Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Oktober 2002 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
06.10.2002Das Römische Weltreich
13.10.2002Datenschutz
20.10.2002Graffiti statt Nazis
26.10.2002Tschetschenien
27.10.2002Adams Eltern
28.10.2002Bayern München
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2002.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/rawe/rw_okt02.htm
 
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Das Römische Weltreich
06.10.2002 *** Wdh. 08.10.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Geschichtsschreibung hat etwas mit Mythenbildung zu tun. Gute Geschichtsschreibung mit der Entzauberung der Mythen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat ein Buch über die römische Geschichte gelesen und kann uns mit dem folgenden Beitrag hoffentlich helfen, so manche Mythen zurechtzurücken.

Beitrag Walter Kuhl

Sinnlose Sprüche durchzogen den Geschichtsunterricht unserer Eltern und auch unseren eigenen. Neben der großen Keilerei 333 der griechischen Welt war es das Leben spendende Ei, aus dem die größte Militärmacht der Antike hervorging – 753, Rom schlüpft aus dem Ei. Doch wie vieles ist auch dies Geschichtsklitterung. Was wir in der Schule nicht gelernt haben, verraten uns moderne und manchmal auch postmoderne Geschichtsbücher.

Schon die mythische Gründung 753 vor unserer Zeitrechnung ist eine Legende. Zeitlich mag es vielleicht noch passen, daß die ersten festen Häuser einer kleinen Siedlung am Rande des Tiber erbaut wurden. Doch der Glanz und Ruhm, den die römischer Dichter und Schriftsteller der römischen Königszeit angedichtet haben, hat nie existiert. Es war ein kleines Provinznest, das sich irgendwann im 5. Jahrhundert von der etruskischen Oberhoheit befreien konnte, um dann – allerdings zielgerichtet – das eigene Territorium zu vergrößern.

Die römische Geschichte ist die einer zivilisierten Welt. Wo heute von Zivilgesellschaft geredet wird, sterben gleichzeitig Millionen Kinder. Und wie bei den Römern sind Friedensbotschaften Ankündigungen des nächsten Krieges. Die Ursprünge unserer Zivilisation liegen so gesehen schon zurecht in der griechischen und römischen Antike. Daß die Römer auch tolle Wasserleitungen, Brücken oder Amphitheater bauten, paßt durchaus zum Bild.

Die römische Wirtschaft basierte auf zwei Quellen: Sklavenarbeit und auf Plünderungszügen zur Vergrößerung der Macht. – Was wir in der Schule nicht gelernt haben oder am besten gleich wieder vergessen haben, fehlt uns manchmal, wenn auf die Antike Bezug genommen wird. Nun gibt es verschiedene Arten, sich der Geschichte der Antike zu nähern. Wenn auch nicht mehr so krass und vor allem unkritisch wie vielleicht noch vor hundert Jahren, so setzt die eine Interpretation mehr auf Persönlichkeiten, Feldzüge und eine Geschichtsschreibung aus der Sicht der herrschenden Klasse, also der römischen Aristokratie. In diese Kategorie fällt ein Buch wie der soeben bei Theiss erschienene Band Das Römische Weltreich von Wolfgang Schuller.

Die andere Sichtweise betont eher soziale, wirtschaftliche und rechtliche Fragestellungen und begreift die handelnden Personen als Akteure eines soziopolitischen Dramas. Hier wird eher gefragt, was – außer den Legionen – ein Weltreich wie das römische jahrhundertelang zusammengehalten haben mag, wo doch die orientalischen Reiche der Jahrtausende zuvor spätestens nach wenigen Jahrhunderten wieder zerfallen waren. Ein Vertreter dieser Richtung war der 1986 verstorbene Historiker Moses Finley.

