Buchcover Toni Schumacher Anpfiff

WALTPOLITIK

Online–Rezension

 

Besprechung von : Toni Schumacher – Anpfiff, Droemer Knaur Verlag 1987, Taschenbuchausgabe 1988, Neuauflage 1992, 255 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich

 

Als sich der ehemalige Bundesligatrainer Peter Neururer im Juni 2007 in die Debatte um den Dopingkonsum im Hochleistungssport einmischte, erlangte diese zum Teil scheinheilig geführte Debatte eine neue Dimension. Ein lange verdrängtes Thema liegt nun wieder auf dem Tisch – Doping im Profifußball. Eigentlich hatten wir es ja immer geahnt, daß es da etwas geben müßte. Diego Maradona beispielsweise war schon im März 1991 bei einer Dopingkontrolle positiv getestet worden und mußte die Fußball–Weltmeisterschaft 1994 in den USA wegen der nachgewiesenen Verwendung des Aufputschmittels Ephedrin frühzeitig verlassen. In den 1990er Jahren wurden Juventus Turin und Olympique Marseille des systematischen Dopings verdächtigt. Ernsthaft ermittelt wurde jedoch nie.

Nun sagen die Fußballexperten einhellig, daß Doping im Fußball keinen Sinn ergeben würde. Zu vielseitig sei dieser Mannschaftssport; die einseitige Förderung bestimmter Muskelpakete oder Fähigkeiten sei sinnlos – so auch Thomas Pfeifer, der Mannschaftsarzt von Bayer Leverkusen gegenüber dem Spiegel im Frühjahr 2006. Pfeifer ist zugleich Vertreter der Deutschen Fußballliga DFL in der Antidopingkommission des DFB. Er muß es ja wissen, oder? Malte Oberschelp und Daniel Theweleit sind sich da nicht so sicher; sie schreiben daher am 12. April 2006 in Spiegel online unter der Überschrift "Schärfer und hungriger":

Der Spezialist für Knieoperationen ist sicher, dass alle Dopingfälle aus der ersten und zweiten Bundesliga "Verfahrensfehler" sind: ohne Rücksprache mit dem Mannschaftsarzt geschluckte Grippemedikamente, Haarwuchsmittel, versehentlich angewendetes Asthmaspray, verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel oder Cannabiskonsum. Einen echten Dopingfall, in dem ein Spieler zweifelsfrei zum Zwecke der Leistungssteigerung verbotene Substanzen eingenommen hat, gibt es im deutschen Fußball tatsächlich nicht. Und solche Fälle sind auch im Weltfußball äußerst selten. Aber liegt das tatsächlich daran, dass Doping im Fußball sinnlos ist? Oder ist das Netz der Kontrollen den Methoden der Betrüger einfach nicht gewachsen?

Peter Neururer hat diese Fragestellung mit einer einfachen Antwort bereichert: In den 1970er und 1980er Jahren war die Leistungssteigerung mit dem Dopingmittel Captagon offensichtlich branchenüblich. Neururers Aussage wurde kurz darauf von den heutigen Trainern Benno Möhlmann und Hans-Werner Moors bestätigt. Bemerkenswert die auch im Radfahrermilieu anzutreffende Aussage: man habe das Mittel zwei– oder dreimal eingenommen. Mal ein bißchen rumprobiert und es dann sein gelassen. Mag sein. Ich sehe mich hier nicht in der Rolle des Anklägers. Doping ist so alt wie der Leistungssport. Es ist einfach absurd anzunehmen, daß das einer Leistungsgesellschaft immanente Prinzip des unbedingten Gewinnenmüssens nur mittels fleißigen Trainings und sportlicher Fairness einzuhalten ist. Wie im richtigen Leben hilft auch der Betrug beim Gewinnen; lästige Konkurrenten werden einfach übertölpelt. Der sogenannte Bundesliga–Skandal von 1971 hat mehr als deutlich gezeigt, daß es auch im Fußball längst keine ehrliche Arbeit mehr gibt. Doch anstatt darüber zu lamentieren, ist es angebracht, den Tatsachen in die Augen zu sehen: wer Kapitalismus und Leistung will, nimmt Betrug und Doping zumindest billigend in Kauf. Alles andere wäre pure Heuchelei. Aber genau diese Heuchelei durchzieht die gesamte Branche.

