Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– März 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
02.03.2003Liebesgrüsse aus Hollywood
09.03.2003Statistiken
23.03.200325 Wege
24.03.2003Die verbotene Wahrheit
30.03.2003Die erste Pharaonin
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Liebesgrüsse aus Hollywood
02.03.2003 *** Wdh. 03.03.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Die Macht der Medien – oft beschworen, oft kritisiert. Die Inszenierung des Krieges gegen den Irak könnte ohne Medien überhaupt nicht funktionieren. Doch was macht die Macht der Medien aus, wie wirken sie? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat zur Beantwortung dieser Frage ein Buch aus der Schweiz herangezogen.

Beitrag Walter Kuhl

Liebesgrüsse aus Hollywood heißt der etwas irreführende Titel eines Buches, das sich zur Aufgabe stellt, die versteckten Botschaften der bewegten Bilder zu entschlüsseln. Doch Hollywood, das Zentrum globaler Filmproduktion, wird nur am Rande gestreift, und Liebesbotschaften enthält das Buch eigentlich keine. Dennoch, so scheint es, als habe der Rezensent des Darmstädter Echo das Buch nur flüchtig durchgeblättert. Sonst hätte er festgestellt, daß Hollywood hier als Metapher für die globale und globalisierende Filmproduktion dient.

Worüber schreibt Ignacio Ramonet, der Autor des Buches, tatsächlich? Nicht zufällig stellt er seiner Untersuchung über die versteckten Botschaften in Filmen der letzten vierzig Jahre eine Analyse der Werbeindustrie und ihrer Werbespots voran. Seiner Meinung nach ist es nämlich die Werbeindustrie mit ihrem Zwang, in kürzester Zeit möglichst viel Inhalt zu produzieren, welche eine bestimmte Dramaturgie und immer schnellere Schnittfolgen vorgibt. Diesen Vorgaben haben sich Fernsehproduktionen, aber auch Kinofilme anzupassen. Die Gewöhnung normaler Fernsehkonsumentinnen und -konsumenten führe dazu, daß erfolgreiche Kinofilme sich dieser Werbeästhetik unterordnen müssen. Die ökonomischen Sachzwänge verstärken die ohnehin schon anzutreffende Standardisierung von Filmen, ihren Inhalten und Inszenierungen. Zwar ist jeder Film eine Inszenierung und nicht die Wirklichkeit, doch haben Filme durchaus die Aufgabe, eine Wirklichkeit vorzuspiegeln, die überhaupt nicht existiert. Sie sind ideologisch und nicht einfach als erholsame ästhetische Veranstaltung gedacht.

Anhand verschiedener Filmgenres führt Ramonet seine These näher aus. Katastrophenfilme haben ihre eigene Botschaft. Gerade in Krisenzeiten dienen sie nicht nur dazu, von den realen und banalen Schrecknissen kapitalistischer Zumutungen abzulenken, sondern sie dienen auch der Selbstvergewisserung. Der meist männliche Zuschauer soll in seinem Leben und in seinem Tod einen Sinn sehen, sich als Teil eines kollektiven Dramas begreifen, als Teil einer Katastrophe, deren Bewältigung Sinn verleiht. Daß diese Katastrophen meist unrealistisch sind, stört wenig. Gute Filme dieser Art ziehen Zuschauerinnen und Zuschauer so in ihren Bann, daß die Botschaft erfolgreich ist.

Ganz anders und doch nach einem ähnlichen Bauplan funktionieren Serien wie Kojak und Columbo. Ihr Erfolg liegt darin, daß sie nicht nur eine heile Welt vermitteln, sondern den naiven Glauben nähren, daß (bei Columbo) auch die Oberen Zehntausend ihrer Strafe nicht entgehen oder (bei Kojak) Migrantinnen und Migranten sowohl überwacht wie auch integriert werden können. Recht und Ordnung herrschen demnach für alle – das ist die Botschaft. Und der Blockwart wie seine nachspionierende Frau können sich beruhigt zurücklehnen.

