Screenshot von der Webseite zum Film "Dil      Se"
Dil Se

Reise nach Indien

Drei Monate in einer anderen Welt

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Antje Trukenmüller, Elise M. und Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 18. Januar 1998, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 19. Januar 1999, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 19. Januar 1999, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Im Herbst 1998 bereisten zwei Frauen aus Südhessen den Süden Indiens. Ursprünglich sollten sie für eine kirchliche Organisation ein Projekt in Bangalore begutachten, aber nach einiger Zeit rissen sie dort aus, weil sie die Zustände nicht ertrugen. Ihr Weg führte sie zur indischen Südspitze und von dort die Westküste entlang nach Bombay/Mumbai. Ihr Reisebericht wurde für die Internetfassung verschriftlicht. Bei der Abschrift neun Jahre nach der Sendung wird der mitunter unbekümmerte und deskriptive Umgang mit Stereotypen deutlich, die jedoch cum grano salis eine realistische Grundlage haben dürften.

Besprochenes Buch:

Dirk Bronger : Indien. Größte Demokratie der Welt zwischen Kastenwesen und Armut, Verlag Klett-Perthes

Die Musik zur Sendung stammte vom indischen Film Dil Se, damals frisch herausgebracht. Der Ohrwurm Chaiyya Chaiyya verfolgte unsere beiden Reisenden die gesamten drei Monate über. In der zweiten Hälfte der Sendung gab es einzelne Songs von Tracy Chapman.

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Ankunft

Begrüßung auf Hindi.

Antje : Hallo. Hier sind Elise und Antje. Und wir sind zurück von unserem dreimonatigen Indien-Aufenthalt.

Elise : Indien – Alptraum oder Traum. Das Land der Widersprüche?

Jingle Alltag und Geschichte

Antje : Als wir letztes Jahr Ende September in Bombay am Flughafen ankaman, kamen wir uns vor wie in einer komplett anderen Welt.

Elise : Andere Menschen, andere Sitten, anderes Klima. Auf dem Flugfeld ausgestiegen dachten wir erst einmal, wir wären in einem Reptilienhaus gelandet. Die Luftfeuchtigkeit war unerträglich, es war zwölf Uhr Mitternacht und ungefähr dreißig Grad. Es hatte gerade geregnet und es war sehr feucht.

Antje : In der Luft lag ständig der Geruch von verbranntem Müll, und auf uns zu strömten, als wir aus dem Flughafen hinauskamen …

Elise : … Tausende von Leuten, die uns ein Taxi, ein Hotelzimmer oder sonstwas anbieten wollten.

Antje : Sie standen alle mit ihren Gepäckwägen seelenruhig oder geschäftig im Weg herum.

Elise : Wir nahmen dann den Bus vom Internationalen zum Nationalen Flughafen. Der Weg ging durch den größten Slum Indiens, und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die erste Rikscha, die ich in meinem Leben gesehen habe, war eine umgefallene Rikscha, aus der gerade drei Leute herauskletterten.

Antje : Den Leuten schien das überhaupt nichts auszumachen. Und sonst auf der Straße sah man auch sehr ungewöhnliche Dinge.

Elise : Auf der Straße waren Tausende von Menschen, Kinder und Hunde. Manche Leute schliefen einfach vor der Hütte oder auf der Straße. Es lag ein seltsamer Geruch in der Luft nach verbranntem Müll und anderen Sachen.

Antje : Der Straßenrand war gepflastert mit Bretterhütten, wo wir uns erst überlegten, ob die Menschen wirklich dort wohnen oder ob das einfach nur Läden sind.

Elise : Am nationalen Flughafen angekommen, mußten wir ungefähr fünf Stunden auf unseren Weiterflug nach Bangalore warten. Der Flughafen sah mehr aus wie eine Scheune, und es war alles sehr chaotisch. Es war schwer, an Informationen ranzukommen.

Antje : Als wir unser Gepäck aufgaben, machten wir die ersten Erfahrungen mit der Andersartigkeit der indischen Gesten.

