Cover Mittelweg 36

WALTPOLITIK

Online–Rezension

 

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 6/2006 (Dezember / Januar), 115 Seiten, € 9,50

 

Der Völkermord gilt als eine der barbarischsten menschlichen Handlungen auf globaler Ebene. Dabei ist der Begriff inhaltlich recht unscharf gefaßt und für eine inhaltliche Auseinandersetzung wenig hilfreich. Die Standard–Definition, wie sie in der Genozid–Konvention von 1948 zu finden ist, ist in einer juristischen Tradition verwurzelt, die davon ausgeht, daß einer Tat eine konkrete und somit zeitlich zu bestimmende Absicht zugrunde liegt. In den in Heft 6/2006 der Zeitschrift Mittelweg 36 versammelten Aufsätzen werden an dieser Definition und ihrer Brauchbarkeit gut begründete Zweifel angemeldet. Die "Grammatik des Massakers" (Jacques Sémelin) ist nicht so leicht zu erfassen, denn sie muß erst noch richtig verstanden werden. Die Autorin und die Autoren des Heftes liefern hierfür einige wichtige Anregungen.

Völkermord, also eine entgrenzte Gewalt, die in der Absicht begangen wird, eine bestimmte Menschengruppe zu zerstören, ist gewiß ein Abkömmling der "Moderne". Die massenhafte und mitunter maschinenartige Vernichtung ganzer Menschengruppen ist historisch betrachtet relativ jungen Ursprungs. Dennoch lassen sich auch für frühere Epochen massenmordartige Ereignisse festhalten. Inwieweit diesen jedoch die Intention zugrunde gelegen hat, ganze als soziale oder ethnische Gruppe definierte Menschenmassen als solche zu vernichten, ist eine ganz andere Frage. Zwar kennen sowohl die griechisch–römische Antike wie auch die chinesische Geschichte ein Überlegenheitsempfinden gegenüber den "Barbaren", doch in beiden Kulturkreisen war es nicht üblich, diese Barbaren als solche zu vernichten. Allerdings galt den Griechen wie den Chinesen das Leben eines Barbaren nicht viel.

In der Dezember / Januar–Ausgabe der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung wird Völkermord daher sowohl theoretisch diskutiert als auch anhand von Fallbeispielen näher betrachtet.

 

Inhalt von Heft 6/2006

Birthe Kundrus : Entscheidung für den Völkermord? Einleitende Überlegungen zu einem historiographischen Problem

Jacques Sémelin : Elemente einer Grammatik des Massakers

Gerd Hankel : »En histoire, il est dangereux de tout mélanger.« Französiche Literatur zu Genozid und Massenverbrechen [Literaturbeilage]

Donald Bloxham : In der Unordnung der Wirklichkeit. Der armenische Fall

Alexander L. Hinton : Zü:ndstoffe. Die Roten Khmer in Kambodscha

Michael Wildt : Biopolitik, ethnische Säuberungen und Volkssouveränität. Eine Skizze

 

Definitionsfragen

Birthe Kundrus weist in ihrem einführenden Aufsatz auf diese und andere historiografische Probleme hin, Völkermord zu definieren und zu erfassen. Das 20. Jahrhundert war eines großer exzessiver Gewalt und gleichzeitig eines der Sensibilisierung gegenüber dieser Gewalt zugunsten grundlegender Menschenrechte. War diese Gewalt in jüngster Zeit nun größer oder wird sie nur – und sei es aufgrund ihrer medialen "Vermarktung" – deutlicher wahrgenommen? Bildet sie eine Konstanz menschlichen Verhaltens (seit dem Verlassen der Bäume) oder liegt hier ein Problem aller sozialen Gemeinschaften mit hierarchischen Strukturen und unterschiedlichem Zugang zu Ressourcen aller Art vor? Auf jeden Fall scheint es unabhängig von der geschichtlichen Herleitung dieser Gewalt so zu sein, daß es auch der zivilisatorischen Moderne nicht gelingt, die menschlichen Aggressionen zu zähmen.

