Cover Archäologie in Deutschland Heft 1/2007

WALTPOLITIK

Online-Rezension

 

Besprechung von : Archäologie in Deutschland 1/2007, 81 Seiten, € 9,95

 

Auf eine vielleicht merkwürdige Weise ergiebig ist der Braunkohlebergbau für die archäologische Forschung. Wenn große Schaufelradbagger eingesetzt werden, um die vor Jahrmillionen in die Erde gepreßte Kohle wieder ans Tageslicht zu fördern, dann sind nicht nur heutige Siedlungen vom Untergang bedroht, sondern auch alle Spuren von dem, was sich in den Millionen von Jahren nach der Verkohlung ehemals blühender Landschaften ereignet hatte. Vor mehreren hunderttausend Jahren begab sich der europäische Zweig des Homo erectus, den wir unter dem Namen Homo heidelbergensis und seiner Nachfahren, den Neandertalern, kennen, nach Europa. Er hinterließ neben den Pfostenlöchern prähistorischer Zeltbauten auch Steinwerkzeuge und ab und zu sogar ein nichtsteinernes Zeugnis der Erfindungsgabe früher Menschen.

Der großflächig angelegte Braunkohlenbergbau ist nicht nur gefräßig. Er veranlaßt die für die Grabungen zuständigen Institutionen, gezielt die vom Untergang bedrohten Flächen zu untersuchen und gegebenenfalls zu ergraben, bevor die Bagger anrücken. Wenn wir bedenken, daß etwa 20 bis 30.000 Generationen von Menschen die deutschen Ebenen bewohnt, bejagt und verändert haben, dann können wir uns vorstellen, daß es kein Zufall ist, wenn archäologische Teams fast schon auf Schritt und Tritt fündig werden.

Gewiß – es gibt angesichts natürlicher Ressourcen gewisse Ballungen von Funden; andererseits haben sich manche Landschaften im Verlauf dieser langen Zeiträume auch verändert bzw. herausgebildet. So fließt beispielsweise der Rhein auch erst seit einigen hunderttausend Jahren über den Bodensee in das heutige Flußbett im Oberrheingraben; zuvor ergossen sich die Alpenbäche in die Donau. Und der Mensch paßte sich der sich wandelnden Umwelt an. In der Januarausgabe der Zeitschrift Archäologie in Deutschland wird exemplarisch anhand des Braunkohlenbergbaus in Sachsen gezeigt, welche Erkenntnisse sich durch die handgemachte Landschaftszerstörung gewinnen lassen.

So müssen vor rund 280.000 Jahren Menschen am heutigen Stadtrand von Leipzig gelebt haben. Warum sie sich ausgerechnet diesen für uns unwirtlichen Platz in der eiszeitlichen Mammutsteppe ausgesucht haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Vermutungen hinsichtlich besonderer Feuersteinvorkommen oder Jagdreviere lassen sich jedenfalls nicht eindeutig bestätigen. Allerdings waren die eiszeitlichen Lebensbedingungen nun auch nicht ganz so schlecht, wie wir uns dies vielleicht vorstellen mögen. Jagdbares Wild gab es zur genüge und auch die sonstigen klimatischen Bedingungen waren nicht die permanenten Frostes. Die Tatsache, daß hier Menschen gelebt haben, zeigt, daß sie schon vor rund 300.000 Jahren in der Lage waren, sich den Bedingungen der Eiszeit anzupassen.

Und wenn wir dann durch die Jahrtausende streifen, so finden sich immer wieder Funde aus neuen Lebensumständen. Die Jungsteinzeit scheint an bestimmten Regionen im Osten Deutschlands mehr oder weniger vorbei gegangen zu sein, denn zu uninteressant waren die Seenplatten und ehemaligen Moore für den sich langsam etablierenden Ackerbau. Erst mit Beginn der Bronzezeit vor etwa 4.000 Jahren findet auch hier eine dichtere Besiedlung statt. Möglicherweise förderte das Absinken des Grundwasserspiegels die Attraktivität der Region.