 

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Der damalige Nationaltorwart Harald "Toni" Schumacher hatte 1987 eher in einem Nebensatz die Lebenslüge einer ganzen Branche öffentlich gemacht. Doch anstatt der Sache nachzugehen, wurde sie nicht nur klein geredet. Mehr noch: Der Bote der schlechten Nachricht wurde geköpft. Sein Verein 1. FC Köln löste seinen Vertrag auf, zudem flog er stante pede aus der Nationalmannschaft. So richtig geschadet hat ihm sein Geständnis zumindest langfristig nicht. Schalke 04, Bayern München, Fenerbahçe Istanbul und Borussia Dortmund sicherten sich seine Dienste; heute unterstützt er mit seiner Sportagentur Sports First den russischen GazpromKonzern bei dessen Kooperation mit Schalke 04. Toni Schumacher (oder sein Ghostwriter) schrieb 1987 in seinen "Enthüllungen über den deutschen Fußball":

Doping und Fußball? Ist das überhaupt denkbar? Im Gegensatz zu den Radsportlern liefern Fußballer nach einem Spiel keinen Pipibecher zur Urinkontrolle ab – außer bei Welt– und Europameisterschaften. Was gar nicht erst kontrolliert wird, kann also auch gar nicht existieren. Das stimmt nur bedingt. Auch in der Fußballwelt gibt es Doping – natürlich totgeschwiegen, klammheimlich, ein Tabu.
Ich gestehe ganz offen: Beim Training habe ich ein Medikament mit Dopingeffekt ausprobiert: Captagon heißt das Zeug.
Beliebt sind auch diverse Hustensäfte, die den Wirkstoff Ephedrin enthalten. Auch diese Substanz, so erfuhr ich, fördert die Angriffslust, erhöht die Ausdauer und die Widerstandsfähigkeit. [Seite 118–119]

Woher mag er davon erfahren haben, wenn es doch angeblich nichts bringt, sich im Fußball zu dopen? Probiert er einfach mal etwas aus, wie ein Kind, nur um zu sehen, was passiert? Kaum anzunehmen. Es muß einen Grund gegeben haben.

Nach der Europameisterschaft 1984 habe ich eine Dummheit gemacht. Aus Neugier. Um die Belastungsgrenze meiner Maschine »Körper« zu testen, habe ich mich an Aufputschmitteln versucht. Ich wollte meinen Körper zwingen, die 100–Prozent–Marke der Leistungskraft zu überschreiten und mit doppelter Kraft zu arbeiten. Ich wollte wissen, wie weit und wie lange man sich überfordern kann. Außerdem war ich verletzt, fürchtete um meine Kondition – und hatte Angst vor den Verschleißerscheinungen an meinen Muskeln, Sehnen und Knochen. [Seite 119–120]

Irgendwie unlogisch. Wenn ich Angst davor habe, meinen Körper zu beschädigen, dann will ich doch nicht doppelt so viel Kraft herausholen. Also geht es doch wohl um etwas anderes: kurzzeitig die »Maschine« zu überheizen, um Defizite auszugleichen.

Damals schon litt ich unter dem Leistungsdruck, lebte wegen der überhöhten Anforderungen am Rande der Depression. Damals habe ich mit meiner Gesundheit geaast – meine »Maschine« mißhandelt, wie ein wildgewordener Rennfahrer, der seinen Sportwagenmotor überdreht: Alle Bordlampen zeigen Rot, der Drehzahlmesser schlägt bei 9.000 bis 10.000 Umdrehungen pro Minute an. Vollgas! Ich war mir des Risikos bewußt, eventuell kaputtzugehen.
Verrückt. Unverantwortlich. Wahnsinn. [Seite 120–121]

Ja, aber ein Wahnsinn mit Methode. Rolf Schröder und Hubert Dahlkamp schreiben in ihrem Tour de France–Buch Nicht alle Helden tragen Gelb:

1997 berichtete die Zeitschrift "Sports Illustrated" über eine Erhebung unter Leistungssportlern. Die Frage war, ob sie dopen würden, wenn es die Garantie gäbe, fünf Jahre lang nicht erwischt zu werden und jeden Wettkampf zu gewinnen, danach aber an den Nebenwirkungen der Präparate sterben zu müssen. Über 50 Prozent der Athleten bejahten die Frage. [Schröder / Dahlkamp, Seite 258]

 

