Ausschnitt Buchcover Frauenleben im Wohlfahrtsstaat
Frauenleben im Wohlfahrtsstaat

Kapital und Arbeit

Frauenarbeit als besonders lukrative Ressource

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 23. November 1998, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 24. November 1998, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 24. November 1998, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Ausschnitte aus einem Vortrag der Unternehmensberaterin Brigitta Kreß über Frauen als Verliererinnen der Globalisierung. Daran anschließend eine Buchbesprechung zur Situation weiblicher Existenzbedingungen.

Besprochenes Buch:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Wie schon im letzten Jahr, veranstaltet die Evangelische Erwachsenenbildung Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Amt für Arbeit, Wirtschaft und Soziales der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau auch diesen Herbst eine Vortragsreihe zum Thema Globalisierung.

Am Dienstag in der vorigen Woche [also am 17. November 1998] referierte die Familiensoziologin und Unternehmensberaterin Brigitta Kreß aus Frankfurt über das Thema: "Sind Frauen die Verlierer der Globalisierung?" Aus ihrem Vortrag werde ich innerhalb der nächsten halben Stunde einige interessante Passagen übertragen.

Doch zunächst möchte ich eine musikalische Einführung in das Thema geben [1]. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

 

Vortrag von Brigitta Kreß

Zum Vortrag

Der Vortrag wurde 1998 nach dem damaligen Stand der Technik bei Radio Darmstadt mit einem portablen Cassettengerät aufgezeichnet. Es existiert zwar eine Aufzeichnung der Sendung auf Cassette, aber das Umkopieren auf ein digitales Medium ist nicht vorgesehen. Dies ist insofern bedauerlich, als die Zwischenmoderation mehrfach auf den Vortrag der Referentin eingeht.

Ich möchte das hier nicht so stehen lassen. In dem Vortrag von Brigitta Kreß wird durch ihre Wortwahl und auch durch ihre Vorstellungen schon deutlich, daß sie Unternehmensberaterin ist und auch als solche denkt. Die von ihr ausgesprochene Kundinnenorientierung ist natürlich ideologischer Schnickschnack. Es mag eine Wunschvorstellung sein, als Kundin auch Königin zu sein, hat aber mit der Realität herzlich wenig zu tun.

Und der neue Dienstleistungsbegriff vom Kunden als Arbeitgeber ist kaum mehr als ein schlechter Witz zu begreifen. Über diese Dienstleistungsorientierung gibt es ja keine besseren Dienstleistungen, weil auch hier nur der Profit regiert. Service auch hier nur, wenn er sich sofort in harter D-Mark ausdrückt. Trotz angeblicher Serviceorientierung ist das Dienstleistungsangebot beispielsweise der Deutschen Bahn AG nicht besser geworden. Nur punktuell, nämlich da, wo sofort klingende Münze zu erwarten ist, wird der Service ausgebaut. Etwa in der nicht mehr Wartesaal genannten Lounge im Frankfurter Hauptbahnhof.

Aber leider setzt Brigitta Kreß da noch einen drauf: sie behauptet eine Marktmacht der Kundinnen gegenüber den Firmen, was sowohl Einfluß auf die Produkte wie auch auf die Firmenphilosophie haben soll. Schön wär's. Shell versenkt zwar keine Bohrinseln mehr in der Nordsee, verseucht aber weiterhin den Lebensraum der Menschen rund um Erdölfelder und Pipelines, was ja dann auch vor einigen Wochen in Nigeria zu einigen hundert Toten geführt hat. Von anderen Menschenrechtsverletzungen zur Unterstützung dieser Art Erdölwirtschaft einmal ganz zu schweigen.

Auch Brigitta Kreß scheint letztlich der These anzuhängen, frau müsse den Unternehmensbossen verdeutlichen, daß Frauenförderung nur zu ihrem Besten sei. Sie sagt aber gleichzeitig sehr realistisch, daß Frauenförderung Profit bringen soll. Ethische Aspekte innerhalb dieser Profitlogik zugunsten der Frauen zu erwarten, ist aber pure Illusion. Kapitalismus ist und bleibt eine asoziale Veranstaltung und hat mit Ethik und Moral nicht das Geringste zu tun.

Deswegen finde ich es fast schon tragisch, wenn Brigitta Kreß an eine Perspektive für Frauen und für weibliche Fähigkeiten in einer humaneren Arbeitswelt glaubt. Ich fürchte, dazu müssen wir schon den Kapitalismus abschaffen, was durchaus eine sinnvolle Aufgabe ist, die hoffentlich vor dem Jahr 2490 erreicht werden wird. Doch hören wir nun den Schluß ihres Vortrags zu der Frage, ob Frauen die Verliererinnen der Globalisierung sind.

Auch dieser Teil des Vortrags liegt nicht in digitalisierter Form vor.

