Illustre Gestalten

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Illustre Gestalten
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
mit drei Beiträgen von Günter Mergel [1]
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Mittwoch, 6. Mai 1998, 19.00–21.00 Uhr
 
wiederholt am :
Donnerstag, 7. Mai 1998, 02.00–04.00 Uhr
Donnerstag, 7. Mai 1998, 10.00–12.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Rainer Rother (Hg.) : Mythen der Nationen - Völker im Film, Verlag Koehler & Amelang
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/send199x/98_illus.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Kurdistan
Kapitel 3 : Eigentor
Kapitel 4 : Pfeifkonzert
Kapitel 5 : Lustiges Sprengen
Kapitel 6 : Nachschlag
Kapitel 7 : Karmischer Antisemitismus
Kapitel 8 : Wasser Sparen
Kapitel 9 : Mythen im Film
Kapitel 10 : Schluß

 

Einleitung

Seit Anfang des Monats ist das starre Sendeschema von Radio Darmstadt etwas aufgeweicht. So sendet die Kulturredaktion freitags von 21 bis 22 Uhr und die Redaktion Alltag und Geschichte an jedem ersten, dritten und eventuell fünften Mittwoch im Monat im Wechsel mit Cinemascope von 19 bis 21 Uhr.

Dies ist also unsere heutige Premierensendung um diese Zeit. Wir haben sie Illustre Gestalten genannt. Mehrere illustre Gestalten werden mit folgenden Themen auftreten:

  • Die erste halbe Stunde wird von Mehtap D. vom Kurdischen Roten Halbmond gestaltet werden. In Zukunft wollen wir in Radio Darmstadt öfter über die Situation in Kurdistan berichten – aus dem türkischen und aus dem irakischen Teil Kurdistans.
  • Anschließend wird Günter Mergel über das gestrige Pfeifkonzert von Behinderten auf dem Luisenplatz berichten. [2]
  • Nächste Woche findet der vielleicht lustigste Gerichtsprozeß der letzten Jahre vor dem darmstädter Jugendgericht statt. Mehr darüber in etwa einer Stunde.
  • Günter wird dann über den Prozeß gegen Trutz Hardo berichten. Trutz Hardo ist ein esoterischer Buchautor, der mit dem Karmagedanken den Mord an Jüdinnen und Juden im Dritten Reich rechtfertigt. [2]

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte sind Walter Kuhl ...

... und Günter Mergel.

 

Kurdistan

Mehtap D. vom Kurdischen Roten Halbmond [Heyva Sor a Kurdistanê] berichtete über die politische und soziale Situation im türkischen und irakischen Teil Kurdistans. Der Beitrag ist nicht erhalten.

 

Eigentor

Am heutigen Mittwoch hat sich eine Wählerinitiative "Darmstädter für Gehrke" der Öffentlichkeit vorgestellt. In der Presseerklärung heißt es dazu:

Wir präsentieren uns den Darmstädterinnen und Darmstädtern als Wählerinitiative für den Oberbürgermeister–Kandidaten Dr. Wolfgang Gehrke. Wir sind parteiunabhängig bzw. überparteilich. Und darauf legen wir großen Wert.

Diese Presseerklärung ging Radio Darmstadt vom Faxgerät von Andreas Storm zu. Andreas Storm ist der gewählte Direktkandidat der CDU im Bundestag. Darüber will ich jetzt nicht lästern. Ich finde es legitim, wenn eine Bürgerinitiative eine vorhandene Infrastruktur nutzt.

Die "Bürgerinitiative Darmstädter für Gehrke" ist in der Pützerstraße 6 zu erreichen. Unter der angegebenen Telefonnummer meldete sich folgende Stimme:

Es ertönt der automatische Anrufbeantworter der Familie Gehrke.

Soviel zur Parteiunabhängigkeit bzw. Überparteilichkeit dieser Bürgerinitiative.

