Buchcover Falkenberg Ecuador

WALTPOLITIK

Online–Rezension

 

Besprechung von : Wolfgang Falkenberg – Ecuador und Galápagos, Reise Know–How Verlag, 7. Auflage 2006, 516 Seiten, € 23,50

 

Ecuador gehört zu den Ländern Lateinamerikas, die sich dem kontinentalen Trend angeschlossen haben, sich den neoliberalen Vorgaben aus den USA und Westeuropa nicht einfach mehr unterzuordnen. Der im November 2006 zum Präsidenten gewählte Rafael Correa trat im Januar 2007 sein Amt an. Seine demonstrative Nähe zu Venezuelas Präsident Hugo Chávez und seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen deuten darauf hin, daß die sozialen Interessen einer breiten Mehrheit im Land zukünftig stärkeres Gewicht erhalten werden. Mit der Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung sollen hierzu die Weichen gestellt werden. Correas Wirtschaftsprogrammatik beinhaltet drei wesentliche Punkte, die er schon als Wirtschaftsminister vergeblich versuchte hatte umzusetzen. Es handelt sich hierbei um die Bedienung der Auslandsschulden, die Verwendung der Erdöleinnahmen und den Dollar als Landeswährung. Hier positioniert sich der Präsident eindeutig gegen die bisherige Politik der Oligarchie des Landes.

Doch nicht nur diese im Prinzip begrüßenswerte (wirtschafts)politische Öffnung des Landes macht es für Reisende aus Europa attraktiv. Das – wie der Name schon andeutet – am Äquator gelegene relativ kleine Land an der Westküste Lateinamerikas zwischen Kolumbien im Norden und Peru im Osten und Süden hat mit seinen sandigen Stränden, hohen Bergen und dichten Regenwäldern auch so einiges zu bieten, das der Erkundung harrt. Dabei sollten wir jedoch im Blick behalten, daß der Reisetourismus immer auch ein Stück kulturimperialistischer Exotik und Aneignung beinhaltet. Klimapolitisch ist der Flug von Frankfurt über Madrid nach Quito ohnehin kein Ruhmesblatt.

Der Geograf Wolfgang Falkenberg hat seine Liebe zu diesem Land in einem fachkundigen und tiefgründigen Reiseführer verewigt, der im Herbst 2006 nun schon in 7. Auflage im Reise Know–How Verlag herausgebracht wurde. Auf seinen 516 Seiten bleibt keine Gegend ausgespart, auch nicht die zu Ecuador gehörenden Galapagos-Inseln im Pazifik, die fast eintausend Kilometer vor der Küste Südamerikas liegen. Bei der Beschreibung der Inselvielfalt kommt der Fachmann zu Wort und erklärt sehr anschaulich die geologische Entstehung des Archipels mitsamt seiner Flora und Fauna.

 

Sicherheitsdiskurse

Natürlich ist die Globalisierung an Ecuador nicht vorüber gegangen; dafür sorgte schon die neoliberale Wirtschaftspolitik der Vorgänger des derzeitigen Präsidenten. Quito wurde durch seinen Bürgermeister attraktiviert – gewisse Parallelen zur Attraktivitätssteigerung innerhalb des Städterankings europäischer Metropolen und ihrer Vororte (Darmstadt) sind nicht zu verkennen. So wurden zwei schadstoffarme zentrale, in kurzen Taktintervallen verkehrende Buslinien eingerichtet, begleitet von einer autofreien Altstadt am Sonntag, daneben die Restaurierung des Weltkulturerbes vorangetrieben sowie ein radikal neues Beleuchtungskonzept eingeführt, welches der Autor leider nicht näher beschreibt. Und wie in europäischen Großstädten das verkaufsfeindliche "Gesindel" [1] durch ordnungspolizeiliche Maßnahmen aus den Einkaufsmeilen vertrieben wird, so wurden in Quito Tausende Straßenhändlerinnen und Straßenhändler "verlegt", wie Falkenberg schreibt, und statt dessen auf die kulinarische Karte und eine effektive Touristenpolizei gesetzt. Unnötig zu erwähnen, daß Kriminalität und Sicherheit auch in Ecuadors Hauptstadt zu zentralen Stichworten avancierten. So schreibt der Autor einerseits von einer in den letzten Jahren gestiegenen Kriminalität [Seite 58 bis 60], der sich auch und vor allem Touristinnen und Touristen ausgesetzt sähen, zum anderen lobt er die Maßnahmen in Quito als erfolgreich, denn die Sicherheitslage in der Altstadt habe sich in den letzten Jahren verbessert [Seite 148]. Taschendiebstahl und Raubüberfälle, aber auch der allgegenwärtige Sicherheitsdiskurs haben jetzt offensichtlich auch das globale Dorf in Quito erreicht.

