DFB Zentrale
Zentralstelle deutscher Fußball­bürokraten in Frankfurt am Main

Kapital und Arbeit

4. Folge

Sendemanuskript

Sendung im Offenen Haus von Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 18. November 1997, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 19. November 1997, 08.00 bis 08.55 Uhr

Zusammenfassung:

Ein Ideologe darf sich über die globalisierte Welt auslassen, ein Fußballnarr erklärt uns das Foul, ein Flüchtling steht deutschen Interessen in Peru im Weg, und eine Journalistin erhält einen Preis für eine reißerische Darstellung dessen, was es nicht gibt.

Besprochene Bücher:

Playlist:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Hier ist Radio Darmstadt mit dem Offenen Haus. Heute mit der Novemberausgabe von Kapital und Arbeit. Unsere Themen:

Mehr zu allem nach Geier Sturzflug und ihrem Lied vom Bruttosozialprodukt. Mein Name ist Walter Kuhl.

 

Soziale Gerechtigkeit

Besprechung von : Lester Thurow – Die Zukunft des Kapitalismus, Metropolitan Verlag 2009, 284 Seiten, € 18,00

Die Deutsche Presseagentur (dpa) brachte am 14. September [1997] folgende Meldung:

Viele Reiche in Deutschland zahlen keine Steuern. So ist in Hamburg, der Stadt der Millionäre, trotz gestiegener Einkommen, das Aufkommen der veranlagten Einkommensteuer seit 1992 um etwa 25 Prozent gesunken, obwohl die Bemessungsgrundlage, also Einkünfte aus Unternehmertätigkeit und Vermögen, um etwa 30 Prozent gestiegen sind. Hauptursache dieser bedrohlichen Entwicklung für die öffentlichen Haushalte seien die legalen Möglichkeiten zur Steuer-Vermeidung, sagte der Chef der Hamburger Steuerverwaltung, Johannes Nagel, in einem Interview. Vor allem Großverdiener nutzten diese virtuos. Bei einer Stichprobe in einem Hamburger Finanzamt seien auf Anhieb zwölf Personen gefunden worden, die jeweils über eine Million Mark im Jahr Einkünfte hätten und trotzdem ein zu versteuerndes Einkommen von unter Null auswiesen. Von diesen zwölf Steuerpflichtigen hätten elf sehr hohe Verluste aus Vermietung und Verpachtung, also meist aus Immobilienfonds, geltend gemacht. Das sei aber nur die Spitze des Eisbergs, betonte der Steueramtsleiter. [2]

Soweit dpa. – Und jetzt erzähle mir bitte keine und jemand, das müsse so sein, weil die Globalisierung dies erfordere. Überhaupt, die Globalisierung als Subjekt? Als Sachzwang? Haben wir keine Wahl mehr, als uns den Zwängen des Marktes zu unterwerfen? Ist das die vielgerühmte freie Marktwirtschaft? Vielleicht, weil sie die Millionäre von Steuern befreit?  Genug der Kalauer.

Lester Thurow stellt in seinem Buch Die Zukunft des Kapitalismus die Frage, wohin die Reise gehen wird. Thurow ist Wirtschafts­wissenschaftler und angeblich einer der herausragendsten Wirtschaftsdenker weltweit. Thurows Interesse ist es herauszufinden, wie der Kapitalismus besser funktionieren kann und aus der jetzigen Stagnationsphase herauskommt. Von daher ist es auch ein ideologisches Buch, denn schließlich setzt er bestimmte Werte und Normen als gegeben voraus. Kostprobe gefällig?

Im Grunde genommen sind die elektronischen Medien weder links noch rechts, sondern freiheitlich. Sie predigen die Doktrin, daß Individuen alles, was sie wollen, dürfen sollen – und zwar frei von gesellschaftlichen Konventionen. [3]

Das ist vielleicht nicht, nicht mehr Marlboro; wohl mehr das, was heute als die jungen Wilden bezeichnet wird. Und die von Thurow genannte Predigt – ist die etwa wertfrei? Oder vermittelt sie nicht auch bestimmte Werte? Und die sind – nebenbei gesagt – rechts. Denn „links“ beinhaltet immer noch eine auf emanzipatorischen Werten beruhende Freiheit; nicht eine auf Basis des fetteren Bankkontos oder der größeren Durchsetzungs­fähigkeit auf Kosten anderer. – An anderer Stelle beschreibt er die kapitalistische Ethik ziemlich treffend:

Nirgends besteht eine Verpflichtung, sich um das Wohlergehen anderer zu sorgen. […]. Will man diese kapitalistische Ethik bis zum Extrem führen, ist auch das Verbrechen lediglich eine Spielart der wirtschaftlichen Aktivität. [–] Es gibt keine gesellschaftliche Verpflichtung, sich an Gesetze zu halten. Es gibt überhaupt gar nichts, was man nicht tun »darf«. Pflichten und Verpflichtungen fehlen völlig. Das einzig wirklich existierende sind Markttransaktionen. Die Wertvorstellung des ethischen »du darfst nicht« spielt keine Rolle.

Buchcover ThurowIch kann dem nur zustimmen – mit meinen Worten: Kapitalismus ist eine asoziale Veranstaltung (sag ich ja immer).

Lester Thurow analysiert verschiedene Probleme der heutigen Weltwirtschaft und versucht darin, Lösungsansätze zu finden. Für einen oder eine, die versuchen zu verstehen, wie die bürgerlichen Wirtschafts­wissenschaftler die heutige Situation sehen, ist das Buch interessant geschrieben. Es spricht ja nichts dagegen, das Buch gegen seinen ideologischen Strich zu lesen. Auch ich habe dadurch einige neue Einsichten gewonnen. Ich habe nie kapiert, warum Politiker die Lebensarbeitszeit verlängern und das Rentenalter heraufsetzen wollen. Angesichts von Millionen Arbeitslosen eine ziemlich sinnlose Konzeption.

Thurow sieht jedoch, daß bei steigender Arbeitslosigkeit und zurückgehenden Normalarbeits­verhältnissen immer weniger Arbeiterinnen und Arbeiter Gelder in die Rentenkassen einzahlen. Der Witz an der Konzeption ist aber nicht der, daß die Menschen, deren Rentenalter heraufgesetzt wird, nun länger arbeiten und dadurch versorgt werden. Das widerspäche jeder kapitalistischen Logik. Kapital nutzt und vernutzt Arbeitskräfte; irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem Menschen nicht mehr verwertbar sind.

Nein – wird das Rentenalter heraufgesetzt, bekommen diese Menschen einfach später ihre Rente, vorausgesetzt, sie werden alt genug. Was mit ihnen zwischen Arbeitsleben und Rente passiert, ist dann ihr Problem. Und so eiert Thurow kapitelweise herum, wie diese paradoxe Situation so gelöst werden kann, daß die von solcherlei Maßnahmen jetzt oder später betroffenen Menschen ihrer eigenen Verarschung zustimmen. Seine salbungsvollen Worte hierzu:

Wir müssen einsehen, daß sich die Welt verändert hat und wir die Welt ändern müssen. Wenn wir diesen notwendigen Wandel in unseren Köpfen und – noch wichtiger – auch in unseren Herzen eingesehen haben, ist die Durchführung der im öffentlichen Interesse richtigen politischen Maßnahmen nicht mehr schwer. [5]

Tja, und wem die Öffentlichkeit gehört, dessen Interesse ist es dann wohl auch. – Richtig gelesen, ist es sogar tendenziell ein spannendes Buch. Das Buch von Lester Thurow Die Zukunft des Kapitalismus ist im Metropolitan Verlag erschienen. Es hat 624 Seiten und kostet 98 Mark.

 

Ästhetische Fouls

Besprechung von : Eduardo Galeano (Hg.) – Der Ball ist rund und Tore lauern überall, Peter Hammer Verlag, 280 Seiten, € 15,50

In der globalen Welt ist auch der Fußball global.

