Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– März 2004 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
07.03.2004Brillenkonjunktur in Darmstadt
14.03.2004Ehrenwertes aus Freiberg
21.03.2004Römische Armee
28.03.2004Kündigung
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2004.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Brillenkonjunktur in Darmstadt
07.03.2004 *** Wdh. 08.03.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Skurrile Blüten treibt die Gesundheitsreform. Während die Bundesregierung mit Toll Collect Konzerne wie Siemens, DaimlerChrysler und die Telekom mästen will, müssen wir jetzt schon vor dem Arztbesuch eine Mautgebühr von 10 Euro zahlen. Doch für auf Sozialhilfe angewiesene Menschen kann sich diese Reform noch viel fataler auswirken. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte auf den Spuren sozialdemokratischer Verantwortungslosigkeit.

Beitrag Walter Kuhl

Eine kleine Anfrage des OS/3Stadtverordneten Michael Siebert hat es an den Tag gebracht: wer eine neue Brille benötigt, wird nicht nur abgewiesen, sondern regelrecht verarscht. Die sogenannte Reform des Gesundheitswesens hat dazu geführt, daß die Krankenkassen auch notwendige Sehhilfen wie eine Brille nicht mehr finanzieren dürfen. Praktisch, wie unsere Sozialpolitikerinnen und –politiker nun einmal veranlagt sind, haben sie beschlossen, auch denjenigen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, eine notwendige neue Brille zu verweigern. Weil – die dürfen ja nicht besser gestellt sein als die von der Gesundheitsreform Geschröpften.

Michael Siebert fragte nun, ob denn sichergestellt sei, daß das Sozialamt Brillen als eine einmalige Leistung gewährt. Aber nein, sagt unser neuer Bürgermeister Wolfgang Glenz, wo kämen wir da auch hin? Die Kosten zur Vorbeugung von Krankheiten seien genauso Bestandteil des Sozialhilfe–Regelsatzes wie sonstige Hilfen. Herr Glenz verweist darauf, daß jede und jeder die notwendige Brille ja aus dem normalen Sozialhilfesatz bezahlen könne.

Ich weiß ja nicht, was sich der Herr Glenz dabei denkt. Wenn ich an meine letzte Brille denke, die nach einigen Jahren dringend notwendig war, dann summiert sich das gleich auf mehrere hundert Euro. Konkret: angesichts des Sozialhilfe–Regelsatzes hätte ich zwei oder drei Monate hungern und frieren dürfen, um die Brille finanzieren zu können. Dabei war das keine Luxusausführung, sondern eine ganz normale Brille für besonders kurzsichtige Menschen. Vielleicht denkt sich der Herr Glenz aber auch nur, es ist ja jetzt Fastenzeit. Dann ist klar: Fasten bis Ostern erbringt eine neue Brille. Und für die Konjunktur: Brillen werden ab sofort im März gekauft.

Doch Michael Siebert dachte zurecht noch einen Schritt weiter. Und so fragte er, wie das denn für diejenigen ohne Brille oder nur eingeschränkt Sehfähigen sei, ob diese dann von der Verpflichtung zur Arbeitssuche und der gemeinnützigen Arbeit freigestellt wären. Die Antwort lautete in einem Wort: nein! Denn, so schreibt der Bürgermeister Glenz, es sei "die Anschaffung einer Sehhilfe aus den zuvor gewährten Sozialhilfemitteln zuzumuten."

Nehmen wir einfach einmal an, meine Brille sei kaputtgegangen und ich würde nicht per Versicherungsbetrug versuchen, zu einer neuen zu kommen. Was für einen Job will mir denn der Herr Glenz vermitteln? Schon allein der Weg aus dem Haus wäre für einen stark kurzsichtigen Menschen wie mich eine Gefährdung, da ich heranbrausende Vollidioten, die sich weder an Geschwindigkeitsbegrenzungen noch an rote Ampeln halten, nicht rechtzeitig wahrnehmen kann. Kommt die Stadt Darmstadt dann für den durch sie mitverursachten Personenschaden auf? Wäre es dann vielleicht nicht doch besser, die einmalige Beihilfe zu gewähren? Mal ganz zu schweigen von Kindern, denen Sehhilfen verweigert würden und die dann in der Schule nichts lernen könnten, weil sie – wie ich das aus eigener Jugend weiß – die Zahlen und Buchstaben auf der Tafel nicht mehr erkennen können. Wie viele Sozialhilfe beziehende Menschen, vor allen Dingen alleinerziehende Mütter, müssen jetzt schon regelrecht sehen, wie sie sich jedes Essen vom Munde absparen müssen? Und dann sollen sie auch noch aus den nicht vorhandenen Restbeständen des Regelsatzes eine Brille finanzieren?

