Cover Mittelweg 36

WALTPOLITIK

Online–Rezension

 

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 1/2007 (Dezember / Januar), 121 Seiten, € 9,50

 

Mit dem ersten Heft des Jahres 2007 begibt sich die Institutszeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung auf neue Wege in der vergleichenden Faschismusforschung. Genauer gesagt, sie gibt neueren Ansätzen Raum, die in den letzten Jahren außerhalb Deutschlands vor allem im englischsprachigen Raum entwickelt worden sind. Der Begriff des Faschismus ist nämlich einer, der auch nach mehreren Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit der Theorie und Praxis sehr verschiedener Ausformungen radikal antidemokratischer Herrschaft immer noch nicht allgemeinverbindlich definiert werden kann. Die klassischen Theorien über dieses Phänomen und dessen (massen)mörderische Auswirkungen entstanden in den 1920er und 1930er Jahren, um im Gefolge der Studentenbewegung in den 1960er bis 1980er Jahren reformuliert, kritisiert und neu akzentuiert zu werden.

Dennoch blieb letztlich unklar, ob und inwieweit die Herrschaftsformen des Nationalsozialismus, des italienischen Faschismus, anderer autoritärer Herrschaftsformen in Südwest– und Südosteuropa oder gar in den Militärdiktaturen der Dritten Welt unter dem gemeinsamen Mantel des Faschismusbegriffs zu erfassen sein würden. Ansätze, den Faschismus als besondere Ausprägung des Kapitalismus, womöglich gar in dessen bösartiger Spätphase, zu begreifen, erwiesen sich als zu kurz gegriffen und als zu wenig aussagekräftig. Insbesondere der Unterschied zwischen der italienischen Spielart des Faschismus und dem rassistisch–mörderischen Nationalsozialismus konnte hiermit begrifflich nur schwer herausgearbeitet werden. Bei vielen Regimes, die als faschistisch etikettiert wurden, fehlte der schlüssige Nachweis dafür, sie theoretisch unter diese bestimmten Herrschaftsform zu subsumieren. Mit den im Februarheft versammelten Aufsätzen werden deshalb neuere Ansätze zur Überwindung dieses Dilemmas vorgestellt. Hierzu bemerkt der Historiker Sven Reichardt:

Gleichgewichtig vergleichende, typologisch differenzierte, handlungstheoretisch orientierte und kulturgeschichtlich inspirierte Studien sind hierzulande immer noch die Ausnahme. [Seite 10]

 

Inhalt von Heft 1/2007

Sven Reichardt : Neue Wege der vergleichenden Faschismusforschung

Michael Mann : Der Faschismus und die Faschisten. Vorbereitende Überlegungen zur Soziologie faschistischer Bewegungen

Robert O. Paxton : Die fünf Stadien des Faschismus

Emilio Gentile : Der Faschismus. Eine Definition zur Orientierung

Mark Roseman : Gerettete Geschichte. Der Bund, Gemeinschaft für sozialistisches Leben im Dritten Reich

 

Neue Wege

Sven Reichardt weist daher in seinem einführenden Aufsatz darauf hin, daß eine in England und den USA in den 1990er Jahren einsetzende dritte Welle der vergleichenden Faschismusforschung hierzulande erst seit kurzem und dann auch nur ansatzweise wahrgenommen worden sei. Dieser Leerstelle abzuhelfen, ist das Anliegen der im Februarheft versammelten Aufsätze. Hierbei wird von der statischen Vorstellung eines Merkmalskatalogs Abstand genommen, statt dessen, so die Autoren, sollte der Weg des bzw. in den Faschismus als ein Prozeß begriffen werden, der in verschiedenen Phasen unterschiedliche Ausprägungen zuläßt. Unterschiede in der Ausformung daraus resultierenden Herrschaftsstrukturen als auch in der ideologischen Unterfütterung der jeweiligen faschistischen Bewegungen lassen sich somit einfacher erfassen und theoretisch begründen.

