Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– November 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
02.11.2003Vitamin C
23.11.2003Das Wunder von Bern war keines
30.11.2003Am Rand der Welt
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Vitamin C
02.11.2003 *** Wdh. 03.11.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Der Herbst mit seinen zunehmend kühleren Temperaturen führt zu vermehrten Erkältungen und schniefenden Nasen. Die Pharmalobby empfiehlt die verstärkte Zufuhr von Vitamin C. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hält das für blanken Unsinn.

Beitrag Walter Kuhl

Am vergangenen Freitag war's mal wieder im Echo zu lesen: gegen Triefnasen und Grippe hilft eine geballte Ladung Vitamin C. Melanie Wilhelm verkündete: Weg mit den Vitamin C-Tabletten. Frisches muss her! Sie empfahl einen Marktbesuch und den Kauf von vielen Orangen, Äpfeln, Birnen und Grapefruits. Mit der ersten Aussage hat sie uneingeschränkt Recht. Vitamin C in Tablettenform ist für die meisten Menschen absolut unnötig. Und Obst mag gut schmecken, aber bergeweise verzehren müssen wir es deswegen nicht, um genügend Abwehrkräfte zu tanken.

Es ist nämlich ein weitverbreiteter Irrtum, daß die im allgemeinen schon fast zu wohlgenährten mitteleuropäischen Menschen auf die zusätzliche Zufuhr von Vitamin C, also auf Ascorbinsäure, angewiesen sind. So schreibt das überaus empfehlenswerte Handbuch Selbstmedikation der Stiftung Warentest: Die Bedarfsdeckung bei allgemein üblicher gemischter Kost ist als sehr gut anzusehen. Es gibt Ausnahmen, aber auf die komme ich noch zu sprechen.

Jedenfalls: Dass hohe Dosen Vitamin C Erkältungen vorbeugen oder andere Infektionen verhüten können, ist bisher wissenschaftlich nicht ausreichend nachgewiesen. Ähnlich sieht das auch die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in ihrem aufklärenden Wegweiser durch Werbung und Wirklichkeit mit dem Titel Gesundheitskost – gesunde Kost? Zum Thema Nebenwirkungen heißt es dort nämlich:

Die Einnahme hochdosierter Präparate (500 mg/Tag) ist nicht unbedenklich (möglich sind Nierensteine, erhöhter Cholesterinspiegel, Zerstörung von Vitamin B12, Schäden an Erbgutbausteinen, Arteriosklerose, Herzinfarkt).

Nun sind 500 mg pro Tag etwa das Fünf- bis Sechsfache des Normalbedarfs. Man und frau muß sich da schon anstrengen, diese Überdosierung zu erreichen, zumal über den Bedarf hinaus aufgenommenes Vitamin C auch wieder ausgeschieden wird. Doch was versprechen uns die Vitaminverkäufer? Power für unser Abwehrsystem. Stärkt die Widerstandskraft. Entgiftet ihren Körper. Aber was steckt wirklich dahinter? Die Verbraucherzentrale NRW schreibt:

Erste Anzeichen für Vitamin- und Mineralstoffmangel äußern sich unspezifisch, z.B. in Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Konzentrationsschwäche; derartige Symptome können jedoch auch auf andere Erkrankungen hinweisen.

Wenn es jedoch stimmt, daß wir bei ausgewogener Kost den Grundbedarf an Vitamin C problemlos decken, stellt sich die Frage, warum wir dennoch müde, abgeschlagen und unkonzentriert sind. Das mag mitunter an anderen Krankheitssymptomen liegen, in der überwältigenden Zahl der Fälle gibt es aber einen ganz klaren Grund: Überforderung, Leistungsdruck, Streß. Und kapitalistische Ausbeutungsmethoden sind nun einmal nicht mit einem Vitaminplacebo zu kurieren. Für Kapitalismus empfiehlt der aufgeklärte Apotheker und die kluge Ärztin: Widerstand gegen die fremdbestimmten Zumutungen.

Jetzt bleiben zwei Fragen zu klären: Erstens – ernähren wir uns wirklich ausgewogen? Wenn nein, was sollten wir dagegen tun, vor allem dann, wenn die neoliberale Sparwut unser Einkommen auffrißt? Zweitens – es gibt Gründe für einen erhöhten Vitaminbedarf, die auch genannt werden sollten. Dennoch bleibt in den allermeisten Fällen die zusätzliche Einnahme von Vitamin C-Präparaten sinn- und wirkungslos. Zuviel ist eben manchmal alles andere als besser. Einen erhöhten Bedarf an Vitamin C gibt es jedoch tatsächlich bei Schwangerschaften und in der Stillzeit, beim ohnehin ungesunden Rauchen, bei starker körperlicher Belastung und medizinisch gebotenen Ausnahmefällen. Spannend fand ich die Angabe, daß auch die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure zu einem erhöhten Vitamin C-Bedarf führt. Angesichts dessen, daß wir viel zu oft zur Kopfschmerztablette greifen, anstatt die krank machenden Ursachen anzugehen, passiert hier folgendes:

Überforderung, Leistungsdruck und Streß führen zu vermehrten Kopfschmerzen. Um wieder fit für die Ausbeutung zu sein, werfen wir Kopfschmerztabletten ein, die oftmals Acetylsalicylsäure enthalten. Deren Nebenwirkungen bekämpfen wir wiederum mit Vitamin C-Präparaten. Und wer verdient daran? Nun – zu Risiken und Nebenwirkungen fragen wir am besten nicht die Pharmalobby. Die verrät uns diese nämlich sowieso nicht und setzt lieber den nächsten Werbespot für ein eigentlich unnötiges Vitamin C-Mittel.

Ein bißchen Obst regelmäßig gegessen bringt uns im Rahmen von normaler mitteleuropäischer gemischter Kost jedoch genauso gut durch den Winter. Ein darüber hinaus gehender Mehrbedarf als Grippeschutz ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Der vom Echo am Freitag empfohlene run auf die Obstkisten ist also nur begrenzt notwendig.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
  Tip :
  • Stiftung Warentest (Hg.), Handbuch Selbstmedikation, 2002, 34 Euro
  • Verbraucherzentrale NRW (Hg.), Gesundheitskost – gesunde Kost?, 6. Aufl. 1999, 9,20 Euro
 
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Das Wunder von Bern war keines
23.11.2003 *** Wdh. 25.11.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Daß Sport alles andere als unpolitisch ist, sehen und hören wir bei jeder Sportreportage. Dennoch gibt es Sportereignisse, die tief im kollektiven Bewußtsein verankert sind und Sinn stiften. Eines dieser Ereignisse ist derzeit als Film zu bewundern. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte bespricht im folgenden Beitrag jedoch nicht den Film, sondern ein spannendes Buch zum tieferen Verständnis der Ereignisse im Jahre 1954.

Beitrag Walter Kuhl

 
Die Intensität, mit der heute noch Bezug genommen wird auf ein fünf Jahrzehnte zurückligendes Fußballereignis, ist erstaunlich – haftet doch allem, das den frühen 1950er Jahren entstammt, etwas Altbackenes, Kleinkariertes und Spießiges an. Weder nimmt sich heute irgendjemand die Politik Konrad Adenauers zum Vorbild, noch erträgt jemand die unfassbaren Schlagerschnulzen und Heimatfilme, die seinerzeit Hallen und Kinos füllten. Selbst die damalige Mode ist Äonen entfernt von einer etwaigen Retro-Welle. Nur diese eine Ausnahme existiert: Die Helden von Bern. [Seite 146]

Fünfzig Jahre nach dem Fußballwunder kommt es als Märchen auf die Kinoleinwände zurück. War der Weltmeistertitel 1954 sozusagen die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland, die man und frau seither mit erhobenem Kopf aufbauen durfte, so ist Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Weg zur global operierenden Weltmacht ohne Gewissensbisse. Doch was macht fünf Jahrzehnte danach den Erfolg eines Mythos und den Kinoerfolg eines Films aus?

Ist es womöglich ein Nationalmythos, der viel eindringlicher ist als der 17. Juni oder der Fall der Mauer 1989? War der 4. Juli 1954 die Wiedergeburt einer Nation, die genau wußte, was sie angestellt hat? Jedenfalls wurde der Endspielsieg schon damals als Befreiungsschlag aufgefaßt und spielte sich schnell im Bereich des Legendären ab. Etwa – daß eine deutsche Mannschaft nie aufgibt und kämpft, daß die deutschen Tugenden zum Sieg verhelfen, usw.

Christian Jessen, Volker Stahl, Erik Eggers und Johann-Günther Schlüper haben mit ihrem im Agon Sportverlag herausgebrachten Buch zur Fußballweltmeisterschaft 1954 ein Beispiel dafür geliefert, wie man Legenden gegen den Strich bürsten und dennoch ein spannendes, lesenswertes und informatives Buch schreiben kann. Es heißt zwar auch Das Wunder von Bern, aber belegt vor allem in seiner fachkundigen Analyse, daß wenig Wunderliches und statt dessen sorgfältige Planung im Vordergrund gestanden haben. Sepp Herberger war kein Wunderdoktor, er war ein maniac – heute würden wir sagen: verhaltensauffällig.