 

Pfeifkonzert

Der Beitrag von Günter Mergel zum Behinderten–Pfeifkonzert auf dem darmstädter Luisenplatz am 5. Mai 1998 ist nicht erhalten.

 

Lustiges Sprengen

Nächste Woche Freitag [15. Mai 1998] findet am darmstädter Amtsgericht einer der skurrilsten Prozesse statt, den diese Stadt in den letzten Jahren gesehen haben dürfte. Dieser Prozeß wäre wahrlich ein Fall für meine Sendereihe Phantomverbrechen. Worum geht es?

Seit einigen Jahren veranstalten die darmstädter StadtpiratInnen ein Anti–AKW–Sommercamp in der Nähe des Atomkraftwerks Biblis. Das erste dieser Camps fand 1995 statt. Die dort versammelten Jugendlichen überlegen sich, mit was für einer phantasiereichen Aktion sie auf den menschengefährdenden Betrieb dieses Atomkraftwerks hinweisen können. Sie beschließen, das Zufahrtsgleis zum AKW zu sprengen. Hierzu lädt einer der Jugendlichen die Medien ein, außerdem ausdrücklich einen Beamten des Staatsschutzdezernats der heppenheimer Polizei. Am nächsten Morgen findet die angekündigte Aktion statt. Die Jugendlichen gehen auf dem Bahndamm spazieren und sprengen das Gleis mit einer Gießkanne. [3]

Damit könnte die Sache erledigt sein, hieße dieser Jugendliche nicht Bastian Ripper und säße er heute nicht als parteiloser Stadtverordneter für die Fraktion von Bündnis 90 / Die GRÜNEN im darmstädter Stadtparlament.

Bastian Ripper ist von den Medien zur Symbolfigur der darmstädter Jugendgruppe Die StadtpiratInnen erkoren worden, obwohl er längst nicht mehr in dieser Gruppe mitarbeitet. Für die Polizei in Darmstadt und Heppenheim gilt er als deren Rädelsführer. Aber wie das so im richtigen Leben ist – weder Medien noch Polizei haben die geringste Ahnung, wie Jugendliche ihr Zusammensein und ihre politische Arbeit organisieren. Die StadtpiratInnen sind eine Gruppe ohne Anführer. Bastian Ripper war einer von ihnen, aber sicher nicht ihr Oberhaupt.

Das hindert Polizei und Staatsanwaltschaft nicht, ihre Ermittlungsverfahren bei Aktionen der StadtpiratInnen regelmäßig gegen Bastian Ripper laufen zu lassen. Die StadtpiratInnen haben in der Vergangenheit mehrfach Castor–Transporte zum Stillstand gebracht oder mit Blockaden oder einer Mastbesetzung die Betreiber des AKW Biblis genervt.

Vor einigen Wochen unternahm die darmstädter Staatsanwaltschaft den ersten Versuch, ihn verurteilen zu lassen. So soll er vor anderthalb Jahren im darmstädter Hauptbahnhof während einer Blockade eines ICE den Hausfrieden gebrochen haben. Allerdings konnten die Belastungszeugen den Sachverhalt nicht erhellen. Im Gegenteil, der Vorsitzende Richter wurde im Verlauf des Prozesses immer ungehaltener ob der offensichtlichen Verschwendung von Steuergeldern. Er stellte das Verfahren ein.

Dies läßt die darmstädter Staatsanwaltschaft offensichtlich nicht ruhen. Sie erinnerte sich dieser Gleissprengung und brachte das seit drei Jahren offene Verfahren vor Gericht. In einigen Monaten nämlich wäre das angeklagte Verbrechen nämlich verjährt. Die Anklage für diese humorvolle Art des Gleissprengens lautet auf Störung des öffentlichen Friedens durch Androhen von Straftaten.

Das Peinliche dabei ist, daß die Staatsanwaltschaft hierbei einen Jugendrichter gefunden hat, der diese Anklage zugelassen hat. Der Mann heißt Klaus Martin. Den Namen muß man sich merken.