Der empirische Blick auf das Massenphänomen kann die Bedeutung ästhetischer Mittel und ihrer massenpsychologischen Wirkung auf eine hierfür empfängliche Bevölkerung öffnen. Die faschistische Ideologie mit ihren Ritualen und ihrem Körperkult vermittelte einen Sinn, zu dem die durch den 1. Weltkrieg und die Russische Revolution erschütterte bürgerliche Ordnung vorerst nicht mehr in der Lage war. In der Tat stellt sich die Sinnfrage nicht nur in der Formierungsphase des Faschismus. Sinnfindung in einer entfremdeten Gesellschaft ist immer ein schwieriger Prozeß, zumal der Sinn der bürgerlichen Gesellschaft in der Verwertbarkeit jeder Lebensäußerung liegt. Diese erfahrene und gefühlte Entfremdung läßt sich grundsätzlich für antidemokratische Ressentiments nutzen. Dies erklärt vielleicht den Stellenwert der populären antibürgerlichen Stimmung in den 1920er Jahren.

Bei der Lektüre der nachfolgenden Texte stellte sich bei mir daher schnell der Eindruck ein, daß hier versucht wird, den Faschismus kulturalistisch als modernes Phänomen zu deuten, ohne seine genuine Verwurzelung in der kapitalistischen Gesellschaft ausreichend zu würdigen. So richtig es natürlich ist, die Vermittlungsformen und die Begeisterungsfähigkeit antidemokratischer autoritärer Handlungsmuster auszuarbeiten, so darf dennoch nicht vergessen werden, daß die Herausbildung einer derartigen hegemonialen Kultur ohne die in der gegebenen Gesellschaft rudimentär vorhandenen antidemokratischen und sozial–repressiven Mechanismen letztlich nicht verstanden werden können. Leider verlassen die Autoren des Heftes den vorgegebenen Rahmen immanenter Theoretisierung nicht. Ein Blick von außen auf das Wesen des patriarchal organisierten Kapitalismus hätte die Funktion des Faschismus in der Krise der bürgerlichen Herrschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besser herausarbeiten können.

Der Soziologe Michael Mann kann deshalb wohlbegründet davon ausgehen, daß der Faschismus durchaus auch im 21. Jahrhundert noch eine Rolle spielen könnte. Sicherlich wird er anders auftreten als in der klassischen Form und sich eines anderen Namens bedienen, aber: die Faschisten gehören nun einmal ins Herz der Moderne. Ein Grund mehr, die strukturellen Voraussetzungen ihrer Mobilisierungs– und Begeisterungsfähigkeit genauer zu betrachten.

 

Der paramilitärische Typ

Grundsätzlich, so Mann, unterscheide sich der Faschismus nicht von anderen politischen Bewegungen der Moderne. Ihr Nationalismus war jedoch gepaart mit einer besonderen Verherrlichung der Gewalt, die gewiß auch aus dem Massenmord des Ersten Weltkriegs erklärt werden kann. Der Faschismus repräsentierte, so Mann,

eine paramilitärische Extremversion von Nationalismus, war also eine höchst zugespitzte Variante der für unsere Zeit vorherrschenden politischen Ideologie. [Seite 27]

Die zugehörige Ideologie sei alles andere als wirr, sondern sie ist – wenn auch nicht vollständig – konsistent und besteht aus hohen Idealen. Es wäre jedoch unzureichend, allein auf die Ideologie zu schauen. Diese wurde durchaus pragmatisch gehandhabt, zuweilen auch einfach ignoriert. Der damit einhergehende Opportunismus bewies nicht,daß die faschistischen Führer ohne Grundsätze handelten, sondern eher, daß zur Durchsetzung der formulierten Ziele jedes Mittel recht sei. Die damit verbundenen Wertevorstellungen seien also ernst zu nehmen. Um eine daraus resultierende harmonische Sozialordnung herbeizuführen, wurden Führerprinzip und hierarchische Strukturen als selbstverständlich hingenommen. Die zugehörige Gewalt ist nicht als Betriebsunfall abzutun, sondern als "moderne" Tat zu begreifen, in gewisser Weise als eine revolutionäre Gewalt.

Daher schlägt Mann als prägnante Kurzfomel vor, den Faschismus als das Bestreben zu begreifen, eine transzendente und säubernde Nationalstaatlichkeit durch paramilitärische Organisationen zu schaffen. Dieser Faschismus besaß eine soziale Basis, die, so Mann, jedoch nicht vor dem Hintergrund von Klassen oder Schichten betrachtet werden sollte.