So bescheuert können eigentlich nur Sozialpolitikerinnen und –politiker argumentieren, die voll im Leben stehen und derartige Probleme nicht kennen und auch nicht wahrnehmen wollen.

Woraus folgt: Wenn Bürgermeister Wolfgang Glenz sich außerstande sieht zu handeln, weil es ihm per Gesetz verboten sein soll, dann drückt dies nicht etwa die Unmöglichkeit, sondern nur den Unwillen aus zu helfen. Jeder findige Kommunalpolitiker kennt Möglichkeiten, tätig zu werden, wenn er nur will. Aber offensichtlich fühlt sich Herr Glenz als Erfüllungsgehilfe seiner Parteifreunde aus Berlin, welche derart unsoziale Verordnungen auf den Weg gebracht haben. Und es zeigt, wie tief die Sozialdemokratie in Berlin und Darmstadt schon gesunken ist.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Martin Keindl (Montag)
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Ehrenwertes aus Freiberg
14.03.2004 *** Wdh. 15.03.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Nicht ewiggestrig kommen sie daher, sondern auf der Höhe der Zeit. Neonazis gedeihen am besten in einem Umfeld, das sie gewähren läßt. Wie mit Neonazis in Darmstadts Schwesterstadt Freiberg in Sachsen umgegangen wird, schildert uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte im folgenden Beitrag.

Beitrag Walter Kuhl

Wer die Szenerie aufmerksam verfolgt, kommt an geplanten und durchgeführten Aufmärschen, Kundgebungen und Demonstrationen nicht vorbei. Neonazis mobilisieren. Am 1. Mai wollen sie in Berlin, Dresden, Leipzig und auch im Rhein–Main–Gebiet in Frankfurt ihre Idee der Volksgemeinschaft propagieren. Sie beziehen sich unverhohlen auf die Verschlechterungen der Lebensverhältnisse breiter Massen der Bevölkerung. Die Entsolidarisierung der Gesellschaft, vorangetrieben von Rot–Grün in Berlin und sekundiert von der Operation Sichere Zukunft in Wiesbaden, greift um sich.

Neonazis sind nicht unbedingt tumbe Toren, die mit Parolen der Vergangenheit auf Kundenfang gehen. Sie greifen bewußt die Existenznöte der Menschen auf, die sich von der herrschenden Politik im Stich gelassen fühlen. Natürlich ist bei ihnen das raffende Kapital an allem Schuld, aber auch die Schmarotzer, die angeblich auf unsere Kosten leben. Antisemitische und antirassistische Parolen fallen immer noch – oder gerade wieder – auf fruchtbaren Boden. Neonazis verherrlichen die von der bürgerlichen Ideologie abgekupferte Idee der völkischen Gemeinschaft und die mörderischen Heldentaten der Wehrmacht. Dabei beklagen sie insbesondere die Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkrieges, die beispielsweise unter dem alliierten Bombenkrieg gelitten hätten. Nun sind Täter keine Opfer; und gerade der kürzlich im DGB–Haus gezeigte Film Die Rollbahn über den Bau der ersten Betonbahn des Frankfurter Flughafens durch Zwangsarbeiterinnen belegt eindringlich, daß die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik diesen Bombenkrieg begrüßt haben.

In Darmstadts sächsischer Schwesterstadt Freiberg gehen Neonazis ein und aus. Deshalb wurde dort am 21. Januar der Verein Initiative gegen Extremismus gegründet. Den Vereinsvorsitz übernahm Landrat Volker Uhlig, seine erste Stellvertreterin wurde Freibergs Oberbürgermeisterin Uta Rensch. Auch sonst liest sich die Mitgliederliste wie das Who's Who der sächsischen Kleinstadt. Doch wer geglaubt hätte, daß Asylsuchende in Zukunft besser behandelt oder die Opfer rassistischer Gewalt besser geschützt werden würden, sieht sich getäuscht. Denn worum geht es dem Honoratiorenverein? Ihm liegt ganz besonders am Herzen, daß sich die Freiberger Region auch künftig weltoffen und zukunftsorientiert präsentieren kann. Offensichtlich werden Neonazibanden allenfalls unter dem Blickwinkel des Imageschadens betrachtet. Denn nur eine weltoffene Stadt hat ein gutes Investitionsklima und gilt daher als ein attraktiver Wirtschaftsstandort.

