Centralstation
Standortfaktor Centralstation

Kapital – Verbrechen

Jahresausklang

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 28. Dezember 1998, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 29. Dezember 1998, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 29. Dezember 1998, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Zum Jahresausklang einige grundsätzliche Anmerkungen zum Standort Deutschland und den damit verbundenen Anforderungen. Mentale Fitness wird hierbei entscheidend und deshalb unternehmen wir einen Ausflug in die Albernheiten der Soziobiologie und der Evolutionsbiologie.

Besprochenes Buch:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Das wichtigste Ereignis des Jahres liegt hinter uns. Die wichtigen Ereignisse sind ja immer die, die auf irgendeine Weise den Standort Deutschland stärken. Wichtig ist, wenn Daimler-Benz Chrysler übernimmt oder wenn Katja Seizinger die Slalomstangen richtig umkurvt, wenn Steffi Graf es allen noch einmal so richtig zeigt.

Den Standortgedanken überhaupt nicht verstanden hat hingegen die deutsche Fußballnationalmannschaft; und deshalb schlage ich ihr eine Verschlankung vor. Die Mittelstürmer sollten an eine Fremdfirma vergeben werden, die Lohnsklaven aus fremden Ländern zu Dumpinglöhnen beschäftigt. Und Egidius Braun sollte eine Unternehmensberatung verpflichten, die ihm sagt, wie die Trainerfrage standortgerecht zu lösen sei.

Denn so geht es ja nun wirklich nicht. Wie bei der Deutschen Bahn AG müssen Spitzenkräfte der Wirtschaft verpflichtet werden. Der erste Chef der privatisierten Bahn namens Heinz Dürr war als Kaputtsanierer bekannt, aber zeigt sein Einsatz bei der Bahn nicht, daß es endlich einmal voran geht?

So einen brauchen wir auch in der Nationalmannschaft. Berti Vogts war zwar schon auf dem richtigen Weg, aber es fehlt ihm jedes Gespür für Outsourcing, Lean Production, Just In Time und Shareholder Value. Aber mit Ribbeck und Stielike, da sehe ich für den Standort ganz schwarz. Das sind ja Methoden aus dem Mittelalter. [1]

Das wichtigste Ereignis für unseren Standort ist natürlich das Weihnachtsfest. Hier schlagen die Umsätze und Profite Kapriolen. Wo sonst außer hier wird soviel Müll gekauft? Es ist einfach genial: da wird das ganze Jahr über ziemlich sinnloses Zeug produziert und kein vernünftiger Mensch würde den ganzen Kram überhaupt haben wollen. Aber zu Weihnachten! Da zeigt sich die Wertschätzung für Kinder, Eltern, Geschwister, Verwandtschaft, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Die Wertschätzung liegt wohl ungefähr proportional zur Anzahl der verschenkten Mülleinheiten. Wer Tomb Raider III spielt, der braucht ja auch das echte Leben nicht mehr. Na ja, das echte Leben findet ja ohnehin im Kino oder in den standortgerecht bescheuerten Comedies oder Talkshows der Fernsehsender statt.

Und so nehme ich an, ihr habt ein paar entsprechend angenehme Tage hinter euch, in dem Bewußtsein, daß ihr zuvor mit eurem Konsumrausch den Standort Deutschland und natürlich ganz besonders den Standort Darmstadt gestärkt habt. Wie soll denn der Peter Benz [2] nächstes Jahr die Stadt regieren, wenn seine Kämmerin Cornelia Diekmann rumjammert? Wenn ihr hier nicht einkauft, woher sollen denn dann die Spargroschen für schöne neue Einkaufswelten kommen?

Hier ein paar Millionen für die nun Centralstation getaufte Heaghalle B verpulvert, an anderer Stelle die Pallaswiesenstraße für investitionsfreudige Gewerbetreibende saniert, von den tollen zwei Multiplexkinos mal ganz zu schweigen, die unseren Standort ja so richtig aufpäppeln. [3]

Wenn dann kein Geld für Jugendliche und Jugendzentren da ist, wenn kümmert's. Die Kids müssen halt früh lernen, ihre Opfer für unseren Standort zu bringen. Wenn Sozialhilfeempfängerinnen und Stützeempfänger das städtische Gartenamt für drei Mark die Stunde unterstützen, das ist echter Bürgersinn!

