Cover des Buchs von Matthias Weinrich: Der Europapokal 1955 bis 1974

WALTPOLITIK

Online–Rezension

 

Besprechung von : Matthias Weinrich – Der Europapokal. Band 1: 1955 bis 1974, Agon Sportverlag 2007, 432 Seiten, € 35,00

 

Der Europapokal ist in seiner heute zeitgemäßen Variante als Champions League und UEFA–Cup von der fußballerischen Landkarte nicht mehr wegzudenken. Umso erstaunlicher erscheint es, daß eine private französische Initiative der gerade gegründeten UEFA im Jahre 1955 ihren neuen Landesmeisterwettbewerb geradezu wie sauer Bier andienen mußte. Die Zeit schien reif dafür zu sein, die nationalen oder auch regionalen Schranken hinter sich zu lassen und auf gesamteuropäischer Ebene ins Fußballgeschäft einzusteigen. Auch schon Mitte der 1950er Jahre regierte das Geld das Geschehen auf dem grünen Rasen. Die Pokalspiele wurden als gerne gesehene zusätzliche Einnahmequelle auch dann betrachtet, falls der jeweilige nationale Vertreter schon in der ersten Runde ausscheiden mußte.

Das Prinzip, den reichen europäischen Clubs dieses Erstrundenaus zu ersparen, kam erst mit Einführung der Champions League in den 1990er Jahren. Wie es sich für eine richtige private Initiative gehört, dachte sie zunächst einmal an sich selbst. Daher war die erste Ausgabe des Europapokals ein Einladungsturnier, in dem erstens nicht alle Landesmeister und zweitens auch Mannschaften teilnahmen, die nicht den nationalen Titel errungen hatten. Aber von vornherein war geplant, ab der zweiten Auflage nur noch die Besten der Besten gegeneinander antreten zu lassen. Das Versprechen wurde jedoch nicht eingehalten, denn im zweiten Jahr nahm aufgrund des Titelgewinns von Real Madrid auch der spanische Vizemeister am Geschehen teil. Und seit der Einführung der Champions League dürfen auch die Dritten und Vierten der nationalen Meisterschaft mitmischen.

Die Idee lag in der Luft. Ansätze zu internationalen Wettbewerben gab es mehrere. Und doch ist es sicherlich kein Zufall, daß sich ausgerechnet der Europapokal der Landesmeister durchgesetzt hat. Hier konnte nicht nur mit den besten Mannschaften Europas gerechnet werden. Die Verkehrsmittel und die politische Lage ermöglichten es nun, wenn auch nicht überall hin zu gelangen, so doch weite Teile des Kontinents erkunden zu können. Es wäre zu viel gesagt, daß der Fußball als Wegbereiter einer europäischen Einigung anzusehen ist. Dafür war zumindest in den Anfangsjahren das Interesse der Print- wie der audiovisuellen Medien zu gering. Und doch setzte sich mit dem Europapokal der Landesmeister, dem bald, nämlich 1960, auch einer der Pokalsieger folgte, eine Idee in den Köpfen fest, die Schlachten auf den Fußballplatz zu verlegen und gleichzeitig die Emotionen zu pazifizieren, was vor allem dann gelang, wenn die Schlachten besungen und nicht mehr gegeneinander ausgetragen wurden. Man (damals zumindest: weniger frau) kam sich so näher, und es bildete sich ganz langsam so etwas wie eine europäische Fußballidentität aus.

Parallel zum Landesmeistercup wurde auch ein sogenannter Messepokal ins Leben gerufen. Diese Idee, gedacht zur Attraktivitätssteigerung neomerkantiler Verkaufsshows, europäische Messestädte gegeneinander antreten zu lassen, sollte sich nicht durchsetzen. Anfang der 1970er Jahre wurde dieser eher uninteressante Pokalwettbewerb unter den Fittichen der UEFA zu einem dritten Europapokal umgewidmet und ermöglichte es weiteren Vereinen, vor allem der größeren und finanzstärkeren Nationen, internationale Erfahrung in klingende Münze zu verwandeln.