Ähnlich interessante Einblicke vermittelt Ignacio Ramonet auch in die als Antikriegsfilme firmierenden Vietnamkriegsfilme oder in Italowestern, die durchaus auch einmal eine progressive politische Botschaft vermitteln können. Ein Buch also, das aufklärt über die symbolhafte Welt der Werbe- und Kinofilme. Der einzige Nachteil liegt vielleicht darin, daß dem uns meist unbekannten französischen Film viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, was nicht verwundert, da Ramonet Direktor der Zeitung Le Monde Diplomatique ist.

Viele seiner Aussagen mögen nicht neu sein. Dennoch fassen sie gut nachvollziehbar sowohl Gesetzmäßigkeiten der Filmproduktion mitsamt ihrer Propaganda, aber auch Möglichkeiten der Subversion zusammen.

Der Rezensent des Darmstädter Echo, der uns auf diesem Sender wohlbekannte Reinhard Völker, schließt seine Besprechung mit den Worten: "Vielleicht sollte der Vielschreiber Ramonet beim nächsten Mal gründlicher recherchieren." Dem wäre vielleicht entgegenzuhalten, daß der Vielschreiber Völker besser nicht in seiner gewohnten Manier ganz geschwind kurz vor dem Abgabetermin mal schnell über das Buch herübergehuscht wäre. Sonst hätte er bemerkt, daß das Buch nicht im Rotbuch-, sondern im Rotpunktverlag erschienen ist. 19 Euro mögen ein stolzer Preis für dieses 240 Seiten starke Buch sein, doch sein Inhalt vermittelt uns dann doch ein wenig mehr Klarheit darüber, wie Filmmetaphern wirken und uns zu einer bestimmten Weltsicht bewegen sollen. Daher noch einmal Autor und Titel: Liebesgrüsse aus Hollywood von Ignacio Ramonet aus dem schweizer Rotpunktverlag.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Statistiken
09.03.2003 *** Wdh. 11.03.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Frauen und Kinder zuerst, betitelte der in Darmstadt wohlbekannte Paul-Hermann Gruner seine antifeministische Streitschrift. Die armen Männer werden ja so benachteiligt. Nun, zwischen Wunschdenken und Realität besteht doch ein gewisser Unterschied. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte klärt auf:

Beitrag Walter Kuhl

Der internationale Frauentag ist vorbei, der sich an Männern orientierende Alltag geht weiter. Allen demonstrativen Bekenntnissen zum Trotz gibt es auch weiterhin Menschen – und Frauen. Der Emanzipationsgrad einer Gesellschaft mißt sich nicht zuletzt daran, ob Frauen nicht nur dieselben Chancen erhalten wie Männer, sondern ob sie diese auch nutzen können. Und auch wenn Statistiken gerne für Lügen herangezogen werden, manche Statistiken sind einfach entlarvend.

Das Statistische Bundesamt hat passend zum Internationalen Frauentag die entsprechenden Zahlen geliefert. Demnach verdienen Frauen im produzierenden Gewerbe, im Handel, sowie in der Kredit- und Versicherungswirtschaft im Durchschnitt 30% weniger als ihre männlichen Kollegen. An diesem Verdienstabstand hat sich – nebenbei bemerkt – trotz aller Frauenförderung in den letzten 30 Jahren nichts wesentlich geändert. Es ist sogar zu vermuten, daß ohne Frauenförderpläne der Lohn- und Gehaltsabstand noch krasser ausfallen würde.

Diese vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen sind allerdings unvollständig, denn hier werden nur Vollzeitarbeitsplätze miteinander verglichen. Da aber ein Großteil der Frauen und nur wenige Männer teilzeit arbeiten, sollten wir vielleicht genauer sagen: Frauen verdienen in diesem Land durchschnittlich nur die Hälfte dessen, was ein Mann erhält. Oder in den Kategorien des Marktes ausgedrückt: Frauen sind nur halb so viel wert. Und das im zweit- oder drittreichsten Land dieser Erde. Es lebe der emanzipatorische Fortschritt des Marktes!

