Gracht in Amsterdam
Gracht in Amsterdam

Von Bangalore nach Amsterdam

Reisebericht

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Elise M. und Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 14. April 1999, 19.00 bis 21.00 Uhr

Wiederholt:

Donnerstag, 15. April 1999, 02.00 bis 04.00 Uhr
Donnerstag, 15. April 1999, 10.00 bis 12.00 Uhr

Zusammenfassung:

Bericht über eine Reise, die vom südindischen Bangalore (auf Kannada: Bengaluru) ins winterliche Amsterdam geführt hat. Mit mehreren Buchbesprechungen, etwa über die Geschichte Indiens, über die Sozialrebellin Phoolan Devi und über den Alltag von Frauen auf dem indischen Subkontinent. Das Studiogespräch ist nur teilweise verschriftlicht worden und wurde für die Internetfassung leicht geglättet.

Besprochene Bücher:


Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Von Bangalore nach Amsterdam – das ist der Titel der Sendung, die uns in den nächsten zwei Stunden vom Süden Indiens in den Norden Hollands führt. Wir – das sind Elise M. und Walter Kuhl – versuchen, ein bißchen von dem rüberzu­bringen, was eine so erleben kann, wenn sie mit einer Freundin zusammen drei Monate lang nach Indien und anschließend nach Holland fährt.

Im Januar haben die beiden ja schon einmal ein bißchen davon berichtet, was ihnen in Indien aufgefallen ist und wie sie selbst versucht haben, sich dort zurecht zu finden. Und so kehren wir noch einmal nach Bangalore zurück, um über den Grund der Reise zu sprechen.

Wir wollen aber nicht nur anekdotenhaft über den indischen Alltag reden. Antje und Elise haben zur Vor- und Nach­bereitung einige Bücher gelesen; und die werden wir im Verlauf der Sendung vorstellen. Ein wichtiger Punkt wird dabei die Realität von Frauen in Indien sein.

Und zum Schluß erfahren wir, warum die beiden, kurz nachdem sie wieder in Deutschland angekommen waren, fluchtartig das Land wieder verlassen haben. Von Bangalore nach Amsterdam eben.

 

Geschichte Indiens

Besprechung von : Hermann Kulke / Dietmar Rothermund – Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute, Verlag C H. Beck, 509 Seiten, 2. Auflage [1998] DM 68,00 bzw. 3. Auflage [2006] € 19,90

Wer sich für die Geschichte Indiens interessiert, ist mit dem bei Beck erschienenen Buch von Hermann Kulke und Dietmar Rothermund gut beraten, wenn sie oder er in der Lage ist, zuweilen gegen den Strich zu lesen. Die beiden Autoren geben einen sorgfältig bearbeiteten Überblick von den ersten Anfängen der Induskultur vor etwa 4000 Jahren bis in die modernste Geschichte.

Ihr Interesse gilt dabei weniger einer systematischen Auflistung der verschiedenen Dynastien, die Indien im Laufe der Jahrhunderte beherrscht haben. Kulke und Rothermund beschäftigen sich mehr mit den Sozial­strukturen, die der politischen Geschichte zugrunde liegen. Sie versuchen damit auch zu erklären, wie die Gesellschaft entstand, die wir heute in Indien vorfinden. Ein wichtiger Aspekt ist die britische Kolonialherrschaft, die entsprechend ausführlich gewürdigt wird. Der Kolonialismus wird angemessen dargestellt und somit auch die Mitverantwortung der britischen Kolonisatoren für die heutigen sozialen Verhältnisse in Indien.

Buchcover Kulke Rothermund Geschichte IndiensHermann Kulke und Dietmar Rothermund haben jedoch kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern der neueren Geschichte des unabhängigen Staates Indien breiten Raum eingeräumt. Hierbei zeigt sich, daß die beiden Autoren zwar einen im großen und ganzen brauchbaren Überblick geben können, jedoch gerade in der Frage der wirtschaftlichen Entwicklung ideologisch nicht sattelfest sind.

Sie stellen richtig fest, daß die indische Wirtschaft weniger denn je in der Lage ist, die rasch wachsende Bevölkerung ausreichend zu ernähren und überhaupt materiell zu versorgen. Ihnen kommt jedoch nicht in den Sinn, daß der Wirtschafts­liberalismus, der in Indien selbst in von sogenannten Kommunisten regierten Bundes­staaten vorherrscht, an der Misere mitschuldig ist. Ich möchte hier nur ein Zitat herausgreifen, das das Nicht-Begreifen der beiden Autoren sehr gut zeigt. Sie schreiben:

Der Anteil der Landwirtschaft am Sozialprodukt beträgt jetzt nur noch ein Drittel, aber zwei Drittel der Bevölkerung müssen immer noch von der Landwirtschaft leben. Die Armen auf dem Lande sind bei Wahlen vor allem der populistischen Propaganda regionaler Parteien zugänglich. Die Kongreß­partei hat auf diesem Gebiet versagt. Ihre von der Bundes­regierung finanzierten Programme zur Bekämpfung der Armut haben ihr Ziel verfehlt. Die zur Verfügung gestellten Mittel kommen nur zum geringen Teil bei den Armen an. [1]