Das Darmstädter Echo wußte am gestrigen Dienstag zu berichten, daß Bastian Ripper "1995, als Heranwachsender, in Briefen an Tageszeitungen zu Gesetzesverstößen wie Sprengen von Bahngleisen aufgefordert haben" soll. Wie tendenziös diese Darstellung des Journalisten Horst Felger ist, ergibt sich aus der Darstellung einer ähnlichen Aktion der darmstädter StadtpiratInnen aus dem Jahr 1994.

Im Sommer 1994 lud die Gruppe ebenfalls Journalistinnen und Journalisten zu einer öffentlichen Brückensprengung ein. Dabei sollte die über die Bahngleise am Hauptbahnhof führende Rheinstraße "gesprengt" werden. Diese Aktion wurde vom darmstädter Ordnungsamt genehmigt. Hierzu schrieben die StadtpiratInnen an die darmstädter Polizei folgendes Fax:

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir haben eine Aktion "Wir sprengen eine Brücke" gestartet. [...] Sie wissen sicherlich, daß das Wort "sprengen" in der deutschen Sprache mehrere Bedeutungen hat. Wir haben vor, am 7.8. um 17.00 Uhr, mit Gießkannen bewaffnet, die Brücke zu sprengen (selbstverständlich ohne Behinderung des Straßenverkehrs).
Wir sehen es als selbstverständlich an, daß Sie diese Information nicht an die Presse weitergeben. Schließlich werden auch Polizeibeamte vor unnötiger Strahlenbelastung bewahrt, wenn der Transport nicht stattfindet.
Unsere Aktion soll auch diesem Ziel dienen.
Mit freundlichen Grüßen

Schon aus diesem Fax an die Pressestelle der Polizei wird deutlich, daß von einem Vortäuschen einer Straftat keine Rede sein kann. Wenn der darmstädter Polizei diese Erkenntnis im Jahr 1994 möglich war, könnte man eigentlich eine ähnliche Gedankenleistung von der heppenheimer Polizei im Jahr 1995 erwarten. Ich kenne allerdings schriftliche Äußerungen dieser Polizeidienststelle, die mich daran zweifeln lassen. [4]

Vielleicht ist es aber auch nur einfach so, daß die dort eingesetzten Beamten eine eigene Interpretation von Humor haben. Und ganz offensichtlich teilt die darmstädter Staatsanwaltschaft dieses Verständnis von Humor mit der heppenheimer Polizei. Ich weiß ja nun nicht, ob all diese ermittelnden Beamten und Anwälte das für Humor halten, was im deutschen Fernsehen als solcher gesendet wird. Etwa Kinder in Schubkarren zu setzen, um sie zu filmen, wenn sie damit umkippen. Das ist nämlich lustig. Ha ha!

Jedenfalls fanden sie es wohl gar nicht lustig, wenn Jugendliche sehr humorvoll zum Ausdruck brachten, was sie von atomarer Strahlenbelastung halten. Wo Politik im Spiel ist, hört der deutsche Humor auf. Da wird es bierernst. Und da muß eingeschritten werden.

Jetzt stellen sich nicht nur für mich einige Fragen. Was um alles in der Welt war so schwierig an diesem Fall, daß es drei Jahre brauchte, um daran zu ermitteln? Welcher öffentliche Frieden wurde gestört? Und welche Straftat vorgetäuscht? Wem auch immer ich von dieser Anklage erzähle, lacht sich einen Ast ab. Aber wie gesagt, manchen Leuten ist einfach nichts peinlich, denn die Anklage lautet auf Störung des öffentlichen Friedens. An diesen hohen Maßstäben zur Anklage einer Straftat möchte ich die darmstädter Staatsanwaltschaft gerne messen.