Beide Sichtweisen haben – kritisch reflektiert und miteinander in Bezug gesetzt – ihre Berechtigung. Umso bedauerlicher, daß Wolfgang Schuller in seinem Band über Das Römische Weltreich keinerlei Bezug auf die wirklich spannenden Ergebnisse der Forschung über die Antike aus sozioökonomischer Sicht nimmt. Dennoch hat Wolfgang Schullers Darstellung ihren Wert. Sie faßt die Forschungsergebnisse auf dem neuesten Stand zusammen, belegt das immer noch vorhandene Unwissen über Teile der römischen Geschichte, erklärt aber zugleich auch kompetent die Lebensverhältnisse von Sklavinnen und freien römischen Bürgern. Die Darstellung umfaßt die Geschichte Roms ab seiner Gründung bis hin zum Untergang des weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert.

Als zusammenhängende Darstellung ist es ein durchaus anregendes Buch, das die Bruchstücke unserer Erinnerung an langweilige Schultage wieder zusammenführt und ergänzt. Das Römische Weltreich ist in der Reihe Illustrierte Weltgeschichte im Theiss Verlag erschienen und kostet 29 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Datenschutz
13.10.2002 *** Wdh. 14.10.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Moderne Technologien werden selbstverständlich auch dazu benutzt, die Beschäftigten eines Betriebes zu überwachen. Ein derartiges Vorgehen ist allerdings datenschutzrechtlich mehr als bedenklich. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Auf der CeBit im Frühjahr dieses Jahres wurde erstmals eine Software vorgestellt, die in neue Dimensionen vorstößt. Sie soll es ermöglichen, Unregelmäßigkeiten an Supermarktkassen aufzudecken und somit unerklärlichen Warenverlusten auf die Spur kommen. Angebliche, aber nie bewiesene Milliardenverluste durch Diebstahl dienen hier als Einfallstor für die lückenlose Überwachung der Beschäftigten.

Die Fachzeitschrift Computer–Fachwissen aus der gewerkschaftlichen Bund–Verlagsgruppe weist jedoch in ihrer Septemberausgabe darauf hin, daß diese sogenannten Loss Prevention-Systeme massiv gegen den Datenschutz verstoßen. Mit Bezug auf die europäische Datenschutzrichtlinie werden daher Betriebsräte aufgefordert, ihre Zustimmung zur Einführung derartiger Überwachungssysteme zu verweigern.

Gerne wird bei Datenschutzfragen darauf verwiesen, man oder frau habe doch nichts zu verbergen. Es sei doch nicht so schlimm, wenn staatliche oder private Screenings oder Rasterfahndungen an unbescholtenen Bürgerinnen und Bürgern vorgenommen werden. Dieselben Menschen, die kein Problem damit haben, wenn ihre Mitmenschen überwacht werden (weil: was haben wir schon zu verbergen?), würden mit der gleichen Selbstverständlichkeit auch nicht ihre alltäglichen Finanztransaktionen dem Finanzamt zugänglich machen.

Die Loss Prevention-Software arbeitet nach dem Prinzip der Rasterfahnung. Dabei werdem Daten an jeder Kasse, in jedem Markt, über jede und jeden Angestellten, in jeder Stunde und an jedem Tag gesammelt und täglich in eine zentrale Datenbank des Loss Prevention-Servers übertragen. Diese Daten werden anschließend zentral analysiert und ausgewertet. Das Problem dabei ist, daß verwertbare Ergebnisse nur auf der Grundlage einer absolut lückenlosen Überwachung zustande kommen. Bestimmte Tätigkeiten an der Kasse – etwa Geldrückgaben, Korrekturen oder Umtausch – kommen auf den Tag oder die Woche verteilt in typischen Mustern vor. Wird dieses Muster mit den tatsächlichen Kassenaktivitäten abgeglichen, lassen sich Abweichungen vom vorgegebenen sogenannten Kassenprofil feststellen. Die Ergebnisse werden dann bis zur einzelnen Kassiererin oder einem anderen Beschäftigten zurückverfolgt und dienen zur Grundlage einer gezielten Überprüfung. Verdächtig ist dann jede und jeder, der oder die dem idealtypischen Kassenprofil nicht entspricht.