Und dabei ist weder die unbezahlte Hausarbeit noch die häusliche Pflege miteinberechnet. Unbezahlte Arbeit taucht in einer solchen Statistik schon gar nicht auf. Und dies hat durchaus Auswirkungen darauf, wie Frauenarbeit – vor allem von den Männern dieser Gesellschaft – wahrgenommen wird. Meist überhaupt nicht. Wir haben hier sozusagen den klassischen Fall autistischen Wunschdenkens.

Interessant ist in diesem Zusammanhang, daß zumindest im Öffentlichen Dienst eine gewisse, wenn auch nicht vollständige Angleichung stattgefunden hat. Und genau hier setzen die Deregulierungsmaßnahmen auch an. Teile kommunaler Dienstleistungen werden als Eigenbetriebe ausgelagert oder gleich ganz privatisiert. Dies hat einen nützlichen Nebeneffekt. Das gesetzliche Gleichstellungsgebot muß in der Privatwirtschaft nicht länger befolgt werden; logischerweise arbeiten derartige Betriebe auch über minderbezahlte Frauenarbeit profitabler.

Ziehen wir also Bilanz: Ausgerechnet der Teil unserer Gesellschaft, der hofiert wird wie kein anderer, nämlich die Privatwirtschaft, ist in Sachen Frauenemanziption der rückständigste überhaupt. Während immerhin 5% der deutschen universitären Lehrstühle durch Frauen besetzt sind, die höchsten deutschen Richterkollegien mit immerhin 5% Frauen besetzt sind, sind es in Vorständen und Aufsichtsräten der einhundert bedeutendsten börsennotierten deutschen Unternehmen wieviele? 5%? Falsch. Null. Exakt Null.

Und hier reiht sich eine weitere Aussage der Zahlen des Statistischen Bundesamtes nahtlos ein: 40% der deutschen männlichen Angestellten werden der Leistungsgruppe II zugeordnet, welche verantwortliche Tätigkeiten und besondere Erfahrungen voraussetzt. Frauen, die ganz offensichtlich erwiesenermaßen genetisch fehlfunktionieren, sind nur zu 14% in der Leistungsgruppe II beschäftigt. Bei Arbeitern sind 59%, bei Arbeiterinnen gerade einmal 13% Fachkräfte.

Und glaube ja keine und niemand, daß die aktive Beschäftigungspolitik der Herren Clement, Hartz und Rürup hieran etwas zum Beseeren verändern wird. Je mehr diese Herren auf die Kräfte des freien Marktes setzen, desto drastischer wird uns vor Augen geführt, wes Geistes Kind unsere hochgelobte kapitalistische Leistungsgesellschaft ist. Hier ist dem darmstädter Autor und Antifeministen Paul-Hermann Gruner vollauf recht zu geben: Frauen werden eindeutig bevorzugt.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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25 Wege
23.03.2003 *** Wdh. 25.03.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Willkommen im Club der Teufelinnen. Hierzu lädt ein Buch ein, das Frauen einen ehrenvollen Abgang aus einer mißratenen Beziehung verspricht. Ob die Teufelinnen dann aber wirklich teuflisch sind, verrät uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte, der das Buch für Radio Darmstadt gelesen hat.

Beitrag Walter Kuhl

Falsche Jahreszeit? Oder passend zum Frühjahrsputz? 25 Wege, sich an seinem Ex zu rächen ist sicher nicht das passende Buch für Frühlingsgefühle. Doch lädt es zur Besinnung darüber ein, wie Männer das Leben von Frauen – gerade in einer Beziehung – bestimmen. Der Ausweg: ein gemeinsames opulentes Abendessen in einem teuren Restaurant und der diskrete Abgang. Die Rechnung darf dann der ex-Schnuck begleichen.