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert

Seither ist über ein halbes Jahrhundert vergangen. Die große Zeit von Real Madrid in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ist genauso Geschichte wie der legendäre Büchsenwurf von Mönchengladbach. Obwohl das Internet eine ganze Menge an Informationen zu den Spielen, Mannschaften und Begleiterscheinungen bereitstellt, ist es gewiß nützlich, ein Kompendium zur Hand zu haben, das alle Ereignisse auf einen Griff zur Verfügung stellt. Nun würde dies sicherlich einen kiloschweren unhandlichen Wälzer ergeben, weshalb Matthias Weinrich seine Geschichte des Europapokals auf drei Bände verteilt, von denen schon jetzt abzusehen ist, daß auch sie dickleibiger sein werden als ursprünglich geplant. Der erste Band ist im Frühjahr 2007 im Agon Sportverlag herausgekommen.

Nun wäre es sicherlich ein wenig langweilig, einen Band mit Ergebnissen, Statistiken und Tabellen zusammenzustellen, obwohl auch ein solches Werk für eine bestimmte Spezies Fußballfan ihren Reiz besitzen kann. Matthias Weinrich reichert sein Werk daher fundiert mit Spielberichten und Hintergrundinformationen an, und zwar auch mit solchen, die nicht so ohne weiteres handlich im Internet abgerufen werden können. Wir erfahren dann beispielsweise, welche Clubs der ehemaligen Tschechoslowakei in welchem Wettbewerb wie erfolgreich waren, und so einiges mehr zu den mehr oder weniger erfolgreichen Vereinsmannschaften, Spielerpersönlichkeiten und Trainerfüchsen. Daß ein derartiges Werk einen Schwerpunkt auf das Abschneiden der west- wie ostdeutschen Mannschaften legt, ist so selbstverständlich wie unvermeidlich. Vielleicht sollte es zu denken geben, daß im Jahre 1974 der 1. FC Magdeburg den Pokalsiegerwettbewerb gegen den AC Mailand gewann und einen Monat später Magdeburgs Jürgen Sparwasser in Hamburg sein Tor für die Ewigkeit schoß. Mitte der 1970er Jahre war selbst der DDR-Fußball so schlecht nicht.

Wenig handlich, da im Format A4 erschienen, ist dieser Band gleichermaßen als Nachschlagewerk wie zum Schmökern zu benutzen. Wir werden hiermit in die Lage versetzt, die 250.000 Euro–Frage zu beantworten, welcher Spieler das allererste Europapokaltor geschossen hat, oder, falls wir es nicht in den Sessel gegenüber von Günther Jauch schaffen, uns einen netten Fußball–Leseabend zu machen. Und wer genau aufpaßt, wird das Spiel herausfinden, bei dem nach einem 0:1 zwei Mal das 0:3 erzielt wurde …

 

Dominanzen

Der erste Band umfaßt die ersten zwanzig Jahre dieses Wettbewerbs. Sie waren zunächst gekennzeichnet durch die Dominanz spanischer, portugiesischer und italienischer Clubs. Doch Mitte der 1960er Jahre waren es ausgerechnet die beiden kleineren Pokalwettbewerbe, in welchen die großen Mannschaften der 1970er und 1980er Jahre ihre ersten Meriten erwarben. Dieser Vormarsch englischer, holländischer und deutscher Mannschaften wurde durch den Pokalsiegercup und den Messepokal vorbereitet und ermöglicht. Die große Elf von Real Madrid hingegen verschwand zunächst einmal in die internationale Zweitklassigkeit. Während die ersten elf Landesmeistertitel allesamt nach Spanien, Portugal und Italien wanderten, holten sich in den folgenden acht Jahren bis 1974 siebenmal britische, holländische oder deutsche Mannschaften den Titel; und dieser Trend setzte sich auch in den Folgejahren fort. Beim Europapokal der Pokalsieger zeigte sich diese zunächst süd(west)europäische Dominanz von Anfang an nicht. Zwar wanderte der Pokal zunächst nach Florenz und Madrid, doch dann kamen schnell englische, deutsche und sogar osteuropäische Mannschaften zum Zug.