Wie ich in der ersten Folge meiner Sendereihe Phantomverbrechen Anfang Dezember letzten Jahres berichtete, kam es einige Tage zuvor zu einem Übergriff eines Polizeibeamten der Schloßwache gegenüber einem 16–jährigen Jugendlichen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen aufgrund der Dienstaufsichtsbeschwerde des Jugendlichen ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Körperverletzung im Amt eingeleitet.

Nun weiß ich auch, die Staatsanwaltschaft wird von Verfahren überschwemmt und ist völlig überlastet. Aber kann mir jemand erklären, wieso diese Staatsanwaltschaft seit nunmehr fast sechs Monaten nicht in der Lage ist, diesen Jugendlichen zur Sache zu vernehmen? Da drängt sich mir der Verdacht auf, daß die äußerst schwierigen Ermittlungen zur Erfindung einer eingebildeten Straftat alle personellen Kapazitäten gebunden haben müssen.

Oder – es gibt ganz einfach ein politisches Interesse an der Konstruktion des Phantomverbrechens auf den Gleisen vor dem Atomkraftwerk Biblis. Auch für diesen Verdacht gibt es ein Indiz.

Am 26. Februar 1996 fand in der darmstädter Mornewegschule eine öffentliche Veranstaltung der Anthroposophischen Gesellschaft Darmstadt statt. Thema war Der Mensch zwischen geistiger Individualität und Gattungswesen. Der Untertitel lautete: Die Anthroposophie in der Diskussion um das Rassenverständnis. Karsten Schloos, Pfarrer der Christengemeinschaft, so berichtete damals das Darmstädter Echo, bemühte sich, den Rassismusvorwurf gegenüber den Anthroposophen und ihren Lehrmeister Rudolf Steiner zu entkräften. Tatsächlich fielen, von der anwesenden Journalistin offensichtlich unbemerkt, folgende rassistische Äußerungen:

Neger sind für's Arbeiten prädestiniert. Sie sind nicht in der Lage, komplizierte Zusammenhänge intellektuell zu erfassen. Bei dem Neger ist das Triebleben besonders ausgeprägt; es sitzt im Hinterkopf, der beim Neger deutlich dicker ist.

Ein anwesender Zuhörer brachte diesen offenen Rassismus zur Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelte. Um der Sache auf den Grund zu gehen, vernahm sie allein die von dem mutmaßlichen Straftäter benannten Entlastungszeugen. Deren Aussagen füllten mehrere Seiten Papier. Von dem Anzeigesteller benannte Zeugen wurden nicht vernommen, obwohl diese sich selbst mehrfach bei der Staatsanwaltschaft hierzu bereit erklärt hatten. Das Verfahren wurde dann mit der Begründung eingestellt, der Anzeigeerstatter hätte den Vortrag nicht verstanden. Deutlich war das Bemühen der Staatsanwaltschaft, nur entlastendes Material zu ermitteln. Das ist zwar richtig, denn die Staatsanwaltschaft ist gehalten, sowohl be– wie auch entlastendes Material zusammenzutragen. Aber in dieser Einseitigkeit der Entlastung ist es, zumindest was diesen Fall betrifft, nicht korrekt. Und es widerspricht der allgemeinen staatsanwaltschaftlichen Praxis.

Die nicht erfolgte Suche nach Entlastungsmaterial im Falle des Schienen–Sprengens macht dies ja auch deutlich. In Verfahren mit politischem Hintergrund ist das auch der Standard.

So jedenfalls kann man in einer rassistischen Gesellschaft auch mit öffentlich geäußertem Rassismus umgehen. Das wiederum ist übrigens der Normalfall. Der Prozeß gegen Trutz Hardo, von dem Günter noch erzählen wird [2], ist hier wieder die Ausnahme. Hierbei war wohl entscheidend, daß sowohl die Jüdische Gemeinde wie die darmstädter GRÜNEN Anzeige erstattet hatten.