Es wäre jedoch sinnlos, hier nach einer ethnischen Zugehörigkeit zu fragen. Die aufeinander folgenden Kulturen, die wir heute an nicht wesentlich mehr als an Keramikmustern oder Bestattungsriten festmachen, sind vermittels konstruierter Zuordnungen von Menschengruppen ganz sicher nicht zu verstehen. Wenn es auch Anzeichen dafür gibt, daß es schon vor 5.000 Jahren eine soziale Schichtung mit einem herrschaftlichen Führungsanspruch gab, so ist kaum anzunehmen, daß sich die in einem solchen Herrschaftsgebiet zusammengefaßten Menschen als eine ethnisch definierte Gruppe verstanden haben. Herrschaften kamen und gingen, und die Menschen der damaligen Zeit waren zwar seßhaft, aber von Zeit zu Zeit durchaus mobil. Sie vermischten sich eben.

Konstruierte Zusammengehörigkeiten nach Stämmen, Völkern oder ähnlichen Gebilden sind nun aber eine Erfindung der Neuzeit; dieses Konzept ist nicht einmal auf die Antike anwendbar. Was wir in den Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung in Mitteleuropa vorfinden können, sind ganz einfach sich nach bestimmten Kriterien zusammen gehörig fühlende Menschen; Kriterien, die jedoch außerhalb des Rahmens völkischer Zuschreibungen liegen. Selbst das, was wir als Germanen kennen, war eines gewiß nicht: in irgend einer Weise homogen.

Kommen wir zum Braunkohlenbergbau zurück. Im Grunde genommen ist ein derart großflächiges Durchwühlen der Erde eine Fundgrube für Archäologen, Paläontologen und Historikerinnen. Dennoch bleibt ihnen aufgrund mangelnder finanzieller und personeller Ressourcen meist nichts anderes übrig, als sich auf bestimmte Fundplätze zu konzentrieren oder ein beispielhaftes Projekt durchzuführen.

So fanden bei Zwenkau, etwa 20 Kilometer südlich von Leipzig, zwischen 1993 und 2003 Ausgrabungen auf einer Fläche von 87 Hektar statt. Im Verhältnis zu der gesamten Fläche des Tagebaus bei Zwenkau sind dies jedoch gerade einmal 3%. Das heißt: 97% der umgepflügten Erde sind für immer für die archäologische und historische Forschung verloren. Darüber mögen sich manche grämen, andererseits: es gibt wirklich wichtigere Probleme auf dieser Welt. Aber verloren ist verloren. Unwiderruflich. Dennoch lassen sich die auf diesen 3% konzentriert gewonnenen Kenntnisse auf andere Regionen übertragen und gezielt überprüfen.

Ein anderer Weg besteht darin, ein zum Abriß freigegebenes Dorf Stück für Stück zu vermessen, zu kartieren und in eine virtuelle Realität zu übertragen. Immerhin bleibt auf diese Weise zukünftigen Generationen eine Ahnung von dem erhalten, was in der Vergangenheit in diesen Dörfern im Verlauf von Jahrhunderten geschehen sein mag. Zwar müssen hier schriftliche Urkunden oder mündliche Erzählungen die toten Artefakte erst zum Reden bringen, aber es ist dann eben nicht alles unwiderbringlich verloren.

Diesen Aspekt des Braunkohlenbergbaus in Sachsen und der Oberlausitz vertieft die Januarausgabe der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Das Heft wird ergänzt durch eine Vorstellung des seit über zwei Jahrtausenden genutzten Erzreviers an der Lahn und eine Suche nach den Spuren von Sonnenheiligtümern der frühen Pharaonenzeit in Ägypten. Das Spannende an derartigen Herrschaftsmonumenten ist dann jedoch nicht das abfotografierbare Konsumieren antiker Ruinenstätten, sondern die Frage, wie Herrschaft im alten Ägypten konstruiert und den Untertanen eingebleut wurde. Doch derartige Fragestellungen finden sich leider viel zu selten in archäologischen Büchern und Zeitschriften. Statt dessen wird der Kult um den Herrscher auf eine unreflektierte Weise in die Neuzeit verlängert.

Die Zeitschrift Archäologie in Deutschland erscheint alle zwei Monate im Theiss Verlag, hat rund 80 bis 90 Seiten und kostet pro Ausgabe 9 Euro 95.

 

Diese Besprechung hätte ursprünglich Anfang 2007 bei Radio Darmstadt gesendet werden sollen. Aufgrund eines absurden Sendeverbotes, das allein aus einer ressentimentgeladenen Stimmung im Trägerverein des Lokalradios heraus verständlich ist [1], war die Sendung des schon vorbereiteten Beitrags nicht möglich.

 

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Siehe hierzu auch meine Online-Dokumentation zu Radio Darmstadt.

 


 

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