Die armen Männer und ihre Sinnfrage. Natürlich ist Frauenförderung ein Angriff auf Männermacht, selbst wenn Frauen trotz Frauenförderung immer noch so gut wie nichts in den wirklich wichtigen Sektoren dieser Gesellschaft zu sagen haben. Aber ausgerechnet die Männer mit niedrigem Bildungsnievau in asiatischen Ländern als Beispiel für zunehmende Gewalt gegen Frauen heranzuziehen, halte ich für ziemlich problematisch. Um nicht zu sagen, das riecht nach Rassismus.

Ich denke, Männer sind gewalttätig, egal ob sie aus Indien oder Deutschland stammen, und egal ob sie gebildete Honoratioren oder Hilfsarbeiter sind. Männergewalt ist keine Frage der Bildung oder Einsicht. Männergewalt ist die Methode, die Herrschaftsverhältnisse so zu lassen, wie sie sind. Männer sind so, nicht von Natur aus, sondern weil sie so aufgewachsen und durch Familie, Schule, Armee und Umwelt darauf gedrillt worden sind. Das entzieht sie jedoch keineswegs der Verantwortung für ihr Tun.

Frauen sind deshalb aber auch nicht die besseren Menschen. Schon gar nicht die friedvollen und ohnmächtigen. Auch Frauen sind, wenn sie es dann doch sind, dazu gemacht worden. Deshalb halte ich es für verfehlt, so zu argumentieren, wie Brigitta Kreß es in ihrem Vortrag tat: Männer sollen ihre weiblichen Elemente zulassen und Frauen auch einmal ein bißchen männlicher auftreten. Es käme doch wohl vielmehr darauf an, genau dieses Wertesystem zu hinterfragen und es dann auch abzulehnen.

Ich werde auf die Frage, wie Frauen zu Frauen gemacht werden, und welche Rolle dabei die Pornographie einnimmt, in meiner Sendung Frauenbilder am nächsten Montag ab 17.00 Uhr näher eingehen.

Im Anschluß an die nun folgende Musik spiele ich das Interview ein, das ich mit Brigitta Kreß am letzten Dienstag im Anschluß an die Veranstaltung geführt habe.

Auch das Interview liegt nicht in digitalisierter Form vor.

 

Gefangen in der Standortlogik

Besprechung von : Hede Helfrich / Jutta Gügel (Hg.) – Frauenleben im Wohlfahrtsstaat. Zur Situation weiblicher Existenzbedingungen, Daedalus Verlag 1996, 208 Seiten, DM 38,00 [1998] bzw. € 19,50 [2008]

Frauenleben im Wohlfahrtsstaat heißt ein von Hede Helfrich und Jutta Gügel herausgegebenes Buch. Beschrieben wird darin die Situation weiblicher Existenzbedingungen. Es handelt sich dabei um eine Aufsatzsammlung, die aus einer interdisziplinären Vortragsreihe an der Universität Regensburg hervorgegangen ist.

Rosemarie Nave-Herz untersucht den Zeitgeschichtlichen Wandel von Familie und Kindheit und, welche neuen Anforderungen an Frauen in dieser Gesellschaft stellt. So stellt sie zum Beispiel fest:

Ca. 13 Prozent aller Familien sind heute Ein-Elternfamilien, davon 15 Prozent Familien mit alleinerziehendem Vater und 85 Prozent mit alleinerziehender Mutter. Die Lebenssituation zwischen den Mutter- und Vaterfamilien ist in der Bundesrepublik Deutschland sehr unterschiedlich, schon im Hinblick auf ihre finanzielle Situation. Vaterfamilien sind überwiegend in den höheren Schichten zu finden, in den meisten Mutterfamilien ist die ökonomische Belastung groß. [Seite 17]

Sigrid Metz-Göckel beschreibt Chancen und Risiken im Lebensverlauf von Frauen anhand ihrer Bildung. Bildung führe zwar zu mehr Unabhängigkeit von Frauen, aber Familien stellen sich als ernsthaftes Hindernis heraus. Sie sagt:

Der Status des Verheiratetseins war früher unter Frauen – nicht zuletzt mangels alternativer Lebenssicherung – hoch geschätzt und privilegiert. Er diskriminierte aber zugleich alle Frauen, die ledig waren. Immer noch ist der Status so traditionsbelastet, daß Eheschließung für den beruflichen Aufstieg von Frauen hinderlich ist, im krassen Gegensatz zu Männern, für die sie äußerst förderlich ist. [Seite 41]

Woraus ja nun der Schluß zu ziehen wäre, daß Ehe und Familie Institutionen sind, die den Männern zum Vorteil gereichen und dies sicher auch sollen. Iris Blaul stellt in ihrem Aufsatz über Familienpolitik daher auch zu Recht fest, daß Familie

auch in ihrer heutigen Ausprägung ganz wesentlich auf der weiblichen Ressource »unbezahlte Arbeitskraft« (gründet). [Seite 153]

Marianne Weg fordert daher Das Ende der Bescheidenheit und eine frauenfördernde Arbeitsmarktpolitik.Es könne ja nicht angehen,

daß Frauen dort, wo wirtschafts- und beschäftigungspolitisch relevante Entwicklungen bewertet werden und ihre politische Gestaltung konzeptionell diskutiert und entschieden wird, praktisch kaum bis gar keinen Zugang haben. So hat zum Beispiel dem »Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung« in 30 Jahren seines Wirkens noch nie eine Frau angehört. [Seite 146]

Allerdings sind diese auch sogenannten Fünf Weisen auch gerade deswegen so weise, weil es sich um gestandene ältere Herren handelt, denen sehr an der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung und ihrer männlichen Werte gelegen ist.