Es wäre doch im Kapitalismus einmal etwas ganz Neues, wenn eine von Kapital­interessen beherrschte Regierung die Armut beseitigen wollte. Selbst­verständlich kommen die angeblich zur Linderung der Armut verwendeten Gelder nie oder nur zu einem geringen Teil dort an. Aber das ist doch der Sinn der Übung. Wäre hier nicht ein wenig mehr Kapitalismus­kritik angebracht? Fehlt diese, so wird die Argumentation anfällig für jeden wirtschafts­liberalen Unsinn, der in Theorie und Praxis verzapft wird. Wohin das führt, mag folgendes Zitat erhellen:

Die indischen Finanzminister haben sich bei der Inflations­bekämpfung meist bewährt, denn sie wissen, daß die Inflation einer indirekten Besteuerung der armen Massen gleichkommt, die bei den Wahlen der Regierung einen Denkzettel präsentieren. Aber gerade in Zeiten steigenden Wirtschafts­wachstums ist es nicht leicht, finanzielle Disziplin zu wahren, und populistische Programme zur Armutsbekämpfung schaden dieser Disziplin auch. [2]

Wer auch nur ein bißchen Ahnung von Wirtschafts­theorie hat, weiß, daß Inflations­bekämpfung und Haushalts­disziplin immer ein Mittel sind, der Umverteilung des Reichtums von Unten nach Oben Vorschub zu leisten. Wenn (angeblich) kein Geld da ist, gibt es auch keine Sozial­programme, während die Wirtschaft natürlich immer ein offenes Ohr findet.

Oder wie sonst soll ich einen Satz verstehen, in dem von „populistischen Programmen zur Armuts­bekämpfung“ geschrieben wird? Da wird doch gleich mitgeliefert, daß das Programm schlecht sein muß, weil es populistisch ist. Und es geht gleich weiter im Text, den auch Guido Westerwelle geschrieben haben könnte:

Erst ein spürbarer Rückgang des Bevölkerungs­wachstums, eine Modernisierung der Land­wirtschaft und die Schaffung von Arbeits­plätzen, die den Armen auf dem Lande eine neue Perspektive bieten, wird es möglich machen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. […] Wenn die Liberalisierungs­politik zügig fortgesetzt wird, ist auch mit einer Modernisierung der Land­wirtschaft und der Schaffung von Arbeits­plätzen zu rechnen. [3]

Und das ist einfach ausgemachter Unsinn. Liberalisierung der Land­wirtschaft bedeutet doch genau das Gegenteil: Förderung kapital­intensiver Betriebe, die die vielen kleinen unrentablen landwirt­schaftlichen Einheiten vom Markt verdrängen und einfach schlucken. Wo vielleicht jetzt noch Arbeits­plätze dran hängen, wo vielleicht jetzt noch gerade soviel erwirtschaftet wird, daß das Verhungern gerade noch vermieden werden kann, werden Millionen Inderinnen und Inder einfach auf die Straße gesetzt. Und woher sollen dann Zigmillionen neue Arbeitsplätze herkommen? Die Folgen einer derart angepriesenen Liberalisierung lassen sich überall auf der Welt zeigen, und das Ergebnis ist immer dasselbe: Konzentration von Reichtum auf der einen Seite, eine Zunahme der Armen und der Armut auf der anderen.

So interessant ich den historischen Teil des Buches fand, so ideologisch bedenklich finde ich das, was ich über die neuere indische Geschichte vorgefunden habe. Aber wer das Buch gegen den Strich zu lesen versteht, kann hier trotzdem einige nützliche Informationen erhalten und vielleicht den einen oder anderen Zusammenhang verstehen lernen.

Das von mir soeben vorgestellte Buch von Hermann Kulke und Dietmar Rothermund heißt Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. Es ist bei C. H. Beck erschienen und kostet 68 Mark. Es ist ein Buch, das ich mit den genannten Einschränkungen empfehlen kann.

 

Banditin gegen das organisierte Banditentum

Besprechung von : Phoolan Devi – Ich war die Königin der Banditen, Bastei Lübbe 1998, 513 Seiten, DM 16,90 [1998] bzw. € 9,90 [2008]

Eine etwas ungewöhnliche Frauengeschichte erzählt Phoolan Devi in ihrer Autobiographie Ich war die Königin der Banditen. Ungewöhnlich war nicht ihr Leben als Frau: mit 11 verheiratet, mit 12 verstoßen, Freiwild, vergewaltigt, auch von der indischen Polizei.

Sie läßt sich nicht unterkriegen und schließt sich einer der vielen Banden Zentralindiens an. Und sie nimmt Rache – an ihren Vergewaltigern. Aus Vergeltung wird mehr, der Einsatz für die Armen und Unterdrückten, also vor allem die indischen Frauen. Sie wird über die Medien zu einer Berühmtheit, ehe sie sich 1983 den indischen Behörden ergibt. Elf Jahre später wird sie entlassen und diktiert ihre Geschichte selbst.

Ihre Geschichte ist insofern ungewöhnlich, weil sie es geschafft hat, nicht ermordet zu werden, nicht ausgestoßen, nicht zu verelenden. Sie hat, und ist insofern auch Vorbild für andere indische Frauen, sich nicht dem vorgegebenen Kastenschicksal gebeugt, sondern hat ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen. Und das ist in der immer noch reaktionären indischen Kastengesellschaft schon fast ein Wunder. Aber zum Glück gibt es davon immer mehr – Wunder und eben Frauen, die sich wehren. – Die indische Journalistin Veena Kade-Luthra schreibt dazu:

Im Frühjahr 1981 hörte ich zum erstenmal von Phoolan Devi. Eine mir unbekannte indische Frau mit Ohrringen und Nasenjuwel blickte bitter verdrossen aus einer deutschen Zeitung. Ihr schwarzes Haar war im Nacken zusammengebunden. der Schmuck, die Haartracht – sie waren traditionell gehalten; die Augen blickten schräg nach oben, unwillig und argwöhnisch.