Die Loss Prevention-Software ist so gesehen ein weiterer Baustein, um den Spielraum von abhängig Beschäftigten einzueengen und jede Pore des Arbeitstages gewinnbringend zu maximieren. Daß hierbei nebenher das rechtsstaaliche Prinzip der Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt wird, zeigt, wie sehr sich die Wirtschaft um derartige Penauts schert. Näheres dazu ist nachzulesen in der Septemberausgabe der Fachzeitschrift Computer–Fachwissen aus der gewerkschaftlichen Bund–Verlagsgruppe.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Graffiti statt Nazis
20.10.2002 *** Wdh. 22.10.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Freiberg in Sachsen ist die Partnerstadt Darmstadts. Partnerschaftlich wird hier wie dort gegen Graffitis vorgegangen. Dagegen scheint die Nazikultur in Freiberg weniger wichtiggenommen zu werden. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Weltoffen gibt sich Darmstadts Partnerstadt im beschaulichen Freiberg. Mit offenen Armen werden offensichtlich auch alte und neue Nazis in Freiberg und Umgebung aufgenommen. Nicht, daß dies einer bewußt offiziellen Politik entspricht. Aber faktisch läuft es darauf hinaus. Die alternative Zeitung FreibÄrger schildert in ihrer aktuellen Ausgabe, wie dies in der Praxis aussieht.

Der 13. September 2002 war kein Glanztag für die Freiberger Polizei und das sich gerne weltoffen nennende Silberstädtchen. Überwiegend Jugendliche hatten gegen die Hetzreden von älteren Nazi–Funktionären Zivilcourage gezeigt und dagegen stimmgewaltig protestiert. Dann soll eine Bierdose – angeblich von einer 15–jährigen – in Richtung der Nazi–Hetzer geworfen worden sein. Willkommener Anlaß für den Einsatzleiter der Polizei, eine Treibjagd mit anschließender Massenverhaftung auf die jugendlichen Antifaschistinnen und Antifaschisten zu starten.

Willkommen war offensichtlich auch das Nazi–Fußvolk aus Freiberg, das auch auf Aufmärschen des militanten Neonazis Christian Worch wiederzufinden ist, nicht nur auf der geduldeten Kundgebung, sondern auch beim anschließenden Saufgelage. Daß dort mal verdeckt der Hitlergruß gezeigt wird oder auch neonazistische Symbole, war hingegen kein Anlaß zum Einschreiten. Man ist schließlich in Sachsen und Sachsen ist eine Hochburg rechtsradikaler Umtriebe.

Und was für Probleme hat das Freiberger Pendant unseres Ordnungsdezernenten Horst Knechtel in solch einem Fall? Richtig – seine Seele belasten die 150 Graffitis in der Innenstadt mehr als zusammengeschlagene Vietnamesen oder Punks. Konsequenterweise gibt es in Freiberg mehr Reinigungs– und Security–Firmen als sinnvolle Jugendeinrichtungen. Eine saubere Innenstadt ist halt wichtiger als das konsequente Einschreiten gegen Neonazis.

Also alles beim Alten, könnte man und frau denken. Für Rechte und Neonazis bleiben Freiberg und sein Umland ein El Dorado. Alle Versuche, dem Anstieg faschistoider Kultur etwas entgegenzusetzen, werden von Politikern und Bürokratinnen wenn nicht ganz verhindert, so doch stark beschnitten. Die Gründung von Initiativen gegen Rechtsextremismus entpuppen sich als heiße Luft.

Nun ist es für Nichtdeutsche in Freiberg bekanntermaßen nicht leicht. Was die Korrespondentin des Darmstädter Echo – Sabine Ebert – in aller Weltoffenheit unterschlägt, sind Angriffe auf Vietnamesen und überhaupt dunkelhäutige Menschen. Offensichtlich fühlen sich die rechten Schlägertypen durch die offizielle Politik bestärkt.

Jugendkulturelle Einrichtungen, die als links gelten, werden geschlossen, weil sie den Politikerinnen und Politikern von SPD und CDU nicht in den Kram passen. Diese Kulturzentren werden anschließend rechtsradikalen Jugendlichen, aber auch neuheidnischen Geschäftemachern überlassen. Endlich, so scheint es erwünscht zu sein, sind die Punks verschwunden und die Jugendlichen glauben wieder an die Wunderkräfte von Yggdrasil und Odin.

