Inge Viett

Lesung in Darmstadt

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Inge Viett
Lesung in Darmstadt
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 16. Februar 1998, 17.00-17.55 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 17. Februar 1998, 08.00-08.55 Uhr
Dienstag, 17. Februar 1998, 12.00-12.55 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Ilse Bindseil / Monika Noll (Hg.) : Fatal real, ça ira Verlag
  • Inge Viett : Nie war ich furchtloser, Edition Nautilus
  • Tobias Wunschik : Baader-Meinhofs Kinder, Westdeutscher Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/send199x/98_viett.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Prolog
Kapitel 3 : Fleißarbeit ohne Reflektion
Kapitel 4 : Lesung mit Reflektion
Kapitel 5 : Phantasma der terroristischen Existenz
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Alltag und Geschichte -

heute mit einem Bericht über eine Lesung mit Inge Viett in der Bessunger Knabenschule.

Am 26. Januar [1998] veranstaltete die darmstädter Ortsgruppe der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei, mit Inge Viett eine Lesung aus ihrer Autobiographie. Unter dem Titel Nie war ich furchtloser stellt sie darin Szenen aus ihrem Leben zusammen. Inge Viett verkörpert ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte.

Sie politisierte sich während der Studentenbewegung und entschied sich beim Zerfall derselben Anfang der 70er Jahre, in der Stadtguerillagruppe Bewegung 2. Juni für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik einzutreten. Sie wird zweimal verhaftet und kann zweimal aus dem Gefängnis ausbrechen. 1982 sieht sie, inzwischen Mitglied der RAF, der Roten Armee Fraktion, keinen Sinn mehr im bewaffneten Kampf und geht ins Exil in die DDR. Die Jahre in der DDR wird sie einmal als die schönsten ihres Lebens bezeichnen. 1990 wird sie erneut verhaftet und zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang letzten Jahres wurde sie vorzeitig aus der Haft entlassen. In ihrer Gefängniszeit hat sie ihre Autobiographie geschrieben. Auszüge aus der Lesung in der Knabenschule will ich im Verlauf der nächsten Stunde vorstellen. Am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Prolog

Ich fragte Friedhelm Spatz von der DKP nach den Beweggründen, Inge Viett nach Darmstadt einzuladen.

O-Ton Friedhelm Spatz. Das Interview ist derzeit nicht verfügbar.

Inge Viett begann ihre Lesung mit einem Auszug aus dem Prolog ihrer Autobiographie.

O-Ton Inge Viett, Lesung

 

Fleißarbeit ohne Reflektion

Besprechung von:
Tobias Wunschik : Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF, Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1997, 516 Seiten, DM 58,00

In welchem Rahmen bewegte sich der bewaffnete Kampf in den 70er und 80er Jahren? Welche Personen waren daran beteiligt und welche Motive hatten sie?

Tobias Wunschik ist Mitarbeiter der Gauck-Behörde und hat über die sogenannte Zweite Generation der RAF seine Doktorarbeit geschrieben. Als Buch ist sie unter dem Titel Baader-Meinhofs Kinder vor kurzem im Westdeutschen Verlag erschienen.

Er hat hierzu ausgiebig Gerichtsprotokolle ausgewertet und mit einigen ehemaligen Mitgliedern der RAF gesprochen. Unreflektiert bleiben bei ihm hierbei zwei wichtige Einschränkungen. Erstens handelte es sich bei allen Prozessen gegen Mitglieder der RAF bzw. der Bewegung 2. Juni um politische Prozesse. Dies bedeutet, daß eine Verurteilung wichtiger als der Nachweis der Straftat war.

Was das bedeutet, zeigt der immer noch in Frankfurt am Main laufende Prozeß gegen Monika Haas. Sie soll 1977 die Waffen nach Mallorca gebracht haben, mit denen palästinensische Guerilleros die Lufthansa-Maschine Landshut entführt haben. Obwohl die Kronzeugin Souhaila Andrawes ihre Aussage widerrufen hat und die Stasi-Akten nach Ansicht des Bundesgerichtshofs allein als Beweismittel untauglich sind, da sie auch gezielte Falschmeldungen beinhalten, wird der Prozeß mit dem Ziel der Verurteilung fortgeführt.

Die andere Einschränkung betrifft Wunschiks Gesprächspartnerinnen und -partner. Er hat durchweg mit denjenigen ehemaligen Mitgliedern der RAF gesprochen, die zwischen 1980 und 1982 in das von Inge Viett vermittelte Exil in die DDR gegangen sind. 1990 wurden sie von der Bundesanwaltschaft mit lebenslanger Haft konfrontiert, weshalb sie es vorzogen, die von ihnen gewünschten Angaben zu Täterinnen und Tätern, sowie der angeblich rigiden hierarchischen Struktur der RAF zu machen. Mehrfache Mörder wurden so mit relativ geringen Haftstrafen belohnt, die sie nicht einmal voll absitzen mußten. Die Aussagen sind also zumindest mit Vorsicht zu genießen.