Elise : Unser Gepäck hatte Übergewicht und wir dachten, es werde Probleme deswegen geben. Aber der Mann sagte nur "Ja", und wir dachten, er sagt "Nein", weil er seinen Kopf wie bei unserem Nein hin- und herschwenkte. Das sieht ein bißchen aus, als sei der Kopf locker und würde hin und her wackeln. Wir dachten, vielleicht heißt das naja, ok, es geht halt, aber es hieß Ja. Nach ein paar Mal Hinschauen und ihn schockiert anzuschauen haben wir gedacht, naja, dann gehen wir halt.

Antje : Als wir in die Nähe der Flughafentoilette kamen, zog uns eine Frau hinein.

Elise : Sie reichte uns Toilettenpapier und machte uns die Tür zur Toilette auf.

Antje : Das war ihre Art, Geld zu verdienen.

Elise : Anschließend reichte sie uns Seife und trocknete uns die Hände ab. Leider hatten wir kein indisches Kleingeld, und so erfuhren wir das erste Mal, wie erfinderisch die Inder sind, um Geld zu verdienen. Der Flughafen in Bangalore ähnelte mehr einem europäischen Bahnhof. Wir fuhren durch die Stadt, um zu einer Slum-Schule in Bangalore zu gelangen.

Antje : Und wir kamen auf der Straße aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Verkehr war einfach umwerfend.

Elise : Die Straßen waren voller Autos, Rikschas, Fahrräder, die bis oben hin beladen sind, so daß man keinen Fahrer mehr gesehen hat, Mofas mit einer Kleinfamilie drauf, so viele Leute gehen da locker drauf. Mitten auf einer Hauptverkehrsstraße lag eine Kuh, eine andere überquerte gerade die Straße, seelenruhig. Hunde liefen da zwischen durch, Kinder, Bettlerinnen …

Antje : Wobei die Fußgänger meistens weniger Glück hatten als die Kühe, denn sie mußten rennen, wenn ein Auto kam.

Elise : Nach einer Stunde Busfahrt hatten wir das Gefühl, unser Kopf sei ein bißchen lockerer geworden. Die Nase ist verstopft, die Lunge voller Staub, und taub sind wir sowieso. Das einzig wichtige an einem indischen Auto und einer Rikscha scheint die Hupe zu sein.

Antje : Wir kamen uns vor wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal alleine auf der Straße unterwegs ist.

 

Anschauen

Antje : Wir schienen für die Menschen ungefähr genauso besonders zu sein wie das alles hier für uns. Denn sie sahen uns mindestens genauso verwundert an wie wir sie.

Elise : Eine Frau kam auf uns zu, ging um uns herum und schaute uns an, und ging dann wieder weg.

Antje : Manchmal waren wir eingekreist von Menschen und vielen Kindern, die versuchten, uns anzufassen, uns die Hand zu geben, die unsere Haare berührten.

 

Vom Bahnfahren und dem Genuß von Büffelbutter

Elise : In unserem dreimonatigen Indien-Aufenthalt haben wir uns Südindien angeschaut. Wir waren fünf Wochen in Bangalore, das zum Bundesstaat Karnataka gehört. Stellt euch Südindien als Dreieck vor. Im Osten liegt der Bundesstaat Tamil Nadu, im Südwesten der Bundesstaat Kerala, da drüber, also weiter nördlich über Kerala und Tamil Nadu schließt sich Karnataka an. Ganz westlich von Karnataka liegt der kleinste Bundesstaat Südindiens, Goa. Und dann kommt Maharashtra, das ist über Karnataka und über Goa, also nördlich. Und dann kommt östlich über Tamil Nadu und neben Karnataka Andhra Pradesh.

Von unserem Ausgangspunkt Bangalore sind wir erst einmal mit dem Zug nach Tamil Nadu gefahren. Es war unsere erste Zugfahrt in Indien. Es war eine sehr spannende Reise. Wir waren vier weiße Frauen …

Antje : Und obwohl wir in Begleitung von zwei Indern waren, hatte sich in kurzer Zeit eine Traube von indischen Männern um uns herum versammelt.

Elise : … die sich um die Sitzplätze neben uns stritten und sich aufeinander setzten, nur um in unserer Nähe sein zu können. Im Zug wurden unterschiedliche Sachen verkauft. Andauernd laufen Frauen, Kinder, Männer durch und versuchen Essen, Trinken oder sonst irgendwelche Sachen zu verkaufen.

Antje : Wenn man im Zug über Nacht fährt, wird man frühmorgens von einem andauernden Ruf geweckt: "Tschaikoffiiiii".