Es wird viel gelaufen und wenig oder gar nichts mehr riskiert. Etwas zu wagen ist nicht rentabel. […] Lauthals beklatschte Effizienz der Mittelmäßigkeit: Es gibt immer mehr Mannschaften im modernen Fußball, die aus Funktionären bestehen, die darauf spezialisiert sind, Niederlagen zu vermeiden, und nicht aus Spielern, die das Risiko eingehen, nach ihrem Gefühl zu handeln und sich von der Intuition leiten zu lassen. [6]

Buchcover GaleanoEduardo Galeano, von dem das Zitat stammt, ist durch seine Bücher Die offenen Adern Lateinamerikas oder Erinnerung an das Feuer bekannt geworden. Er beschreibt darin die Geschichte, oder vielmehr die Ausplünderung Lateinamerikas – aber auch den Widerstand dagegen. Der dritte Band der Erinnerung an das Feuer, eine einfach geniale literarische Geschichte des 20. Jahrhunderts, ist eines meiner Lieblingsbücher. Man kann es nicht beschreiben, man muß es lesen.

Galeano ist wie jeder männliche Uruguayer Fußballfan. Mit seinem Buch Der Ball ist rund und Tore lauern überall hat er seiner Vorliebe ein Denkmal gesetzt. Er beschreibt darin die Geschichte des Fußballs, genauer gesagt, des lateinamerikanischen Fußballs, den er für wesentlicher kreativer und lustvoller hält als den effizienzorientierten europäischen. Es ist ein Buch, das ich gerne gelesen habe; es ist voller Humor und läßt gleichzeitig die Kommerzialisierung und Verrohung dieses Sports nicht aus den Augen. Ein besonderes Lob gebührt dem Übersetzer Lutz Kliche. Zur Anregung eine Passage aus dem Buch:

Es geschah im Jahre 1939. Im Spiel der Mannschaften von Nacional aus Montevideo und Boca Juniors aus Buenos Aires stand es unentschieden, und die Partie ging ihrem Ende zu. Die Spieler von Nacional griffen an; die von Boca Juniors hielten stand, so gut sie konnten. Da bekam Atilio García den Ball zugespielt, sah sich vor einem Dschungel aus Beinen, ging auf den rechten Flügel und schluckte gegnerfressend das Spielfeld.

Atilio war es gewohnt, daß man ihn umrempelte. Man trat ihn zusammen, so daß seine Beine von Narben übersät waren. An jenem Nachmittag fing er sich auf dem Weg zum Tor harte Tritte von Angeletti und Suárez ein, und er leistete es sich, sie zweimal auszutricksen. Valussi zerriß ihm das Trikot und hielt ihm am Arm fest, und der dicke Ibañez stellte sich ihm in vollem Lauf entgegen, doch der Ball war ein Teil von Atilios Körper, und niemand konnte diesen Wirbelwind aufhalten, der die Spieler umwarf, als seien sie Kegel, bis sich Atilio schließlich vom Ball trennte und sein Schuß im Netz zappelte.

Die Luft roch nach Schwarzpulver. Die Spieler von Boca umringten den Schiedsrichter: Sie forderten, daß das Tor annulliert werde, wegen der Fouls, die sie selbst begangen hatten. Weil der Pfeifenmann ihnen kein Gehör schenkte, gingen die Spieler beleidigt vom Platz. [7]

Wenn ich dann die Reporter von ran höre, die uns immer wieder versichern, daß dieses Foul nun ganz gewiß nicht mit Absicht begangen wurde, und schon gar nicht, um den Gegner ernsthaft zu verletzen – dann glaubt ihnen ohnehin niemand. Aber sie stellen die Illusion immer wieder aufs Neue her, wahrscheinlich haben sie zuviel Bier getrunken. – Vom englischen Nationalspieler Gary Linecker ist folgender Satz überliefert:

Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Mann einem Ball hinterherrennen. Es dauert 90 Minuten, wird von drei Schiedsrichtern behindert und am Ende gewinnen die Deutschen.

Wenn das so weiter geht, wird dies dann das Ende vom Fußball überhaupt sein … – Das Buch von Eduardo Galeano Der Ball ist rund und Tore lauern überall ist im Peter Hammer Verlag erschienen, hat 280 Seiten und kostet 29 Mark 80.