Von Kosten und Nutzen

In gewisser Weise machen sie diese Sportler (und Sportlerinnen) vom Vorreiter der Neoliberalisierung aller Lebensverhältnisse. Unter Ausklammerung aller Vorbedingungen und Kollateralschäden wird nur danach gefragt, wie die Kosten–Nutzen–Relation in einer kurzzeitigen Perspektive aussieht. Und danach: die Sintflut. Die Sprache des Toni Schumacher ist verräterisch genug. Der Körper ist eine Maschine und bedarf der richtigen Brenn– und Schmierstoffe, um möglichst viel Leistung herauszuholen. Zwangsläufig spielt hier das Doping eine Rolle, denn ohne leistungssteigernde Mittel kann die höchstmögliche Leistung gar nicht abgerufen werden. Das einzige, was Doping im Leistungssport verhindern oder zumindest einschränken würde, wäre eine Verletzung der am Profit ausgerichteten Kosten–Nutzen–Relation. Ein zuviel an Doping kann den ganzen Körper zu früh zerstören; und gesamtgesellschaftlich kann der Run auf die Dopingdrogen dazu führen, daß die eigene körperliche und seelische Selbstzerstörung korrespondiert mit einer Zerstörung des auf Leistung basierenden Sportvermarktungssystems.

Im Grunde genommen ist dies der Hintergrund der hektischen Aktivitäten im Antidopingkampf. Zuviel Doping ist schädlich – weniger für die Sportlerinnen und Sportler, als vielmehr für den daraus gezogenen Profit. Die festgeschriebenen Grenzwerte (etwa der Hämatokritwert in Bezug auf EPODoping) hingegen sind wie alle Grenzwerte rein fiktive Aussagen darüber, was zugestanden wird und was nicht, um für alle Sportlerinnen und Sportler in etwa die gleichen Startbedingungen zu gewährleisten. Deshalb ist es ja auch kein Betrug, wenn gedopt wird, sondern Dummheit. Doping ist, so eine sehr einfache Wahrheit, wenn man und frau a) die zulässigen Grenzwerte überschritten hat und b) sich hat erwischen lassen. Umgekehrt ist es kein Doping, wenn man und frau verbotene Substanzen zu sich nimmt, sofern die zulässigen Grenzwerte nicht überschritten werden und man und frau nicht zufällig mit Blutbeuteln, Medikamentenschachteln oder Einwegspritzen erwischt wird.

Schuldgefühle hatte Toni Schumacher folglich nicht. Denn zum einen hatte er ja nicht betrogen, weil es keine Kontrollen gab, und zweitens war er in guter Gesellschaft.

Schuldgefühle habe ich deswegen auch nachträglich nicht. Das »Versuchskaninchen« war ich ja schließlich selbst. »Kaninchen« ist kein sehr passender Vergleich, ich fühlte mich damals eher wie eine Lokomotive. Volldampf in allen Lagen. Im Training. Vor dem Warmmachen bei Bundesliga- und Pokalspielen.
Ob ich ein Einzelfall war?
Herbst 1984 in Köln. Der Vorstand sprach, wieder einmal, von einem »Schicksalsspiel«. Wieder einmal ging es, angeblich, um das Überleben des Vereins. Einige Kölner Mitspieler probierten das Zeug aus – querbeet und wahllos schluckten wir Hustensäfte, die die höchsten Dosen an Ephedrin enthalten. Die saftgestärkten Kollegen flitzten wie die Teufel über den Rasen. Wir haben gewonnen. Aber in welchem Zustand! Nach tagelanger, qualvoller Erschöpfung beschlossen wir: nie wieder! Von uns wird keiner mehr einen anderen zu dieser Dummheit verführen.
Meine Kölner Freunde und ich sind aber absolut nicht die einzigen, die der Dopingversuchung nicht widerstehen konnten. In der Bundesliga hat Doping seit langem Tradition. [Seite 121–122]

Bemerkenswert, daß diese Beichte zwar zu seiner Entlassung führte, aber zu keinem Gerichtsverfahren. Das Buch erlebte unbeanstandet zwei nachfolgende Taschenbuchauflagen. Offensichtlich hieß die Devise: das Problem totschweigen, keinen weiteren Staub aufrühren. Zumal die Vorwürfe ähnlich derer von Peter Neururer so unpräzise gehalten wurden, daß sie sich zur Aufdeckung des Dopingsumpfes nicht so recht verwerten ließen. The show must go on.

Wollen wir dem Autor (oder seinem Ghostwriter) einfach einmal glauben, daß die Fußballspieler des 1. FC Köln ihre Lektion gelernt haben. Denn Toni Schumacher schildert die gesundheitlichen Folgen dieses Aufputschwahnsinns recht anschaulich. Das muß man nun wirklich nicht erlebt haben!

Den Herren des Vorstandes hingegen konnte es vollkommen egal sein, wie ihre Schützlinge die geforderte Leistung erbringen. Sie können ruhigen Gewissens sagen, wir haben von nichts gewußt – und doch sind sie die Verantwortlichen für ein sklavenhalterisches System extremer Überbeanspruchung und Ausbeutung fremder Arbeitskraft.