Nun ist es sicher nicht von der Hand zu weisen, daß Gelegenheit Diebe macht und daß die ökonomischen Verhältnisse in Ecuador den Straßenraub zu einer lukrativen, meist jedoch überlebensnotwendigen Angelegenheit werden lassen. Ob und inwieweit hier wirklich ernsthaft andere Umstände herrschen als beispielsweise im Bahnhofsviertel von Frankfurt, wäre erst noch darzulegen. Die im Buch angeführte "repräsentative Umfrage" vom April 2006, wonach 44% der Bewohnerinnen und Bewohner Quitos die Sicherheit und Kriminalität als dringlichstes Problem betrachteten, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß derartige Diskurse von interessierten Kreisen "gemacht" und propagandistisch ausgewertet werden.

Es ist geradezu bemerkenswert, daß in Deutschland das Sicherheitsgefühl abnimmt, während die Kriminalitätsstatistik gerade bei schweren Straftaten einen Rückgang aufweist [2]. Angesichts dessen, daß zum guten Deutschsein auch immer ein Stück Denunziation gehört, ist kaum anzunehmen, daß sich die Bevölkerung in der Anzeige tatsächlicher oder vermeintlicher Delikte neuerdings zurückhalten würde. Der Darmstädter CDU–Landtagsabgeordnete Rafael Reißer hatte es vor einigen Jahren treffsicher auf den Punkt gebracht: bei der Debatte um die Videoüberwachung gehe es nicht um mehr Sicherheit, sondern um die Erzeugung eines (bedrohten) Sicherheitsgefühls [3]. Um mit Gefühlen läßt sich vortrefflich Politik betreiben. Das Aktivieren irrationaler Verhaltensmuster war und ist Kennzeichen einer auf Ressentiments aufbauenden Politik, die mit ihrem Sicherheitsdiskurs von den Unsicherheiten der Lebensführung in einer kapitalistischen Welt ablenken und den Unmut über die Zumutungen dieser Welt ebenso ablenken soll.

Und doch sollte bei aller gebotenen Kritik an derart unreflektiert wiedergegebenem Sicherheitsblabla nicht übersehen werden, daß ein guter Reiseführer sich gewiß nicht dadurch auszeichnet, die Leserin oder den Leser ahnungslos in die Ferne fliegen zu lassen. Halten wir also fest: die beiden neuen Ökolinien bedeuten genauso ein erhöhtes Kriminalitätsrisiko wie beliebte Ausflugsziele oder der Besuch bestimmter Stadtviertel in der Dunkelheit. Dies ist jedoch so banal, daß es ein kurzer Hinweis vielleicht auch getan hätte.

Genau betrachtet scheint mir dieser Vorhalt auch das einzige Manko dieses voluminösen und teilweise geradezu akribisch detaillierten Reiseführers zu sein, der in seiner Gesamtanlage ganz sicher vorbehaltslos zu empfehlen ist.