Elise : Tschai ist schwarzer Tee mit Milch. Allerdings ist er nicht wie unser Tee, denn das Teepulver wird zusammen mit dem Zucker und der Milch aufgekocht. Meistens sind Tschai und Coffee eine Zuckerlösung. Mit dem Zucker übertreiben es die Inder relativ oft. Es gibt fast keine indische Zugfahrt, auf der man nicht irgendwelche Menschen kennenlernt. Sie stellen dir Tausende von Fragen, die auch … sehr indirkret sein können. Zum Beispiel war eine unserer lustigsten Fahrten von Hubli nach Hospet. Da lernten wir einen indischen Polizisten kennen. Aber war dieser Begegnung gab es schon einmal eine ziemliche Hektik, den Zug zu finden, zu wissen, auf welchem Gleis er abfährt. Und als es dann endlich losging, hat ein Mann einfach einmal die Notbremse gezogen, denn seine Familie war noch nicht da.

Antje : Wir saßen da und uns gegenüber saßen ein paar Männer, die uns, wie immer, irgendwelche Fragen stellten. Und dann kam der Schaffner und kontrollierte die Fahrkarten. Auf einmal hörten wir ein Geschrei. Und zwar: ein paar Sitze weiter hatte ein Mann keine Fahrkarte. Aber nicht der Schaffner schrie, sondern der Fahrgast brüllte den Schaffner an, und der schrie zurück. Und irgendwann gab er ihm eine Ohrfeige – der Fahrgast dem Schaffner. Das war dann ein Polizist, der gerade einmal nach Hubli wollte. Er war privat unterwegs, aber er meinte, er hätte es nicht nötig, eine Fahrkarte zu kaufen. Später, als der Schaffner weg war, setzte sich dieser Polizist zu uns, und alle, die vorher mit uns geredet hatten, trauten sich nicht mehr, uns Fragen zu stellen. Denn nun führte er das Kreuzverhör.

Elise : Die Fragen ging von Wie heißt dein Vater? Warum seid ihr in Indien? bis zu der Frage: Wann wascht ihr euch und wie oft wascht ihr euch?

Antje : Und: Wann wollt ihr heiraten?

Elise : Wir waren dann heilfroh, als wir endlich ankamen und aussteigen konnten.

Antje : In Tamil Nadu waren wir dann in einer kleinen Stadt im Nilgiri-Gebirge, wo es ziemlich kühl war, so daß …

Elise (lacht) : Du weißt, wie das Gebirge heißt?

Antje (lacht auch) : Ja.

Elise : Wir waren dann in einem Botanischen Garten in Ooty. In diesem Botanischen Garten leben die Todas, ein indisches Ureinwohnervolk. Dort lernten wir den Priester von den Todas kennen. Er erklärte sich bereit, uns andere Dörfer der Todas zu zeigen. Wir sind zurück zu unserem Hotel gefahren, haben unsere Sachen geholt und sind dann mit einem klapprigen Taxi in die Berge gefahren. Dort war leider gerade eine andere Touristengruppe vom WWF, und die Todas führten ihnen Stammestänze vor. Anschließend gab es Büffelmilchreis mit Büffelbutter. Als die Touristen wieder abgereist sind, haben die Todas gegessen, erst die Männer, dann die Frauen und die Kinder. Aber komischerweise haben die Todas nicht von Bananenblättern gegessen, sondern von Metalltellern. Die Todas heiraten erst, wenn die Frau im fünften Monat schwanger ist …

Antje : … und der Mann den größten Stein heben kann, der vor dem Tempel liegt.

Elise : Frauen dürfen prinzipiell nicht in den Tempel.

Antje : Die Dörfer, die sich ursprünglich alleine ernähren konnten, können es nun nicht mehr, und die Männer, die meistens der Alkoholsucht verfallen sind, müssen in die Stadt und arbeiten.

Elise : Wenn ein Toda stirbt, wird ein Büffel geschlachtet. Früher wurden mehrere Büffel geschlachtet, aber das hat die indische Regierung jetzt unterbunden. Für Männer wird ein Tempelbüffel geschlachtet.

Antje : Die Todas leben in Lehmhütten mit Bambusdächern, in denen es komischerweise ziemlich warm ist, obwohl es draußen sehr kalt ist. Und die Eingänge sind so niedrig, daß man nur auf den Knien reinkriechen kann.