Spannend ist hierbei, daß angesichts einer schon fast alltäglich zu nennenden rechten Gewalt der Honoratiorenverein das rechte wie das linke Gedankengut zurückdrängen möchte. Denn Jugendliche, die sich den Neonazibanden in den Weg stellen, als linksextremistisch auszugrenzen, heißt, rechte und linke Gewalt unter dem formalen Blickwinkel der Gewalt und nicht der Inhalte zu betrachten. Mag ja sein, daß es für Honoratioren keinen Unterschied macht, ob ein Nazi eins auf Maul kriegt oder eine Migrantin verprügelt wird. Denn beides ist imageschädlich. Beides trübt das Investitionsklima. Denn nur darauf kommt es an. Und nur so ist es dann auch zu verstehen, daß im vergangenen Jahr Freiberger Schülerinnen und Schüler von der Polizei gejagt, geschlagen und schließlich verhaftet wurden, nachdem sie friedlich gegen eine Propagandashow der NPD demonstriert hatten. Der Fehler dieser Schülerinnen und Schüler war, daß sie das Neonazitum geschäftsschädigend offengelegt haben. Denn zum Problem werden Übergriffe auf Migrantinnen, Schwule, Juden und Obdachlose nicht etwa, weil sie seit der Wende an der Tagesordnung sind. Sondern weil sie in Zeiten der Rezession und der verfallenden Innenstädte zur wahrnehmbaren ökonomischen Bremse werden.

Wenn diese Übergriffe öffentlich werden. Insofern ist es nur konsequent, wenn sich die Freiberger Honoratiorinnen und Honoratioren zusammentun, um das Investitionsklima durch ein verbales Programm gegen Rechts– und Linksextremismus zu verbessern. Alternative Jugendprojekte hingegen, welche die Perspektive eines emanzipatorischen Lebens gegen die Täter vermitteln könnten, werden ökonomisch ausgetrocknet. Und warum? Alternative Projekte schaffen keine Kaufkraft. Und deshalb werden sich auch zukünftig Neonazis angesprochen fühlen und gerne in das reizende Städtchen am Rande des Erzgebirges kommen.

Wer mehr darüber wissen möchte, sollte sich nicht durch die schnuckeligen Artikel von Sabine Ebert im Darmstädter Echo blenden lassen, sondern Freibergs alternative Zeitung, den FreibÄrger, lesen; im Internet zu finden unter www.freibaerger.de.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Martin Keindl (Montag)
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Römische Armee
21.03.2004 *** Wdh. 22.03.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die britische Autorin Kate Gilliver beschreibt in ihrem Buch Auf dem Weg zum Imperium die Geschichte der römischen Armee. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat es gelesen und stellt es uns im folgenden Beitrag vor.

Beitrag Walter Kuhl

Im Nachhinein ist es sicherlich erstaunlich, daß die Römer 600 Jahre lang den Mittelmeerraum beherrscht haben. Gegen 200 vor unserer Zeitrechnung besiegten sie Hannibals Heer von den Toren Karthagos und anschließend die Nachfolger Alexanders des Großen in Griechenland und Kleinasien. Erst Anfang des 5. Jahrhunderts erlag der westliche Teil dieses Imperiums dem Ansturm der sogenannten Völkerwanderung. Wie haben die Römer dies geschafft? Gewiß, es gab im Altertum auch andere mächtige Reiche. Aber keines hielt sich so lange und so erfolgreich.

Einer der Gründe mag die Effizienz der römischen Armee gewesen sein. Kate Gilliver, Expertin für die Geschichte der römischen Armee an der Universität des walisischen Cardiff, gibt in ihrer gründlich überarbeiteten Doktorarbeit einen Einblick in das Geheimnis dieser Militärmaschine. Schwerpunkt ihrer Ausführungen ist die Auswertung antiker Schriften zu Militärtaktik und den fortwährend geführten Kriegen. Hierbei geht sie nur am Rande auf die Ergebnisse archäologischer Forschungen ein. Dennoch ergibt sich ein erhellender Eindruck von der Effizienz römischer Kriegsführung. Allerdings ist die Quellenlage unsicher. Die meisten Schriften der antiken Theoretiker sind nämlich verloren gegangen oder nur als Zusammenfassung bruchstückhaft überliefert. Außerdem ist zu bedenken, daß in diesen 600 Jahren das römische Militär starken Veränderungen ausgesetzt war. Ein Autor, der im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gelebt hat, hatte logischerweise eine andere Armee vor Augen als ein Autor des 4. Jahrhunderts kurz vor der Teilung des Reiches im Jahre 395. Was können wir dennoch als Gemeinsamkeit festhalten?

