Deutscher Herbst 1977

Teil 2

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Offenes Haus
Deutscher Herbst 1977 (2)
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Offenes Haus
 
gesendet am :
Montag, 22. September 1997, 17.00-17.55 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 23. September 1997, 08.00-08.55 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Heinrich Breloer : Todesspiel. Von der Schleyer-Entführung bis Mogadischu. Eine dokumentarische Erzählung. Verlag Kiepenheuer & Witsch
  • taz–Journal : die RAF, der Staat und die Linke. 20 Jahre Deutscher Herbst. Analysen, Recherchen, Interviews, Debatten und Dokumente von 1977 bis 1997
  • "jetzt", Jugendbeilage zur Süddeutschen Zeitung vom 1.9.1997
  • Kerstin Froese und Reinhard Scholzen : GSG 9, Motorbuch Verlag
  • Till Meyer : Staatsfeind, Verlag Hoffmann & Campe
  • Mario Moretti : Brigate Rosse, Verlag Libertäre Assoziation und Verlag der Buchläden Schwarze Risse und Rote Straße
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/send199x/oh_19772.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Todesspiel - ein Staat zieht blank
Kapitel 3 : Nachrufe
Kapitel 4 : Supercops
Kapitel 5 : Vernebelungsversuche
Kapitel 6 : Stadtguerilla als weltweites Phänomen
Kapitel 7 : Schluß

 

Einleitung

Hier ist Radio Darmstadt mit dem Offenen Haus. Thema heute ist der sogenannte Deutsche Herbst 1977. Warum heißt der eigentlich Deutscher Herbst? Ich weiß auch nicht, wer den Begriff aufgebracht hat. Aber er beschreibt die Stimmung in einem Land, das daran ging, den Aufbruch der 68er zu beenden, abzuschließen. Die deutschen Sekundärtugenden Ruhe, Ordnung und Denunziation sollten wieder im Vordergrund stehen. Und es war tatsächlich Herbst. Am 5. September 1977 wurde der Vorsitzende beider deutscher Arbeitgebervereinigungen Hanns-Martin Schleyer entführt. Am 19. Oktober wurde er tot aufgefunden. Dazwischen: vier tote Polizisten, Schleyers Fahrer, die entführte Lufthansa-Maschine Landshut, Kapitän Schumann erschossen, drei der Entführer liquidiert, dann noch drei tote Gefangene im sichersten Knast der Welt und Irmgard Möller, die schwerverletzt überlebt. Dazu Fahndung, Hetze, Hysterie, Sympathisantenjagd. Es ist bezeichnend für dieses Land, daß eine Floskel wie es ist mir schleierhaft gleich den Verdacht der Unterstützung des Terrorismus aufwarf.

Dieses Land war nach 1977 ein anderes. Die Linke sollte sich davon nie mehr richtig erholen.

20 Jahre später werden die Geschehnisse wieder hervorgeholt. Bücher und Aufsätze werden geschrieben, Filme gedreht und gezeigt. Aber war es wirklich so, wie es heute dargestellt wird? Zweifel sind erlaubt. 1977 habe ich angefangen, mich zu politisieren. Damals war ich ein ruhiger staatsgläubiger Mensch. Aber die Ereignisse haben mich erschreckt, aufgewühlt. Ich hatte keine Ahnung, wer die RAF war, was sie wollte. Aber ich bekam eine Ahnung davon, was passiert, wenn man den Deutschen die Lizenz zur Denunziation gibt. Oder die Gelegenheit, ihre Kopf-ab-Mentalität zu zeigen.

Innerhalb von sieben Wochen zeigte der Rechtsstaat sein wahres Gesicht. Gefangene wurden einer Kontaktsperre ausgesetzt, die in jedem Drittweltland amnesty international auf den Plan rufen würde. Die Kontaktsperre war bei ihrer Einführung illegal. Gefangene konnten nicht einmal mehr mit ihren Anwälten reden und waren somit der Willkür staatlicher Behörden ausgesetzt. Dann die Nachrichtensperre, die freiwillige Selbstgleichschaltung der Medien. Gebracht wurde nur noch die staatliche Version der Ereignisse. Dies setzte sich fort am Morgen des 18. Oktober, als Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Hochsicherheitstrakt in Stammheim tot aufgefunden wurden. Vor der Obduktion stand schon fest: Selbstmord. Die damals schwerverletzt aufgefundene Irmgard Möller ist bis heute die einzige, die straffrei sagen darf, es war Mord. Alle anderen werden bis heute strafrechtlich verfolgt.

Anders im Ausland. Für führende Zeitungen in Frankreich, Italien und den Niederlanden war dies keine Frage. Den Deutschen war alles zuzutrauen. Und auch für mich geriet damals ein Weltbild ins Wanken. Ein Staat, der ganz offensichtlich nicht zulassen will, daß genauer nachgeforscht wird, hat etwas zu verbergen. Das war für mich - unpolitisch wie ich war - damals eindeutig und daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber wie gesagt, wer etwas anderes als Selbstmord behauptet, wird strafrechtlich verfolgt. Und das möchte ich mir dann doch nicht antun. Mein Name ist Walter Kuhl.