Freiberg unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von Darmstadt. Während hier den GRÜNEN begeistert zugejubelt wird, erhält die NPD in so manchem Wahlbezirk Freibergs auch mal 5% der Stimmen. Und das ist nicht die Spitze des Eisbergs. In einigen Gebieten Sachsens sind es noch mehr Stimmen. Die staatliche Jugendförderung scheint sich auszuzahlen. Denn die Kids in den geförderten rechtsradikalen Einrichtungen sind möglicherweise die Politikerinnen und Wirtschaftsführer von morgen. Und wer weiß, wann wir für den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder Menschen mit klaren Prinzipien brauchen.

Freibergs zweimonatlich erscheinende alternative Zeitung FreibÄrger ist für alle diejenigen, die nicht allein auf die Berichterstattung des Darmstädter Echo angewiesen sein wollen, über das Haus der Demokratie am Bebelplatz 3 in Freiberg zu erwerben.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Tschetschenien
26.10.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die Geiselnahme in Moskau hat den Blick der Weltöffentlichkeit auf Tschetschenien zurückgelenkt. Zu den Hintergründen ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Es wäre eigentlich ein Fall für unsere Menschenrechtsregierung. Rußland führt Krieg gegen Tschetschenien und dieser Krieg ist so brutal und schmutzig wie der Vietnamkrieg der USA. Doch unsere Regierung hat sich auch hier zugunsten der Täter festgelegt: Der befreundete Präsident Wladimir Putin hat einen Freibrief erhalten, gegen die angeblichen Terroristen auf tschetschenischem Boden mit allen Mitteln, die das Völkerrecht verbietet, vorzugehen.

O–Ton Gerhard Schröder auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Wladimir Putin am 25.09.2001 :
Ich habe gemeint, daß es in Bezug auf Tschetschenien zu einer differenzierteren Bewertung der Völkergemeinschaft kommen muß und sicher auch kommen wird.

Schröders Kumpel Joschka Fischer finanziert anschließend differenziert die eine oder andere Hilfslieferung für die weit über 100.000 Flüchtlinge im benachbarten Inguschetien – Zynismus der Macht.

Nach dem 11. September konnte sich Putin als Kämpfer gegen den internationalen Terrorismus profilieren. Nur zu gerne drückten die Kriegsherren in aller Welt beide Augen zu, als ihr Verbündeter in Moskau die Erdölregion rund um den Kaukasus mit aller Waffengewalt befrieden wollte. Menschenrechte enden bekanntlich dort, wo es um Profit geht. Und die deutsche Bundesregierung unterstützt diese Sorte Menschenrechtspolitik. Schließlich sind auch deutsche Firmen dick im Geschäft mit Rußland und verfolgen ihre strategischen Interessen in der Ölregion rund ums Kaspische Meer.

Doch was wollen die tschetschenischen Rebellen? Als 1991 Boris Jelzin den damaligen Präsidenten Michail Gorbatschow wegputschte, richtete er auf einer Rede in Almetjewsk an die Führungen der Republiken und autonomen Gebiete der UdSSR die historischen Worte: Nehmt so viel von der Souveränität, wie ihr nur verdauen könnt! Und den Rest gebt per Vertrag an Russland ab! Und die tschetschenische Führung nahm ihn beim Wort. Wenn Republiken wie Litauen oder Kasachstan ihre Unabhängigkeit erhalten konnten, dann mußte dies auch für Tschetschenien gelten. Doch Boris Jelzin und später Wladimir Putin nahmen diese Worte selbstverständlich nicht ernst. 1994 fielen russische Truppen erstmals in Tschetschenien ein und richteten ein Blutbad an, dem Zehntausende Zivilistinnen und Zivilisten zum Opfer fielen. Doch gegen die Guerillakriegführung der Tschetschenen hatte die russische Armee nie eine wirkliche Chance. 1996 mußten sie geschlagen das Land verlassen. Der damalige Präsidentenberater Alexander Lebed handelte eine Übereinkunft aus, die einen Vertragsabschluß zwischen zwei gleichgestellten Rechtssubjekten bis 2001 vorsah.