 

Neoliberaler Vorreiter

Toni Schumacher beschwert sich in seinem Buch nicht nur über Karl–Heinz Rummenigges Starallüren oder über die Bürokraten des DFB. Er macht sogar Vorschläge, wie der Fußball besser gemanagt werden kann. Wahrscheinlich fühlt er sich deshalb heute in seiner eigenen Sportagentur wohl. Seine Vorschläge zielten sowohl darauf ab, das Ambiente der Fußballvereine und der Nationalmannschaft professioneller auszugestalten, als auch darauf, professionellere Strukturen auch professionell zu bezahlen. In manchem spricht er aus der eigenen leidvollen Erfahrung eines Fußballspielers, der erleben muß, wie seine Leistungsbereitschaft durch ineffektive Strukturen und inkompetentes amateurhaftes Management sabotiert wird.

Manche seiner Vorschläge sind irgendwie lustig wie etwa der, die Trainingslager vor internationalen Turnieren mit dem Auftritt von Superstars, gemeinsamer professionell organisierter Freizeitgestaltung oder der Bereitstellung von bezahlten "Liebesdienerinnen" attraktiver auszugestalten. Der Vorschlag entspricht dem verdinglichten Verhältnis zum eigenen Körper. So wie dieser zur Ware eines wahren homo oeconomicus mutiert, so werden menschliche Bedürfnisse ganz systemkonform per cash abgewickelt. Nun ist die absurde spießige Sexmoral der sportlich verantwortlichen Bürokraten gewiß nicht vorzuziehen. Aber Frauen ohne weiteres darauf zu reduzieren, was sie auf dem warenförmig organisierten Fleischmarkt feilzubieten haben, wird auch dann nicht besser, wenn sie selbst nichts besseres zu tun haben, als sich den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen und sich als groupie zur Verfügung zu stellen.

Manche seiner Vorschläge nehmen jedoch die Entwicklung vorweg, die der neoliberalisierte Fußball in den 1990er Jahren nehmen wird. Dazu gehört nicht nur die Professionalisierung der Managementstrukturen in den Vereinen oder die Klinsmann'sche Übernahme der Nationalmannschaft, die er nach seinen Vorstellungen umzukrempeln wußte.

Mein Fünf-Punkte-Programm sieht so aus:
  1. Holt erfolgreiche Topmanager aus der Wirtschaft in die Vorstände.
  2. Dieses Topgremium bestimmt einen Generalmanager, dem Entscheidungsfreiheit gesichert wird. Er hat jährlich Rechenschaft abzulegen.
  3. Der Generalmanager verdient sehr viel Geld. Er ist zuständig für den Ein– und Verkauf von Spielern, Trainern, Ärzten.
  4. Der Trainer kann ruhig ein Nobody sein, vielleicht sogar einfach ein Absolvent der Sporthochschule. In der neuen Vereinsstruktur steht der Trainer im Hintergrund. Der Generalmanager ist verantwortlich für Fehlinvestitionen, schlechte Verwaltung, Defizite und Mißgriffe, Fehleinkäufe von Spielern.
  5. Der Generalmanager wird angehalten, den Trainer zu fordern, Ergebnisse zu verlangen, systematische Trainingsarbeit zu organisieren.
[Seite 180–181]

Toni Schumacher scheint sich über die Funktion von Topmanagern Illusionen zu machen. Die Aufgabe der Topmanager der "freien Wirtschaft" ist es, größmöglichen Profit aus einem Unternehmen mitsamt seines Humankapitals herauszuschlagen bzw. in den Zeiten des shareholder value mit den Worten des Fußballers: zu aasen. Die Reduktion von Trainern und Spieler auf austauschbare Figuren in einem profitablen Eventmanagement zeigt die Brutalität des neoliberalen Marktes deutlich auf. Bemerkenswert, daß Schumacher dieser Brutalität den Weg ebnet, obwohl er eigentlich nur Professionalität einfordert. Er begreift eben nicht, daß professionell betriebener Kapitalismus die Unmenschlichkeit dieser Gesellschaftsordnung nur umso markanter heraustreten läßt. Sportler wie er bleiben dennoch auf der Strecke.

Weiterhin fordert er, das Training sinnvoller zu gestalten, damit die "faulen Säcke", die er zum Teil auch namentlich benennt, mal so richtig arbeiten für ihr Geld.