Wenn die Stadt kein Geld mehr hat, um Bedürftigen menschenwürdig zu helfen, dann müssen die halt im Secondo Sperrmüll erwerben gehen. Oder in Obdachlosenheimen übernachten, von denen selbst der Ehemann der dafür zuständigen Dezernentin Daniela Wagner zugibt, daß die Zustände dort unmöglich sind. Jochen Partsch macht natürlich die Obdachlosen dafür verantwortlich. Wo käme er auch hin, wenn er die Verantwortlichen dort suchen würde, wo sie sind?

Dabei ist es so einfach: Ihr seid schuld! Ihr habt nicht genug eingekauft, so daß der arme notleidende Darmstädter Einzelhandel nicht genügend an die Stadt abführen kann. Aber ihr kriegt noch eine Chance. Verpulvert zum Jahresende eure Spargroschen in Böller, Kracher, Heuler und Sekt. Aber kauft ja in Darmstadt! In der Stadt der hochsubventionierten Künste und der lustigsten Oberbürgermeisterkandidaten, die unser Standort hergeben kann.

Denn im Januar müßt ihr den Standort Darmstadt ganz besonders stärken. Wählt ja Klaus Feuchtinger, den Mann, dem man und frau einfach vertrauen muß, weil nur er so pappnasig sein kann zu behaupten, seine Kandidatur tue Peter Benz nicht weh. Er will es ja gar nicht werden. Was für ein bescheidener Mensch. Jemand, der die Futterkrippe der Macht so offensichtlich verschmäht, das ist der ideale Kandidat.

Alles klar? Nein? Noch nicht überzeugt? Dann werfe ich mal die Ideologie- und Nebelkleistermaschine an und spiele für euch das Motivationslied vom Bruttosozialprodukt. Und wenn ihr dann beschwingt den nächsten Konsumtempel aufsucht – aber bitte erst im Anschluß an diese Sendung! –, dann denkt an mich. Mein Name ist Walter Kuhl. [4]

 

Standort Hessen

Das Jahr geht zu Ende und die neuen Hoffnungsträger der Nation basteln an einer Ökosteuer, die dem Standort möglichst nicht weh tut, aber gleichzeitig den Geldtransfer der Armen zu den Reichen nicht rückgängig macht, sondern standortgerecht modernisiert. Etwas schamlos war in dieser Hinsicht ja schon die alte Regierungskoalition aus CDU und FDP, aber was unsere neue Bundesregierung uns da präsentiert, ist auch nicht von schlechten Eltern.

Der SPIEGEL stellte vor zwei Wochen fest, daß gerade die Industrie gut an der Ökosteuer verdienen werde. Etwa 800 Millionen Mark würden demnach das verarbeitende Gewerbe und der Braunkohlenbergbau pro Jahr auf ihr Guthabenkonto schreiben können. Wie dies? Nun, bei den Lohnnebenkosten würde das verarbeitende Gewerbe vollständig entlastet werden, während es bei den neuen Abgaben auf Strom, Gas und Heizöl einen Steuerrabatt von 75% erhalten würde. Energieintensive Branchen zahlen demnach gar nichts.

Süffisant merkt der SPIEGEL an, daß vor allem von der neuen Steuer völlig befreite Branchen wie etwa der Braunkohlenbergbau und die Zementindustrie weiter sorglos Energie verbrauchen können. Ich weiß ja nicht, was die GRÜNEN sich dabei denken, aber wahrscheinlich plagt sie genausowenig ein schlechtes Gewissen wie ihre Vorgängerpartei FDP.

Denn Ökosteuern, und zwar den vollen Betrag, ohne Rabatt, müssen alle diejenigen zahlen, die zuwenig verdienen, um Steuerschlupflöcher und andere Subventionen in Empfang nehmen zu können. Ich frage mich, wieso die andere Regierungspartei das Wort sozial noch in ihrem Parteinamen trägt, ohne rot zu werden. Obwohl, es könnte ja sein, daß die Röte der Parteifahne nur noch vor lauter Scham zustande kommt.

Fortschritte macht die Schamesrötepartei dann auch in ihrer Bildungspolitik in Hessen. Angesichts des Lehrstellenmangels wurden die zweijährigen Berufsfachschulen völlig überlaufen. Was macht eine sozialdemokratische Partei, wenn sie mit diesem Problem konfrontiert wird? Verbessert sie die Ausbildung an den Berufsfachschulen, indem sie neue Lehrerinnen, Lehrer und Lernmittel bereit stellt?