Elise : Todas unterscheiden sich durch ihr Aussehen von Indern. Sie haben eine andere Hautfarbe und sind größer gewachsen als die üblichen Inder. Die Männer tragen Lungis, Röcke, und besteckte Oberteile. Die Frauen tragen Saris …

Hier entspinnt sich eine kleine Diskussion über das Kleidungsstück und den Stoff, aus dem es gemacht wird. Antje meint, es seien dieselben Tücher, aber …

Elise : Ja, aber Saris halt. Und die Frauen tragen Saris, die auch so bestickt sind. Die Farben sind weiß und die Stickereien sind meistens blau und rot. Ein Lungi ist ein Baumwolltuch, das der Mann einmal um sich wirft. Und ein Sari ist ein etwa fünf Meter langer … Schal?

Hier folgt eine kleine Diskussion über Schals und Tücher. Vielleicht ist das alles nur eine Frage unterschiedlicher Wahrnehmung. Als Kompromiß:

Elise : … ist ein fünf Meter langer Stoff, den die Frau geschickt um sich wickelt.

Es folgt die Beschreibung des Wickelvorgangs und ein Streit darüber, wer von den Beiden denn vom Aussehen her mit Indira Gandhi verglichen wurde.

 

Eine Milliarde

Besprechung von : Dirk Bronger – Indien. Größte Demokratie der Welt zwischen Kastenwesen und Armut, Verlag Klett-Perthes 1996, 520 Seiten, DM 54,00 [1998] bzw. € 10,00 [2008]

WK : Eine umfassende Übersicht über Indien – in geographischer wie sozioökonomischer Sicht – bietet Dirk Bronger in dem von ihm herausgegebenen Buch Indien. Größte Demokratie der Welt zwischen Kastenwesen und Armut.

Das Buch geht ausführlich auf die natürlichen und landwirtschaftsökologischen Rahmenbedingungen ein, auf deren Grundlage sich die indische Gesellschaft überhaupt erst entwickeln konnte. Als Bevölkerungsproblematik beschreibt Dirk Bronger die Verdreifachung der Bevölkerung seit der Unabhängigkeit 1947. Wahrscheinlich erreicht dieser Tage die Gesamtbevölkerung die Einmilliardengrenze.

Dieser dramatische Anstieg der Bevölkerung ist sicher den verbesserten hygienischen Verhältnissen der Nachkolonialzeit geschuldet; während die Geburtenrate etwa halbiert wurde, sank die Sterberate auf ein Drittel des Wertes der britischen Kolonialzeit. Ein weiterer Unterschied ist der, daß eben nicht mal eben 41 Millionen Menschen wie während der Hungersnot von 1899 bis 1900 sterben oder 18 Millionen an einer Grippeepidemie, wie es 1918 geschah.

Allerdings sind auch heute die hygischen Verhältnisse teilweise katastrophal und etwa die Hälfte der Inderinnen und Inder dürfte täglich einen Kampf ums Überleben führen.

Die indische Regierung versucht daher seit einigen Jahrzehnten, mit Sterilisationsprogrammen diese Bevölkerungsentwicklung zu stoppen. Einmal abgesehen davon, daß es ihr damit kaum gelingt, irgendwelche Effekte auszulösen, geht Dirk Bronger weder auf die ethisch-moralischen Probleme der zum Teil repressiv gehandhabten Sterilisationsprogramme ein, noch darauf, welche Institutionen damit welche Interessen verfolgen.

Familienplanung ist eine europäisch-nordamerikanische Erfindung, die sich seit Anfang des Jahrhunderts aus rassistischem und eugenischem Gedankengut speist. Daß Inderinnen (also die indischen Frauen) zum Teil als Versuchskaninchen der Pharmakonzerne herhalten müssen, kommt bei ihm überhaupt nicht vor.

Das Problem ist ja nicht die behauptete Überbevölkerung, sondern die soziale und wirtschaftliche Situation eines unterentwickelt gehaltenen Landes. Dankenswerterweise liefern UN-Organisationen immer wieder aufs Neue statistisches Beweismaterial dafür, daß genügend Lebensmittel für alle Menschen dieser Welt produziert werden. Hunger und Armut müßten nicht sein. Aber wir leben im Kapitalismus; und das heißt: wer nicht zahlen kann, muß sehen, wo er oder meist sie bleibt.

