Buchcover Hugo Chávez

WALTPOLITIK

Online–Rezension

 

Besprechung von : Christoph Twickel – Hugo Chávez, Edition Nautilus 2006, 350 Seiten, € 19,90

 

Mit dem seit 1999 amtierenden venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez ist die Weltpolitik etwas bunter und erträglicher geworden. Reizfigur ist er für die einen, Hoffnungsträger für die anderen. Die Weltpresse zerreißt sich das Maul, die venezolanische Bourgeoisie schäumt. Grund genug, sich den Protagonisten des Sozialismus im 21. Jahrhundert einmal genauer anzuschauen. Christoph Twickel hat mit seiner Chávez–Biografie diesen Versuch, wie ich finde, anständig und fair unternommen. Der Autor ist dabei nicht unkritisch, er legt den Finger durchaus auf die Probleme des Prozesses der bolivarianischen Revolution.

Biografien leben üblicherweise davon, daß das Innenleben der oder des Porträtierten in epischer Breite von frühester Kindheit an psychologisierend in die Mangel genommen wird. All dies wäre hier fehl am Platz, denn es sind nicht die Kindheitstraumata, die Hugo Chávez zum Anführer eines Prozesses werden ließen, der nicht weniger als die Umgestaltung der sozialen Landkarte Lateinamerikas bezweckt.

Chávez war Armeeoffizier, und dies scheint etwas zu sein, was manche auswärtige Kommentatoren verwirrt. Gewohnt, daß putschende Militärs nur ihre eigenen Interessen oder die der herrschenden Eliten vertreten, begreifen sie nicht, daß Chávez zu der Sorte Militär gehört, wie sie es in Lateinamerika im 20. Jahrhundert mehrfach gegeben hat. Gerade die mittleren Offiziersränge verstanden sich als Bannerträger nationaler Unabhängigkeit und moralischer Gerechtigkeit, was zunächst wenig über ihre politischen Ansichten aussagt. Wenn bei Chávez eine soziale Verpflichtung hinzukommt, weil er gesehen hat, daß ein im Grunde reiches Land massenhaftes Elend hervorgebracht hat, dann wird sein politisches Handeln verständlicher – und wir können auf Kindheitserinnerungen verzichten.

Angelpunkte sowohl des historischen Prozesses wie auch des Buches sind einige einschneidende Ereignisse. 1958 schlossen die beiden großen sozial- und christdemokratischen Parteien den Pakt von Punto Fijo und teilten sich damit Macht, Herrschaft und Pfründe auf. Eine Landguerilla wurde in den 1960er Jahren zerschlagen. Das System florierte, und mit dem Ölpreisboom ab 1973 war auch genügend Geld vorhanden, um es innerhalb der oligarchischen Strukturen versickern zu lassen. 1989 dekretierte der neugewählte Präsident Carlos Andrés Pérez ein IWF–Diktat und gab den Wechselkurs der Landeswährung gegenüber dem Dollar frei. Zu diesem Zeitpunkt lagen die Rohölpreise am Boden, Venezuela war zahlungsunfähig und benötigte dringend einen Überbrückungskredit.

Was folgte, war nicht vorauszusehen, obwohl auch anderswo sogenannte IWF riots stattfanden. Im Februar 1989 kam es zum Aufstand gegen die drohende Verarmungspolitik, dem Caracazo. Mehrere Tage lang nehmen sich die Armen der Elendsviertel das, was ihnen vorenthalten wird; sie plündern. Die Antwort der herrschenden Klasse ist brutal: sie schickt Polizei und Militär auf die Straße und schlägt den Aufstand blutig nieder. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen dieser Repression zum Opfer fallen, die Schätzungen bewegen sich zwischen 300 und mehreren tausend Toten. Und während wenige Monate später die Weltöffentlichkeit nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine große Menschenrechtsshow abzieht, wird bei den Ereignissen in Venezuela großzügig über den staatlich organisierten Massenmord hinweggeschaut. Denn man ist ja unter sich. Der IWF und das bürgerliche Eigentum sind heilig. Wer dagegen rebelliert, ist für die blutigen Folgen selbst verantwortlich.

Die mittleren Kader der Militärhierarchie ziehen ihre eigenen Schlüsse aus diesen Ereignissen. Eine kleine Gruppe beginnt zu konspirieren, wird aber von der Militärspitze und dem Geheimdienst nicht so richtig ernst genommen. Konspiration im Militär ist nichts Ungewöhnliches. Meist reicht eine Beförderung aus, um den Jungs die damit verbundenen Flausen auszutreiben. Doch nicht bei Hugo Chávez und seinen Mitverschwörern. Aber der aus der Konspiration hervorgegangene Putsch scheitert am 4. Februar 1992. Dieses Scheitern markiert den Beginn der Karriere des Hugo Chávez, der sich sogar auf die Minute genau festlegen läßt. Im Fernsehen ruft er seine noch kämpfenden Kameraden dazu auf, die Waffen zu strecken: "Vorläufig sind die Ziele, die wir uns gestellt haben, in der Hauptstadt nicht erreicht worden." Und er übernimmt die Verantwortung für diesen Putsch. Dieses vorläufig wird in den kommenden Tagen zum geflügelten Wort avancieren. Und: Chávez übernimmt die Verantwortung für das Scheitern, etwas, was in der korrupten Welt der bürgerlichen Politik selten genug vorkommt. Genau dies kommt bei den Armen und Marginalisierten im Land an. Der Mythos Hugo Chávez beginnt, sich zu entfalten.