Und wieder selbstverständlich hatten weder Boris Jelzin noch Wladimir Putin, weder die neu entstandene russische Bourgeoisie noch das russische Militär je ernsthaft vorgehabt, sich an diese Übereinkunft zu halten. Nach langer Planung fielen die russischen Truppen Ende 1999 erneut in Tschetschenien ein. Diesmal waren die russischen Truppen besser auf die Guerillakriegsführung vorbereitet; diesmal wurde die Zivilbevölkerung strategischer bombardiert und zur Flucht nach Inguschetien gezwungen. Die Explosion zweier Wohnhäuser in Moskau im September 1999 diente nur als Vorwand für einen längst geplanten Krieg. Es gibt sogar Hinweise darauf, daß der russische Geheimdienst selbst an den Anschlägen beteiligt gewesen sein könnte.

Der islamische Hintergrund der tschetschenischen Geschichte und Kultur dient oftmals als Vorwand, von islamistischen Fundamentalisten zu sprechen. Richtig ist, daß es einige wenige Feldkommandanten gibt, die sich in der Tat auf Osama bin Laden beziehen. Doch die Mehrheit der Rebellen und erst Recht der Bevölkerung lehnt diesen Fundamentalismus ab. Die Menschen in Tschetschenien haben trotz aller Repression der Sowjetzeit gewisse Freizügigkeiten zu schätzen gelernt, die sie nicht zugunsten islamischer Fundamentalismen aufgeben wollen. Hinzu kommt, daß in Tschetschenien seit Jahrzehnten auch Angehörige anderer Kulturen leben und arbeiten. Im Gegensatz zum heute ethnisch reinen Kosovo unter NATO– und Bundeswehr–Herrschaft haben die Tschetschenen nie versucht, ihre russischen oder andere Mitbürgerinnen und Mitbürger zu vertreiben.

Wenn sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit mit allen Mitteln fordern, dann ist dies auch die Konsequenz aus einer von allen westlichen Regierungen bedingungslos unterstützten oder tolerierten schmutzigen Kriegsführung, der schätzungsweise 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Und wer sich heute über die Geiselnahme in Moskau aufregt, sollte sich lieber fragen, warum er oder sie die ganzen Jahre der brutalsten Repression geschwiegen hat und eine Regierung wiedergewählt hat, die diesen Terror unterstützt.

Doch es gibt zwei wirklich gute Bücher zur tschetschenischen Geschichte und zur russischen Kriegsführung. Karl Grobe–Hagels Buch Tschetschenien. Rußlands langer Krieg bildet den historischen und politischen Hintergrund kenntnisreich ab. Dieses Buch ist im Neuen ISP Verlag erschienen. Die französische Journalistin Anne Nivat hat im Winter 1999 am eigenen Leib erlebt, wie die russische Kriegsführung in Tschetschenien aussieht. Inkognito reiste sie Mitten durch den Krieg, so auch der Titel ihres im Rotpunktverlag erschienenen Buches.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Am Montagnachmittag ab 17 Uhr beleuchtet Radio Darmstadt ausführlich die Hintergründe und Kriegsziele im Krieg um Tschetschenien.
 

Moderation : Holger Coutandin oder Norbert Büchner (Samstag)
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Adams Eltern
27.10.2002 *** Wdh. 29.10.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Im folgenden Beitrag stellt uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte ein Buch mit dem Titel Adams Eltern vor. Da frage ich mich: Hatte Eva etwa keine Eltern? Entsprang sie einer Retortengeburt oder wie Athene dem Kopf des Zeus? Typisch männliche Weltsicht, möchte ich meinen.

Beitrag Walter Kuhl

Expeditionen in die Welt der Frühmenschen haben immer etwas Spekulatives. Einige Knochen, Zähne oder Skelette müssen dafür herhalten, ganze Weltbilder zu bestätigen oder zu widerlegen. Wir können oftmals nur mutmaßen, wie die fernen Vorfahren des heutigen Menschen gelebt und gedacht haben mögen; wirklich wissen tun wir es nicht.