Von dieser und ähnlicher Qualität sind die Rachegedanken der Autorin Nicole Maibaum. Dabei lädt das Thema Rache durchaus zu ernsthafter Reflektion ein. Was hat dieser Typ mir angetan und wie kann ich mich in Zukunft sinnvoll davon abgrenzen? Rache ist süß, heißt es im Volksmund, und: Rache will kalt genossen werden. Also ist eine gute Vorbereitung und die richtige mentale Einstimmung unbedingt erforderlich. Nicole Maibaum weist hierbei darauf hin, daß strafrechtlich relevante Rachegedanken, so süß sie sein mögen, doch bitte zu unterlassen sind. Doch sie hält sich selbst nicht daran. Manches ist einfach zu verführerisch.

Rachegedanken sind psychologisch gesehen durchaus sinnvoll. Den Ärger, den Streß, die Nichtbeachtung und die Behandlung als Objekt oder Puppe nicht einfach in sich hineinzufressen, sondern auszuagieren, kann der erste Schritt zu einem realistischen Verhältnis zu sich selbst und vor allem zur Männerwelt sein. Doch leider hakt es dort. Denn kaum ist der ex-Schnuck verschwunden, wird dasselbe Beziehungsmuster mit dem Nachfolger gepflegt. Kennt ihr doch, oder?

Nicole Maibaum macht sich jedoch keine allzu hochfliegenden, gar patriarchatskritischen Gedanken. Eine Feministin ist sie nicht und sie schreibt ganz offensichtlich auch bewußt für Frauen, die keine sind oder gar werden wollen. Männer sind danach nicht an sich böse, dumm, vertrottelt, roh, gefühlskalt oder unsensibel. Das ist sicher richtig. Es sind nicht die Gene, die aus nicht wenigen Männern ausgesprochene Arschlöcher machen, sondern es sind Sozialisation, eingeübtes Rollen- und Sozialverhalten und natürlich der ganz eigennützige Vorteil, ein Mann zu sein und sich eine Frau zu halten. Entsprechend unkritisch verkündet Frau Maibaum:

Und damit wir uns richtig verstehen, folgt noch ein Loblied! Männer sind grundsätzlich gesehen etwas Wunderbares. Es ist gut, dass Gott an sie gedacht hat [...]. [Seite 19]

Wie Nicole Maibaum dies mit der Realität einer Männergesellschaft in Einklang bringen will, ist mir nicht so klar. Diese wunderbaren Männer verletzen, bedrohen, vergewaltigen, schlagen und töten – weil Frauen für sie nur das Objekt ihres männlichen Machtwahns sind, den sie hinter Begriffen wie Tradition, Ehre und Liebe verstecken. Daß Frauen ansonsten immer noch systematisch ausgegrenzt und von den entscheidenden Machtpositionen ferngehalten werden, ist so banal, daß das Statistische Bundesamt freundlicherweise immer wieder den Beweis liefert.

Wunderbar. – Ist der Ratgeber 25 Wege, sich an seinem Ex zu rächen, und andere Kleinigkeiten, die den Abschied leichter machen daher unnütz? Nun ja, es ist nicht gerade die erhellende Einsicht. Es gibt ein paar nützliche Tips, auf die frau beim Nachdenken auch selbst hätte kommen können. Den Laptop des ex-Lovers mit einem starken Magneten zu behandeln beispielsweise oder dem rauchenden ex-Freund ein Spaßfeuerzeug zu schenken, das bei Benutzung einen Stromschlag versetzt. Ob dies die verletzte Seele erfreut? Ich finde das kindisch. Dabei gibt es doch so schöne Möglichkeiten. Aber wie gesagt, die illegalen lieber sein lassen. Wer will schon für seine Rache nachträglich in den Knast wandern? Da hat Nicole Maibaum recht: das ist kein Typ wert.

25 Wege, sich an seinem Ex zu rächen von Nicole Maibaum ist im mvg Verlag erschienen und kostet 12 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Die verbotene Wahrheit
24.03.2003 *** Wdh. 01.04.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Der eine Krieg ist noch nicht beendet, da wird schon der nächste geführt. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft. Vielleicht noch einmal Anlaß, sich mit dem Krieg der USA gegen die Taliban zu beschäftigen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat ein Buch mit dem Neugier erweckenden Titel Die verbotene Wahrheit gelesen. Hält es, was es verspricht?