Eines ist sicher: Geht eines Tages mein Wunsch in Erfüllung und ich werde Präsident oder Generalmanager eines Vereins, dann werden sich die Trainer auf meine Vorstellungen von Arbeitsmoral und Arbeitszeit einstellen müssen. Kein Topmann der Wirtschaft, kein Politiker und kein erfolgreicher Freiberufler arbeitet weniger als 50 bis 60 Stunden pro Woche. Sie setzen für mich die Maßstäbe. [Seite 186]

Wir wollen besser nicht über die Aufputschmittel reden, die erforderlich sind, solch einen Wahnsinn durchzuhalten. Das Plädoyer für's längere Arbeiten ist das Credo des Aufsteigers, der denkt, nur durch seine eigene Leistung aufsteigen zu können. Tatsächlich jedoch ist er der willige Träger einer Ideologie der größmöglichen Maschinenlaufzeit seines Humankapitals.

In den 1980er Jahre geriet der Fußball in eine kleine Krise. Die Stadien wurden leerer und zogen ein gewaltbereiteres Publikum an. Daß damals die Liga nicht pleite ging, lag am Beginn des kommerziell orientierten Privatfernsehens, das zur eigenen Attraktivitätssteigerung auf massenwirksame Events, wie Fußball, angewiesen war. Ohne Zuschauer und Zuschauerinnen keine Werbeeinnahmen. Die Eventkultur kündigte sich an. "Fußball ist Spektakel", so lautet dann auch eine Kapitelüberschrift. Toni Schumacher bezieht sich positiv auf ein SternInterview des damaligen DFB–Präsidenten Hermann Neuberger: komfortablere Arenen, ein Stadion für die ganze Familie, ein Freizeitpark mit Wiesen, Spielplätzen und einem Einkaufscenter. Und das Rahmenprogramm, so Schumacher, müsse stimmen, also Unterhaltung vor dem Spiel, während des Spiels, nach dem Spiel. Und so oder so ähnlich ist es ja dann auch gekommen.

Der Fußball der 1990er Jahre brachte nicht nur einen Professionalisierungsschub. Die Arenen wurden umgestaltet oder gleich nach den neuen Vorgaben umgebaut. Das althergebrachte Publikum wurde systematisch ausgegrenzt und durch ein neues Familienpublikum ersetzt. Die Einnahmen aus den Fernsehrechten konnten im Anschluß daran gewaltig steigen, ganz so wie es Toni Schumacher vorhergesehen hat.

Fußball und Gewalt gehören zusammen. Die zum Teil herbei geredete Gewalt in den Stadien bot genügend Anlaß, den strategischen Plan, die Stadien zu Arenen umzubauen, umzusetzen. Die Gewalt auf dem Spielfeld ist dennoch nicht verschwunden. Nicht nur auf den Plätzen der Kreisklassen, sondern auch in den Stadien der Fußball–Bundesliga wird gepöbelt. Das Buch liefert einschlägiges Anschauungsmaterial. Auch die Schiedsrichter, die teilweise Ziel dieser Attacken sind, bekommen ihr Fett weg. Hier spricht der Fußballer mit Leib und Seele, und er verschweigt nicht, daß es zum Job gehört, die Schiedsrichter einzuschüchtern oder für ihre Einseitigkeit zu eigenen Gunsten auch mal zu loben. Bleibt das Thema Battiston. Für Schumacher handelt es sich um eine fast schon normal zu nennende Auseinandersetzung auf dem Fußballplatz. In der Tat ist es erstaunlich, wie rauhbeinig sich manche Fußballer auf dem Spielfeld beharken, beschimpfen und bespucken, wenn sie nach getanem Job gemeinsam feiern, bechern oder wieder miteinander sprechen. So betrachtet ist Schumachers böses Foul für den Gefoulten längst kein Thema mehr. Beide begingen anschließend das, was echte Männer ausmacht, nämlich eine Männerfreundschaft. Die mediale Inszenierung dieses Fouls wäre eine eigene Betrachtung wert. Hier werden Emotionen ausgelebt und Identitäten gestiftet, bestärkt und gegeneinander ausgespielt.

Toni Schumachers Anpfiff kann man und frau ruhig auch nach zwanzig Jahren das erste Mal oder noch einmal lesen. Manches, was heute geschieht, wird durchaus besser verständlich. Allerdings ist das Buch sehr platzverschwenderisch gesetzt, 30 Zeilen à etwa 50 Anschläge. Und der zuweilen dröge Stil soll auch nicht unerwähnt bleiben. Es ist halt ein Buch aus einer Zeit, in der auch das Bücherschreiben noch kein Event war.

 

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 7. August 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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