Vielleicht liegt dies aber auch daran – ein Gedanke, der im gesamten Heft leider viel zu kurz kommt –, daß eine gewaltförmige Gesellschaftsordnung überhaupt nicht in der Lage sein kann, Aggressionen, die sie selbst erzeugt hat, grundsätzlich einzudämmen. Derartige Gesellschaften benötigen ein Ventil. Der innere Zusammenhalt bemißt sich an der Gewaltabfuhr nach außen. Exzessive Gewaltverbrechen geschehen jedoch nicht immer und überall, sondern sie benötigen Anlässe, also Möglichkeiten und Zufälle. Die massenmörderische Gewalt ist somit auch ein interaktives und ein prozessuales Phänomen, dessen materielle Wurzeln erst noch zu ergründen wären.

Der Begriff des Völkermordes ist also unscharf. Es ist selten möglich, einen genauen Zeitpunkt anzugeben, an dem der Entschluß zum Massenverbrechen gefaßt wurde. Weiterhin ist zu bedenken, daß Völkermord eine Definitionsfrage ist; und wer in der öffentlichen Diskussion wahrgenommen werden möchte, benötigt starke Begrifflichkeiten. Dies entwertet den Begriff in seiner Schärfe. Dennoch sei er nicht falsch, aber er sollte, so die Autorin, den eliminatorischen Großereignissen vorbehalten werden. Dies entspricht durchaus der ursprünglichen Vorstellung, so wie sie Eingang in die Genozid-Konvention gefunden hatte. Deren Vorstellung fußte auf dem Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden und den sich daran anschließenden Erklärungsversuchen. Ob und inwieweit diese Vorstellung eines Völkermordes jedoch auch für andere Großverbrechen tauglich ist, bedarf der näheren Analyse. Was macht nämlich aus "normalen" Menschen Massenmörder?

Auf die Problematik des Begriffs Völkermord selbst wird noch einzugehen sein.

 

Rahmenbedingungen

Der französische Sozialwissenschaftler Jacques Sémelin sucht in seinem Aufsatz nach Wegen, die Elemente einer Grammatik des Massakers zu entdecken. Das Unterfangen ist gewiß nicht einfach. Denn erstens werden "Unschuldige" gezielt getötet, zweitens werden nicht Wildfremde, sondern Bekannte getötet, und drittens geht das Töten mit geradezu bestialischer Grausamkeit einher. Wie paßt dies zu einer Welt, die vorgibt, die Schwachen zu schützen, die auf gutnachbarschaftliche Beziehungen setzt und die Gewalt als Monopol dem Staat überträgt?

Der US–amerikanische Politikwissenschaftler Rudolf Rummel hat errechnet, daß im 20. Jahrhundert 169 Millionen Menschen von ihren eigenen Regierungen getötet worden sind, während es im selben Zeitraum "nur" 34 Millionen Kriegstote gegeben habe. Die Zahlen sind beeindruckend, und es nicht erheblich, ob sie im Einzelnen stimmen. Die Relation zwischen von Staats wegen und in Kriegen getöteten Menschen ist aussagekräftig genug. Und doch wird eine weitere Zahl vonnöten sein, um die Gewalt in dieser Welt besser begreifen zu können, eine Gewalt, die mehr ist als das systematische Massakrieren durch paramilitärische Horden oder militärische Tötungsmaschinen. Wenn wir davon ausgehen, daß Jahr für Jahr etwa zehn Millionen Kinder an leicht heilbaren Krankheiten oder mangels zur Verfügung gestellten Nahrungsmitteln sterben, dann kommen wir allein für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg auf die ungeheuerliche Zahl von rund 600.000.000 Toten, die nicht massakriert wurden und die dennoch Opfer eines gigantischen Massakers geworden sind. Diese Kinder tauchen in keiner Völkermordstatistik auf. Dies liegt sicherlich nicht daran, daß diese früh verstorbenen Kinder schwerlich zu erfassen sind. Jedoch sagen uns diese Kinder mehr über Massaker und systematische Gewalt aus als unzählige Medienberichte über Menschenrechtsverletzungen und wissenschaftliche Studien über genozidale Vorgänge. Hier gibt es keine konkret faßbaren Täter und doch gibt es Taten; über das Wohl der Kinder dieser Erde wird politisch und wirtschaftlich von denen entschieden, die kein Interesse an nicht zahlungsfähiger und potentiell rebellischer Nachkommenschaft von Drittwelteltern haben. Es sind im Zweifelsfall dieselben Täter, die auch den "Völkermord" an anderer Stelle geschehen lassen oder ihn unterstützen.