Vielleicht mag es uns erstaunen, daß die römischen Feldherren ihre Heere meist ohne jede Ausbildung übernahmen. So etwas wie eine Militärakademie gab es nicht. Die herrschende Klasse, die Aristokraten, hatte allein aufgrund ihrer Macht den alleinigen Anspruch darauf, Kriege zu führen. Feldherren waren also Autodidakten und genau deshalb gab es die militärstrategischen Schriften antiker Autoren. Doch dies allein hätte wahrscheinlich zum Desaster geführt. Daher ist zu vermuten, daß die Feldherren sich neben diesen Schriften auch auf den Militärapparat langgedienter Soldaten stützen konnten.

Die römischen Legionen sind den meisten von uns wohl eher aus den Asterix–Heften bekannt. Dennoch geben sie erstaunlich viel von den Möglichkeiten römischer Kriegskunst wieder. Die Legionen waren unterschiedlich groß und konnten flexibel eingesetzt werden. Hilfstruppen von Verbündeten oder Vasallen ergänzten das Heer. Zum Teil wurden diese Vasallentruppen für bestimmte Aufgaben herangezogen, etwa als Schleuderer oder Reiter. Ihre Bedeutung wird meist unterschätzt. Kate Gilliver geht davon aus, daß die Hilfstruppen in der Regel genauso wichtig waren wie die Legionen selbst. Diese Legionen waren ihren Gegnern vor allem in ihrer Disziplin weit überlegen. Kleine römische Heere konnten allein aufgrund der im Drill eingebleuten Disziplin wesentlich größere und mächtigere Heere in die Flucht schlagen. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Truppen wurden auch außerhalb der Kampfhandlungen geschult: Übungslager wurden genauso ausgehoben wie militärische Taktiken immer wieder nachgestellt wurden, um im Ernstfall auch einen unfähigen Aristokraten als Heerführer ertragen zu können.

In einem waren die Römer jedoch allen ihren Gegnern überlegen. Ihre Belagerungskunst war ausgefeilt, zielstrebig und erbarmungslos. Städte, die sich nicht rechtzeitig ergeben hatten, wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohnerinnen und Bewohner niedergemacht oder in die Sklaverei verkauft. Zwar gab es Ansätze anerkannter Kriegskonventionen. Doch hatte das damalige Völkerrecht klare Grenzen. Caesar konnte genausogut seine sprichwörtliche Milde walten – wie eine Stadt als Warnung an alle gnadenlos zerstören lassen. Schließlich mußten die Truppen bei Laune gehalten werden: Plünderungen, Vergewaltigungen und Massenmord waren anerkannte Kriegsbräuche.

Kate Gilliver schreibt klar und verständlich; militärtaktische Feinheiten werden durch anschauliche Grafiken erklärt. Ihr Buch Auf dem Weg zum Imperium ist bei Theiss erschienen, hat 224 Seiten und kostet 29 Euro 90.

Abmoderation

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Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Martin Keindl (Montag)
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Kündigung
28.03.2004 *** Wdh. 30.03.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Kündigungen gehören zum guten Ton der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Doch was tun, wenn es eine oder einen selbst getroffen hat? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt im folgenden Beitrag einen Ratgeber vor, der das Hamsterrad weiterlaufen läßt.

Beitrag Walter Kuhl

Gekündigt – was nun? heißt der Ratgeber von Annette Fuß, Anke Trutter und Bettina Blaß aus der ZDF–WISO–Redaktion. Wer die Sendung kennt, ahnt, was ihn oder sie erwartet. Viele Informationen, aber wenig Gegenwehr. Denn die Kündigung wird als schon gegeben vorausgesetzt. Also geht es darum, das Beste daraus zu machen, was heißt: soviel wie möglich herauszuschlagen und versuchen, sich fit zu machen für eine neue Runde in einem neuen Hamsterrad der Ausbeutung und des Leistungsdrucks.

Kapitel 1 führt daher zum Arbeitsgericht, um eine möglichst hohe Abfindung zu erstreiten, und zum Arbeitsamt, um eine Sperrzeit zu vermeiden. Arbeitslosigkeit bedeutet in jedem Fall, finanzielle Einbußen hinzunehmen. Kapitel 2 gibt Tips zum Abspecken überflüssiger Versicherungen, zu Nebeneinkommen und Unterhaltsansprüchen. Schulden sollten möglichst vermieden werden, also sollten die Kreditraten angepaßt sein.