Beitrag Walter Kuhl

In dem Buch Die verbotene Wahrheit geht es um Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden. Und der damit verbundene Gedankengang gibt sicherlich so manches her. Wer wüßte nicht gerne Näheres über die wirtschaftlichen Kontakte des heutigen US-Präsidenten mit dem bin Laden-Clan? Wer würde nicht gerne Hintergründiges zu den dubiosen Geschäften des George Dubya Bush lesen? Doch leider wird der Leser und die Leserin enttäuscht. Genau das steht nämlich nicht darin, wird nur angedeutet.

Und damit könnten wir das Buch wieder weglegen und weiter frühstücken. – Doch ich denke, daß es damit nicht getan ist. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, daß US-amerikanische Regierungsstellen inklusive des Geheimdienstes CIA mit diversen Fraktionen der afghanischen Mudschaheddin bestens zusammengearbeitet haben. Solange es gegen die Sowjetunion und gegen emanzipatorischen Fortschritt geht, sind sich kalte Krieger und Muslimbrüder ja durchaus einig. Mord und Unterdrückung ist bekanntlich ein glänzendes Geschäft.

Die beiden französischen Geheimdienstspezialisten Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié haben durchaus einiges an Material zusammengestellt. Doch dieses Material enthält Lücken. Nur weil es Kontakte zwischen der US-Regierung und den Taliban gegeben hat, bedeutet das nicht, daß es auch immer freundschaftliche Kontakte waren. Nur weil Osama dem bin Laden-Clan angehört und das saudische Königshaus mit den bin Ladens bestens zusammenarbeitet, bedeutet das nicht, daß das Königshaus hinter Osama bin Laden steht, wie die beiden Autoren herauszuarbeiten versuchen.

Klar, auch das saudische Königshaus gehört zu den finstersten und rückständigsten Männerclans dieser Erde. Logisch, daß die USA in ihm einen strategischen Partner sieht. Aber die Schwäche des Buches von Brisard und Dasquié liegt darin, daß sie dort aufgehört haben zu recherchieren, wo es eigentlich spannend wird. Das Material wird nicht sinnvoll verknüpft und einer politischen Analyse unterworfen. Unkritisch werden CIA-, aber auch andere Geheimdienstquellen herangezogen, die nicht mehr als willkürliche politisch motivierte Behauptungen aufstellen. Der Beweis für die Richtigkeit vieler dieser Behauptungen muß ja erst noch erbracht werden. Juristisch gesehen würde jeder Winkeladvokat derartiges Material mit Leichtigkeit vom Tisch fegen.

Für wen also wurde das Buch dann geschrieben? Nun – gerade weil die Regierung der USA, ihre Armee und Geheimdienste genügend Dreck am Stecken haben, blüht geradezu unüberschaubares Verschwörungswissen. Nichts Genaues weiß man nicht, aber dies ist dann Grundlage für einen verschwommenen Antiamerikanismus. Die Ansammlung dunkler Machenschaften, in welche die USA irgendwie verstrickt sind, ist diesem Antiamerikanismus sicher dienlich. Und es ist kein Zufall, daß beide Autoren Franzosen sind. Die europäisch-amerikanische Konkurrenz läßt grüßen.

Verboten ist diese als Wahrheit hingestellte Materialsammlung jedenfalls nicht. Und ob George Dubya Bush während seines Wahlkampfs den Namen des pakistanischen Machthabers kannte oder nicht, ist doch nun wirklich unerheblich und beweist nur, daß sich die beiden Autoren von Banalitäten blenden lassen. Lustiger war doch, daß der frühere US-Präsident Ronald Reagan während einer Lateinamerikatournee nie wußte, in welchem Land er gerade war und seine Gastgeber entsprechend begrüßte..

Die verbotene Wahrheit von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié ist im Pendo Verlag zum Preis von 18 Euro 90 erschienen.