„Königin der Banditen fordert Rache“, „Blumengöttin dürstet nach Blut“ – stand in dicken, schwarzen Schlagzeilen über dem Bild. Ich hatte noch nie etwas von ihr gehört. Neugierig las ich weiter. Anführerin einer Bande von circa vierzig Banditen, hatte aus Rache zweiundzwanzig Männer der Landbesitzerkaste der Thakurs umgebracht.

Die Thakurs hatten zuvor ihren Liebhaber erschossen und sie mehrfach vergewaltigt. Seit den Rachemorden war sie mit ihrer Bande spurlos verschwunden. Der Bericht verwirrte und beunruhigte mich. Es fiel mir schwer, mir eine indische Frau in dieser Rolle vorzustellen. Eine Frau, die so brutal erniedrigt wurde und die noch die Zähigkeit und Skrupellosigkeit hatte, sich auf so verbrecherische Weise zu rächen! […]

Mir war nicht bewußt, daß es Indien solche Frauen gab. Daß es besser wäre für eine Frau, sich umzubringen bei der Gefahr einer Vergewaltigung, das hatte ich gelernt. [4]

Die als Taschenbuch im Bastei Lübbe Verlag erschienene Biographie von Phoolan Devi heißt Ich war die Königin der Banditen. Sie kostet 16 Mark 90.

Nachtrag: Phoolan Devi wurde 2001 von ihrer Geschichte eingeholt. Sie wurde, vermutlich von einem Cousin eines von ihr getöteten Vergewaltigers, ermordet.

 

Die Reiseapotheke

Besprechung von :

Walter Kuhl : Da können wir ja glatt überleiten zur Besprechung des ersten Reiseführers. Steht so was in den Reiseführern überhaupt drin – soziokultureller Hintergrund, ein bißchen Politik und Geschichte, kann man damit etwas anfangen?

Elise M. : Also, in dem Richtig reisen von DuMont steht schon etwas drin über die Geschichte, über Indien und das Land und die Religion und die Leute, wie die leben und das aussieht. Aber, ich glaube, richtig vorstellen und richtig mitreden können nur Leute, die da waren und sich dieses auch auf sich einwirken lassen wollten.

Walter Kuhl : Ja, ich nehme an, die Leute, die das geschrieben haben, haben das getan. Konnten die das vermitteln?

Elise M. : Ja, finde ich schon.

Walter Kuhl : Der Reiseführer von DuMont ist einer von den dreien, die wir vorstellen wollen. Er ist einer – wie soll ich sagen? – eher seriöseren Art. Den habt ihr ja mitgenommen und der war ziemlich zerfleddert, als er zurückgekommen ist. Das einzig Peinliche war dadrin: ihr wolltet mit der Bahn reisen und die Bahnlinie, die eingezeichnet war, gab es nicht.

Elise M. : Ja, wir wollten von Goa nach Poona fahren. Poona liegt parallel zu Bombay und wir haben halt überlegt, fahren wir mit der Bahn? Und dann haben wir gesehen, oh, die eine Route in dem Reiseführer geht nach Poona direkt und die andere geht über Bombay. Und wir wollten nicht direkt nach Bombay, weil das war so eine große Stadt. In so einer großen Stadt waren wir noch nicht. Wir hatten voll Angst davor. Und dann hat sich erwiesen, daß es gar keine Bahnstrecke direkt nach Poona gibt, wie es eingezeichnet war. Dann mußten wir doch erst nach Bombay. Aber eigentlich haben wir Bombay ziemlich schnell ans Herz geschlossen und Poona war dann nicht so schön, wie wir dachten, wo wir hinterher waren. Dann sind wir schnell wieder nach Bombay gegangen und haben da gelebt und den Rest der Zeit verbracht.

Walter Kuhl : Aber ihr habt wahrscheinlich nicht nur die Klappe irgendwie verschlissen, sondern auch den ganzen Reiseführer. Wie habt ihr damit gearbeitet?

Elise M. : Also, ich habe den in Bangalore zweimal durchgelesen und habe mir die Städte, die mich interessieren, rausgeschrieben. Sehr praktisch fand ich, daß bei den Städten gleichzeitig auch die Geschichte immer dabeistand. Und hinten bei den farbigen Seiten über Information von A-Z, von Hotelreservierungen bis Jugendherbergen, Restaurants, Zollbestimmungen, lauter so Sachen, auch gleichzeitig eine Bus-, eine Bahn und eine Flugverbindung, falls vorhanden, eingeschrieben ist, daß man da gleich schauen konnte, aha, in die Stadt komme ich mit dem Bus, mit der Bahn, und von da aus … und es war schon praktisch.

Manche Städte haben wir dann auch gesehen, und die gefallen uns nicht, zum Beispiel Ratnagiri. Es war eine Stadt, die sollte angeblich toll sein und es sollte Meer geben und einen Tempel. Und wir haben das Meer nicht gefunden und leider den Tempel nicht und es gab auch keine Karte. Es war eine kleine Stadt; und die konnten da alle kein Englisch, wie wir festgestellt hatten.