Gerade hier zeigt sich die nivellierende Wirkung eines europäischen Fußballwettbewerbs noch am deutlichsten. Waren in den ersten Jahren Kantersiege noch an der Tagesordnung und verdeutlichten die unterschiedliche Leistungsdichte im kontinentalen Vergleich, so dauerte es nicht lange, bis analog dem Prinzip des Ausgleichs der Profitraten und Ausbeutungsbedingungen sich auch die Stärke zumindest der europäischen Topteams anglich. Deshalb besaßen dann im Laufe der Jahre auch deutsche, zumindest westdeutsche Mannschaften die Fähigkeit, im Konzert der Großen mithalten zu können. Auch wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 den Weltmeistertitel erringen und vier Jahre später immerhin noch ins Halbfinale einziehen konnte, so gab es doch einen Unterschied zum Leistungsvermögen auf Vereinsebene. Den eher umgekehrten Fall haben wir seit Jahrzehnten beim englischen Fußball vorliegen. Während die englische Nationalmannschaft auf einem zweitklassigen Niveau dahindümpelt, holen sich englische Vereinsmannschaften einen Titel nach dem anderen ab. Dies liegt sicherlich auch an der Möglichkeit, unter dem Label eines englischen Vereinswappens keine Engländer aufspielen zu lassen. Aber es ist eben ein Unterschied, ob ein eher zusammengewürfelter oder ein gezielt zusammengekaufter Kader spielt. Das Wunder von Bern entsprang einer Kollektivleistung, die möglich wurde, weil die bald darauf auf Vereinsebene dominierenden spanischen, portugiesischen und italienischen Teams auf einheimische Kräfte zurückgreifen mußten und sich deshalb keinen Vorteil erspielen konnten. Wenn es jedoch darum ging, als Verein ins internationale Geschäft einzusteigen, wurden die strukturellen Defizite eines pseudoamateurisierten Oberligabetriebs mehr als deutlich.

 

Westdeutsche Probleme

Das Abschneiden der westdeutschen Mannschaften geriet sehr unterschiedlich. Wenn immer wieder wechselnde Teams das Land vertreten, ist es schwer, die vielzitierte internationale Erfahrung zu erwerben. So geriet mancher Auftritt zum Desaster.

1955/56 schied Rot–Weiß Essen ziemlich deutlich in der ersten Runde aus.

1956/57 benötigte Borussia Dortmund ein Entscheidungsspiel, um sich in der ersten Runde gegen Spora Luxemburg durchzusetzen! In der zweiten Runde kam dann schnell das Aus gegen Manchester United.

1957/58 erhielt Borussia Dortmund zunächst ein Freilos, benötigte gegen Rumäniens Vertreter CCA Bukarest wiederum ein Entscheidungsspiel, um dann dem AC Mailand zu unterliegen.

1958/59 benötigte Schalke 04 in der ersten Runde gegen den Vertreter einer damals gewiß nicht großen Fußballmacht wie Dänemark, nämlich den KB Kopenhagen, ein Entscheidungsspiel, setzte sich dann gegen die Wolverhampton Wanderers durch und scheiterte schließlich an Atlético Madrid.

1959/60 bekam Eintracht Frankfurt erst im Finale durch Real Madrid die Grenzen der damaligen deutschen Fußballkunst aufgezeigt; das Spiel gilt als eines der besten Landesmeister–Finales aller Zeiten. Das lag sicher nicht nur an Reals Spielkunst, sondern auch an der offensiven Einstellung einer über sich hinauswachsenden Frankfurter Elf, die im Halbfinale eine international gewiß nicht unbedeutende Größe wie die Rangers aus Glasgow mit den Tennisergebnissen 6:1 und 6:3 förmlich demontiert hatte.

1960/61 kam der Hamburger SV ins Halbfinale und scheiterte erst im Entscheidungsspiel am CF Barcelona.

1961/62 erhielt der 1. FC Nürnberg im Viertelfinale mit einem 0:6 beim Rückspiel in Lissabon seine Lehrstunden in Sachen damals modernen Fußballs durch den späteren Titelträger Benfica Lissabon.