Marianne Wegs Argumentation führt allerdings in problematische Gefilde. Sie schreibt:

Es gilt, deutlich zu machen, daß Frauenförderung im Modernisierungsprozeß ein positiver Standortfaktor ist, weil nur mit Frauenförderung die Arbeitskraftressourcen der Frauen tatsächlich einbezogen werden.

Darin zeigt sich – und das gilt fast durchweg für den gesamten Band – ein ziemlich unkritisches und illusionsbehaftetes Bild dieser Gesellschaft. Wer sich der Standortlogik verschreibt, bejaht damit auch alle unangenehmen Begleiterscheinungen dieser Logik. Standortlogik heißt, sich im weltweiten Konkurrenzkampf auf Kosten anderer durchzusetzen.

Buchcover Frauenleben im WohlfahrtsstaatStandortlogik heißt, zum Wohle der deutschen Wirtschaft Löhne zu senken, Arbeitszeiten flexibler zu handhaben, neue Gewerbegebiete auf Kosten der Allgemeinheit zum Wohle einiger weniger zu erschließen, Umweltauflagen nicht so ernst zu nehmen und die Autogesellschaft voranzutreiben, denn wir müssen ja alle auch so richtig mobil sein.

Standortlogik heißt auch, den Frankfurter Flughafen zu erweitern, noch mehr Einkaufsmeilen zu errichten, weil Luisencenter und Carree reichen uns ja noch nicht, und dafür die Innenstädte von all denen zu säubern, die uns beim – wie das heute so schön heißt – Erlebnis Einkaufen die unästhetischen Schattenseiten dieser Gesellschaft vorführen könnten.

Innerhalb dieser Logik sozusagen an das aufgeklärte Eigeninteresse der Kapitalseite zu appellieren, sie möge doch bitte in ihrem eigenen Interese auch Frauen fördern, ist ja schon ein bißchen starker Tobak. Oder anders gesagt, es ist genauso unsinnig wie das Bündnis für Arbeit.

Der einzig wirklich gute Aufsatz in diesem Band stammt von Ursula Apitzsch. Sie beschreibt darin Frauen in der Migration. Gerade die Berufs- und Lebensvorstellungen von Mädchen der zweiten Generation zerbrechen an der bundesdeutschen Realität. Sie versuchen, eine gute qualifizierte Ausbildung zu erhalten, aber, so sagt Ursula Apitzsch:

Alle diese Mädchen befürchten zugleich diffus, daß sie keine realitische Chance haben, nach universalistischen [also für alle geltenden] Kriterien in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, aber sie wissen nicht, wie sie richtig reagieren sollen. Oft manövrieren sie sich gerade durch ihren Eifer und Fleiß in die Modernisierungsfalle, der sie hatten entgehen wollen, indem sie nämlich durch staatliche Förder- und Modellversuchsprogramme wieder zu jenem typischen Frauenberufen zurückgelotst werden, denen sie gerade hatten entkommen wollen. […] Für sie gilt verstärkt eine geschlechtsspezifische Segmentierung [also Aufsplitterung] des Arbeitsmarktes, wie sie prinzipiell auch für deutsche Frauen festgestellt wurde. [Seite 80–81]

Der Sammelband Frauenleben im Wohlfahrtsstaat wurde 1996 von Hede Helfrich und Jutta Gügel herausgegeben. Er ist im Deadalus Verlag erschienen und kostet 38 Mark.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Am Donnerstag, dem 26. November, findet – diesmal im Staatsarchiv am Karolinenplatz – eine Podiumsdiskussion im Rahmen der von mir schon angesprochenen Veranstaltungsreihe zur Globalisierung statt. Es diskutieren dort neben dem Theologen Friedhelm Hengsbach eine Vertreterin der Bundesbank, ein weiterer Bankenvertreter und Oberkirchenrat Dr. Rudolf Kriszeleit von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Veranstaltungsbeginn ist um 19 Uhr 30. Wie gesagt, am 26. November.

Und wir hören uns hoffentlich wieder am nächsten Montag, wenn ich der Frage nachgehe, wie Frauen zu Frauen gemacht werden und welche Frauenbilder dazu ganz bewußt in dieser Gesellschaft erzeugt werden. Ich glaube, das könnte ziemlich interessant werden. Vielleicht könnte sogar unser Oberbürgermeister mit seinem empfindlichen Kunstsachverstand noch etwas dabei lernen.

Durch die heutige Sendung führte Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Diese bestand in: Donna Summer – She Works Hard for the Money.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 13. März 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1998, 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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