Fassen wir also zusammen: Eine Störung des öffentlichen Friedens liegt nicht vor, wenn Menschen schwarzer Hautfarbe in einer öffentlich angekündigten und zugänglichen Veranstaltung rassistisch beschimpft werden. Eine Störung des öffentlichen Friedens liegt hingegen dann vor, wenn Jugendliche ihrem Protest gegen atomare Verstrahlung auf humorvolle Weise Ausdruck verleihen.

Ich bin schon jetzt gespannt, wie Richter Klaus Martin aus der Ankündigung einer Gießkannenaktion eine vorgetäuschte Straftat konstruieren wird. Ich bin allerdings auch gespannt, mit welcher Begründung die darmstädter Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Polizeibeamten aus der Schloßwache wieder einstellen wird.

Warum ich davon ausgehe, daß das Verfahren eingestellt werden wird, hat einen einfachen Grund. Die Frankfurter Rundschau berichtete am 18. September vergangenen Jahres:

Danach kam es 1994 in Hessen bei insgesamt 247 Ermittlungsverfahren gegen Polizisten in diesem Zeitraum – allerdings nicht nur wegen des Verdachts auf einen Übergriff, sondern auch wegen Aussageerpressung, Verfolgung Unschuldiger, Falschbeurkundung und Rechtsbeugung – lediglich in zwölf Fällen zur Anklage. Dabei endeten vier Verhandlungen mit Verurteilung, fünf mit Freispruch und drei Verfahren wegen nur geringer Schuld mit einer Geldauflage. Geradezu grotesk schließlich muten die Zahlen für 1995 an: Bei insgesamt 243 eingeleiteten Verfahren im ganzen Jahr nur eine einzige Anklage – und die ging bei Gericht mit Freispruch aus.

Ein Grund, so heißt es weiter in dem Bericht der Rundschau, könne der sein, daß Polizisten in der Regel zu zweit auftreten und deshalb ein beschuldigter Beamter immer einen Zeugen aus den eigenen Reihen hat. Jürgen Korell, der als "kritischer Polizist" bekannt ist, sprach in einem mit mir geführten Interview davon, daß diese Übergriffe tatsächlich existieren und wahrscheinlich nur zu einem Drittel überhaupt bekannt werden.

Ich erinnere außerdem nur an den "Fall" Osman Seido. Dieser wurde vor einigen Jahren wegen angeblichen Schwarzfahrens aus der Straßenbahn geholt, auf übelste Weise festgenommen und auf die Schloßwache gebracht. Dort wurde ein Hund auf ihn gehetzt. Diesen Sachverhalt haben selbst Beamte aus dieser Wache zugegeben. Mir ist nicht bekannt, daß es zu einem Gerichtsverfahren gegen diese Beamten gekommen ist. Ob es hierzu überhaupt ein Ermittlungsverfahren gegeben hat? Wer weiß.

Wahrscheinlich gehören derartige Maßnahmen einfach zur Sicherung des öffentlichen Friedens.

Der Prozeß gegen Bastian Ripper findet nächste Woche Freitag um 8 Uhr 30 im Raum 604 im II. Obergeschoß vor dem darmstädter Jugendgericht statt. Über den Ausgang des Prozesses wird Radio Darmstadt selbstverständlich berichten. Ich lade aber alle Zuhörerinnen und Zuhörer dieser Sendung herzlichst ein, sich an diesem Tag einen vergnüglichen Morgen zu machen.

Dies war ein Kommentar von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.

Und zum Schluß noch ein Programmhinweis:

Am nächsten Montag werde ich in meiner Kriminalreihe Phantomverbrechen einen Vortrag von Jürgen Korell zum Thema Ausländer und Kriminalität ausstrahlen. Jürgen Korell ist Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten. Sein Vortrag deckt auf, mit welchen Methoden und Manipulationen die Gleichsetzung von Ausländern mit Kriminalität bewerkstelligt wird.

Also 'mal reinhören. Am nächsten Montag um 17 Uhr bei Radio Darmstadt auf 103,4 MHz und 96,05 MHz im Kabel [5].