Straßenszene.

Straßenszene in Bombay/Mumbai. Aufnahme: Antje Trukenmüller.

Wir wollten da wieder wegkommen und sind zum Busstand gegangen, haben gefragt, wann fährt denn ein Bus, und die haben uns nicht verstanden. Und wir immer „Poona, Bombay, Bus“, also halt alles auf Englisch. Dann meinte er irgendwann „ja“, und dann wir: „wann?“, und dann meinte er, 365 Rupies, und wir so: „häh?“ und wie lange: „Nein.“ Was machen wir jetzt? Und dann sind wir ins nächste Reisebüro, zu der nächsten Frau, die hat uns leider auch nicht verstanden, da haben wir ein Bild angefangen zu malen, mit einem Bus und Himmel und Poona eingezeichnet und Bombay, und die hat uns leider auch nicht viel weiterhelfen können. Dann sind wir halt blind zum Bahnhof gefahren mit der nächsten Rikscha und haben gesagt, wir warten am Bahnhof so lange, bis ein Zug kommt und uns nach Bombay bringt.

Walter Kuhl : Ich kann ja mal etwas anderes erzählen. Ich war ja hiergeblieben, hatte einen von euren Reiseführern da behalten, weil – ihr konntet ja auch nicht jede Menge Papier mitnehmen; das müßt ihr ja sowohl fliegen lassen, da gibt es auch eine Gepäckbegrenzung, wie auch nachher schleppen, und das macht sich auch nicht so gut. Ich meine, das hättet ihr Father Jesudass in Bangalore lassen können, da hätte er auch etwas zu lesen gehabt.

Elise M. : Nee, der hat uns Das Kapital auf Englisch gegeben.

Walter Kuhl : Das Kapital auf Englisch?

Elise M. : Ja.

Walter Kuhl : Hast du es wenigstens gelesen?

Elise M. : Nein, ich habe es nicht gelesen. Es war verschimmelt.

Walter Kuhl : Na, dann sollte ich es dir mal vielleicht auf Deutsch geben.

Elise M. : Ja. (lacht)

Walter Kuhl : Einen Reiseführer werde ich hier kurz vorstellen, da ihn Antje und Elise nicht mit nach Indien genommen haben. Dem lag jedoch keine inhaltliche Gewichtung zugrunde, es entsprach eher dem Zufallsprinzip, denn schließlich wußten die beiden ja nicht, was sie wirklich erwarten würde.

Den Anfang macht ein Streifzug durch die indische Geschichte, auf dem in den Regionalteilen bei der Erwähnung der üblichen touristischen Sehenswürdigkeiten immer wieder zurückgegriffen wird. Nun ist das sicher nicht leicht, die Sehenswürdigkeiten von sieben Bundesstaaten, die Hintergründe und die Hinweise für den Alltag auf 250 Seiten zusammenzustellen. Vielleicht reicht eine solche gedrängte Übersicht auch als erster Überblick aus. Mir ging es jedoch oft so, daß eine Fülle an Material zusammengefaßt wurde, bei dem irgendwie der Überblick verloren geht.

Und manchmal sind es die Kleinigkeiten, die mich verwundern. Wenn zum Beispiel für Bangalore extra eine Apotheke aufgeführt wird, die wahrscheinlich europäischem Standard entspricht, aber das ist dann auch die einzige Angabe hierzu im gesamten Band. Nützlich, aber bitte mehr davon.

So wird behauptet, daß Tamil in allen südlichen Staaten verstanden wird – aber wer von uns spricht schon Tamil? Doch schon die Leiterinnen und Leiter der beiden [von Antje und Elise aufgesuchten] Projekte in Bangalore und Hyderabad – und das liegt nicht so weit auseinander, konnten nicht richtig miteinander kommunizieren. So nett es ist, einige Redewendungen auf Tamil oder Malayalam zur Verfügung zu haben; vielleicht wäre es doch sinnvoll, auch die entsprechenden Formulierungen auf Telugu oder Kannada nachschlagen zu können.

Unsinnig, wenn nicht gar falsch, finde ich die Behauptung, 82% aller Inderinnen und Inder seien Hindus. Hier werden großzügig all die mitgerechnet, die normalerweise als Animisten bezeichnet werden, also keiner der verbreiteten Religionsgemeinschaften angehören. Sie werden zwar in der offiziellen Statistik als Hindus geführt, werden aber systematisch aus der indischen Gesellschaft ausgegrenzt. Und es handelt sich ja auch nur um knapp 100 Millionen Menschen.

Ein kritischer Blick auf die indischen Familienplanungsprogramme hätte sicher nicht geschadet. Ein Satz wie „Indiens demokratisches System erlaubt keine Zwangsmaßnahmen bei der Familienplanung“ liest sich zwar nett, sagt über die Wirklichkeit jedoch nichts aus, suggeriert jedoch das Falsche. Zwangssterilisierungen und Sterilisierungen ohne Wissen der betroffenen Frauen, zum Teil auch der Männer, waren in den 70er und 80er Jahren an der Tagesordnung; und es würde mich wundern, wenn es heute anders wäre.

Der von mir kurz vorgestellte Reiseführer Indien/Südindien ist als Nelles Guide in vierter, aktualisierter Auflage 1996 erschienen. Er kostet 24 Mark 80 – und er hat eben seine Schwächen. Ob er allerdings für all diejenigen taugt, die sich mal kurz ein bißchen Exotik reinziehen wollen, vermag ich nicht zu sagen. Ich schätze eher gründlich recherchierte und vor allem mit politischem Bewußtsein vorgetragene Informationen.

