie heuchlerisch und verlogen dieser Konsens ist, hat jüngst die hessische Landesregierung bewiesen.

Kultusministerin Karin Wolff erklärte am 20. Mai [2005], daß Hessen schrittweise an allen Schulen einen Ethikunterricht mit Schwerpunkt Islam einführen wolle. Nun bedeutet dies nicht, daß die christliche Wertegemeinschaft in einen vorurteilsfreien Dialog mit dem Islam eintreten soll. Nein – dieser Ethikunterricht soll Pflicht für alle diejenigen werden, die sich vom christlichen Religionsunterricht abgemeldet haben oder einer nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft angehören. Dieser Ethikunterricht wird selbstverständlich von evangelischen oder katholischen ReligionslehrerInnen erteilt. Damit ist klar, daß es kein Entrinnen vor den Segnungen der christlichen Wertegemeinschaft geben darf. Die gelehrte Ethik ist die des Christentums oder genauer: die des christlich missionarischen männlichen Kapitalismus.

Das ist auch richtig so. Denn wir wissen doch alle, daß in muslimischen Familien Frauen unterdrückt, geschlagen, verkauft, verschleiert oder umgebracht werden. So etwas tun brave Deutsche nicht, erst recht nicht solche, die des Christentums mächtig sind. Folglich benötigen deutsche Christinnen und Christen keinen Grundkurs in christlicher Ethik, weil sie sozusagen aufgrund der Gnade der christlichen Geburt immun sind in Bezug auf Gewalt gegen Frauen.

Einige Tage nach der Ethikverordnung verkündete Hessens Kabinett, den ursprünglich für 2003 geplanten Kauf des Erbacher Schlosses jetzt endlich zu tätigen. Diese konjunkturfördernde Maßnahme kostet schlappe 12¼ Millionen Euro. Gefördert wird zwar nur die Erbacher Grafenfamilie, aber das macht nichts. So wie das Polen–Institut eine Villa braucht, benötigt Hessen aus Standortgründen ein repräsentatives Schloß. Denn wenn das Schloß nicht gekauft wird, würden die Investoren von der hessischen Landesregierung panikartig das Land verlassen – und das können wir ja nun wirklich nicht zulassen. Hessen ohne Koch und Küchenkabinett? Undenkbar.

Die drei Oppositionsparteien im Hessischen Landtag sparten nicht mit Kritik. Angesichts leerer Kassen und drastischer Sparmaßnahmen sei es absolut unverständlich und nicht vermittelbar, daß für die Subventionierung notleidender Grafen das Geld vorhanden sei, das an anderer Stelle nicht zuletzt von Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger eingespart wurde. Doch die drei Oppositionsparteien haben nicht zu Ende gedacht. Erstens würden sie in vergleichbaren Fällen ebenso handeln. Steuergeschenke sind kein Privileg fürstlicher Christdemokraten. Und zweitens: wer sagt denn, daß die Landesregierung inkonsequent sei? Ich sehe das gänzlich anders.

Es ist doch so: Den Muslimen in diesem Land wird klargemacht, daß es der christliche Wertekonsens dieser Gesellschaft verbiete, Frauen zu unterdrücken, zu schlagen, zu verschleiern und zu ermorden. Um das zu begreifen, gibt es die Ethik. Dieselbe Ethik sieht vor, Frauenhäuser zu schließen und sozialen Einrichtungen den Geldhahn zuzudrehen. Warum: Ja klar – Frauen haben sich gefälligst zu Hause aufzuhalten und sich schlagen zu lassen. Nicht von Muslimen, selbstverständlich, sondern von ihren deutschen Ehemännern und Lebensgefährten. Die message ist doch klar: den hier lebenden Muslimen ist streng verboten, was Deutschen durch das ius sanguinis erlaubt ist. Das ist der so gepriesene gesellschaftliche Konsens für alle.

Oder auch so: Männer haben ein Anrecht auf ihre Haussklavin, weshalb Fluchtmöglichkeiten wie ein Frauenhaus unerwünscht sind. Und Männer haben ein Anrecht auf ein angemessenes Spielzeug: Hirschgeweihe, Ritterrüstungen, antike Büsten und [zur Tourismusförderung genutzte] alkoholselige Erbacher Wiesenmarktfeste. Vom Kauf des Erbacher Schlosses mitsamt dem damit verbundenen Tourismus–Brimborium haben Hessens Männer also einen doppelten Mehrwert. Sie dürfen saufen und mit ihrer Männlichkeit spielen, und dann nach Hause gehen und ritterhaft zuschlagen. Das ist konsequent umgesetzte christliche Ethik. Beschlossen von einer Kultusministerin und einem Küchenkabinett.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Simon Hülsbömer (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 5. Juni 2005 aktualisiert.
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