Auch sonst zeichnet sich das Buch durch eine unkritische Übernahme der von ihm mitbenutzten Literatur zur RAF und zum 2. Juni aus. Es ist eine Fleißarbeit und es findet sich so viel, was sonst mühsam aus diversen Quellen zusammengetragen werden müßte. Zum Verständnis zur RAF oder des 2. Juni trägt dieses Buch jedoch nicht viel bei. Leider existiert bis heute keine in sich geschlossene Darstellung des bewaffneten Kampfes in der BRD, die auch nur ansatzweise ernsthaften wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde. Gerade deshalb kann ein Buch wie das von Tobias Wunschik überhaupt eine Relevanz erhalten.

Sein Buch trägt den Titel Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF und ist im Westdeutschen Verlag erschienen. Das Buch kostet 58 Mark.

 

Lesung mit Reflektion

Ganz im Gegensatz dazu steht die Autobiographie von Inge Viett Nie war ich furchtloser, die losgelöst von ideologischen Rücksichtnahmen einen genaueren Einblick in die 60er und 70er Jahre bietet. Es ist kein analytisches Buch, sondern eine subjektive Beschreibung. Aber unbedingt lesenswert.

Im folgenden beschreibt Inge Viett nun den Prozeß ihrer Politisierung.

O-Ton Lesung aus dem Buch

Im folgenden macht Inge Viett einen Sprung in ihre DDR-Zeit. In der DDR lebte und arbeitete sie von 1982 bis 1990. Als Westlinke nahm sie die Verhältnisse natürlich mit anderen Augen wahr als die DDR-Bewohnerinnen und -Bewohner, die mit den Verhältnissen vier Jahrzehnte konfrontiert waren. Dennoch vermittelt Inge Viett eine Sicht, mit der es sich auseinanderzusetzen lohnt.

O-Ton Lesung aus dem Buch

Inge Viett nahm sich anschließend über eine Stunde Zeit, auf Fragen der über 80 Anwesenden zu antworten. Zum Beispiel wurde sie gefragt, ob sie nach all den Erfahrungen und ihrer heutigen legalen Existenz finden würde, daß ihr Kampf umsonst gewesen sei.

O-Ton Inge Viett, derzeit nicht verfügbar

Die Ankündigung der Lesung im Darmstädter Echo führte zu einem Leserinnenbrief, in dem sich die Autorin darüber beschwerte, daß eine ehemalige Terroristin in einem öffentlichen Gebäude auftreten dürfe. Die CDU-Stadtverordnete Eva Ludwig verfaßte gar eine Presseerklärung, deren Sinn nur Eingeweihten verständlich ist. Einen Satz, der vielleicht die Geisteslage der darmstädter CDU versinnbildlicht, möchte ich dennoch nicht vorenthalten. Eva Ludwig schreibt, an Oberbürgermeister Peter Benz gewandt [1] :

Wenn man mit Hühneraugen-Blick den ultralinken Rand wahrnimmt, braucht man sich in der hiesigen SPD über eine Formierung ultralinker Kräfte im Dunstkreis von entrückter 68er Romantik nicht zu wundern.

Das erinnert mich an so manche Deutschlehrer mit ihrer Floskel: Was will uns der Dichter damit sagen? Ich jedenfalls weiß es nicht. Inge Viett hat eine eigene Art, mit derartigen Anwürfen umzugehen:

O-Ton Inge Viett, derzeit nicht verfügbar

Das Darmstädter Echo, das ansonsten jeden Unfug dokumentiert, war bei dieser Lesung mit immerhin über 80 Zuhörerinnen und Zuhörern nicht zugegen. Ich würde sagen, hier wurde eine Veranstaltung gezielt totgeschwiegen. Aber es gibt ja noch das Buch zum Ton: Inge Vietts Autobiographie Nie war ich furchtloser ist in der Edition Nautilus erschienen und kostet 39 Mark 80. Soll frau oder man es lesen?

O-Ton Inge Viett, derzeit nicht verfügbar

Dem kann ich mich nur anschließen.

 

Phantasma der terroristischen Existenz

Besprechung von:
Ilse Bindseil / Monika Noll (Hg.) : Fatal real. Frauen 5, ça ira Verlag, Freiburg 1997, 176 Seiten, DM 24,00

Von Iris Harnischmacher stammt ein Aufsatz, der sich mit dem Phantasma der terroristischen Existenz beschäftigt. Die Autorin geht darin der Frage nach, warum eine Frau wie Inge Viett interessant ist. Iris Harnischmacher stellt dabei fest, daß es wohl weniger das Interesse an der Person Inge Viett ist, sondern eher das, wofür sie steht: für die authentische Kämpferin. So soll auch Inge Vietts Biographie dafür herhalten, weshalb sie zur Terroristin geworden ist. Nichts jedoch wäre falscher. Der Terrorismus oder - wie es in der radikalen Linken heißt - der bewaffnete Kampf ist kein Zufallsprodukt und auch nicht mit Einzelbiographien zu verstehen. Die Stadtguerilla entstand notwendigerweise als Zerfallsprodukt der Studentenbewegung, eben weil die bundesdeutsche Gesellschaft weder willens noch fähig war, auf grundlegende Fragen menschlicher Existenz eine sinnvolle Antwort zu geben. Die heutigen 5 Millionen Arbeitslosen sind nur ein Teil dieser Realität. Entfremdete Arbeit und Lebensverhältnisse eine andere, die durch Werbung und Konsum zugemüllt wird.