Aber nein, sie macht einfach den Zugang dicht. Denn das kostet ja schließlich nichts. Jetzt muß man nur noch einen Grund finden, warum man die Kids auf die Straße setzt, und fabuliert dazu etwas von Niveauverlust. Nun glaube ich das gerne, daß das Niveau, was auch immer das sein mag, sinkt, wenn wesentlich mehr Schülerinnen und Schüler mit denselben schlechten Ausbildungsbedingungen konfrontiert werden als zuvor.

Aber Kultusminister Holzapfel macht die neuen Schülerinnen und Schüler dafür verantwortlich. Das ist sehr praktisch, denn damit läßt sich anschließend jede Schikane begründen. Die Schülerinnen und Schüler hätten nämlich unterschiedliche Motivations- und Leistungsvoraussetzungen mitgebracht. Das klingt doch echt gut. Unterschiedliche Motivations- und Leistungsvoraussetzungen. Früher sagte man, die sind echt doof. Fragt sich nur, wer sie doof gemacht hat.

Anstatt die Kids nun dadurch zu motivieren, daß man ihnen eine bessere Ausbildung und zudem noch eine mit beruflicher Perspektive schafft, zerstört man den Rest der noch vorhandenen Motivation ganz gezielt, indem man eine Art Numerus Clausus einführt. Wer danach auf der Straße sitzt, ist eben selbst schuld. Die Sozialämter werden schon die passenden Straßenkehrerjobs für 3 Mark die Stunde bereit stellen. Ob das motiviert?

Einen mutigen Schritt nennt der Hessenkorrespondent des Darmstädter Echo, ein gewisser Rainer Dinges, diese Maßnahme, die mit Beginn des neuen Schuljahrs in Kraft treten soll. Der Mann bemerkt:

Dabei ist ein sinkendes Niveau geradezu zwangsläufig, wenn sich immer mehr ungeeignete Schülerinnen und Schüler, die auf der Suche nach einer Lehrstelle nicht fündig wurden, für zwei Jahre auf die Warteschleife an der Berufsfachschule begeben. Schließlich hat es bei vielen nicht nur am Glück gehapert. Mangelhafte Kenntnisse sind oft genug die Ursache dafür, daß Jugendliche durch die Aufnahmetests von Handels- und Handwerkskammern fallen. [5]

Nehmen wir einmal an, daß mangelhafte Kenntnisse wirklich der Grund sind. Woher kommen die mangelhaften Kenntnisse? Etwa aus den Schulen mit Klassenstärken, die zum Lernen wirklich nicht geeignet sind? Etwa aus Schulen, in denen immer mehr Schulbücher benutzt werden müssen, die schon einen Ausmusterungsstempel tragen? Etwa aus den Schulen, in den aufgrund Lehrermangels immer mehr Stunden ausfallen?

Aber anstatt die Situation in den Schulen zu verbessern, schafft man einfach die Schülerinnen und Schüler ab. Das nenne ich eine elegante und vor allem kostenneutrale Lösung.

Rainer Dinges hätte für seinen Kommentar eine meiner beliebten Virtuellen Zitronen für Journalismus im geistigen Niemandsland verdient. Jedoch hatte er sich in diesem Monat ernsthafter Konkurrenz zu stellen und ist deshalb nur dritter Preisträger geworden. Allerdings erlaube ich mir die Frage, woher der Mann seine mangelhaften Kenntnisse hat?

Vor ein paar Tagen fand ich das Parteiblättchen der SPD für das Johannesviertel in meinem Briefkasten. Verantwortlich hierfür zeichnet ein gewisser Michael Siebel, der bekanntlich Ambitionen zeigt, den Standort Darmstadt zu verlassen und die Futterkrippe im Wiesbadener Landesparlament zu suchen.

In diesem Blättchen heißt es nun, daß Hessens Schülerinnen und Schüler bundesweit Spitze sind. Bei der Mathematik-Olympiade in Potsdam gab es hessische Preisträgerinnen und Preisträger, auch beim diesjährigen Bundeswettbewerb Fremdsprachen. Hessens Schulen seien also besser als der von der CDU verbreitete Ruf. Na ja, die einen werden Bundessieger und die anderen landen auf der Straße. Ist der Ruf erst ruiniert, schreibt sich Unsinn ganz ungeniert. Michael Siebel ist ein wahrhaftiger Vertreter der Stadt, die angeblich die zweitkinderfreundlichste der ganzen Republik ist. Wie mag es dann erst anderswo aussehen! [6]

Fortsetzung folgt.