Neben der sportlichen Chronik, von den Qualifikationsspielen bis zum Endspiel, wird der sportpolitische Kontext nicht außer acht gelassen. Wie es dazu kam, daß die Weltmeisterschaft in der Schweiz stattfand, was es mit der ungarischen Wunderelf auf sich hatte, wie es zu dem seltsamen Spielmodus in den Gruppenspielen kam und warum es kein Zufall war, daß sich ausgerechnet die Mannschaften der Bundesrepublik Deutschland und Ungarns im Finale gegenüberstanden.

Doch auch die Nachwirkungen des Siegs im Berner Wankdorfstadion fallen nicht unter den Tisch. Etwa die peinlich nationalistische Rede des DFB-Präsidenten Peco Bauwens oder die Ermahnung des Bundespräsidenten Theodor Heuss, doch bitte schön die politisch erwünschte dritte Strophe des Deutschlandliedes zu intonieren. Interessant ist sicher auch, daß auch die Deutschen in der DDR gejubelt haben und daß die ausländische Presse dem Jubel fast schon wohlwollend gegenüberstand. Denn immerhin sei es besser, sich über einen sportlichen als über einen militärischen Sieg zu freuen.

Das Wunderteam von Bern war allerdings keine verschworene Gemeinschaft. Der Mythos von den elf Freunden ist erst nachher erfunden worden. Dennoch bot sich gerade dieses Team, das noch nicht aus hochbezahlten Profis bestand, sondern aus Menschen zum Anfassen, geradezu als Projektionsfläche eigener kleinbürgerlicher Sehnsüchte an.

Das sorgfältig zusammengestellte Buch von Christian Jessen, Volker Stahl, Erik Eggers und Johann-Günther Schlüper über Das Wunder von Bern ist in seinen Wertungen differenziert und aufklärerisch. Es ist als Band 5 einer Reihe zur WM-Geschichte im Agon Sportverlag erschienen und kostet 24 Euro. Als Kontrapunkt zum gefühlsbeladenen (um nicht zu sagen: spießigen) Film von Sönke Wortmann ist es uneingeschränkt empfehlenswert.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Timo Krstin (Dienstag)
 

Hinzuzufügen ist: Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder tief emotional berührt aus dem Film herauskommt, dann liegt das sicher nicht an der Handlung als solcher. Schröder, der Manipulator der neoliberalen Reformoffensive, ist hier einfach selbst manipuliert worden. Die aufdringlich schnulzige Filmmusik sorgt für das Ausblenden jedweder Reflektion und das Eintauchen in die tiefste Sinnlichkeit einer entfremdeten Gefühlswelt – Kitsch für die Massen. Nur durch diese aufgeladene Emotionalität funktioniert der Film als deutschnationaler Mythos.

Hollywood bringt im Jahr darauf [2004] die US-amerikanische Fassung des Wunders von Bern. Der Film heißt einfach "Miracle" und zeichnet den wiedererwachten Stolz einer Nation nach. Nach dem Debakel von Watergate und Vietnam, dem Sturz des Schah und der völlig mißglückten Befreiung US-amerikanischer Geiseln aus der besetzten Botschaft in Teheran zieht ein Schauspieler ins Weiße Haus ein und wird eine jungenhafte Eishockeymannschaft Olympiasieger. Die Sternstunde ist der Sieg im Halbfinale über das Wunderteam aus der Sowjetunion, die damals beste Eishockeymannschaft der Welt.

 
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Am Rande der Welt
30.11.2003 *** Wdh. 01.12.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Jedes Jahr erscheint ein Sonderband der Zeitschrift Archäologie in Deutschland zu einem speziellen Thema. Dieses Jahr geht es um die Siedlungsgeschichte in den Randbereichen möglicher menschlicher Existenz. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat den Band gelesen und stellt ihn uns nun vor.

Beitrag Walter Kuhl

Das Ende der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren führte nicht nur zu einer kleinen Bevölkerunsgexplosion, sondern auch dazu, daß sich Menschen an unwirtlichen Orten niederließen. Das taten sie gewiß nicht freiwillig. Entweder waren die guten Siedlungsplätze schon besetzt oder sie wurden von nachfolgenden Gruppen abgedrängt und mußten mit dem vorlieb nehmen, was an Ressourcen übrig blieb.

Dirk Meier legt nun in seinem bei Theiss erschienenen Band Siedeln und Leben am Rande der Welt einen Überblick über einzelne Aspekte dieser Siedlungstätigkeit unter extremen Bedingungen vor. Der Autor beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit interdisziplinärer Siedlungsforschung; sein Schwerpunkt ist die Erforschung menschlichen Lebens am und im Wattenmeer an der Nordseeküste.