Das ist das Problem – und nicht die Kasten. Dirk Bronger bereichert sein Buch durch einen tiefen Einblick in dieses indische Kastensystem, das bis heute – in Zusammenarbeit mit kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen – das soziale und wirtschaftliche Leben Indiens prägt. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machen dann auch den größten Teil der Beiträge aus.

Trotz kleiner Mängel – vor allem dort, wo sein kritischer Blick gerade bei der Mitverantwortung der Metropolen an der Unterentwicklung Indiens befangen bleibt – ist es ein interessanter und nützlicher Überblick über die Entstehung der heutigen indischen Gesellschaft.

Allerdings hätte sich irgendwer die Mühe machen sollen, das zum Teil wirklich gute statistische Material noch einmal auf seine Konsistenz zu überprüfen. Wenn in einer Tabelle Bangalore und Mangalore verwechselt werden, mag dies noch angehen, da es sich um Klimawerte handelt. Aber wer achtet schon so genau darauf? Ich kann nur hoffen, daß es ein Einzelfall war. [Seite 441]

Das von Dirk Bronger herausgegebene Buch über Indien wird ergänzt durch 85 Karten und Abbildungen, sowie 134 Tabellen. Es ist bei Klett-Perthes in der Reihe Perthes Länderprofile erschienen und kostet 54 Mark.

 

Betteln

Antje : Zum Straßenbild in Indien gehören überall auch die Bettlerinnen und Bettler. Meistens sind das kleine Kinder, die oft noch ihre kleinen Geschwister mit rumschleppen, oder oft auch Frauen mit Babies, und viele Witwen. Manchmal auch alte Männer und auch viele Krüppel, die bei uns keine Krüppel sein müßten, weil sie operiert worden wären. Es gibt Bettlerkasten, die sich seit Generationen vom Betteln ernähren. Außerdem Gelegenheitsbettler, die nur die Hand aufhalten, wenn sie Weiße sehen, und die Sadhus, die aus religiösen Gründen betteln. Oft verkleiden sich Leute als Sadhus, um mehr zu verdienen. Viele Kinder werden zu Bettlern erzogen, denn sie sind am erfolgreichsten. Jeder Reisende wird sich fragen, wie er damit umgehen soll. Ein Kind ist natürlich glücklich, wenn man ihm eine Orange gibt, und eine Frau freut sich über ein Stück Seife. Aber eine solche Gabe ist natürlich nicht die Lösung und sie beruhigt höchstens das Gewissen des Reisenden.

Elise : Ganz am Anfang haben wir nach dem richtigen Weg gesucht, um mit der Bettlerei umzugehen. Kein Buch, weder der KulturSchock von Rainer Krack noch der Reiseführer Richtig Reisen konnten uns da weiterhelfen. Wahrscheinlich haben beide Recht, daß man nach Situation entscheiden muß. Zynische Ignoranz ist wahrscheinlich die schlechteste Umgangsform, um mit der Armut in diesem Land umzugehen. Jedem Menschen etwas in die Hand zu drücken, ist jedoch auch nicht der richtige Weg.

WK : Ja, was macht man sonst, wenn man nicht zynische Ignoranz zeigen will?

Elise : Wenn man kann, sollte man geben. Wir haben es jedoch vermieden, Geld zu geben, weil viele Frauen dieses Geld abgeben müssen, weil ihre Männer dadurch ihre Alkohol- oder Spielsucht finanzieren. Wir haben meistens den Kindern in den Zügen Essen gegeben oder Schulstifte oder sonst irgendwas. Unserer Meinung nach sollte man aus diesen Erfahrungen ein Bewußtsein entwickeln und auch den Willen, etwas an der Ungerechtigkeit in dieser Welt zu verändern. Aber das ist nicht damit getan, wenn man mal oder andauernd einem Bettler oder einer Bettlerin etwas in die Hand drückt, was sie gebrauchen könnte, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Antje : Wir haben uns in Indien in den drei Monaten ziemlich eingelebt und haben uns auch an die ganzen Leute ganz gut gewöhnt. Und deswegen , als wir später in Deutschland am Flughafen ankamen, waren wir nicht sehr glücklich, wieder da zu sein. Und wir wollen uns bei unseren Freunden entschuldigen, die sich auf uns gefreut haben und denen wir nicht zeigen konnten, daß wir froh sind, wieder da zu sein. Und wir bedanken uns bei allen, die uns geschrieben haben.