Dennoch können derartige Expeditionen spannend sein. Denn es ist ja nicht so, daß wir hierbei nichts erfahren. Ganz im Gegenteil. Wir erhalten ja Anhaltspunkte dafür, woher wir stammen und warum wir ausgerechnet zu den Menschen geworden sind, die heute die gesamte Erde bevölkern. Der in Frankfurt lehrende Paläoanthropologe Friedemann Schrenk und sein US–amerikanischer Kollege Timothy Bromage haben in ihren vor kurzem bei Beck erschienenen Buch Adams Eltern eine Bestandsaufnahme vorgelgt.

Kein trockener Wälzer, sondern eine einfühlsame und humorvolle Story wird hier vor unseren Augen unterbreitet. Schrenk und Bromage hatten eine Vision, der sie in Malawi, im südöstlichen Teil Afrikas, nachgingen. Sie nahmen an, daß vor etwa zwei bis drei Millionen Jahren die entfernten Vorfahren oder Verwandten des heutigen Menschen ausgerechnet durch Malawi gezogen sein müssen auf dem Weg von den Tropenwäldern am Äquator zu den Savannen in Südafrika. Nun ist eine solche Hypothese eine Sache; aber den konkreten Beweis in Form von Knochen oder Zähnen zu finden, eine ganz andere. Man und frau kann ja nicht einfach nach Afrika fahren, irgendwo herumgraben, und die Knochen erscheinen ganz von alleine. Nein, ohne genaue Planung, viel Geld und noch mehr Fehlversuche geht hier gar nichts.

Doch Friedemann Schrenk und Timothy Bromage haben sich nicht wie die weißen Kolonialherren aufgeführt, die ins Land kommen, rumbuddeln, das einsammeln, was sie gefunden haben, und wieder gehen. In ihrem Buch Adams Eltern beschreiben sie auch ihre Verbundenheit zu dem von ihnen erforschten Land und seinen heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern. Und sie sagten sich daher: das, was wir hier in Malawi gefunden haben, soll nicht nur dort bleiben, sondern den Menschen vor Ort auch zugänglich gemacht werden. Also sollte ein Museum her. Doch auch hier galt es zu lernen, den Menschen vor Ort zu vermitteln, was das ist – ein Museum. Ganz in europäischer Denktradition gingen die beiden vom für sie Selbstverständlichen aus – und fielen auf die Nase. Und hier drückt sich ihre Verbundenheit dann auch aus. Sie bezogen die Menschen im Norden Malawis, dort, wo sie die dort lebenden Hominiden der Zeit vor zwei bis drei Millionen Jahren gefunden hatten, in die Konzeption der Ausstellung mit ein.

Lernfähigkeit mit Hilfe von Selbstironie und Selbstkritik ist beiden Forschern nicht fremd. Und genau das macht auch den Wert ihres Buches aus. Eine Mischung aus wissenschaftlicher Genauigkeit und schmökerhaftem Lesevergnügen gelingt selten; aber hier. Und wer dann noch wissen will, warum die systematische Erforschung von Schweinezähnen und Antilopenknochen eine wichtige Voraussetzung für den Fund einer neuen Hominidenart ist, und was dies mit Levi's Jeans zu tun hat, der oder dem sei dieses Buch zur vorweihnachtlichen Lektüre empfohlen.Adams Eltern von Friedemann Schrenk und Timothy Bromage ist im Verlag C.H. Beck zum Preis von 19 Euro 90 erschienen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Bayern München
28.10.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Es soll sie ja geben, die Menschen, die weder wissen, wer die Bayern sind, noch, warum man und frau ihnen die Lederhosen ausziehen soll. Für die anderen stellt Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte nun das passende Fan–Buch vor.

Beitrag Walter Kuhl

Unerträglich ist die Arroganz der Macht. Unerträglich auch Uli Hoeneß und seine Bayern. Geld kauft Erfolg und Bayern München kauft den deutschen Spielermarkt leer. Konkurrenz darf es nicht geben; doch: auch Geld kann den Erfolg nicht erzwingen. Siehe Champions League. Ein kläglicher Punkt in vier Spielen – sehr gut! Da freut sich doch der echte Bayern–Hasser und auch die echte Bayern–Hasserin. Und so erschallt es nicht nur in den Fußballstadien ganz zurecht: Zieht den Bayern die Lederhosen aus!