 

Grundkurs Kapitalismus I

Habt ihr's bemerkt? Seit einem halben Jahr ist keine meiner beliebten Virtuellen Zitronen an das Darmstädter Echo gegangen. Genug Zeit und Gelegenheit also für unsere südhessische Heimatzeitung, in sich zu gehen und sich zu läutern. Ich fürchte nur, es hat nichts genutzt.

Wie dankt mir das Echo soviel Zurückhaltung? Nun, diesen Monat habe ich es echt schwer zu entscheiden, wer denn die Virtuelle Zitrone für gnadenlos begnadeten Journalismus in den abgrundtiefen virtuellen Zeitungswelten erhalten soll.

Kommen wir also zum zweiten Preis. Der Preisträger, er heißt Albin Andree, ist irgendwie auch klasse. Ich habe mir überlegt, ob ich ihm für seinen Kommentar auf der Wirtschaftsseite des 19. Dezember nicht den Besuch des Grundkurses Kapitalismus I nahelegen sollte. Sozusagen als Belohnung für besonders geistreichen Unfug.

Albin Andree schreibt nämlich, die allgemeine Senkung der Telefongebühren in den letzten zwölf Monaten sei ein Beweis für einen funktionierenden Wettbewerb. Aber er sieht schon kommen, daß nur wenige Anbieter den ruinösen Wettbewerb durchstehen werden. Diese würden dann den Markt unter sich aufteilen. Und Andree resumiert:

Konkurrenzkampf ist zwar prinzipiell gut, er wird aber schlecht, wenn keine auskömmlichen Preise mehr möglich sind. Dann steht am Ende das klassische Oligopol. Die wenigen, die übrig bleiben, teilen dann den Markt unter sich auf. Und das kann kein Verbraucher wollen. [7]

Aber schauen wir mal, was der Mann in einem Grundkurs Kapitalismus I lernen könnte, der – damit der Mann dabei nicht noch mehr Scheuklappen erwirbt – möglichst nicht von einer Handels- oder Handwerkskammer angeboten werden sollte.

Zunächst einmal würde er lernen, daß die Beschäftigten der Telekommunikationsunternehmen den von Andree so gelobten Wettbewerb ausbaden müssen. Stellenabbau auf der einen Seite ist verbunden mit verschärfter Arbeitshetze auf der anderen, von lohndrückenden Maßnahmen und 620-Mark-Jobs einmal ganz zu schweigen.

Aber offensichtlich sind das die Späne, die ruhig fallen können, wenn Unternehmen anfangen zu hobeln. Denn Wettbewerb und Sozialverhalten sind – das sagt uns ja unsere Lebenserfahrung – zwei Dinge, die sich ausschließen. Somit könnte Andree lernen, daß Wettbewerb immer darauf hinaus läuft, daß weniger konkurrenzfähige Unternehmen auf der Strecke bleiben; und deren Beschäftigte allemal.

Ein Oligopol oder gar ein Monopol ist ein durchaus realistisches Ergebnis eines solchen Wettbewerbs. Aber das Jammern darüber, daß der Markt tatsächlich funktioniert, nur nicht so, wie sich so mancher einbildet, ist einfach lächerlich. Eben dafür gibt es ja den Grundkurs Kapitalismus I. Was könnte so ein Jammerer denn da noch lernen?

Zum Beispiel, was Privatisierung im Einzelfall bedeutet. Nehmen wir doch einmal die ehemalige Deutsche Bundespost. Man privatisiere ein durchaus funktionierendes Unternehmen, zerschlage es in lukrative Filetstücke und weniger lukrative zur Ausmusterung bestimmte Teilbereiche, lasse die Steuerzahlerin die Verluste tragen und die neuen Anbieter die Gewinne einkassieren.

So funktioniert halt Kapitalismus, wie denn auch sonst? Nicht nur bei der Post, sondern auch bei der Bahn. Nur mit dem feinen Unterschied, daß die Bahn sozusagen von innen ganz bewußt zerschlagen wird. Die Automobil- und Luftfahrt-Lobby sitzt nämlich in Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG. Das Bahnchaos mit Verspätungen, überfüllten Zügen, Stellenabbau und nicht funktionierender Neigetechnik hat durchaus Methode.