Doch extreme Witterungs- und Lebensbedingungen gab es nicht nur an der Nordsee. Der Autor führt uns im ersten Kapitel seines Buches zu den ersten Spuren menschlicher Anwesenheit in den Hochalpen noch in der letzten Eiszeit oder zur Almwirtschaft im Römischen Imperium. Das Leben am Rande des gerade noch Erträglichen war jedoch unstet und führte nicht selten zu einer nomadischen Lebensweise von Jägern, Sammlerinnen und Hirten. Ab der Römerzeit wurde der Alpenraum systematischer genutzt, da die Römer die Alpenpässe und -täler als Transitwege in ihr germanisches Teilreich nutzten und somit ihre Spuren hinterließen.

In einem zweiten Kapitel führt uns der Autor zur Besiedlung der unwirtlichen schottischen Highlands, der vorgelagerten Inseln, dann über die Färöer-Inseln bis nach Island, Grönland, ja sogar nach Neufundland. Um das Jahr 1000 waren die klimatischen Bedingungen in Island und Grönland etwas wärmer als heute, dennoch war das Leben hart und der Erfolg ungewiß. Auf Neufundland scheinen sich die Wikinger nicht lange aufgehalten zu haben; hier waren es die indianischen Stämme, die den europäischen Siedlern das Leben schwer machten. Spätestens um 1500 wurden die Siedlungen auf Grönland aufgegeben. Das Klima war kälter, die Sommer nasser und damit die Lebensgrundlagen viel zu unsicher geworden.

Das dritte Kapitel des Buches führt uns zu Seen und Mooren und letztlich zum Leben im Wattenmeer. Pfahlbausiedlungen beispielsweise am Bodensee, aber auch im Randbereich anderer Alpenseen waren wahrscheinlich eine Erfindung aus dem westlichen Mittelmeerraum im 6. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Von den ufernahen oder gar im See gelegenen Siedlungen wurde das bewaldete Hinterland intensiv landwirtschaftlich genutzt. Allerdings stellt sich schon die Frage, ob es sich hierbei um Leben unter Extrembedingungen gehandelt hat oder um eine besonderes gelungene Art und Weise, sich die natürlichen Umweltbedingungen zunutze zu machen.

Hingegen war die Besiedlung der Nordseeküste von Anfang an eine Auseinandersetzung mit den elementaren Natürkräften des Meeres. Doch auch hier waren die Menschen erfinderisch, um sich gegen die permanente Gefahr von Überflutungen abzusichern. War es wirklich vor 2000 Jahren ein Wagnis, in den Marschen zu siedeln? Offensichtlich hatten sich die damaligen Menschen auch an der Nordseeküste gut eingelebt; dennoch gab es mehrfach verheerende Sturmfluten und Zeiten, in den sich kaum oder keine Siedlungstätigkeit nachweisen läßt. Nicht vergessen werden darf hierbei auch, daß zum Ende der letzten Eiszeit der Meeresspiegel rund 100 bis 120 Meter tiefer lag als heute. So betrachtet wurden die steinzeitlichen Jäger- und Sammlerinnenverbände aus ihren ursprünglichen Siedlungsräumen vertrieben und mußten sich womöglich notgedrungen an die Randexistenz zwischen Wattenmeer und sandiger Geest anpassen.

Dirk Meier lenkt mit seinem Band über das Siedeln und Leben am Rande der Welt den Blick auf von der historischen und archäologischen Forschung eher am Rande behandelte Gebiete Europas. Doch nicht nur in den fruchtbaren Flußtälern siedelten Menschen, sondern auch in Gebieten, die gerade einmal das Überleben sicherten. Über das Warum muß vielleicht noch spekuliert und geforscht werden; die Tatsache, daß am Ende der Eiszeit die wenigen Menschen Europas, und das waren vielleicht einmal ein paar Zehntausende, auch schon in Randgebieten siedeln mußten, ist unbestreitbar.

Zwei kleinere Schönheitsfehler hat dieses Buch dennoch. Erstens wird nur das Leben in den Randbereichen Europas thematisiert, obwohl sich bei der Befassung mit den Wikingern in Grönland durchaus ein Vergleich mit der Lebensweise der in der Nachbarschaft lebenden Inuit angeboten hätte. Und zweitens schreibt der Autor, daß der irische Mönch Dicuil zwischen 814 und 825 am Hofe Karls des Großen gelebt habe, als er der Nachwelt eine Beschreibung des damaligen Lebens auf den Färöer–Inseln hinterlassen hat. Doch Karl starb im Jahr 814 und hinterließ das Frankenreich seinem Sohn Ludwig, genannt der Fromme.

Das Buch Siedeln und Leben am Rande der Welt zwischen Steinzeit und Mittelalter von Dirk Meier ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 24 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 24. Dezember 2005 aktualisiert.
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