Wer das alte Hamsterrad verläßt, muß sich neuen Lebenssinn suchen. In den folgenden Kapiteln werden Möglichkeiten vorgestellt, sich das Leben ohne Arbeit einzurichten, den Tagesablauf zu strukturieren, und die ungewohnte Freizeit als eine Möglichkeit zu betrachten, aufzutanken und Kraft zu sammeln für den harten Weg zurück in die Jobmaschine. Dabei ist den Autorinnen klar, daß Jobs nicht vom Himmel fallen, und schon gar nicht durch Weiterbildungsmaßnahmen zum Vorschein kommen. Der wichtigste Muntermacher ist das Vitamin B. Dies gelte es möglichst effektiv aufzubauen. Also Kontakte knüpfen, Netzwerke schaffen, sich in Erinnerung bringen.

Nun kommt es oft genug vor, daß all diese schönen Tips dennoch keinen Job bringen. Und hierin liegt auch der Sinn der neoliberalen Deregulierung. Viele kleine Ich–AGs und Existenzgründungen sollen den Boden zur besseren Ausbeutung von Subunternehmern und Minigewerben bereiten. Ist die Selbständigkeit also eine Alternative? Eigentlich nicht. Aber das dürfen die Autorinnen nicht sagen, denn auch das ZDF–Wirtschaftsmagazin ist dem neoliberalen Trend verpflichtet. Also heißt es: positiv denken und in die Zukunft schauen! Deshalb geben die drei Autorinnen Checklisten vor, an denen man und frau ersehen kann, ob sie für den Start ins Ungewisse geeignet sind. Neben mentalen Fragen steht vor allem die finanzielle Grundausstattung im Vordergrund. Eine Existenzgründung kostet erst einmal Geld, das meist sinnlos verpulvert wird.

Die Falle ist klar: wer beim Sprung in die Selbständigkeit scheitert, ist anschließend meist schlechter gestellt als die durch Hartz IV gequälten Arbeitslosen. Dafür bietet die Selbständigkeit neue Chancen, Geld loszuwerden. Das Finanzamt will seinen Anteil genauso haben wie die Sozialversicherung, von der Mindestausstattung des häuslichen Arbeitszimmers ganz zu schweigen. Immerhin zeigen die Autorinnen auf, worauf zu achten ist, und, wer einer oder einem bei der Existenzgründung helfen kann. Kapitel 11 endet zwar mit einer passenden Adressensammlung, aber wenig konkreter Hilfestellung.

Für diejenigen, die nicht dem schönen Schein der Selbstausbeutung verfallen wollen, bietet Kapitel 12 eine Mischung aus Allgemeinplätzen und hintersinnigen Gedankenspielen. Jobbörsen im Internet werden vorgestellt oder eine Interpretationsanleitung für die immer weniger werdenden Stellenanzeigen. Tips zur richtigen Bewerbung fehlen ebensowenig wie die durchaus spannende Frage, ob man und frau jeden Job annehmen sollte. Dennoch stellt sich nach der Lektüre der knapp 400 Seiten das Gefühl ein, auch nicht viel schlauer geworden zu sein. Das mag daran liegen, daß die Autorinnen den Sinn ihrer Bemühungen gar nicht erst reflektieren: Muß das denn sein, sich kapitalistisch ausbeuten zu lassen? Nein, sicher nicht – aber die gegebene Gesellschaftsordnung wird auch gar nicht erst in Frage gestellt. Die Autorinnen arbeiten zielorientiert: ein neuer Job, eine neue Lebensaufgabe soll es sein, womöglich als vom Scheitern bedrohte Existenzgründerin.

Ob das Sinn macht, ist nicht so wichtig. Hinzu kommt, daß all die schönen Tips zwar die Arbeitslosigkeit erträglicher getalten können, aber daß sich trotz aller Bemühungen und dem Einsatz von Vitamin B wirklich befriedigende Aussichten nicht einstellen wollen. Daran ändern Wellnessfarmen ebensowenig wie Erfolgskontrollen, Tai Chi–Übungen oder Kreativitätstechniken.

Wer allerdings befürchtet, in ein Loch zu fallen und sich daher eine sinnvolle Beschäftigungstherapie auf der Suche nach neuen Aufgaben wünscht, kann in diesem Buch die eine oder andere brauchbare Anregung erhalten. Daher noch einmal der Titel: Gekündigt – was nun? von Annette Fuß, Anke Trutter und Bettina Blaß aus der WISO–Redaktion des ZDF. Der Ratgeber ist in der Reihe Redline Wirtschaft bei ueberreuter erschienen; Preis: 15 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2005 aktualisiert.
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