Torsten Geiling und Niclas Müller haben zur Unterfütterung die passenden Beispiele zusammengestellt. Die schönsten Niederlagen, die schönsten Gegentore, und vor allem die genialste Einwechslung der Welt, geschehen am 26. Mai 1999 in Barcelona. Der eingewechselte Thorsten Fink ermöglichte Manchester United den Sieg in der Champions League. Ein Fest für alle Bayern–Hasser. Nun ist Haß keine positive Eigenschaft, vielleicht wäre hier Schadenfreude angebrachter. Denn die Bayern und auch ihre Fans sind schon etwas ganz besonderes. Wer sich mit einem dauererfolgreichen Club identifiziert, hat offensichtlich ein Problem. Die beiden Autoren versuchen, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, und schreiben:

Wieso wird man Bayern–Fan? Die Frage macht uns ratlos, die Zahlen betroffen: Mehr als 90.000 Mitglieder und rund 1800 Fanclubs mit 120.000 Bayern–Anhängern hat der unsympathischste Fußballklub der Welt. Doch es kommt noch schlimmer: In einer Studie […] gaben 13,2 Millionen Deutsche an, Fußballfan zu sein; 4,1 Millionen bekannten sich zum FC Bayern. […] Diese […] Zahlen beruhen allerdings auf einem Irrtum. Die große Mehrzahl der Menschen, die sich zum FC Bayern bekennen, sind keine Fans, sondern Fernseh– und Show–Konsumenten. Für sie ist Bayern die erste Wahl, weil das Produkt ihre oberflächlichen Bedürfnisse am besten befriedigt. […] In der Mehrzahl der Fälle ist es eine billige, leidenschaftslose und charakterschwache Entscheidung, die Bayern zu seinem Lieblingsklub zu küren. Sie kostet vielleicht ein paar Euro jährlich für die neuesten […] Trikots, für die Bayern–Bettwäsche und für die Schirmmütze, vielleicht auch für den Bayern–Haussender Premiere. Aber sie kostet keine Mühe, keine Schmerzen, keine Hingabe. Ein typischer Bayern–Fan kennt nicht das Gefühl der Verzweiflung, wenn sein Klub mit dem Rücken zur Wand steht. […] Der Bayern–Fan liebt die Bequemlichkeit. Er darf sich sicher sein, rundum versorgt zu werden – mit Klatsch, Stars und Trophäen. Wer sich für den FCB entscheidet, wählt den Weg des geringsten Widerstandes. Er scheut das Risiko, enttäuscht zu werden, und hasst es zu verlieren. Kinder, die nach einer verlorenen Partie Mensch, ärgere dich nicht! wutentbrannt das Spielbrett vom Tisch fegen, werden Kunden der Bayern. Wenn es einmal schlecht läuft für den FCB, dann mutieren seine Fernsehfans zu kleinen Hoenessen und Kahns. Eine Niederlage empfinden sie als Beleidigung, die sich am Ende rächen wird. Der Bayern–Fan fühlt sich überlegen. Er kopiert die Arroganz seines Lieblingsvereins. [Seite 113–114]

Oder er versucht es zumindest. Dazu paßt dann, daß die wenigen leidenschaftlichen Fans von der Vereinsführung um Kaiser und Hoeneß wie der letzte Dreck behandelt werden. Offensichtlich ist dies – Arroganz gepaart mit Selbstverarschung – dann auch das Leitbild der Deutschland AG, verkörpert durch einen Stoiber–verbandelten Klub aus München. Daher: Zieht den Bayern die Lederhosen aus! Den echten und auch ihren Nacheiferern. Das Buch von Torsten Geiling und Niclas Müller ist bei Eichborn erschienen und kostet 7 Euro 95.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Dieser Beitrag ist demnächst nachzulesen auf der Internetseite www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 6. August 2005 aktualisiert.
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