Das Interessante an Inge Vietts Autobiographie sei, daß sie sich jeder Zuschreibung und Ideologisierung entziehe und statt dessen ein subjektives und ehrliches Bild zu zeichnen versuche.

Sie bereut nicht, was geschehen ist, weil die objektiv falsche Entscheidung, den Kapitalismus unter den gegebenen Umständen mit Waffen zu bekämpfen, sich nicht durch subjektive Reue korrigieren läßt. [Fatal real, Seite 124]

Iris Harnischmacher benennt genau die Mythen, die um den bewaffneten Kampf von RAF und 2. Juni entstanden sind, sowohl von staatlicher Seite wie auch in der Linken. Wer heute ein Abschwören oder Verleugnen dieser Geschichte verlangt, vergißt eines:

Der Wunsch, politische Entscheidungen zu korrigieren, soll zeigen, daß die Theorie der politischen Praxis überlegen ist. Er eröffnet einen virtuellen Raum politischer Handlung. [Fatal real, Seite 117]

Deshalb kommt sie zu folgender Schlußfolgerung:

Wenn der Terrorismus ein Symptom dafür ist, daß in der BRD die sozialen Bedingungen für eine radikale Opposition nicht vorhanden sind; wenn er Ausdruck gesellschaftlicher Realität und nicht Manifestation eines exklusiven Interesses ist, dann muß seine Analyse zur Kritik der Gesellschaft erweitert werden. Als ein Moment derselben entzieht er sich der moralischen Beurteilung, den er als vorgebliche Manifestation des politischen Willens einer politischen Gruppe unterliegt. Die sachliche Haltung Inge Vietts dem Terrorismus gegenüber, die Reue und Rechtfertigung gleichermaßen ausschließt, eröffnet eine Perspektive, in der die RAF sich als integrales Moment der bundesrepublikanischen Realität zu erkennen gibt. [Fatal real, Seite 125-126

Der Aufsatz von Iris Harnischmacher ist in dem auch ansonsten interessanten Buch Fatal real im ça ira Verlag erschienen. Das Buch kostet 24 Mark.

 

Schluß

Das Schlußwort überlasse ich Inge Viett. Nach ihrem heutigen politischen Selbstverständnis gefragt, sagte sie folgendes:

O-Ton Inge Viett, derzeit nicht verfügbar

Und hiermit endet meine Darstellung der Lesung von und mit Inge Viett in der Bessunger Knabenschule am 26. Januar.

Nächste Woche Donnerstag werde ich mit Antje Trukenmüller wieder einigen Phantomverbrechen auf der Spur sein. Phantomverbrechen sind sozusagen das virtuelle Gegenstück zu offiziellen Kriminalitätshysterie. Wir werden dort beleuchten, wie Kriminalität gemacht wird und in wessen Interesse das ist.

Am Mikrofon war Walter Kuhl. Nach den Lokalnachrichten kommen Darmstädter Originale im Heinerkult zu Wort.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Die kleinkarierte Pressemitteilung der CDU Darmstadt vom 15. Januar 1998 im Wortlaut:

Auf "Verwunderung und Unverständnis" trifft bei der Darmstädter CDU das "ängstliche Schweigen von OB Peter Benz" zur DKP-Veranstaltung am 26. Januar mit der EX-RAF-Terroristin Inge Vieth in der Bessunger Knabenschule. Für die CDU-Kreisvorsitzende Eva Ludwig mache sein Schweigen nur dann einen Sinn, wenn er die Ultralinke nicht öffentlich hochreden und interessant machen wolle. Nachdem Benz aber durch öffentlich bekannte grüne Querverbindungen zwischen der Bessunger Kultureinrichtung und der rot-grünen Mehrheitskoalition als Stadtoberhaupt und Exponent der Koalition zur Stellungnahme gefordert sei, müsse man sich fragen, wo die demokratisch-kämpferischen Traditionen des Sozialdemokraten Benz angesichts einer "möglichen Ruhestörung des Darmstädter Koalitionsfriedens" geblieben seien. Die CDU habe erwartet, daß sich der OB im Protest gegen diese Veranstaltung vor alle Darmstädter Demokraten stellen würde. "Wenn man mit Hühneraugen-Blick den ultralinken Rand wahrnimmt, braucht man sich in der heutigen SPD über eine Formierung ultralinker Kräfte im Dunstkreis von entrückter 68er Romantik nicht zu wundern", so Ludwig wörtlich.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 26. Februar 2005 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 1998, 2001, 2005
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