Elise : … uns abgeholt haben oder uns in unserer Entscheidung, nach Indien zu gehen, bestärkt haben.

WK : Wie geht ihr eigentlich damit um, daß ihr als weiße Mitteleuropäerinnen in ein Land kommt – ich meine, ihr habt das beim Betteln ja schon angesprochen –, wo ihr einfach reich seid, selbst mit den paar Rupies, die ihr habt. Was ja sicher nicht viel ist im Vergleich zu anderen Touristinnen und Touristen, die pauschal nach Kovalam fahren, wo es besonders heftig abgeht, wo man auch gleich nach Mallorca hätte fahren können. Wie geht ihr damit um? Ich meine, ihr habt Geld im Gegensatz zu den Leuten … Wenn man das vergleicht zu hier, habt ihr natürlich kein Geld. Was macht ihr da?

Elise : Ja, natürlich hatten wir ein schlechtes Gewissen. Ich weiß nicht, wenn man aus einer Bank kommt, in der man gerade seine Traveller-Schecks umgetauscht hat, und dann ein Bettlerkind einen fragt nach einer Rupie oder etwas zum Essen, man dann sagt, man hat kein Geld, also, wir haben das meistens nicht übers Herz gebracht, den Kindern zu sagen: "Geh weg!" Oder wenn wir uns in Bombay irgendwelche Luxusgüter (für sie [sind das Luxusgüter]!) gekauft haben, was für uns vielleicht normal ist, wenn man sich irgendeinen Softdrink, Coca Cola oder was weiß ich kauft und dann die Kinder sieht, die sich gar nichts leisten können …

Antje : Und vor allem, was sie für eine Kindheit haben, die werden zum Betteln sozusagen erzogen. Und dann sehen sie neben sich reiche Leute und Weiße, die Kuchen essen oder sonstwas, und selbst müssen sie, anstatt zu spielen, was sie wahrscheinlich am liebsten täten, auf die Straße gehen und Leute anbetteln. Was uns aufgefallen ist: die kleinsten Kinder, die kommen mit Milchzähnen auf einen zu und wissen, wieviel Geld etwas wert ist, wovon ich damals noch keine Ahnung hatte.

Elise : Wir haben uns auch versucht in die Lage von den Kindern zu versetzen, und haben festgestellt, daß wir eigentlich voller Wut wären, den Weißen und Europäern oder Touristen gegenüber, die mit so einer Haltung in das Land kommen, die Leute nur konsumieren sehen. Und sie haben nicht einmal das Geld, sich Schuhe oder das tägliche Essen zu kaufen.

WK : Wie habt ihr die indischen Kinder erlebt? Haben die ein solches Gefühl euch gegenüber rübergebracht?

Antje : Nein, das hat uns ziemlich gewundert. Eigentlich finde ich, haben sie das gar nicht. Die kamen wie viele Inder neugierig und freundlich auf uns zu, würde ich eher sagen.

Elise : Ja.

 

Abschied

Jingle Alltag und Geschichte

Elise : Hopp! [1]

Antje : Ich hoffe, unsere Sendung hat euch gefallen, und wenn ihr wollt, dann hören wir uns am 15. Februar um 17.00 Uhr wieder. [2]

Elise : Dann erzählen wir über unsere Erlebnisse auf dem Rest unserer Reise. Es werden spannende Berichte über Ashrams, Oshis …

Antje : … und Dörfer mit Mitgiftproblemen …

Elise : … folgen. Also, am Mikrofon waren Antje und Elise, und an der Technik saß Walter Kuhl. Das Rätsel, was unsere indischen Wörter heißen, lösen wir das nächste Mal. [3].

Verabschiedung auf Hindi.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Insiderwitz.

»» [2]   Diese Sendung kam nicht zustande.

»» [3]   Die vereinzelt eingeworfenen Hindi-Vokabeln sind in dieser Verschriftlichung nicht enthalten. Die im Anschluß an diese Sendung vorgesehenen Lokalnachrichten entfielen.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 18. Mai 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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