 

Peru – BRD : Demokraten unter sich

Ich bleibe in Lateinamerika. Vor elf Monaten, am 17. Dezember 1996, überfiel ein Kommando der peruanischen Guerilla­organisation MRTA ein Festessen in der japanischen Botschaft in Lima. Die MRTA – die Revolutionäre Bewegung Túpac Amarú – versuchte mit dieser Besetzung, politische Gefangene freizubekommen und gleichzeitig auf die Menschenrechts­situation in Peru aufmerksam zu machen. Nach vier Monaten wurde die Botschaft von peruanischen Militärs gestürmt und alle Kommandomitglieder nach ihrer Festnahme liquidiert.

Alberto Fujimori ist seit 1990 Präsident Perus. Unter seiner Präsidentschaft wurde das Land verstärkt internationalen Konzernen zur Ausplünderung überlassen – mit den bekannten Folgen: 85% aller Arbeitskräfte haben keine feste oder keine volle Stelle, mehr als die Hälfte der Bevölkerung gilt als arm, ein Viertel als extrem arm, wobei sich gerade unter Fujimoris Herrschaft die Situation verschärfte. Die Hälfte der Bevölkerung muß von weniger als einem Dollar am Tag leben, etwa 70.000 Kinder sterben jährlich an Unterernährung und heilbaren Krankheiten.

Isaac Velazco ist Europasprecher der MRTA und lebt als anerkannter Flüchtling in Hamburg. Ihm ist per Verfügung untersagt worden, weiterhin Stellungnahmen zur Situation in Peru abzugeben. Begründet wurde dies u.a. damit, das Auswärtige Amt sei der Meinung, Isaac Velazco habe mit seinen Äußerungen den – wie es dann heißt – „außenpolitischen Interessen der Bundesrepublik Deutschland zuwidergehandelt„. Damit nicht genug – inzwischen gibt es das erste Strafverfahren gegen eine presserechtlich Verantwortliche, weil sie ein MRTA-Kommuniqué und ein Interview mit einer peruanischen Aktivistin veröffentlicht habe.

Wohlgemerkt – die inkriminierten Texte beziehen sich auf die verkappte Militärdiktatur in Peru. Offensichtlich mögen die Kinkels es nicht so gerne, wenn ihre Ansprechpartner bloßgestellt werden. Doch hören wir nun, was Isaac Velazco zu der ganzen Sache zu sagen hat:

Das Interview …

In der Sendung folgte nun ein Statement von Isaac Velazco mit überblendeter deutscher Übersetzung. Der Text ist nicht verfügbar.

 

Verkehrsrowdies

RadaR-Jingle „Verkehrshinweis“

Wir unterbrechen unser Programm für einen wichtigen Verkehrshinweis. Autofahrerinnen und -fahrer, die ihre Fahrzeuge wieder einmal auf dem Fahrradweg in der Lauteschläger­straße abgestellt haben, werden darum gebeten, ihre Fahrzeuge schleunigst zu entfernen. Nach Ende dieser Sendung werde ich diesen Radweg benutzen und gnadenlos jedes Fahrzeug aufschreiben, das mir dort begegnet. Und wenn ich einmal dabei bin – auch wenn sich das bei einer besonders ignoranten Spezies Autofahrer noch nicht herumgesprochen zu haben scheint: Radfahrerinnen und Radfahrer, die aus der Lauteschläger­straße kommen, haben grundsätzlich Vorfahrt vor Linksabbiegern aus der Kranichsteiner Straße. Sollte noch einmal jemand versuchen, mich dabei über den Haufen zu fahren, werde ich ziemlich unangenehm reagieren.

Gerüchten zufolge waren am Samstagmorgen einige Fahrzeughalter erstaunt darüber, daß ihr ignorantes Parken auf besagtem Radweg dazu führte, daß ihren fahrenden Tamagochis die Luft ausgegangen ist.

Ich möchte allerdings darauf hinweisen, daß ich diesen Verkehrshinweis weder als Aufruf zur Denunziation noch als einen zur Selbsthilfe verstanden wissen möchte. Jedoch ist es so, daß in dieser Ellenbogen­gesellschaft es absolut normal zu sein scheint, daß sich Autofahrer alles glauben leisten zu können. Als Radfahrer erlaube ich mir daher den Hinweis, daß ich gerne ein bißchen länger leben möchte.