1962/63 erging es dem 1. FC Köln noch schlimmer, als er vom FC Dundee in der ersten Runde förmlich mit 8:1 zerlegt wurde, was er im Rückspiel immerhin noch durch ein 4:0 gegen die gewiß mit den Gedanken woanders weilenden Schotten leicht korrigieren konnte.

1963/64 fegte Borussia Dortmund im Rückspiel der zweiten Runde Benfica Lissabon mit 5:0 vom Platz und unterlag im Halbfinale Inter Mailand.

1964/65 war wieder der 1. FC Köln dran, der im ersten Spiel in Tirana nicht über ein torloses Unentschieden hinauskam. Im Viertelfinale hieß der Gegner FC Liverpool, und der gewann erst nach Entscheidungsspiel mit Verlängerung und Münzwurf.

1965/66 scheiterte Werder Bremen nach einem lockeren Einstand gegen Zyperns Vertreter Apoel Nikosia in der zweiten Runde an Partizan Belgrad.

1966/67 erging es 1860 München ähnlich. Wieder war ein Vertreter Zyperns Anlaß zum munteren Toreschießen, aber dann kam mit Real Madrid ein Brocken und das Aus.

1967/68 war im Viertelfinale Juventus Turn zu stark für Eintracht Braunschweig.

1968/69 geriet der 1. FC Nürnberg gleich in der ersten Runde an das spätere Superteam von Ajax Amsterdam und durfte am Saisonende in die Regionalliga Süd absteigen.

1969/70 durfte Bayern München ran, nachdem die Elf um Beckenbauer, Müller und Maier schon 1967 den Cup der Pokalsieger in einer Art Heimspiel in Nürnberg gewonnen hatten. Doch schon in der ersten Runde war der AS St.–Étienne zu stark für die Überflieger des kommenden Jahrzehnts.

1970/71 unterlag Borussia Mönchengladbach in der zweiten Runde dem FC Everton im Elfmeterschießen, ein Jahr später Inter Mailand ebenfalls in Runde 2 durch einen Büchsenwurf.

1972/73 hatten die Bayern zunächst zweimal Losglück und spielten mit Galatasaray Istanbul und Omonia Nikosia Katz und Maus, ehe sie im Viertelfinale bei der Katze Ajax untergingen.

1973/74 waren die Gegner auf dem Weg ins Finale auch nicht besonders schwierig, und doch benötigten die Bayern ein Elfmeterschießen gegen das unbekannte Åtvidabergs FF, ehe Osteuropas Vertreter Dynamo Dresden, ZSKA Sofia und Újpest Dósza Budapest hinausgekegelt werden konnten. Im Finale brachte ein Verzweiflungsschuß in letzter Minute das Wiederholungsspiel gegen Atlético Madrid, das zwei Tage später aufgrund der überlegenen Physis von den Bayern locker gewonnen werden konnte. Und hier endet der erste Band.

Die Einführung der Bundesliga 1963 und die offizielle Aufgabe des reinen Amateurstatus waren zwingend erforderlich, um international mithalten zu können. Die daraus im Verlauf der Jahre resultierenden Erfolge westdeutscher Vereinsmannschaften, und zwar zuerst im Europapokal der Pokalsieger, zeigten das Potential, das im deutschen Fußball steckte, genauso wie die darauf aufbauenden Erfolge des frischzellenverjüngten Nationalteams.

 

Ergebnisorientiert

Was diesem mehr ergebnisorientierten Band vielleicht fehlt, ist zum einen ein genaueres Eingehen auf die Entstehungsgeschichte des Landesmeister-Pokals. Zum anderen könnte eine kurze soziologische Betrachtung den Vorgang verständlicher machen, der sich in der Schwerpunktverlagerung der Dominanz süd(west)europäischer Mannschaften hin zu den (west)mitteleuropäischen Teams ausgedrückt hat. Doch dies, so sei angemerkt, ist nicht unbedingt der Fokus dieses Werkes, obwohl eine vierseitige Darstellung der Geschichte von Manchester United, wie sie Matthias Weinrich vorlegt, nun auch nicht überall zu finden ist.

Weitere Bände für die Jahre 1974 bis 1991 und 1991 bis 2009 sollen im Herbst 2008 bzw. 2009 folgen.

 

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. Juni 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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