 

Nachschlag

Der folgende Nachschlag stammte von Günter Mergel:

Eigentlich finde ich es ja gut, wenn die Justiz sich bemüht, ihr gegenüber bestehende Vorurteile abzubauen. Diese besagen nämlich, daß die Justiz irgendwie und auch sonst völlig humorlos sei. Doch frage ich mich, ob die Image–Veränderung unbedingt zu Lasten des Steuerzahlers gehen muß. Auch frage ich mich, ob das unbedingt zu meinen Lasten gehen muß:. Wie das? werden sie fragen, was meint er bloß? Ich meine damit, daß ich der lustigste Mensch bin, den ich kenne [...] [6].
Allerdings seind einige Juristen dabei, mir diesen Rang abzulaufen, indem sie ihrerseits lustige Wortspielereien unter Strafe stellen. Alleine der Gedanke hieran löst gewisse Blockaden bei mir aus, weshalb ich jetzt und hier auf die Hilfe unserer Hörerinnen und Hörer angewiesen bin. Helfen Sie mir, ein Wortspiel zu finden, das noch lustiger ist als das über Rasen sprengen und Brücken sprengen. Solbald Sie es mit unter der 29 11 11 [7] mitgeteilt haben, kann ich es als meine eigene Erfindung ausgeben und Sie gewinnen eine CD unter der Bedingung, daß es unter uns bleibt, von wem das noch lustigere Wortspiel ursprünglich stammt.
Helfen Sie mir bitte dabei, daß ich auch morgen noch in den Spiegel schauen und dabei sagen kann: "Ich sehe den lustigsten Menschen, den ich kenne." Helfen Sie mir! Bitte!

 

Karmischer Antisemitismus

Der Beitrag von Günter Mergel zum Prozeß gegen Trutz Hardo in Koblenz ist nicht erhalten.

 

Wasser Sparen

Das Interview mit Brigitte Martin vom BUND Darmstadt zur Veranstaltung "Wassersparen und Regenwassernutzung – unnötiger Luxus?" am 7. Mai 1998 in Darmstadt ist nicht erhalten.

 

Mythen im Film

Wie ich schon am Anfang dieser Sendung sagte, hat Radio Darmstadt ab Anfang Mai sein Programmschema an einigen Punkten leicht verändert. Der Sendeplatz mittwochs von 19 bis 21 Uhr wird von zwei Redaktionen geteilt. An jedem ersten, dritten und einem eventuellen fünften Mittwoch im Monat ist hier die Redaktion Alltag und Geschichte zu hören.

In zwei Wochen [am 20. Mai 1998] wird Günter Mergel ausführlich über die Esoterik–Messe in der Orangerie berichten. Auch hier hätte die darmstädter Staatsanwaltschaft genügend rechtsradikales bzw. antisemitisches Material sicherstellen können.

An jedem zweiten und vierten Mittwoch im Monat führt Reinhard Völker durch die Welt des Films in der Reihe Cinemascope.

Und damit bin ich schon beim Thema. – Auch wenn ich seltener Kinogänger bin, so interessiert mich doch die in den Filmen gestaltete Mythenbildung. Welche Klischees werden gezeigt? Worin unterscheiden sich darin Filme aus verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten?

Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama heißt eine Ausstellung, die bis zum 9. Juni [1998] im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist. Es geht dabei um die Frage, wie die Suche nach nationaler Identität sich in Bildern ausdrückt. Wie werden die großen nationalen Mythen geschaffen und dargestellt? Etwa die Hermannschlacht oder der Rütlischwur.

Aber auch im Film werden derartige Mythen erzeugt. Ein Begleitband zur Ausstellung lautet Mythen der Nationen: Völker im Film.