Du nicht auch?

Elise M. : Ja sicher. Aber noch einen Tip zum Reiseführer. Wer nach Indien fährt oder sonst in eine fremde Stadt, Land reisen sollte, sollte sich immer den Lonely Planet kaufen. Das ist ein Reiseführer, ungefähr 600 Seiten dick, naja, vielleicht auch 1000, auf jeden Fall ziemlich viel Papier, leider auf Englisch geschrieben, aber viele nützliche Tips dabei. Von Apotheken in jeder Großstadt bis zu Krankenhäusern, die vertrauens­erwckend sind, von Hotels mit Preisangaben und Restaurants mit Preisangaben und sogar manchmal mit Essentips alles aufgelistet. Und es ist eigentlich unverzichtbar, ihn zu haben.

Also, der DuMont-Reiseführer Richtig reisen: Südindien bietet eine Menge an Informationen, von Religion über das Wirtschaftssystem Indiens zu Geschichte. Praktisch ist auch, daß bei den Städten immer die Geschichte steht und woher der Name kommt. Und bei großen Städten gibt es auch immer eine Karte von der Stadt mit eingezeichneten Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Busständen, Touristeninformation, Reisebüros usw. Vorn und hinten ist eine große Indienkarte, also Südindien, leider mit einer komischen Bahneinzeichnung an einer Stelle, wie schon erwähnt.

Aber das ist der einzige Nachteil, den wir festgestellt haben. Hinten ist ein abgetrennter Teil mit gelben Seiten, wo man wichtige Tips findet, von Medikamenten, Vorbereitung, indische Konsulate, deutsche Konsulate in Indien, und lauter so Sachen. Also, er eignet sich zur Vorbereitung und zur groben Einschätzung, wo will ich hin in Indien. Er ist empfehlenswert.

Walter Kuhl : Ihr hattet noch einen anderen Reiseführer dabei, den KulturSchock von …

Elise M. : … Rainer Krack. Rainer Krack hat Indologie studiert. Es ist nicht direkt ein Reiseführer. Es ist ein Buch über Geschichte, Kultur und Sitten von Indien. Und unter anderem ist ein Teil, der heißt Guru-Shopping, allerdings haben wir uns gefragt, was ist denn bitte ein erleuchteter Guru und gibt es sowas? Und was ist ein Ashram, wo man spirituell angehaucht werden kann und erleuchtet werden kann, gibt es sowas und braucht man sowas? Aber es wird auch dieses Streben von Westlern, ja von uns, in diese Sekten/Guru-Szene dargelegt. Einfach, daß es Leute gibt, die so etwas wohl anscheinend brauchen und dann nach Poona in einen Ashram fahren zu Osho/Bhagwan – in den 70ern, glaube ich, ziemlich bekannt in Deutschland auch, oder? – …

Hampi.

Kein Osho in Hampi. Aufnahme: Antje Trukenmüller.

Walter Kuhl : Ja.

Elise M. : … und da auf ihre Erleuchtung hoffen. Und man denkt, oh Gott, wo bin ich hier gelandet, im Bienenschlag? Alle laufen rot herum und erklären dir, Liebe ist die Lösung für alle deine Probleme, und halten sich in den Armen. Und, naja gut, dann schaut man einen Film über Bhagwan. Wir haben da eine Führung durchgemacht durch den Ashram, und da kriegt man erzählt, daß er tot ist, aber er ist ja gar nicht tot, er hätte nur seinen Körper verlassen. Und am Arm hat er die Rolex und hinter ihm steht irgendwie der Rolls Royce, so ungefähr. Man fragt sich, ist das dann ein richtiger Guru, der so materialistisch eingestellt ist?

Walter Kuhl : Ja, wenn er wenigstens nur einen Rolls Royce gehabt hätte. Er hatte eine ganze Flotte davon.

Elise M. : Ja, deshalb hat er ja auch Buddha gebeten, ihn aus … also angeblich wäre Buddha in seinem Körper gewesen. Und er hat ihn dann gebeten, rauszugehen, weil er mag ja keine materialistischen Sachen, das paßt dann wohl nicht. Und dann hat er ihn gebeten, seinen Körper wieder zu verlassen, so ungefähr. Naja, der ganze Haufen ist schon ein bißchen komisch, wenn man da ist. Man muß, wenn man da eintreten will, einen Aids-Test mitbringen und einen da machen.

Und dann werden verschiedene Seminare angeboten, Yoga-Kurse, Meditationsstunden, Schweigestunden, irgendwie muß man die erste Woche schweigen, darf mit keinem reden. Das finde ich sehr beängstigend und ich glaube, das wäre nichts für mich. Aber, wer's braucht … Und dann muß man für alles Mögliche bezahlen, für einen Swimmingpool mal 15 Mark, dann für den … was weiß ich … Yogi-Kurs 20 Mark und lauter so Sachen. Das sind ehrlich gigantische Preise und komisch ist es, daß es da keine Inder gibt, sondern nur weiße Menschen. Und auch sehr viele junge.