Wo, wenn nicht im Kapitalismus, könnte ein solcher Schwachsinn entstehen wie in Darmstadt, bei dem zuerst das Bahnhofspostamt mit Millionenaufwand zur zentralen Poststelle aufgemöbelt wird, um dann ein ganz neues sogenanntes Briefzentrum in der Pampa zu bauen. Wer spätabends noch seine Briefe loswerden will, ist dann halt aufs Auto angewiesen, um zur Kleyerstraße zu gelangen, denn Busse fahren dann auch nicht mehr. Sehr ökologisch, aber wettbewerbskonform.

Und um den armen Herrn Andree im Grundkurs Kapitalismus I nicht zu überfordern, erfolgt die gesamtgesellschaftliche Gewinn- und Verlustrechnung der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes im Aufbaukurs Kapitalismus II.

Dort könnte er dann lernen, wie die beim ruinösen Wettbewerb anfallenden Verluste durch Abschreibungen, Bankrotte oder Steuerschlupflöcher vom Steuerzahler zu begleichen sind, während die übrig gebliebenen Oligopolisten nicht nur auskömmliche Preise verlangen können, sondern auch auskömmliche Profite einkassieren, und darauf kommt es doch schließlich an.

Außerdem würde er dort erfahren, welch gigantische Verschwendung von Ressourcen damit verbunden ist, wenn mehrere Telekommunikationsunternehmen dieselben Dienstleistungen anbieten. Wer um alles in der Welt braucht einen derart aufgeblähten Apparat, wer braucht Leitungen, die nicht benutzt werden, weil der Konkurrent die günstigeren Tarife anbietet?

Diese Ressourcenverschwendung ist typisch für ein Wirtschaftssystem, dem es egal ist, wie hoch die Kosten für die Allgemeinheit sind, Hauptsache, der private Profitsäckel wird nicht angetastet.

Das nun folgende Stück widme ich einer flugerfahrenen Radfahrerin [8]. Und in dem Zusammenhang hätte ich noch einen Hinweis auf unser Nachtprogramm. Radio Darmstadt sendet bis zum 3. Januar rund um die Uhr, das heißt, nachts hört ihr nicht unsere Sendeschleife, sondern ein Liveprogramm. Heute nacht werdet ihr Karin Gerhardt, Norbert Büchner, Susanne Schuckmann und Petra Schlesinger hören; und ich werde Siouxsie and the Banshees beisteuern.

 

Ein Preis

Die Virtuelle Zitrone für virtuellen Journalismus habe ich ja schon am 9. Dezember verliehen. Der glückliche (na, wer weiß?) Preisträger hieß Paul-Hermann Gruner. Er fand die hessische Bildungspolitik offensichtlich auch so toll, so daß er eine Schülerinnen- und Schülerdemonstration gegen die desolate hessische Bildungspolitik zu einer Angelegenheit von zwei oder drei Rädelsführern umdichtete. [9]

Die Schülerinnen und Schüler jedenfalls sahen das anders und suchten Anfang des Monats die Verantwortlichen im SPD-Parteibüro in der Dreibrunnenstraße auf. Daß sie durchaus in der Lage waren, eigenständig zu denken, bewiesen sie bei der anschließenden Diskussion mit den SPD-Parteifunktionären. Anstatt sich belabern zu lassen, forderten sie eine bessere Ausstattung der Schulen und bessere Ausbildungsbedingungen ein.

Wie ihr also sehen könnt, werden in diesem Monat alle Stufen des Siegertreppchens von unserer führenden Lokalzeitung erklommen. Herzlichen Glückwunsch, kann ich da nur sagen. Allerdings erlaube ich mir die bescheidene Frage, ob diese journalistischen Glanzleistungen Rückschlüsse auf die Ausbildungssituation im Journalistenhandwerk zulassen. Dann wäre die SPD aber schleunigst gefordert. So viel verzapfter Unfug ist doch nun wirklich nicht standortgerecht.

 

Evolutionsbiologie für den Standort

Besprechung von : Hede Helfrich (Hg.) – Frauen zwischen Eigen- und Fremdkultur. Weiblichkeitsbilder im Spannungsfeld von Tradition und Moderne, Daedalus Verlag 1995, 216 Seiten, DM 38,00

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der vorherrschenden Wirtschaftsphilosophie und dem scheinbar im Elfenbeinturm versunkenen Wissenschaftsbetrieb. Nichts wäre falscher, als das, was hierzulande für Wissenschaft gehalten wird, für wertfrei zu halten. Selbstverständlich fließen in wissenschaftliche Theorien ideologische Vorstellungen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ein.