 

No hay paso

Busfahrt nach Ayacucho 
Sinnvoll und praktisch sind beispielsweise die vom Autor vorgeschlagenen Überlandtouren. Wer die Schönheiten des Landes und das Leben von dessen Bewohnerinnen und Bewohner näher kennenlernen will, kommt um diese mehrtägigen Ausflüge sicherlich nicht herum. Zur Vorbereitung sind die diversen in Quito angebotenen Sprachkurse sicherlich dann sinnvoll, wenn Spanischkenntnisse fehlen, zumal hier oftmals gleich die familiäre Unterbringung mitsamt sozialem Kontakt mit vermittelt werden. Wenn der oder die Reisende dann auch noch etwas Zeit mitbringen kann, dann ist sie oder er in Ecuador gut aufgehoben. Dies betrifft nicht nur die geradezu sprichwörtliche hora ecuatoriana, welcher Präsident Gutiérrez 2003 in einer landesweiten Kampagne den Kampf angesagt hatte. Unpünktlichkeit ist nämlich kein Standortvorteil, aber zeugt von einem gemäßigt lässigen Lebenswandel, der ja nun auch nicht zu verachten ist. Deshalb ist vor allem bei Überlandfahrten Zeit einzuplanen. Eine Reisende, die das Land Anfang 2006 besucht hatte und sich dabei auch nicht von der angeblichen Unsicherheit belästigt fühlte, faßte ihre Erlebnisse mit dem Bus (sie reiste durch Ecuador und Peru) so zusammen:

Ca. 75% meiner Reisen brachten stundenlange Verspätungen mit sich. Die häufigsten Gründe sind:
A) Bus kaputt
B) Weg kaputt
C) Die Polizei hat zuviel Zeit
D) Fahrzeug auf dem engen Weg vor uns kaputt
"No hay paso" hört man auf den meisten Reisen (es gibt kein Durchkommen). Die Reise durch die Serpentinen wurde um 3:00 nachts unterbrochen durch B). Es regnete und ein Fluß hatte unsere Straße weggespült, bevor er in der Kurve den Hang runterrauschte. No hay paso. Wir warteten bis zum Tageslicht, der Busfahrer versuchte, Steine in den Fluß zu legen. Auf jeder Seite standen 4 Busse und wir tauschten Fahrgäste. Das wurde schlecht koordiniert und so fuhr der erste Bus mit hoffnungslosem Übergewicht los. Bald darauf noch ein Fluß. Wir fuhren durch und blieben stecken, bis uns ein Bagger weiterhalf. Es folgte ein weiterer Fluß, eine Baustelle und die Polizei, die den inzwischen fast wieder leeren Bus wegen Überbesetzung anhielt. Mit 6h Verspätung erreichte ich Ayacucho [Peru]. [4]

Was sie hier aus Peru zu berichten wußte, hätte genauso auch in Ecuador geschehen sein können. Also – wer etwas Zeit mitbringt, wird auch so einiges erleben. Die nützlichen Ratschläge hierzu und vor allem die praktischen Reise–, Essen– und Übernachtungstips bietet der Reiseführer von Wolfgang Falkenberg. Wer zudem noch die Galapagos–Inseln aufsuchen möchte, sollte entweder genügend Bargeld (gut abgesichert) oder die richtige Kreditkarte mitnehmen. Die Infrastruktur wird zwar laufend verbessert, aber gewisse Unannehmlichkeiten werden aus Mitteleuropa anreisende und einen gewissen Luxus gewöhnte Touristinnen und Entdeckungsreisende schon in Kauf nehmen müssen. Doch zur Rundumversorgung fährt man und frau ja auch besser nach Mallorca oder Antalya.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Diese Begrifflichkeit kennzeichnet den wahren Inhalt und das Menschenbild des ganzen Diskurses um die Sicherheit und Sauberkeit deutscher Einkaufsmeilen.

[2]   Katja Seefeldt : "Das Böse ist immer und überall", Telepolis vom 8. November 2004

[3]   Siehe hierzu meinen Radiowecker–Beitrag bei Radio Darmstadt vom 15. Dezember 2002.

[4]   Text und Bild: Antje Trukenmüller © 2006

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Juni 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/rezensio/ecuador1.htm

Zum Seitenanfang

WaltpolitikbuttonEmail an Walter Kuhl

Zur Startseite von Waltpolitik