 

Verleihung der Virtuellen Zitrone

Wenden wir uns einem anderen lokalen Thema zu. Sonst heißt es ja wieder, im lokalen Themenradio bei RadaR wird über Gott und die Welt geredet, nur nicht über lokale Themen im lokalen Radio. Nun gut. Erstmals in dieser Sendung werde ich einen Preis ganz besonderer Art verteilen. Es handelt sich dabei um die Virtuelle Zitrone. Sie zeichnet sich nicht nur dadurch aus, daß sie für besonders gelungene Einbildungsleistungen vergeben werden wird, sondern auch dadurch, daß sie virtuell ist; das heißt, ich muß mir nicht irgendeinen besonderen Zitronenpokal ausdenken, den ich weitergeben will, sondern alles bleibt rein im luftleeren Raum. Die Preisträgerin bzw. der Preisträger bekommt einen nicht vorhandenen, also virtuellen, Preis überreicht für eine besonders hervorstechende Leistung im geistigen Niemandsland. Und bevor jetzt alle denken, ich drehe völlig ab, will ich noch verkünden, daß alle Preisträgerinnen und Preisträger aus der Redaktion des Darmstädter Echo kommen werden. Ausgezeichnet werden besonders hervorragende Leistungen im Bereich journalistischer Arbeit – oder anders ausgedrückt: wer hat seit der letzten Folge von Kapital und Arbeit den größten Schwachsinn im Echo geschrieben? Genügend hierfür qualifizierte Arbeiten zu erhalten, wird gewiß nicht das Problem sein. [8]

Ich lebe jetzt fünf Jahre in Darmstadt und habe dabei fünf Jahre lang eine Sorte Journalismus genossen, der teilweise wirklich erschreckend ist.

Ich könnte die rassistische Anti-Drogen-Kampagne des Darmstädter Echo anführen. Ich könnte auf die rechtslastige politische Ausrichtung dieses Monopolblatts verweisen. Ich könnte auf Artikel und Kommentar von Ariane Stech im September verweisen, die derart denunziatorisch waren, daß ein angegriffener grüner Stadtverordneter Morddrohungen erhielt. Und derlei mehr.

Ich könnte den Chefredakteur des Darmstädter Echo, Roland Hof, als ersten Preisträger vorschlagen, der in seiner Glosse vom 24. September [1997] allen Ernstes die Gefahren atomarer Entsorgung in das Reich der Legenden verwies. Dummschwätz der besonderen Sorte war folgender Satz seiner Glosse:

Atommüll also wird in vergleichsweise sicheren Behältern auf dem Schienenweg […] transportiert. Das geht meistens an Darmstadt vorbei und gilt als sicher, solange nicht überaus besorgte Leute Oberleitungen durch Wurfanker zerstören, Schienen lockern, oder in anderer Weise ihre Vorstellungen von öffentlicher Sicherheit verwirklichen.

Ich habe lange überlegt, ob diese Glosse nicht derart bescheuert ist, daß sie sozusagen außer Konkurrenz läuft. Halten wir fest: Castor-Behälter sollen einem Sturz aus einer bestimmten Höhe und ein Feuer einer bestimmten Dauer und Temperatur schadlos überstehen. Selbst wenn ich diesen Versicherungen der Atomindustrie Glauben schenken würde, ist es so, daß ein Großfeuer, wie im Februar am Frankfurter Südbahnhof geschehen, diese bestimmte Dauer und Temperatur bei weitem übertroffen hatte. Folglich verpflichtete sich die Deutsche Bahn AG gegenüber der Stadt Frankfurt, vorerst keine Castor-Transporte mehr über diese Route zu leiten. Zu denken geben sollte auch, daß sich für derartige Transporte keine Versicherung bereit findet, für einen eventuellen Unfall aufzukommen.

Im Gegensatz dazu pflegen geworfene Wurfanker Oberleitungen zu beschädigen und nicht, Menschen zu gefährden. Letzteres wiederum passiert bei Castor-Transporten schon im Normalfall, weswegen ein Aufenthalt in dessen direkter Nähe nicht empfehlenswert ist. Aus diesem Grund hat die sicher nicht atomkraftkritische Gewerkschaft der Polizei einen besonderen Schutz der diese Transporte begleitenden Beamtinnen und Beamten angemahnt. Die Informationszentrale der Energiewirtschaft in Frankfurt am Main umschreibt den Sachverhalt wunderschön so:

Für Polizisten, die z. B. einen Castor-Behälter in drei Meter Entfernung begleiten, ist durch die Einsatzplanung sichergestellt, daß die Strahlenbelastung eine Dosis von 1 Millisievert nicht überschreitet.