Zwei Jahre später wird er amnestiert und baut eine eigene Bewegung auf. 1998 ist es offenkundig, daß die herrschende Klasse abgewirtschaftet hat; Chávez wird zum Präsidenten gewählt. Diese sechs Jahre zwischen Putsch und Wahl sind auch die sechs Jahre, in denen das bolivarianische Projekt Kontur annimmt. Chávez leiert nicht einfach populistische Sprüche herunter, sondern fährt durch das ganze Land und spricht mit den Menschen. Er erkennt sein Talent als Redner und Showmaster; und dieses Talent setzt er auch als Präsident ein. Was uns vielleicht kitschig, schräg oder aufgesetzt vorkommen mag, trifft das Herz vieler Menschen in Venezuela.

Christoph Twickel erklärt uns diesen Medienzirkus und macht dabei deutlich, daß der Caudillo Chávez nicht einfach nur Entertainer ist. Sein politische Überleben hängt nicht zuletzt davon ab, daß und wie er in einem Land, in dem Arm und Reich derart polarisiert sind und in dem die meisten Zeitungen, Radio– und Fernsehstationen sich in der Hand der Bourgeoisie befinden, die Menschen erreichen kann.

Gewiß bestehen zwischen der Rhetorik des Präsidenten und der Realpolitik deutliche Unterschiede. Hugo Chávez ist Pragmatiker genug, sich nicht gleichzeitig mit allen Feinden anzulegen. Das Beispiel Kuba mit der gegen die Insel seit viereinhalb Jahrzehnten verhängten Handelsblockade zeigt ja, wohin eine solche Isolation führen kann. Der Pragmatismus ist jedoch auch das Ergebnis der theoretischen inkonsistenzen der bolivarianischen Ideologie. Chávez' Bezug auf Simón Bolívar tritt hier deutlich hervor, doch schon Bolívar war Revolutionär innerhalb seines bürgerlichen Bezugsrahmens. Und doch sieht die Opposition, also die herrschende Klasse, sehr schnell ein, daß Chávez nicht einfach eine lästige Fliege ist, die man einfach kaltstellen oder kaufen kann. Der von den USA unterstützte Putsch vom April 2002 und der Ölstreik des Establishments vom Winter darauf zeigen die Entschlossenheit, den Präsidenten zu beseitigen. Daß sowohl der Putsch als auch der Streik scheitern, liegt nicht nur an der Unfähigkeit der herrschenden Clique, sich auf ein tragfähiges Konzept mit einem glaubwürdigen alternativen Kandidaten zu verständigen (den es offensichtlich nicht gibt). Die Misere liegt auch darin begründet, daß Chávez Mehrheiten für sich organisieren kann, selbst dann, wenn er in Militärgewahrsam auf seine Hinrichtung warten muß.

Wer die Chávez–Biografie von Christoph Twickel liest, begreift, warum der venezolanische Präsident Reizfigur, Hoffnungsträger und Protagonist eines Prozesses ist, welcher der Mehrheit der Menschen in Venezuela tatsächlich zu mehr Einfluß, Wohlstand und Würde verhilft. Dabei hilft es ihm, daß der Rohölpreis wieder gestiegen ist. Der Exkurs des Autors zu den materiellen Besonderheiten der Erdölrente ist nützlich, auch wenn sich der Autor besser noch einmal der genauen Bandzahl der blauen Bände der Marx-Ausgabe vergewissert hätte [1]. Entscheidend ist hierbei, daß es Chávez gelungen ist, die Milliarden Dollars, die zuvor im Ausland versickert waren, weitgehend im Land zu halten. Mit unzähligen Sozialprogrammen beweist er nicht seinen Populismus, sondern nur, daß es ihm ernst damit ist, die sozialen Verhältnisse im Lande zu ändern. Im Bewußtsein, daß dies letztlich eine Aufgabe ist, welche die Kapazitäten selbst eines relativ reichen Entwicklungslandes übersteigen, sucht er den Schulterschluß zu ähnlichen Bewegungen und Regierungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent, derzeit vorzugsweise auf Kuba und in Bolivien. Seine wirtschaftspolitische Alternative zur US–amerikanisch dominierten Freihandelszone ist mehr als nur der Versuch, eine eigenständige Entwicklung in die Wege zu leiten. So sozialdemokratisch im Grunde der Ansatz ist, so bedrohlich ist er für die Apologeten und Nutznießer der neoliberalen Konterrevolution. Und deshalb ist das letzte Wort zu Hugo Chávez und seiner bolivarianischen Revolution noch nicht gesprochen.

Wer diesen Prozeß, seine Ursachen und möglichen Folgen verstehen will, sollte die Chávez–Biografie von Christoph Twickel zur Hand nehmen. Eines wird jedenfalls daraus deutlich: weder ist in Venezuela die Pressefreiheit bedroht, noch handelt es sich um eine Diktatur. Die Verhältnisse in Venezuela sind wohl eher demokratischer als es die neoliberale Freiheitslogik erlaubt.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Die drei Bände des Kapital sind in der Werksausgabe nicht die Bände 21 bis 23, sondern die Bände 23 bis 25. [Seite 233 bzw. 330]

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Juni 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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