Bildausschnitt Cover des Katalogs zur Wehrmachtsausstellung
Vernichtungskrieg

Wehrmachtsausstellung

Sammelrezension

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 8. Februar 1999, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 9. Februar 1999, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 9. Februar 1999, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Sammelrezension der nachfolgend aufgeführten Bücher in der 1999 von Christoph Jetter gestalteten Sendung der VVN/BdA Darmstadt 1933 bis 1945.

Besprochene Bücher:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Nichts gewußt

Deutscher zu werden bedeutet […], sich der deutschen Geschichte im europäischen Kontext verantwortlich bewusst stellen zu können.

Diesen wunderschönen Satz formulierte die Darmstädter CDU in ihrer Begründung, weshalb sie die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft mitträgt [1]. Diesen wunderschönen Satz formulierte die Parteiorganisation, aus deren Mitte die neue Kultusministerin des Landes Hessen kommen soll. Karin Wolff wird als Kultusministerin auch für den Geschichtsunterricht in diesem Land zuständig sein.

Allerdings gibt es genügend Hinweise, daß gerade diese Partei so ihre Schwierigkeiten mit dem Umgang mit der deutschen Geschichte hat. Sie schickte ihren Oberbürgermeisterkandidaten, den knapp gescheiterten Wolfgang Gehrke, mit der freundlichen Unterstützung des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ins Rennen. Daß der Kandidat der anderen großen Volkspartei – Peter Benz – denselben Herrn zu seiner Unterstützung anrief, macht die Sache nicht besser. Richard von Weizsäcker wurde von beiden in den Wahlkampfmaterialien demonstrativ neben Benz wie Gehrke abgelichtet veröffentlicht.

Richard von Weizsäcker war jedoch, wie ich an dieser Stelle vor einem Monat ausführte, nicht nur mitverantwortlich am Einsatz des chemischen Kampfstoffs Agent Orange in Vietnam. Er hatte schon in seiner Jugend genau gewußt, wie sich ein Deutscher seiner Geschichte im europäischen Kontext verantwortlich bewußt zu stellen hat. Richard von Weizsäcker war beim Überfall auf Polen dabei und beim Überfall auf die Sowjetunion. Seine Einheit kam Moskau am nächsten. Er war kein einfacher Soldat, sondern Ordonnanzoffizier und Adjutant. Was das zu bedeuten hat, beschrieben Werner Filmer und Heribert Schwan in der offiziösen Präsidentenbiographie so:

[Er übernahm] die Schlüsselposition des Regiments. Er leitete den Regimentsstab, vertrat den Regimentskommandeur und besetzte den Regimentsgefechtsstand. Er war Personalchef von rund zweieinhalbtausend Mann […]. Weizsäcker hatte Befehle im Gefechtsstand zu formulieren und an die Bataillone weiterzugeben. Bei schwachen Kommandeuren war der Regimentsadjutant der eigentliche Führer der Truppe.

Die 23. Infanteriedivision, in der er diente, war – wie viele andere Wehrmachtseinheiten auch – an den üblichen Kriegsverbrechen beteiligt. 1991 ließ Weizsäckers Pressesprecher jedoch mitteilen:

Von keiner der Untaten, die in den Fragen beschrieben sind, hatte er Kenntnis. [2]

Nun ja, das kennen wir. Nachher hat niemand von nichts gewußt. Wahrscheinlich ist das damit gemeint, wenn es heißt:

Deutscher zu werden bedeutet […], sich der deutschen Geschichte im europäischen Kontext verantwortlich bewusst stellen zu können.

Und es sieht so aus, als bekäme Karin Wolff jetzt die Gelegenheit, diese Sorte Verantwortung (oder soll ich sagen: Verantwortungslosigkeit?) in den hessischen Schulunterricht zu tragen. Nur –

… überall dort, wo die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht zu sehen ist, ist die lokale CDU an vorderster Stelle mit dabei, diese Ausstellung zu diffamieren. Wie die Darmstädter CDU darauf reagieren wird, wenn diese Ausstellung in Darmstadt zu sehen sein wird, läßt sich daher schon erahnen. Auf die Ausfälle des Herrn Pfeffermann bin ich jetzt schon gespannt.

Der ehemalige Bundesminister und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Gerhard Stoltenberg, hat den für die Ausstellung verantwortlichen Historiker Hannes Heer kurzerhand als "Lügner und Fälscher" bezeichnet. Dies sollte er in Zukunft besser unterlassen. Mit einer einstweiligen Verfügung vom 21. Dezember letzten Jahres [1998] wird Stoltenberg diese Äußerung untersagt. Angedroht wird ihm ein Ordnungsgeld in Höhe von einer halben Million Mark oder eine zweijährige Ordnungshaft.