Anders gesagt, darf die Atomwirtschaft ihren Castortransport ruhig strahlen lassen, die Einsatzleitung muß ihre Beamten halt rechtzeitig austauschen, damit alle was davon haben. – Zugunsten der Atomwirtschaft unterlasse ich es, diese Informationssatire genüßlich vorzulesen.

Roland Hof mag ja von mir aus Atomkraft befürworten, aber in den 90er Jahren erwarte ich doch etwas mehr Niveau. Vielleicht kommt das ja im nächsten Frühjahr, wenn der nächste Castor-Transport durch Darmstadt fährt. – Roland Hof hat nochmal Glück gehabt. Seit Erscheinen seiner Glosse sind fast zwei Monate vergangen. Schnee von gestern sozusagen. Er erhält daher die Virtuelle Zitrone auf Bewährung.

Die Virtuelle Zitrone des Monats November wird einer Frau verliehen – Kürzel „heide“ –, die vorigen Dienstag (am 11. November) die Echo-Fasching-Saison eröffnete. Sie schrieb über die Jahrestagung des Landesverbandes Legasthenie Hessen in Darmstadt.

Für das Kind, das beim Lesen- und Schreibenlernen hoffnungslos scheitert, weil es Buchstaben, Zeilen, ganze Textabschnitte nicht erkennen kann, ausläßt, vertauscht, hat ein lebenslanger Leidensweg begonnen. Das Kind, ständig entmutigt, auch gedemütigt, reagiert schließlich mit allgemeinem Schulversagen, mit Verhaltensstörungen bis hin zum Abgleiten ins soziale Aus, mit Straffälligkeit oder Selbstmord.

In der Tat – wer dieser Gesellschaft nicht die richtige Leistungsbereitschaft und Verwertbarkeit liefert, landet im sozialen Aus. Wer nicht bereit ist, sich in der Schule drillen zu lassen, fliegt raus. Mir scheint jedoch, daß die Autorin in ihrem Bemühen, einem langweiligen Thema etwas Reißerisches zu geben, über die Stränge geschlagen hat. Straffälligkeit besteht ja wohl auch nur darin, bestimmte soziale Normen nicht zu erfüllen, über die im Einzelfall tatsächlich zu streiten wäre. Und wenn Legasthenie wirklich zum Selbstmord führen sollte, sagt das ja wohl eher eine ganze Menge über diese Gesellschaft aus, die nicht in der Lage ist und auch nicht in der Lage sein will, nonkonformes Verhalten zu akzeptieren oder gar zu respektieren.

Na gut, das genannte Zitat rechtfertigt keine Virtuelle Zitrone, sondern drückt nur allgemeine Gedanken­losigkeit aus. Diese läßt sich nicht nur im Echo, sondern auch bei RadaR finden – der Unterschied ist allerdings der, daß die Radiomacherinnen und -macher von RadaR keine journalistische Ausbildung genossen haben. Ob das gar ein Vorteil für uns ist?

Aber was soll ich davon halten, wenn „heide“ altbackene und längst überholte Märchen wie das folgende aufwärmt:

Bis zu zehn Prozent aller Schulkinder haben eine Legasthenie; die Häufung in Familien deutet auf genetische Ursachen. Schuld an der Lese- und Rechtsschreib­schwäche sind Fehlentwicklungen oder Störungen im Gehirn.

Der neokonservative Trend in den Sozialwissenschaften führt schon seit einiger Zeit dazu, unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse wieder zu verwerfen und statt dessen die Gene für alles verantwortlich zu machen. TV-Serien wie Star Trek mit ihrem unverhohlenem Biologismus tragen dazu bei. Alle paar Monate wieder faselt ja passenderweise auch ein Redakteur der Zeitung für kluge Köpfe – ich meine die Frankfurter Allgemeine – über ein Gen für Alkoholismus oder Kriminalität. Aber bei der FAZ könnte es schon so sein, daß wissenschaftliche Erkenntnisse gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden.