Zwei Bemerkungen seines Textes lassen jedoch vermuten, daß bei Michael Mann ein etwas merkwürdiges Bild vom Kapitalismus und seiner Funktionsfähigkeit hervorscheint. Erstens geht er davon aus, hätte Hitler länger geherrscht, so wäre die Wirtschaft des Dritten Reiches irgendwann nicht mehr als "kapitalistisch" zu bezeichnen gewesen. Weiterhin sieht er im nationalsozialistischen Völkermord etwas, was Deutschland materiell nur geschadet habe. Es ist sicher richtig, daß der Massenmord nur begrenzt mit Kriterien von Profitmaximierung zu vereinbaren ist. Dennoch muß gesehen werden, daß der Nationalsozialismus als Projekt durchaus eine kapitalkonforme Logik besaß, in der sogar der Massenmord eine auf ziemlich perverse Art "reinigende Wirkung" hatte. Vielleicht wird dieser merkwürdige Bezug zum Kapitalismus deutlicher, wenn wir uns seine Erklärung der Voraussetzungen für den Faschismus etwas näher betrachten:

Um ihre Ziele zu erreichen, setzen soziale Bewegungen gemeinhin eine Kombination von Machtstrategien ein: Sie versuchen, die Deutungshoheit über entscheidende Begriffssysteme zu erlangen (ideologisch), Produktion und Handel zu beherrschen (wirtschaftlich), organisierte physische Gewalt einzusetzen (militärisch) und die staatlichen Vorgaben im territorialen Rahmen zu kontrollieren (politisch). Auch eine Erklärung des Faschismus kommt nicht ohne diese vier Aspekte aus. [Seite 31]

Entsprechend versuchten die faschistischen Führer, so Mann, die ideologischen, wirtschaftlichen, militärischen und politischen Eliten auszuschalten. Unklar bleibt bei seiner Darstellung jedoch, ob und inwieweit beispielsweise der Nationalsozialismus tatsächlich die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel erlangt hat. Die vorherrschenden Eigentumsverhältnisse wurden jedoch weitgehend beibehalten, von der Arisierung profitierten in der Regel die etablierten kapitalistischen Teilhaber, und der Aufbau einer eigenständigen wirtschaftlichen Machtbasis, welche ihre Konkurrenten auszuschalten vermochte, kann nun wirklich nicht aufgefunden werden. Insofern bleibt Manns Behauptung eines möglichen Nicht–Mehr–Kapitalismus im Dritten Reich reichlich vage und durch die Fakten nicht gedeckt.

 

Revolution und Modernität

Der Sozialwissenschaftler Robert O. Paxton legt den Akzent auf die Paradoxien faschistischer Theorie und Praxis, um das Phänomen begrifflich klarer fassen zu können. Zunächst einmal handelt es sich beim Faschismus nicht um eine universelle Ideologie; er negiert die universalistischen Prinzipien der Moderne und ist zusätzlich nicht auf "Export" ausgerichtet. Die Faschisten passen daher

in kein mögliches System universeller geistiger Prinzipien. Es sind lediglich die Funktionen, in denen sie einander gleichen. [Seite 60]

Da eher Gefühle als Gedanken den Faschismus bewegen, spiele die zuweilen offensichtliche Diskrepanz zwischen theoretischen Vorgaben und praktischer Politik, die so manche Theoretiker über das Wesen des Faschismus verwirrt haben, kaum eine Rolle. Und dennoch zählen Ideen durchaus. Schon Zeev Sternhell hatte hierzu bemerkt, daß die Doktrin des Faschismus nicht weniger schlüssig sei als die anderer politischer Bewegungen.

Der antibürgerliche Habitus der Faschisten koexistiert durchaus mit der Verteidigung des Kapitals, was verständlicher wird, wenn wir den schon in der apologetischen Verteidigung des Kapitals angelegten Organizismus in Rechnung stellen, der sich auch in der faschistischen Ideologie wiederfindet. In gewisser Weise haben die Faschisten dabei den Neoliberalismus vorweggenommen. Paxton zitiert aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Der Leopard ein wichtiges Essential: "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert." [Seite 63] Die Parallelen zwischen faschistischer (wohlgeordneter) Massenmobilisierung und der permanenten Mobilisierung aller neoliberal bestimmten Ressourcen sind alles andere als zufällig und verweisen auf dieselbe materielle wie ideologische Grundlage.