Dankenswerterweise hat meine Lieblingszeitung, das Darmstädter Echo, auch hier wieder Anschauungsmaterial geliefert. Am 2. Mai [1998] schreibt es über Israels Staatsgründung vor 50 Jahren. Zum Mythos der israelischen Geschichtsschreibung gehört die Verfilmung des Dramas um das Flüchtlingsschiff Exodus. Die literarische Vorlage stammte von Leon Uris, die Verfilmung von Otto Preminger aus dem Jahr 1960. Es gibt ein bekanntes Filmphoto, das die Exodus bei ihrer Abfahrt von Zypern zeigt. Im Echo heißt der Untertitel hierzu: "Aufbruch ins gelobte Land". Das ist der Mythos. Die Wahrheit sah so aus:

EXODUS spielt in der Zeit zwischen Mitte September und Ende November 1947. Der Entschluß der jüdischen Untergrundarmee Haganah, die von den Briten in einem Detention camp auf Zypern festgehaltenen Displaced persons mit aller Macht nach Palästina zu verschiffen, radikalisiert, als die Nachricht kommt, in der Woche zuvor seien 4500 Juden, nachdem sie bereits in Palästina an Land gegangen wären, wieder auf Schiffe gebracht und schließlich in ein Lager bei Hamburg transportiert worden. Dies ist übrigens der einzige direkte Bezug auf die wirkliche »Exodus 47«, ein Schiff, welches 4500 Displaced persons nach Palästina brachte, von wo aus sie umgehend wieder über Frankreich nach Deutschland zurückgeschickt wurden, um dann schließlich im September 1947 von den Briten im Lager Pöppendorf bei Lübeck interniert zu werden. [8]

Die im Film dargestellte Handlung hat es also so nie gegeben. Doch wurden durch Uris' Bestseller und Premingers Film die Deutung Israels in der westlichen Welt medial für viele Jahre nachhaltig verbreitet, nach der sich die schiere Flucht von Holocaust–Überlebenden aus Europa zur machtvollen Bewegung eines zur Rückkehr und zur territorialen Landnahme legitimierten Staatsvolkes wandelt.

Mythen der Nationen: Völker im Film ist ein auf 350 Seiten spannend zu lesendes Buch. Neben Übersichten über das nationalisierende Filmschaffen einzelner Länder werden exemplarisch einzelne Filme herausgegriffen und in ihrer Funktion als Mythenbildner dargestellt und analysiert.

Hollywood hat die Sichtweise sowohl der US–Amerikanerinnen und Amerikaner wie auch auf die Entstehung der Nation USA entscheidend geprägt. Der Mythos Wilder Westen ist eine solche Fiktion. Der klassische Western geht so: Eine neue Stadt wird von einer Bande übler Schurken bedroht, Viehdiebe oder Bankräuber oder einfach outlaws. Der Held tritt ihnen tapfer entgegen, obwohl er eigentlich keine Chance hat. Vernunft spielt bei der Wiederherstellung der sozialen Ordnung keine Rolle. Bei der Landnahme wie bei der Durchsetzung kapitalistischer Prinzipien geht es immer um rohe Gewalt. Frauen spielen allenfalls am Rande und als Staffage eine Rolle. Der Erfolg des Helden beruht im allgemeinen darauf, daß er schneller zieht als andere. Nie schießt er mit dem Gewehr. Er steht für Recht und Ordnung und verkörpert eine eindeutig definierte, wenn auch meist unausgesprochene Moral, die letztlich auf unmittelbarer Gewalt beruht.

Seine Beziehungen zu Frauen beschränken sich auf wenige amouröse Affären. Wenn er zum Schluß das Mädchen kriegt, wird ihn spätestens nach der Hochzeitsnacht die Langeweile plagen, denn Seßhaftwerden bedeutet das Ende von Freiheit und Abenteuer. Kein Wunder, so einer der Autoren des Buches, daß der Eskapismus des Westerns auf Millionen Menschen in den Städten dieser Welt eine so große Faszination ausübt.