Um es kurz zu machen – die Häufung bestimmter Verhaltensweisen oder Talente in bestimmten Familien weist ja wohl eher auf soziale Ursachen hin. Die Musikalität der Familie Bach hat ja nichts mit Genen zu tun, sondern damit, daß die männlichen Mitglieder der Familie entsprechend gedrillt wurden. Alles andere, selbst wenn es heute immer noch in Schulen gelehrt wird, ist einfach Unfug.

Und wenn nun Legasthenie ein soziales Phänomen ist, das psychologische und soziale Ursachen haben dürfte, dann ist der Schlußsatz der Autorin absolut nicht akzeptabel:

Kinder, die unter Legasthenie leiden, sind nicht dumm, faul oder unwillig. Sie sind krank.

Wer nicht die passende Leistung bringt, wer sich nicht richtig verwerten läßt, ist krank. Und gesund ist demnach wohl, wer alles, was dem Ideal einer freien Marktwirtschaft entspricht, mit sich machen läßt? – Gut, Systemkritik vom Darmstädter Echo zu erwarten, ist wirklich zuviel verlangt. Aber ein Krankheitsbegriff, der sich darauf reduziert, sich selbst in Abgrenzung zu angeblich Kranken als gesund zu bezeichnen, ist absurd. Wir sind alle krank, weil diese Gesellschaft und ihre Zumutungen, ihre permanente leistungsorientierte Überforderung uns alle krank macht. Damit muß frau bzw. man sich auseinandersetzen; da gibt es nichts zu therapieren. Und es sind die krankmachenden Verhältnisse, die geändert werden müssen.

Im übrigen möchte ich diese „heide“ schon fragen, ob dann auch die Schwierigkeit von Mädchen mit Mathematik, was ja immer noch vorkommen soll, auch eine Krankheit ist. Ob schlechte sportliche und musische Leistung auch eine Krankheit sind. Usw. – Von seriösem Journalismus erwarte ich jedenfalls, daß nicht jeder Blödsinn, der irgendwo verzapft wird, zu Papier gebracht wird. Denken ist auch im Echo erlaubt.

Gewonnen hat die Virtuelle Zitrone des Monats November also „heide“. Ihr redaktioneller Beitrag erhielt den Wert minus 7,5 auf der nach unten hin offenen Echo-Skala. Die Skala selbst hat meine Untermieterin nach jahrelangem Echo-Lesen eingeführt. – Wir gratulieren.

Lesenswert

Jens Wernicke sprach für die NachDenkSeiten mit Hans Brügelmann, bis 2012 Professor für Grundschul­pädagogik und -didaktik an der Universität Siegen, über die angebliche Rechtschreipkaterstrofe. Veröffentlicht auf den NachDenkSeiten am 7. November 2013.

Die nächste Virtuelle Zitrone wird in der nächsten Sendung von Kapital und Arbeit am Montag, dem 15. Dezember 1997 verliehen. Wenn euch ein Artikel im Echo ganz besonders gefallen hat, schickt uns doch ein Fax mit kurzer Begründung – journalistische Leistung soll ja schließlich honoriert werden – an: Redaktion Offenes Haus, Kapital und Arbeit. Die Faxnummer ist […]. Es verabschiedet sich für heute Walter Kuhl. Die Zitate wurden von Günter Mergel gelesen, der auch an der Technik saß.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Angaben nach dem Sendemanuskript.

»» [2]   Zitiert nach der Wiedergabe im Darmstädter Echo.

»» [3]   Lester Thurow : Die Zukunft des Kapitalismus, Seite 346–347.

»» [4]   Thurow Seite 235.

»» [5]   Thurow Seite 461.

»» [6]   Eduardo Galeano : Der Ball ist rund und Tore lauern überall, Seite 216.

»» [7]   Galeano Seite 97.

»» [8]   So ganz habe ich mich nicht an mein Drehbuch gehalten. Zwischendrin gab es auch einmal Preisträgerinnen und Preisträger anderer Medien.


Diese Seite wurde zuletzt am 26. November 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1997, 2001, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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