Wenn wir mit der Standortlogik gefüttert werden, muß es ja jemanden geben, der die entsprechenden theoretischen Konstrukte bereitstellt. Dafür gibt es die Disziplinen Wirtschaftswissenschaft und Soziologie, aber – und das ist vielleicht erstaunlich – auch die Naturwissenschaften können hierfür bemüht werden.

Unter Naturwissenschaft stellen wir uns ja etwas vor, was von Naturgesetzen beherrscht und daher unabänderlich ist. Die Gravitationskonstante ist natürlich universell gültig; und daß sich die Erde um die Sonne dreht, ist wissenschaftlich gesichert. Wenn es aber darum geht, wie das Leben auf diesem Planeten entstanden ist, wie es sich fortpflanzt und wie sich daraus menschliches Leben entwickeln konnte, dann geht es um mehr als die reine naturwissenschaftliche Erkenntnis. Dann fließen selbstverständlich Vorstellungen ein, die die einzelne Wissenschaftlerin oder der einzelne Wissenschaftler in ihren Köpfen mit sich herumtragen.

Buchcover Frauen zwischen Eigen- und FremdkulturEs läßt sich sogar feststellen, daß diese Vorstellungen nicht einfach individuelle Ansichten über Gott, die Evolution und die Welt sind, sondern daß diese Vorstellungen meist dem gesellschaftlichen mainstream entspringen. Das ist ja auch logisch, denn der Wissenschaftsbetrieb an Hochschulen und Forschungsinstituten sorgt schon dafür, daß nur solche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Karriereleiter emporsteigen, die als angebliches Wissen die vorherrschenden Vorstellungen am besten zum Ausdruck bringen. Diese Art Wissenschaft ist also ihrem Wesen nach konservativ und soll die herrschenden Lebensumstände legitimieren. Also werden derart in den Wissenschaftsbetrieb eingebundene Forscherinnen und Forscher uns mit einem Menschenbild versorgen, das sich prima in den Diskurs um Standortlogik und Globalisierung einbinden läßt.

Die Soziobiologie ist eine in diesem Wissenschaftsbetrieb relativ junge Disziplin, die Ende der 60er Jahre entwickelt wurde und im Laufe der 70er Jahre als allgemeine Grundlage für die Interpretation der Organisation von Tiergesellschaften akzeptiert wurde. Im Mittelpunkt steht nicht die Art, sondern das Individuum, genauer die individuelle Ausstattung und das individuelle Handeln für eine bestimmte ökologische Nische. Deshalb müsse das Individuum egoistisch handeln, denn sein Ziel sei es, sich möglichst effizient fortzupflanzen. Die biologische Grundlage des individuellen Handelns ist das sogenannte egoistische Gen. Der Organismus selbst ist dann nur noch eine Art Hülse für die genetische Information, die an zukünftige Generationen weitergegeben wird.

Die Soziobiologie betrachtet den Begriff der fitness somit auch anders als noch Darwin. Für Darwin bestand fitness eher in der Stärke, der Gesundheit und eventuell auch im besonderen Aussehen eines Organismus. Die neuere Verhaltensbiologie hingegen mißt die fitness eines Individuums schwerpunktmäßig am Verhalten, das auf den Reproduktionserfolg zielt; es geht also darum, ob ein individuelles Tier seine Gene häufiger weitergeben kann als ein Konkurrent oder eine Konkurrentin. Eine solche Sicht paßt gut in unsere Zeit. Es wird die Verantwortung für das eigene gesellschaftliche Handeln geleugnet und statt dessen dem konkurrenzmäßig organisierten Egoismus des Kapitalismus das Wort geredet. Wenn Affen fitness an ihrem Reproduktionserfolg messen sollen, so müssen wir eben fit für den Euro oder ähnlichen Schwachsinn sein.

Fit für den Euro zu sein, darum kümmert sich auch unsere Stadtkämmerin Cornelia Diekmann; und sie modelt die städtische Verwaltung so um, daß der Standort Darmstadt auch hier wieder sein geschäftsfreudiges Gesicht zeigt. Weniger fit sind die Sozialhilfeempfängerinnen und Obdachlosen; aber für diese gibt es ja unterschiedliche Motivations- und Leistungsvoraussetzungen.