Walter Kuhl : Also, wenn ich dich richtig verstehe, ist der Unterschied zwischen dem Reiseführer von DuMont und dem KulturSchock von Rainer Krack der, daß Rainer Krack doch mehr so auf … westliche Befindlichkeiten eingeht, so von jüngeren Leuten irgendwie … was anderes zu suchen als jetzt nur so touristische Attraktionen.

Elise M. : Ja, ich glaube, Rainer Krack, dem liegt sehr viel an dem Land. Und er will auch den anderen Leuten einfach zeigen, so sind die Menschen da, und das muß man beachten, das nicht. Es gibt einen Teil über Eßmanieren und Manieren, wie man im Haus sich bewegen darf, im indischen. Daß man die Schuhe vor der Haustür ausziehen soll, weil sie halt das unterste eines Menschen ist. Und auch so nette Beispiele, wie wenn ein Bettler sich vor dir hinlegt und sich wälzt, was du dann sagen sollst, daß du halt kein Gott bist und er aufstehen soll und wie du dich da verhalten sollst.

Uns ist es auch passiert, daß uns Leute die Füße geküßt haben … was machen wir jetzt? Und es hat uns schon am Anfang geholfen, so zu sagen, ja, geh mal wieder, steh auf, du bist auch ein Mensch, ich auch. Nur weil ich weiß bin, bin ich kein besserer Mensch als du. Und dann zum Essen …

Wir waren das erste Mal indisch Essen im Restaurant. Und wir wußten, wir müssen mit den Fingern essen, aber wo waschen wir unsere Finger? Und dann hat der Kellner uns einen Krug auf den Tisch gestellt, und Antje hat halt beschlossen, der ist dafür da, um die Finger zu waschen, hat ein Glas Wasser über die Finger gegossen und hat ehrlich gedacht, damit wäscht man sich die Finger. Und dann hat der Kellner halt gesagt … räum das mal weg, zu seinem anderen Kellner, die haben da die Hände gewaschen. Dann war das uns sehr peinlich und wir sind nie wieder in dieses Restaurant in Bangalore gegangen, weil wir es halt total verpeilt haben, daß wir gerade Trinkwasser benutzt haben, um unsere Hände zu waschen. Es war halt peinlich, aber es da leider nicht in dem Buch drin, wie man das machen soll und wo.

Walter Kuhl : Aber sonst war es ganz nützlich, das Buch?

Elise M. : Ja, es war ganz nützlich und es hat einen ersten Einblick in die Kultur und, wie Inder leben, gezeigt.

Walter Kuhl : Würdest du nur einen Reiseführer empfehlen oder würdest du sagen, kauft euch lieber zwei oder schaut euch lieber zwei an, oder gar drei, um aus verschiedenen Quellen einfach mal einen Einblick zu bekommen, bevor ihr da hingeht?

Elise M. : Ja, bevor man da hingeht, sollte man, glaube ich, auf jeden Fall sich informieren, was ist da schön, was ist nicht schön, was ist touristisch überlaufen, welche Tempel sind besonders schön; und es gibt bestimmt auch Ashrams, die ganz verborgen liegen, wo man sich relativ wohl fühlen kann, wo man einen Einblick in Yoga oder Meditation kriegt. Aber man muß ja nicht zum menschen­überlaufenen Haufen gehen, also wo alles nur auf Geldscheffeln rausläuft.

Walter Kuhl : Ja, vielleicht befreit es ja die Seele, das Geld auch noch von sich zu werfen, und dann erleichtert es einfach.

Elise M. : Das kann sein. Aber das gibt man dann besser früher für Reiseführer aus. Bei der Reise sollte man vielleicht einen Reiseführer haben, so wie Südindien – richtig reisen von DuMont und den Lonely Planet, und dann ist man bestens ausgerüstet. Und vor der Reise so etwas wie den KulturSchock und andere Bücher über Frauen in Indien und so etwas lesen. Aber man kann auch – wie ich – blind nach Indien fahren und eigentlich nichts über das Land wissen und alles einmal einfach auf sich einwirken lassen und sich unbelastet und ohne Vorurteil einfach diese Kultur mal anschauen.

Walter Kuhl : Jetzt können wir das einfach noch einmal genauer sagen, um was es sich handelt. Das ist einmal das Buch von Petra Haubold und Günter Heil: Südindien – richtig reisen. Das ist bei DuMont erschienen und kostet 39 Mark 80. Und das andere ist der KulturSchock Indien von Rainer Krack. Das ist aus dem Reise Know-How Verlag aus Bielefeld, und das Buch kostet 24 Mark 80.

 

Atome am Himmel

Besprechung von : Gita Mehta – Und immer wieder neue Himmel finden, Betrachtungen einer Inderin über ihr Land, Karl Blessing Verlag 1997, 222 Seiten, DM 34,80

Elise M. : Ich habe auch das Buch Und immer wieder neue Himmel finden von Gita Mehta gelesen. Das Buch hilft teilweise, das land besser zu verstehen, und wenn man das Land kennt, dann kann man sich teilweise schon wieder da reinversetzen: Wie war es damals? Wie war das, auf dem Markt zu stehen, nach was hat's da gerochen? Wie sah es da aus, was war da los? Und sie erklärt das alles an Beispielen aus ihrem Leben. Leider übertreibt sie manchmal ein bißchen und stellt Indien als perfektes Land dar. Aber ich glaube, in diesem System kann es kein perfektes Land geben, und was macht ein perfektes Land denn, bitte schön, aus? Doch nicht die Millionäre, die da leben, und wieviele das sind, und daß es immer mehr werden.