 

Nicht mehr zu leugnen

Es wird immer von einer umstrittenen Ausstellung geredet. Umstritten ist sie sicher. Aber das umstritten soll ja wohl bedeuten, daß sie wissenschaftlichen Ansprüchen – was immer das sein mag – nicht genügen würde. Daß der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht zumindest ein Hauch von Zweifelhaftigkeit nachgesagt werden kann. Nur – die Tatsachen lassen sich nicht leugnen, also versucht man sie wegzuinterpretieren. Umstritten ist die Ausstellung jedoch vor allem bei jenen, die der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen wollen. Ansonsten kann ja kein Zweifel bestehen, daß die Wehrmacht eine Verbrecherorganisation gewesen ist. Das Problem scheint mir eher darin zu liegen, daß es eine Traditionslinie von der Wehrmacht zur Bundeswehr gibt. Und die Bundeswehr wird noch gebraucht.

Heute sagt man dazu friedenssichernder Einsatz; aber um den Frieden – was auch immer dies sein mag – zu sichern, braucht man keine Soldaten. Weder in Jugoslawien noch im Irak. Und die Bundeswehr in den Kosovo schicken zu wollen, ist ja auch blanker Hohn. Schon die Wehrmacht hielt sich in Jugoslawien auf – und ganz sicher nicht aus friedenssichernden Motiven. Aber erst Waffen in alle Welt zu exportieren und dann den mit ausgelösten Krieg oder Bürgerkrieg mit eigenen Soldaten nach eigenem Gutdünken befrieden zu wollen – das hätte sich auch Orwell nicht besser ausdenken können.

Daß eine Partei, die bei ihrer Gründung vor zwanzig Jahren nicht nur basisdemokratisch und ökologisch, sondern auch gewaltfrei sein wollte, heute mitmarschieren will, muß ich ja wohl nicht weiter kommentieren.

Deutscher zu werden bedeutet […], sich der deutschen Geschichte im europäischen Kontext verantwortlich bewusst stellen zu können.

Verantwortung scheint schwierig zu sein. Deshalb möchte ich kurz einige Bücher zum Thema vorstellen.

Buchcover Wehrmachtsverbrechen (Hoffmann und Campe) 
Da wäre zum einen der von Heribert Prantl herausgegebene Band über die Kontroversen des Jahres 1997 über die Verbrechen der Wehrmacht und die damit verbundene Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Heribert Prantl ist Ressortleiter Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung und deshalb nimmt die Auseinandersetzung in München um diese Ausstellung einen breiten Platz ein. Nebeneinander werden Aufsätze und Reden von Befürworterinnen und Gegnern der Ausstellung abgedruckt, aber die Tendenz des Sammelbandes ist eindeutig: das immer noch vorhandene Leugnen der Verbrechen der Wehrmacht nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als Verbrechen der Wehrmacht als Organisation, macht diese Ausstellung nicht nur notwendig, sondern auch wertvoll. Der von Heribert Prantl herausgegebene Sammelband heißt Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Er ist bei Hoffmann und Campe erschienen und kostet 28 Mark.

Buchcover Die Wehrmachts-Ausstellung (Edition Temmen) 
Stehen dort die Diskussionsbeiträge noch nebeneinander, so wie sie in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften oder zu diversen Anlässen veröffentlicht wurden, so geht der von Hans-Günther Thiele herausgegebene Sammelband über die Wehrmachtsausstellung einen anderen Weg. Hier stehen die Beiträge nicht einfach nebeneinander. Es wird diskutiert. Anfang 1997 wurde die Ausstellung in Bremen gezeigt. Parallel dazu fand eine Fachtagung statt, deren Beiträge – und zwar eben auch Diskussionsbeiträge – dokumentiert werden. Daß keine Einigkeit erzielt wurde, war vorauszusehen. Das Problem ist ja immer: wenn die Nazidiktatur nicht nur von oben kam, sondern von ganz normalen Deutschen begrüßt und mitgetragen wurde – was heißt das für heute? Was heißt das heute, wenn der Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft kommt und sich prima für eine Wahlkampagne instrumentalisieren läßt? Der von Hans-Günther Thiele herausgegebene Sammelband heißt Die Wehrmachts-Ausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Er ist in der Edition Temmen erschienen und kostet 14 Mark 80.

Buchcover Wehrmachtsverbrechen (PapyRossa) 
Dokumente aus sowjetischen Archiven steuert der von Gert Meyer eingeleitete Band über Wehrmachtsverbrechen bei. Sie zeigen, daß die von der Heeresführung geplanten oder mitgeplanten Verbrechen von den in der ehemaligen Sowjetunion eingefallenen Wehrmachtsverbänden systematisch umgesetzt wurden. Wenn zum Beispiel unter dem Stichwort der Partisanenbekämpfung systematisch ganze Dörfer entvölkert, also deren Bewohnerinnen und Bewohner ermordet wurden. Und zwar nicht von der SS, sondern von der Wehrmacht oder zumindest mit deren aktiver Unterstützung. Die Belege sind eindeutig. Der im PapyRossa Verlag erschienene Band heißt Wehrmachtsverbrechen. Dokumente aus sowjetischen Archiven. Er kostet 36 Mark.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Darmstädter CDU: Grün-Rote Ausländerpolitik ist ein Irrweg, Pressemitteilung des CDU-Kreisverbandes Darmstadt-Stadt vom 14. Januar 1999.

»» [2]   Siehe hierzu Otto Köhler : Für Führer und Vaterland, in: konkret 8/91, Seite 10–13

 


 

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