Da ich kein Soziobiologe bin, mache ich mir den wirklich lesenswerten Aufsatz von Marianne Christel zu eigen, den ich dem Buch Frauen zwischen Eigen- und Fremdkultur entnommen habe.

Zur Grundlage der Soziobiologie gehört die Evolutionsbiologie, und diese besagt, daß sich auf lange Sicht nur die Merkmale durchsetzen, die ökonomischer sind als andere. Es geht also darum, mit weniger Zeitaufwand, mit weniger Energie und mit weniger Risiko zum gleichen Erfebnis zu kommen. Und das gilt nicht nur für körperliche Merkmale, sondern auch für Verhaltensweisen.

Es geht also um Marktwirtschaft in der Evolution. Die Soziobiologen reden dann auch von Fitnessmaximierung, Investition, Kosten-Nutzen-Rechnungen, Wirtschaftlichkeit oder Eigennutz. Ist es nicht absurd? Da existiert der Kapitalismus mitsamt seiner Profitmaximierung seit ein paar hundert Jahren, aber in der Evolution soll dasselbe Prinzip schon vor Millionen von Jahren gegolten haben.

Kapitalismus und Marktwirtschaft sozusagen als natürliche Konstante des Universums. Und eine solche Sicht legitimiert jede noch so große Ungerechtigkeit auf dieser Welt, denn es ist ja alles natürlich. Diese sich als wissenschaftlich ausgebende Theorie abstrahiert dadurch auch völlig von der in dieser Welt ganz realen Macht und Herrschaft, der dann auch die Früchte dieser pseudowissenschaftlichen Theorie zufallen.

Denn wir sind ja jetzt ganz wild darauf, genauso fit zu sein wie unsere nächsten Artverwandten. Männlichen und weiblichen Primaten werden von der Soziobiologie nämlich bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben. So sollen die Affenmännchen aggressiver sein, während die Affenweibchen nur für ihre Mutterschaft leben. Nur, woher kommen solche Aussagen? Marianne Christel führt dazu aus:

Verschiedene Antworten auf diese Frage sind möglich. Eine selektive Wahrnehmung der Forscher wäre die eine Antwort. Fast zwanzig Jahre lang wurde das soziale Verhalten von Affenverbänden untersucht, die hauptsächlich hierarchisch strukturiert sind wie die Altweltaffen in Afrika und Asien. Das Interesse richtete sich hauptsächlich auf solche Arten, die in der offenen Savanne unter harten Bedingungen leben und die besonders straff organisiert sind […].

Und daß gerade diese Arten so intensiv studiert wurden, lag zum einen an dem profunden Grund, daß sie besser zu beobachten sind – weil sie auf dem Boden leben – als jene, die sich im Baum verstecken können […]. Wenn man die Literatur der 70er Jahre durchforstet, findet man einen großen Teil, in dem Hierarchien und männliches Verhalten untereinander untersucht wurde. Ein selektives Interesse, insbesondere der männlichen Primatologen, bestand an Rangkämpfen und an der imposanten Rolle der Männchen im »Harem«, wie diese polygynen Gruppen mit meist nur einem geschlechtsreifen Männchen bezeichnet wurden. […]

Die[se] spektakulären Auftritte der Männchen sind ein Blickfang, und die Forscher ließen sich lange davon einnehmen. Weibliches Verhalten, so die Freilandforscherin Shirley Strum [...] sei subtiler und deshalb schwieriger zu beobachten. Daher erfordern die Beobachtungen weiblichen Verhaltens möglicherweise das besondere Interesse der Forscher, mehr Geduld und auch längere Beobachtungszeit. [10]

Marianne Christel stellt fest, daß neuere Verhaltensanalysen eher den Schluß nahelegen, daß die Behauptungen zum Verhalten von männlichen und weiblichen Affen teilweise einem groben Übertragen menschlicher Verhaltensweisen geschuldet sind. Kein Wunder, daß der Soziobiologie vorgeworfen wurde, sexistisch, biologistisch und rassistisch zu sein. Eine relativ kleine Gruppe weißer Mittelstandsmänner, so die Biologin Donna Haraway, würde sich die Fortpflanzungsstrategie der Geschlechter ausdenken und einen Diskurs hochtechnologisierter Denkwelten von Europäern und Euroamerikanern auf die Tierwelt übertragen. Marianne Christel ergänzt, daß neuere Freilanduntersuchungen zeigen würden, daß weibliche Individuen sich nicht an eine für sie günstige Evolutionsstrategie halten, wie es die Soziobiologie behauptet.