Abmoderation

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Moderation : Dirk Beutel (Montag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Die erste Pharaonin
30.03.2003 *** Wdh. 31.03.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Ins Reich der Pharaonen führt uns ein Roman, der ein bißchen mehr ist als bloß ein Lesevergnügen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat ihn für Radio Darmstadt gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Sabine Wassermann bemüht sich in ihrem neuesten Roman Herrin zweier Länder um eine historisch getreue Darstellung einer längst vergangenen Zeit. Hierbei kann sie sich auf alte Papyri, sowie Tempel- und Grabinschriften stützen. Natürlich steht sie dann vor dem Problem, daß hierbei eine idealisierte Gesellschaft vorgeführt wird, in der das Wirken der Götter das der Menschen bestimmt und die Ordnung gerecht und der Pharao weise und mächtig ist.

Nur waren die Verhältnisse schon damals nicht so. Und vor diesem Problem steht nicht nur Sabine Wassermann, sondern auch die Hauptfigur ihres Romans, der im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung spielt. Finstere Zeiten brechen nämlich heran.

Der Pharao Pepi ist nach über neunzigjähriger Regierungszeit gestorben und hat ein Reich hinterlassen, in dem die Gaufürsten die Macht an sich gerissen haben und Beduinen die Grenzen bedrohen. Einer dieser Beduinen versucht nun, die ganze Macht an sich zu reißen, und bedient sich hierbei des Sohnes einer Nebenfrau des verstorbenen Pharao. Palastintrigen und Meuchelmorde bestimmen das Leben am Hof – und eine Priesterin, die sich vorgenommen hat, Ägypten vor dem Zugriff der Fremden zu schützen.

Es kommt, wie es kommen muß: das Ungeheuerliche geschieht. Eine Frau besteigt den Thron der Pharaonen und setzt sich die beiden Kronen Ober- und Unterägyptens auf. Und als hätten wir die Realsatire einer emanzipierten globalisierten postmodernen Gesellschaft vor uns, in der Angela Merkel zur Nachfolgerin Karol Wojtylas gewählt würde, so muß auch die Priesterin Neith ihren Weg bis zum bitteren Ende gehen.

Solange der Nil rechtzeitig zur Aussaat fruchtbaren Schlamm mit sich führt, halten sich Neider und die allgegenwärtigen patriarchalen Arschlöcher noch zurück. Ein sechshundert Jahre alter heiliger Text hatte ihr die Thronbesteigung gestattet. Doch die Göttinnen und Götter meinen es nicht gut mit ihr – und was sie jedem Mann verziehen hätten, verzeihen weder Höflinge noch Hauptstadtbewohner einer Frau. Und der Anführer der Beduinen sieht seine Chance doch noch gekommen, den Thron zu besteigen. Doch er hat nicht mit Neith gerechnet.

Was Sabine Wassermann hier romanhaft schildert, hätte durchaus so geschehen sein können. Die Existenz einer Frau auf dem Pharaonenthron am Ende der 6. Dynastie ist belegt – was nach ihr kam, war das Ende des sogenannten Alten Reichs und der Beginn der Ersten Zwischenzeit. Es ist kein Zufall, daß eine Frau den Thron besteigen konnte, als die alte Ordnung zerbrach. Doch dies wurde ihr, der Frau, angelastet, nicht etwa den Fürsten, Priestern und Pharaonen, die jahrhundertelang auf Kosten ihrer Untertanen das Land ausgeplündert hatten.

Parallelen zu heute sind weder zufällig noch von der Hand zu weisen. So wie damals gilt auch heute: der Emanzipationsgrad einer Gesellschaft bemißt sich an der realen und nicht der eingebildeten Rolle und Macht von Frauen. Männer, wie Paul-Hermann Gruner, die dies nicht sehen wollen, werden diesen Roman daher genauso lächerlich finden wie sie Frauen zum Objekt ihrer patriarchalen Verlustangstphantasien machen. Doch dies soll die anderen nicht weiter stören. Sie können selbst entscheiden, ob sie das Ungeheure an sich heranlassen wollen oder nicht. Herrin zweier Länder von Sabine Wassermann ist bei Eichborn zum Preis von 19 Euro 90 erschienen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Beatrice Kadel oder Lilith Becker (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 10. Februar 2005 aktualisiert.
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