Paxton legt großen Wert darauf, den faschistischen Begriff von Revolution und Modernität genauer zu betrachten. Es bestehe beispielsweise kein Widerspruch darin, mit modernster Technik deutsche Bauernkolonien im Osten erreichten zu wollen:

Alle Faschisten streben nach technischer und militärischer Macht, während sie zugleich den destabilisierenden sozialen Effekten der Industrialisierung zu entgehen suchen, die eine solche Macht erfordert. [Seite 63]

Der Faschismus ist daher als ein System politischer Herrschaft und sozialer Ordnung zu begreifen, das die Einheit, Kraft und Reinheit der Gemeinschaften stärken soll. Seine Funktionalität begründet sein mögliches Wiedererscheinen im 21. Jahrhundert. Er müsse eben nur den jeweiligen regionalen und sozialen Verhältnissen angepaßt sein: fromm und schwarzenfeindlich in den USA, säkular und antisemitisch bzw. heute eher antiislamisch in Westeuropa, religiös, antisemitisch und slawophil in Osteuropa bzw. Rußland. Folgerichtig sieht Paxton im ursprünglichen Ku Klux Klan einen Vorläufer der faschistischen Bewegungen Europas.

Die Frage jedoch, weshalb der Faschismus als Form bürgerlicher Herrschaft die formale Demokratie abgelöst hat, bleibt hierbei ungeklärt. Der Faschismus ist nämlich nicht nur eine soziale Bewegung, die aus sich selbst und ihrem sozialen Kontext erklärt werden muß, sondern auch ein Herrschaftsprojekt. Dieses kommt nur dann zum Zuge, wenn alternative Projekte gescheitert sind oder (von der herrschenden Klasse) für untauglich erachtet werden. Ich denke daher, daß es nicht sinnvoll ist, mit neuen innovativen sozialwissenschaftlichen methodischen Ansätzen gleich auch die gesamte Theorie kapitalistischer Klassenherrschaft zu entsorgen. Auch wenn das in der postmodernen Welt sehr modisch klingen mag.

 

Neue Ordnung

Der Historiker Emilio Gentile betrachtet den Faschismus und die Entwicklung dieser Begrifflichkeit von der italienischen Perspektive der 1920er Jahre heraus. Deshalb benutzt er selbstverständlich den dort entstandenen Begriff des Totalitarismus. Dieser Totalitarismus ist gleichermaßen ein Experiment wie ein Prozeß, der die ganze Gesellschaft bis in die letzten Poren mobilisieren und organisieren soll. Er beruht auf einer Massenbewegung, welche die Klassengrenzen überschreitet, denn nur so läßt sich die gesamte Gesellschaft in diesen Prozeß einbeziehen. Parteimiliz und Kameradschaft sind hierin wesentlich strukturierende Momente. Die faschistische Herrschaft besitzt hierbei eine kulturelle Dimension, welche auf dem Mythos "Jugend" beruht. Während die faschistischen Führer selten dem Jugendideal entsprechen, werden Basis und untere Hierarchieebenen sehr wohl von dieser Jugendkultur bestimmt. Organisatorisch untermauert wird diese Form der Herrschaft durch eine Einheitspartei, welche die Polizei als Repressionsapparat nutzt und die Wirtschaft korporativ organisiert. Imperiale Macht und Expansion sind weitere notwendige Bestandteile der Etablierung einer neuen Ordnung.

Die Aufsätze des Februarheftes von Mittelweg 36 liefern eine Fülle detaillierter Betrachtungen zur Funktionsweise faschistischer Herrschaft. In der Konzentration auf soziale Prozesse und kulturelle Muster liegt zugleich die Stärke wie die Schwäche des Ansatzes begründet. Zum einen ist es nun möglich, den italienischen Faschismus, den deutschen Nationalsozialismus, aber auch andere nicht so weit entwickelte faschistische Bewegungen und Regimes unter einem Dach zusammenzufassen, ohne sich in theoretisierenden Verrenkungen zu ergehen. Die prozessuale Sicht mit ihrer Betonung der ideologischen und kulturellen Aspekte im Faschismus ermöglicht es, die in ihrer Ausprägung unterschiedlichen Regimes als verschiedene Ausformungen desselben Herrschaftstyps zu begreifen.