Hier stellt sich die Frage des Eingreifens von außen; und dies ist letztlich auch der Grund, sich sozialwissenschaftlich mit der Genese und Struktur von Völkermorden auseinanderzusetzen. Lassen sich also derartige Massaker voraussehen und präventiv verhindern? Ich denke jedoch, daß diese Frage womöglich falsch gestellt ist. Natürlich ist es richtig, dafür einzutreten, daß derartige humanitäre Katastrophen nicht eintreten. Doch wäre hier nachzuhaken und zu fragen, was denn die grundlegende Matrix des "Völkermordes" ist. Dies weist über die konkrete Analyse eines konkreten beispiels hinaus und damit auch über den Horizont dieses Heftes, weil es eine grundlegende Fragestellung ist, wie wir uns zu dieser konkreten Welt und deren gesellschaftlichen Verhältnissen stellen. Massaker und Völkermorde geschehen nicht einfach und sie sind auch nicht einfach aus einer konkreten Situation heraus zu verstehen. Daraus ergibt sich nicht nur eine Sichtweise, sondern auch eine – leider pessimistische – Prognose. Denn solange es (kapitalistische) Gewaltverhältnisse gibt, zählt das Leben von Menschen im Zweifelsfall nichts.

Nun läßt sich mit einer derartigen Einstellung weder politisch noch wissenschaftlich viel anfangen. Und doch verweist sie darauf, daß es nicht einfach darauf ankommt, zum richtigen Zeitpunkt nach einer militärischen Intervention zu rufen. Das gilt für das Morden in Ruanda 1994 genauso wie für die Situation in Darfur heute. Gibt es Alternativen der Hilfestellung, die nicht den etablierten Mustern eurozentrischer Menschenrechterei folgen, die "humanitäre Intervention" genannt werden und meist doch nur schlecht verbrämte militärische Expeditionen zur Sicherung imperialistischer Machtressourcen sind? Ja, es gibt sie, und sie sind far beyond the scope aller Menschenrechtsdebatten in den behüteten Ländern der Ersten Welt.

Die Antwort liegt darin, den Milliardenaufwand für Soldaten, Waffen, Hilfsleistungen und Krediten dafür zu nutzen, die Menschen in der jeweiligen Krisenregion dazu zu befähigen, sich ohne Gewaltherrschaft und ohne Einflußnahme der Institutionen des Weltmarktes ein Leben aufzubauen, das der Gewalt entsagen kann, weil es schlicht keine Veranlassung mehr dafür gibt. Allerdings werden wir darauf noch lange warten müssen, und solange müssen wir uns mit Debatten und Analysen behelfen, die gut gemeint versuchen, das Schlimmste zu verhüten. Denn viel mehr ist es nicht. Das 20. Jahrhundert hat uns gezeigt, wozu Regierungen, Paramilitärs und ganz einfache Menschen im 21. Jahrhundert weiterhin fähig sein werden.

 

Elemente

Und damit sind wir wieder mittendrin im letzten Heft des Jahres 2006 und der Frage der internen Organisation von Massakern und Genoziden. Und hier setzt das Erkenntnisinteresse von Jacques Sémelin an. Er versucht zu begreifen, ohne hierbei simplifizierende Modelle heranzuziehen. Es sind ja konkrete Menschen, welche die Mordtaten verüben, es sind Menschen, die weder wahnsinnig noch krank sind, jedenfalls nicht wahnsinniger und kränker als der gesellschaftliche Durchschnitt.

Wenn also staatlich verübter Massenmord zahlenmäßig so ungeheuerlich groß gewesen ist, so wäre zu fragen, ob Massaker von starken oder von schwachen Staaten begangenen werden. Sémelins Antwort mag verblüffen, ist jedoch so unsinnig nicht. Nur schwache Staaten oder Staaten, die sich für verwundbar halten, suchen eine Lösung in der Eliminierung des Anderen. Wobei das Schweigen, das Wegsehen, die Passivität der internationalen Gemeinschaft für die Durchführung des Massakers hilfreich ist.