Ich fasse zusammen: Da gibt es einen männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb, der aus Männersicht die Welt betrachtet und in eine männlichkeitsfixierte Theorie presst. Die Soziobiologie nimmt ein konstruiertes und erwünschtes Menschenbild von aggressiven und dominanten Männern und zu sozialen Diensten bereiten Frauen und stülpt es unseren nahen Verwandten, den Affen, insbesondere den Menschenaffen auf. Nur, wo liegt der Sinn?

Ich denke, daß die marktwirtschaftlich orientierten Begriffe der Soziobiologie den Schlüssel liefern. Wir sollen uns so verhalten wie die Tiere, denen die Soziobiologen ein marktkonformes Verhalten angedichtet haben. Wir sollen nur noch auf unsere eigene fitness schauen; der Rest der Welt hat uns egal zu sein. Konkurrenz ist entscheidend, Solidarität hingegen überflüssig, weil sie keinen Profit bringt.

So wie Kapitalismus dem Wesen nach asozial ist, sollen wir uns – angeblich zu unserem eigenen Nutzen – verhalten. Wer davon profitiert, muß ich wohl nicht sagen.

Inhaltsverzeichnis

Der Aufsatz von Marianne Christel, den ich für meine Ausführungen zugrunde gelegt habe, heißt Das weibliche Tier und ist dem Buch Frauen zwischen Eigen- und Fremdkultur entnommen habe. Weitere interessante Themen des Buches sind: Was Karriereratgeber Frauen Sinnloses empfehlen oder wie die Rolle der Frauen in der Ehe geschichtlich zurückverfolgt werden kann. Das Buch ist 1995 im Daedalus Verlag erschienen und kostet 38 Mark.

Das folgende Stück widme ich der Frau mit dem verlorenen Glöckchen. [11]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Dies war die letzte Folge von Kapital und Arbeit in diesem Jahr. Nach dem Originalton Darmstadt folgt die Kulturredaktion mit Äktschn!

Am Zustandekommen der heutigen Standortsendung waren aufopferungsvoll beteiligt:

Wir hören uns hoffentlich in zwei Wochen wieder bei der nächsten Ausgabe von Kapital und Arbeit. Durch die Sendung führte Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Erich Ribbeck wurde 1998 Nachfolger von Berti Vogts als Bundestrainer. Seine Trainertätigkeit endete nach dem Desaster bei der Fußball-Europameisterschaft 2000, als die deutsche Nationalmannschaft Angsthasenfußball spielte und am 20. Juni in Rotterdam gegen eine technisch versierte B–Auswahl Portugals sang- und klanglos mit 0:3 einging. Das Spiel war ein einziger Leckerbissen!

»» [2]   Oberbürgermeister von Darmstadt 1993 bis 2005.

»» [3]   Die beiden potentiellen Betreiber schlossen einen Deal und bauten nur ein Multiplexkino. Das schon gegossene Betonfundament des zweiten wurde mit Erde überschüttet und wird die nächsten Jahrhunderte als Bauruine von der neoliberalen Standortlogik zeugen.

»» [4]   Es folgte Bruttosozialprodukt von Geier Sturzflug.

»» [5]   Rainer Dinges : Mutiger Schritt, in: Darmstädter Echo vom 18. Dezember 1998, Seite 4.

»» [6]   Focus und Darmstädter Echo im September 1997.

»» [7]   Albin Andree : Funktionierender Wettbewerb, in: Darmstädter Echo vom 19. Dezember 1998, Seite 6.

»» [8]   Insiderwitz. Es folgte Melt! von Siouxsie and the Banshees.

»» [9]   Zehn Jahre später scheint es kaum nachvollziehbar, daß ein solcher Zeitungsartikel derartige Wellen schlagen konnte. Zumal Paul-Hermann Gruner in seiner Headline den damaligen SPD-Landtagsabgeordneten Harald Polster zitiert. Und doch war die damalige tendenziöse Berichterstattung des Darmstädter Echo ein Politikum.

»» [10]   Marianne Christel : »Das weibliche Tier«. Soziobiologische Konzepte weiblicher Verhaltensweisen, in: Hede Helfrich (Hg.): Frauen zwischen Eigen- und Fremdkultur, Seite 36–63, hier Seite 46–47.

»» [11]   Noch ein Insiderwitz. Es folgte Hanging Around von Hazel O'Connor.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. März 1998 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1998, 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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