Auf der anderen Seite hinterläßt das in diesen Aufsätzen formulierte Faschismusverständnis einige ungeklärte Fragestellungen. So sinnvoll es ist, den Faschismus und seine Träger mehr an ihrer Funktion und weniger an ihrer Ideologie zu messen, so ist doch zu klären, warum eine faschistische Bewegung in einer bestimmten historischen Epoche funktional wurde und seither nicht wieder, warum sich Massen mobilisieren ließen, wie dies später nicht wieder geschah, und weshalb sich die einer Gesellschaft innewohnende Gewalt in einem bestimmten historischen Kontext mobilisieren ließ und warum sie auch mobilisiert wurde. Es ist durchaus bezeichnend, daß dieselben Männer (und weniger Frauen), die im Nationalsozialismus die Mordmaschine mitbedienten, anschließend brave Demokraten werden konnten. Kapitalismus, Faschismus und Massenmord gehören offensichtlich enger zusammen, als uns lieb sein kann. Insbesondere dieser Zusammenhang scheint es zu sein, der Michael Mann dazu bewogen haben mag, eine Wiederkehr des Faschismus für möglich zu halten.

Vielleicht verrät uns hierzu der letzte Aufsatz des Heftes von Mark Roseman über eine bündische Gemeinschaft für sozialistisches Leben im Dritten Reich mehr. Dieser 1924 in Essen gegründete Bund zeigte im Dritten Reich ein großes Engagement für jüdische Verfolgte [1]. Bemerkenswert ist dies deshalb, weil die bündische Szene in der Regel rechtslastig orientiert war. Dieser konkrete Bund war jedoch sozialistisch orientiert, teilte hierbei jedoch undemokratische Gesellschaftsmodelle konservativer und reaktionärer Kreise. Man und frau dachte in organisch–hierarchischen Begriffen. Der Einfluß der Lebensreform-Bewegung ist nicht zu übersehen; und die Lebensreform-Bewegung muß hier als parallele, aber auch konkurrierende Bewegung zum Nationalsozialismus verstanden werden. Das Besondere am Essener Bund war sein solidarischer Ansatz und die selbst auferlegte Verpflichtung, die angestrebte gesellschaftliche Veränderung auch vorzuleben. Dies ermöglichte seinen Mitgliedern, von den Nazis Verfolgten zu helfen und zugleich aufgrund seiner bündischen Struktur nicht sofort als Regimegegner ausgemacht zu werden.

Ohne die Leistung der Bundmitglieder schmälern zu wollen, so zeigt sich hier, wie nahe die "Normalität" der "Verwilderung" ist. Denn bemerkenswert ist, daß und wie ein emanzipatorischer Ansatz mit selbst auferlegter Ein- und Unterordnung unter bestimmte ideologische Prinzipien einhergehen konnte. Und doch ging das Emanzipatorische darin nicht verloren. Zu fragen wäre jedoch, ob auf seine verwilderte Weise der Faschismus nicht auch so etwas wie Befreiung als Sinnstiftung angeboten hat. Damit sollen progressive emanzipatorische Bewegungen, Projekte und Ideen nicht denunziert werden. Aber Befreiung ist eben mehr als Jugendkultur und Körperkult.

Wie viele ihrer Zeitgenossen wollte Dore [Jacobs] den Menschen dazu verhelfen, einen Zustand des natürlichen Gleichgewichts und der inneren Harmonie zurückzuerlangen." [Seite 106]

Die Sehnsüchte der Menschen in einer schlechten Welt lassen sich nicht nur positiv auffangen, sondern sie sind grundsätzlich für jede Form "selbst befreiender" Aggression gegen Dritte mobilisierbar. Das Verständnis der dieser Gewalt zugrunde liegenden Strukturen kann vielleicht das Neuaufleben derartiger Ordnungsvorstellungen nicht verhindern, aber womöglich die Einsicht verbreitern helfen, daß eine kapitalistische Zivilgesellschaft immer den Kern der eigenen Zerstörung beinhaltet. Die Lösung liegt weiterhin in der Überwindung dieser Beschränkung. Soziale Gewalt ist keine anthropologische Konstante, sondern wird dazu gemacht.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Mark Roseman erhielt für seine Forschungen zum Bund und der von ihm vor der Nazi–Verfolgung geretteten Marianne Strauß im Jahr 2003 den Geschwister–Scholl–Preis überreicht.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Juni 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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