Es ist unerheblich, ob der so geschaffene innere Feind real oder imaginiert gefährlich ist, es spielt keine Rolle, ob die Konstruktion des Feindes, der vernichtet werden muß, eine materielle Grundlage besitzt. Hutu oder Tutsi, Bosnier, Kroate oder Serbe, "alter" oder "neuer" Mensch in Kambodscha – all dies sind letztlich Konstruktionen, die von ihren Protagonisten nicht bewiesen werden müssen und die real werden in der Vernichtung. Gegen die Verdächtigung, dem imaginierten Feind anzugehören, kann sich deshalb auch keine und niemand mit rationalen Argumenten oder Gegenbeweisen zur Wehr setzen. Wahnsysteme haben ihre eigene Logik; und diese Logik ist jeder modernen Gesellschaft eingeschrieben. Daß sie nicht öfter zum Ausbruch kommt, ist vielleicht bemerkenswerter.

Der Beschluß zum "Völkermord", so Sémelin, kann nicht im Sinne der Genozid–Konvention verstanden werden. Einzelne Taten bedürfen der Absicht und des damit verbundenen Beschlusses zum Handeln. Doch Machtstrukturen funktionieren nicht auf diese Weise. Ein bestimmter öffentlich geführter Diskurs kann nur auf einer gegebenen Grundlage geführt werden, um wirksamsmächtig zu werden. Es sind Akteure im Herrschaftsapparat, die sich ihrer Gefolgsleute sicher sein müssen, genauso wie umgekehrt Letztere auf die offene oder stillschweigende Zustimmung des Staatsapparates (oder der nichtstaatlichen Machthaber) müssen zählen können. Wichtig ist hierbei zu wissen, daß man nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Gibt es keine Instanz der Vergeltung oder Rache, dann wird die einer Gesellschaft innewohnende Gewalt ungehemmt freigesetzt und äußert sich im Extremen. Eine Staatskrise allein bewirkt nichts, die beabsichtigten Gewaltexzesse benötigen einen Resonanzboden.

Jacques Sémelin sieht hierbei in verschiedenen Formen von Männerbünden eine wichtige Voraussetzung dafür, daß entgrenzte Gewalt kollektiv wirksam werden kann. Hier wäre näher zu untersuchen, wie diese Männerbünde als wichtige Bestandteile gesellschaftlicher Ordnung funktionieren und wirken. Männerbünde sind in jeder bisherigen Klassengesellschaft zu finden und gehören daher zu den grundlegenden Voraussetzungen sozialen Handelns.

 

Fallstudien

Gerd Hankel betrachtet in seinem Literaturbericht die neuere Französische Literatur zu Genozid und Massenverbrechen. Hierbei wird uns nicht nur ein ideologischer Komplex aus Erkenntnissen und Deutungen vorgestellt, den wir ansonsten aus Unkenntnis der französischen Sprache womöglich nicht mitbekommen würden. Aufgrund seiner Kolonialgeschichte besitzt Frankreich ein recht gespanntes Verhältnis zu seiner Vergangenheit und der dabei begangenen Greuel. Und doch weist Jacques Sémelin vielleicht zurecht darauf hin, daß eine Einsicht in die Entstehung und in den Ablauf verbrecherischer Handlungen eben nicht dazu verhelfen wird, diese zukünftig zu verhindern. In Frankreich wurde im Sommer 1994 ein Denkmal für die Opfer der Shoah eingeweiht, während zeitgleich mit französischer Rückendeckung sogenannte Hutu sogenannte Tutsi in Ruanda massakrierten.

Donald Bloxham stellt in einem weiteren Aufsatz Hintergründe und Motive zum türkischen Genozid an den Armenierinnen und Armeniern im Verlauf des 1. Weltkriegs dar. Einen in vielerlei Hinsicht anderen Fall betrachtet Alexander L. Hinton im Kambodscha der Roten Khmer der 1970er Jahre. Gerade hier wird deutlich, wie konstruiert die Zuschreibung von Menschen zu einer Gruppe ist, die als "Schädlinge" ausgerottet werden müssen. Wobei auch hier die denunziatorische Wortwahl für die "Anderen" zunächst keine bestimmte Tat impliziert. Erst im Nachhinein läßt sich eine Dynamik aufzeigen, die in der Nachbetrachtung darlegen kann, warum die Roten Khmer (ein Liebling übrigens der USA nach dem vietnamesischen Einmarsch 1978/79!) ihre massenmörderische Politik umgesetzt haben.