David Culbert fragt in seinem Aufsatz über den US–amerikanischen Film: "Was also hat der Western zur Mythologie der USA des 20. Jahrhunderts beigetragen?" Seine Antwort lautet:

Sein Heldentum steht für Gewalt, die Weite der Landschaft, das Fehlen familiärer Bindungen und die Notwendigkeit, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen, vor allem aber für Freiheit und Abenteuer: Ein Mann muß sein wildes, aufgeregtes Leben genießen, bevor er schließlich der Langeweile der Zivilisation erliegt, die an den beiden einzigen Berufen, die dem Seßhaften zur Auswahl stehen – Bankangestellter oder Kaufmann – sichtbar wird. [...]
Die Mythologie des Westens ist für das kollektive Bewußtsein der urbanen Industriegesellschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Ihr phantasievoller Eskapismus hat das soziale Unbehagen erträglicher gemacht. Wen wundert es, wenn der klassische Western uns selbst im flüchtigsten romantischen Augenblick eine bildschöne, perfekt frisierte und geschminkte junge Schauspielerin präsentiert? Der Alte Westen verfügt über eine solche Suggestivkraft, daß uns die Vorstellung des »Stadt–Cowboys« (urban cowboy) bis heute fasziniert. Unsere Gesellschaft ist auf den Cowboy fixiert, ganz gleich wie abgenutzt dieses Bild durch seine ewigen Wiederholungen auch geworden sein mag. [9]

Die Botschaft des Western, so ließe sich hinzufügen, ist die Rechtfertigung des US–Imperialismus; das Recht des Stärkeren also, überall auf der Welt die eigenen Interessen zu sehen und zu sichern. Interessant wäre hier der Vergleich zum deutschen Film, inwieweit hier das deutsche Streben nach territorialer Erweiterung seinen Niederschlag findet. Oder anders gefragt: in welchem Verhältnis stehen die schwachsinnigen Actionserien im deutschen Fernsehen zur Bundeswehr und ihren Werbefilmen? Worauf wird hier vorbereitet?

Das Buch Mythen der Nationen: Völker im Film ist im Verlag Koehler & Amelang erschienen. Auf über 400 Seiten sind darin Hunderte von Filmen mit etwa 250 Abbildungen dargestellt und analysiert. Das Buch kostet im Buchhandel 78 Mark, in der Ausstellung "Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama" 38 Mark. Die Ausstellung selbst ist, wie gesagt, bis zum 9. Juni in Berlin zu sehen.

 

Schluß

Die Abmoderation ist nicht erhalten.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Es handelte sich um einen Beitrag zum Behinderten–Pfeifkonzert auf dem darmstädter Luisenplatz am 5.5.1998, einen Beitrag zum Prozeß gegen Trutz Hardo und um einen Kommentar zum Sprengprozeß gegen Bastian Ripper in Darmstadt.
[2]   Dieser Beitrag von Günter Mergel ist nicht erhalten.
[3]   Die Polizeidirektion Heppenheim und die Staatswanwaltschaft Darmstadt hatten ein besonderes Auge auf die darmstädter Anti–AKW–Gruppe StadtpiratInnen geworfen. Zu den Ereignissen während des Sommercamps 1997 siehe meine Sendung zu den Folgen des Camps und zum Verhalten der Polizei.
[4]   Vgl. Anmerkung 3.
[5]   Alte Kabelfrequenz von Radio Darmstadt, derzeit [Nov. 2003] 102,75 MHz.
[6]   unleserlich
[7]   Alte Telefonnummer von Radio Darmstadt; seit Juni 2000: (06151) 87 00 100.
[8]   Ronny Loewy : Exodus, in: Mythen der Nationen: Völker im Film, Seite 273
[9]   David Culbert : Schurken, Exzesse, Verschwörungen: Tatort Kino. Der amerikanische Film; in: Mythen der Nationen: Völker im Film, Seite 233–234

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 26. Februar 2005 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 1998, 2001, 2005
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