Es sind nebenbei auch noch sehr viele Geschichten von Göttern, wie verschiedene Götter lebten und was die gemacht haben; und es ist teilweise langweilig, diese Götter-Riten-Welt zu lesen und zu verstehen. Und teilweise fand ich es auch unkritisch gegen das System, wie es funktioniert: die Ausbeutung. Darauf geht sie halt nicht ein.

Und sie bemängelt, daß nicht jeder Inder eine Maschine hat; weil es gibt in Indien einen Feiertag, wo man Maschinen und Autos anbetet und vor ihnen einen Altar aufstellt und Räucherstäbchen; wir haben das miterlebt. Mit der Frage, was das heißt, wenn jeder Inder ein Auto hat oder wenn jeder Mensch auf der Welt ein Auto hat, was das bedeutet für unser Umweltsystem, diese Frage stellt sie sich nicht. Und ob es da nicht etwas besseres gibt, das leider auch nicht.

Natürlich kann man keinem Land verbieten, so an die Spitze des Fortschritts zu kommen, wie wir es gemacht haben, aber wir müssen doch wissen, daß es falsch war; und sie könnten aus den Fehlern doch lernen. Aber wahrscheinlich läßt das unsere Welt auch nicht zu, daß diese Menschen daraus lernen können. Sie räumt allerdings auch mit Vorurteilen auf, daß Indien ein unterentwickeltes Land ist und daß sie noch nie etwas in der ganzen Vergangenheit geschafft haben. Und daß sie ohne die Engländer immer noch hilflos und verloren wären, aber das stimmt weiß Gott nicht, weil heute sind die Inder führend in der Forschung be …

Walter Kuhl : … der Raumfahrt. Ihre Atombomben kennen wir ja auch.

Elise M. : Genau. Da sind sie führend; sie haben schon eine führende Wirtschaft.Indien besteht nicht aus Dummköpfen und es ist einfach ein verbreitetes Vorurteil, das ich auch in Deutschland gehört habe: was sind denn die Inder, die haben doch noch gar nichts erreicht. Ja, und es stimmt nicht, und damit räumt sie eigentlich sehr gut auf und sagt, es stimmt nicht, schaut doch mal, wir haben auch etwas geschafft. Nur ob das gut ist, was man schafft immer, diese Frage stellt sie sich halt nicht.

Walter Kuhl : Also insofern würdest du das Buch durchaus auch empfehlen, um mit Vorurteilen aufzuräumen, wenn man das Buch richtig liest?

Elise M. : Ja, auf jeden Fall. Man sollte das Buch lesen und halt auch kritische Fragen daran stellen: was läuft denn in diesem System falsch? Natürlich sehen die Inder das an erster Stelle nicht, sie sehen den Reichtum von uns Westlern, oder wie man das sagen soll, von der westlichen Welt, und sehen ihre "Armut" und wissen nicht, was eigentlich falsch läuft. Also, sie haben auch keine Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Das Buch ist im Karl Blessing Verlag erschienen, ist von Gita Mehta und kostet …

Walter Kuhl : … 34 Mark 80. Also das Buch heißt Und immer wieder neue Himmel finden. Betrachtungen einer Inderin über ihr Land.

 

Nicht nur Coffeeshops

Besprechung von :

Walter Kuhl : Was findest du an Amsterdam überhaupt interessant, du magst die Stadt ja.

Elise M. : Ich finde die Stadt wahnsinnig sympathisch. Sie ist schön, die Häuser, es gibt lauter Cafés, wo man sich reinsetzen kann, Leute beobachten kann. Es gibt ganz viele junge, ausgeflippte Leute. Die Stadt hat einfach etwas. Amsterdam war schon immer die Stadt in Holland, die ich interessant fand und wo ich dachte, da leben Leute, mit denen kannst du vielleicht etwas anfangen.

Walter Kuhl : Jedenfalls mehr mit anfangen als mit Darmstadt, nachdem du zurückgekommen bist.

Elise M. : Ja, auf jeden Fall.

Walter Kuhl : Du hast schon aus Indien so geahnt gehabt, daß du vielleicht gleich nach Amsterdam wolltest, und hast Reiseführer geordert sozusagen, um so ein bißchen Hintergrundmaterial zu haben. Was bieten die Reiseführer denn eigentlich für Amsterdam?

Elise M. : Eigentlich bieten fast alle Reiseführer das gleiche: einen kurzen Teil über die Geschichte Amsterdams, dann über Wirtschaft, Industrie, Architektur, Museen, Sehenswürdigkeiten, Hotels, Restaurants, Coffeeshops natürlich, ein Teil über Drogen, teilweise gut – in dem einen fand ich's nicht so gut, aber darüber sag ich nachher noch etwas. Sie bieten eigentlich eine breite Palette da drüber. Alle sagen dir, wie du günstig nach Amsterdam kommst und welche Wege es gibt, dann das Umland von Amsterdam; leider ist bei keinem Reiseführer beschrieben, wie ich da hin komme. Nur einer hat einmal eine Autobahn, aber was will ich ohne Auto auf einer Autobahn, soll ich da hin laufen? Ganz gut fand ich an dem Reiseführer Amsterdam preiswert, wo sogar eine Trampstelle und eine Mitfahrzentrale angegeben ist. Aber eigentlich hatten alle Reiseführer das nötige Wissen zusammengesammelt, daß man in Amsterdam ohne Probleme ein paar Wochen leben kann.