"Haß–Ideologien", so Bloxham, sind lokale Erzeugnisse, welche das Denken und Verhalten vorgeben und die Erfahrung strukturieren. Die Botschaft muß allerdings auch "ankommen". Hierbei ist gerade im Falle Kambodschas zu berücksichtigen, daß ohne den vorangegangenen US-amerikanischen Bombenterror und die von ihnen geförderte Militärdiktatur unter Lon Nol eine wichtige sozio-psychologische Basis gefehlt hätte. Die Roten Khmer konnten nur deshalb erfolgreich sein, weil ihnen der Boden bereitet worden war. Ob und in welchem Umfang die damit verbundene Traumatisierung für die killing fields ursächlich gewesen ist, dürfte jedoch schwer zu beurteilen sein. Aber vielleicht erklärt sie so einiges.

Michael Wildt behandelt in seinen (das Heft) abschließenden Betrachtungen Biopolitik, ethnische Säuberungen und Volkssouveränität. Mit Rückgriff auf die Französische Revolution und den dort entstandenen Volksbegriff zeigt er, daß sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine rassistische Komponente durchsetzte, die das Konzept des "Volkes" radikalisierte. Das "Volk" ersetzt die Nation, der Biologismus den Citoyen, dem seine Herkunft noch egal sein konnte:

Die Konstruktion der Nation als Rechtsordnung wurde abgelöst durch die Konstruktion des Volkes als Lebensordnung. Durch das Aufkommen der Bio–Macht verschoben sich die politischen Ambivalenzen, die dem Konzept der Nation von vornherein innewohnten. Demos naturalisierte sich zu ethnos, und die Allgemeinheit der Bevölkerung als Adressat der Bio–Macht partikularisierte sich zur Optimierung einzelner, rassistisch hierarchisierter Völker." [Seite 101–102]

Die Nachkriegsordnung nach dem 1. Weltkrieg basierte auf Präsident Wilsons Vorstellung vom Selbstbestimmungsrecht der Völker. Ich gehe im Gegensatz zu Wildt nicht davon aus, daß sich hier der "demokratische Geist Amerikas" [Seite 96] gezeigt hat (obwohl, in gewisser Weise schon, nämlich als imperiales Programm); es war kühle Machtpolitik auf Kosten von Millionen von Menschen. Der vorherrschende europäische Zeitgeist einer Neuaufteilung einzelner Regionen nach Blutskategorien wurde vortrefflich gestützt. Die vorangegangenen Balkankriege sowie der "Bevölkerungstransfer" zwischen Griechenland und der Türkei waren so gesehen nur ein Vorgeschmack auf das, was auf völkischer Grundlage in den nachfolgenden Jahrzehnten noch geschehen würde. [1]

Wichtig ist am Aufsatz Michael Wildts die Auseinandersetzung mit der Grundlage des Begriffs Völkermord und der damit verbundenen Genozid–Konvention. Denn diese setzen den Gegenstand ihrer Untersuchung, nämlich das Volk, als gegeben voraus. Diese Kritik ist richtig und notwendig; schon allein deswegen, weil das Selbstbestimmungsrecht angeblicher Völker bis heute nachwirkt. Dennoch wäre hier einzuwenden, daß die Eigen– und vor allem die Fremdzuschreibung nicht einfach ignoriert werden kann. Selbst dann, wenn wir völkische und ethnische Zuschreibungen als Konstrukt einer fiktiven Wirklichkeit betrachten (müssen!), wurden und werden Menschengruppen als "Volk" behandelt und auf dieser Grundlage verfolgt, vertrieben oder getötet. Und daran wird sich auch nichts ändern, solange ein wie auch immer definierter Volksbegriff das Denken und Handeln der Menschen bestimmt – und sich damit Politik machen läßt. Auch "Völker", die nicht existieren, entfalten ihre eigene Deutungsmächtigkeit.

 

Resümee

Selbst wenn die Auseinandersetzung mit dem Massaker und dem Genozid doch sehr einer systemimmanenten Logik verhaftet bleibt, auch wenn die Autorin und die Autoren das Phänomen mehr aus sich selbst als aufgrund einer Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen suchen, so ist doch festzuhalten, daß die in diesem Heft der Zeitschrift Mittelweg 36 entwickelten Gedankengänge einiges zum Verständnis des Problems beitragen können. Insofern: auf jeden Fall lesenswert.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Ich halte Rosa Luxemburgs Bemerkungen zum Selbstbestimmungsrecht der Völker immer noch für eine klare Position, selbst dann, wenn die Autorin die Konstruktion "Volk" nicht hinterfragt hat.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Juni 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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