Walter Kuhl : Aber trotzdem unterscheiden sich die drei Reiseführer, die du hattest, schon ein Stück weit voneinander, zum Teil auch in der Einschätzung der Drogenpolitik. Kannst du das ein bißchen genauer sagen?

Elise M. : Ja, also der preiswert reisen Reiseführer hatte sehr gut erklärt, welche Erfolge die holländische Regierung damit hatte und daß es auch eine sinnvolle Politik ist, weiche Drogen zu legalisieren, und daß man damit eine Trennung hat und damit den Einstieg in harte Drogen teilweise verhindern kann. Ich habe mich zwar gewundert, weil einerseits haben sie alle vor den Drogen ein bißchen gewarnt, huh, wie schlimm, Cannabis, Haschisch, oh Gott. Und auf der nächsten Seite informieren sie und empfehlen sie mir das Nationalgetränk von Holland, und das ist alkoholisch. Und ich weiß nicht, es sind beides Drogen, und um da ein Gleichgewicht herzustellen, würde ich sagen, Alkohol lieber nicht und das andere schon. Und der eine Reiseführer hat halt (preiswert reisen, war das, glaube ich) der Regierung irgendwie vorgeworfen, Steuern dafür zu kriegen oder Geld damit zu verdienen. Aber was tun die Regierungen hier mit Zigaretten, Alkohol oder sonstigen Genußgiften, Drogen, die es hier frei erhältlich gibt?

Walter Kuhl : Hat wenigstens einer von den drei Reiseführern fundiert irgendetwas zu Drogen sagen können?

Elise M. : Was meinst du damit? Daß du fünf Gramm Haschisch kaufen darfst und 30 Gramm mitführen darfst?

Walter Kuhl : Fundiert, eher inhaltlich damit umzugehen. Daß die Drogenproblematik auch angemessen dargestellt wird. Oder wird einfach nur das wiedergekaut, was wir auch hier in der Presse lesen können, wie schlimm Drogen eigentlich sind.

Elise M. : Nein. In dem DuMont-Resieführer und in dem Amsterdam preiswert wurden jedesmal auch die Erfolge dargelegt, die Amsterdam und Holland damit gemacht haben. Und der Amsterdam-Reiseführer hatte dazu keine guten Auskünfte gegeben und hat auch behauptet, daß Space Cakes zu harten Drogen gehören und deswegen verboten sind. Aber das glaube ich einfach nicht, weil sie stehen auf einer Speisekarte; und wer schreibt illegale Sachen auf eine Speisekarte? Wohl auch kein holländischer Coffeeshop.

Walter Kuhl : Das ist eher unwahrscheinlich. Aber ich denke, Amsterdam hat mehr zu bieten als nur Coffeeshops.

Elise M. : Auf jeden Fall.

Walter Kuhl : Und was schreiben die Reiseführer … also, kann man sie da noch unterscheiden … oder schreiben sie eigentlich alle dasselbe?

Elise M. : Also, der DuMont-Reiseführer geht auch noch auf Routen und Stadtviertel ein, was in bestimmten Vierteln zu sehen ist und wo man am besten geht, und wo und was da ist. Also, das finde ich sehr praktisch. Und die anderen geben mehr so allgemeine Tips, das Museum da und die Sehenswürdigkeit da, aber keine Route durch's Viertel …

Walter Kuhl : Das heißt, du würdest wahrscheinlich eher den DuMont-Reiseführer empfehlen?

Elise M. : Ja. Praktisch war auch der farbliche Teil wieder hinten mit Hotels und allen Infos. Also, ich finde das sehr praktisch, wenn ich alles hinten farbig markiert habe und es gleich finden kann.

Walter Kuhl : Also dann sage ich kurz noch was zu den Angaben, damit ihr auch die Bücher finden könnt im Buchhandel. Das eine Buch ist Amsterdam, das offensichtlich die Space Cakes nicht richtig einschätzen kann. Das ist von Martin Dunford und Jack Holland. Das Buch ist im Michael Müller Verlag erschienen und kostet 26 Mark 80. Das im DuMont-Buchverlag erschienene Buch ist von Helmut Hetzel und heißt einfach Amsterdam und kostet 19 Mark 80. Und Amsterdam preiswert ist von Koba Krause im Verlag interconnections erschienen und kostet 34 Mark 80.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Hermann Kulke / Dietmar Rothermund : Geschichte Indiens, Seite 423. Die Parallele zum Aufschwung, der in Deutschland nicht unten angekommen ist, ist frappierend. Tatsächlich liegt diesem Sachverhalt dieselbe Marktlogik zugrunde.

»» [2]   Kulke/Rothermund, Seite 423–424.

»» [3]   Kulke/Rothermund, Seite 424.

»» [4]   Da mir das Buch derzeit nicht vorliegt, fehlt hier die Quellenangabe.

»» [5]   Die 10. Auflage von 2007 umfaßt 228 Seiten und kostet € 14,90.

»» [6]   Die Ausgabe 2009 umfaßt 256 Seiten und kostet € 12,90, [inhaltsverzeichnis].


Diese Seite wurde zuletzt am 20. Mai 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

Mit Ausnahme des eine Gracht in Amsterdam zeigenden Fotos von David Iliff [originalfoto], das unter der GNU Free Documentation License, Version 1.2, zur Verfügung gestellt wurde.

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