 

Todesspiel - ein Staat zieht blank

Eines der Medienereignisse dieses Jahres war - nein, nicht Diana! - das dokumentarische Fernsehspiel Das Todesspiel von Heinrich Breloer, das Ende Juni an zwei Abenden in der ARD lief. Erinnert ihr euch noch daran? Fünf Millionen sollen es gesehen haben. Damit diese fünf Millionen am nächsten Morgen auch noch wußten, was sie gesehen hatten, wurde ihnen als Morgenlektüre die passende Interpretation geliefert. "Packender geht es kaum" meinte das Darmstädter Echo, "Triumph einer Tragödie" die Süddeutsche Zeitung, "Perfekte Erzählkunst" die Frankfurter Rundschau, und wieder die Süddeutsche "Vielgesehen, hochgelobt". Die Frankfurter Rundschau machte daraus gleich das "Fernsehereignis des Jahres", aber da wußte sie ja noch nicht, daß die Inszenierung schlechthin ja noch kommen würde. Kritische Stimmen - die gab es auch, aber nur in den Szeneblättchen taz und junge Welt.

Was Breloer nicht erzählte:

Er erzählte nicht, daß Schleyer begeisterter Nazi war und schon vor 1933 aus freien Stücken in die HJ eingetreten ist. Bis zum Kriegsende war er an der Organisation der Kriegswirtschaft in der Tschechoslowakei, und das heißt an deren Ausplünderung, beteiligt. Wer sich im September und Oktober zu Schleyers Nazi-Vergangenheit in irgendeiner Weise äußerte, konnte sicher sein, als Sympathisant - das Schlagwort schlechthin - bezeichnet und angefeindet zu werden. In Schulen darüber zu diskutieren, wurde untersagt. Lehrerinnen und Lehrer deswegen verfolgt.

Er erzählt nicht, daß die Kontaktsperre illegal war. Das war auch für die politisch Verantwortlichen offensichtlich, weswegen sie Ende September 1977 innerhalb von drei Tagen das passende Gesetz aus dem Boden stampften. Das Kontaktsperregesetz trat am 2. Oktober in Kraft, ein Gesetz, das heute noch gültig ist und nach 1977 nie wieder angewendet wurde. Breloer hingegen schildert den damaligen Justizminister Hans-Jochen Vogel von der SPD als einen Menschen, der bei allen Überlegungen des Krisenstabs immer wieder auf rechtsstaatliche Prinzipien und das Grundgesetz hinwies.

Er erzählt nichts vom größten Polizeieinsatz in der Geschichte dieser Republik. Am 24. September 1977 sollte in Kalkar eine Großdemonstration gegen den dort geplanten Schnellen Brüter stattfinden. Die aufgeheizte Stimmung im Land wurde dazu benutzt, den gesamten Polizeiapparat gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten einzusetzen. Im Buch ... und auch nicht anderswo!, das versucht, die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung darzustellen, heißt es dazu:

60.000 Menschen machen sich auf den Weg nach Kalkar am Niederrhein, um gegen den im Bau befindlichen Schnellen Brüter zu demonstrieren. 10.000 Polizisten und Grenzschützer kontrollieren im Rahmen des bis dahin größten Polizei-Einsatzes in der bundesdeutschen Geschichte mit Maschinenpistolen im Anschlag Hunderte von Bussen, stoppen fahrende Züge, beschlagnahmen tausendfach Schraubenzieher, Wagenheber, Brauseflaschen, durchsuchen Häuser, Garagen und Autos. Völlig erschöpft von den Strapazen und entnervt von den Schikanen versammeln sich die Demonstranten erst am frühen Abend zur Kundgebung auf der legendären Wiese des Kalkar-Klägers und Bauern Maas.

Hinzuzufügen ist, nur die wenigsten der angereisten Demonstrantinnen und Demonstranten kamen nach Kalkar durch.

Er erwähnt nicht, daß Peter-Jürgen Boock und Silke Maier-Witt, die ihm erzählten, wie es bei der RAF zuging, längst ihre Deals mit der Bundesanwaltschaft gemacht haben. Silke Maier-Witt wurde zur Kronzeugin gegen ihre früheren Genossinnen und Genossen und konnte ihre Haft von lebenslang drastisch auf 5 Jahre verkürzen. Boock log sogar seine Unterstützer im ersten Prozeß gegen ihn an, behauptete, mit keinem Mord etwas zu tun gehabt zu haben. Durch die Aussage derjenigen ehemaligen RAF-Mitglieder, die 1990 in der DDR aufgeflogen waren, wurde er bloßgestellt und mußte zugeben, an der Entführung Schleyers mitgewirkt zu haben. Inzwischen ist er Freigänger. Verkürzte Haftzeit hat ihren Preis. Der heißt in diesem Fall: wes Gunst ich will, des Lied ich sing. Oder einfacher: man sagt, was andere von einem hören wollen.

Er erzählt die Lieblingsversion der Bundesanwaltschaft zu den drei toten Gefangenen in Stammheim. Selbstmord. Er erwähnt nicht, daß im Frühjahr 1977 aufgeflogen war, daß - natürlich illegal - die Gespräche der Gefangenen mit ihren Verteidigern abgehört worden waren. Die Regierung blieb dabei - im Fall einer Notstandslage würde sie ihr illegales Vorgehen wiederholen. Sollte es etwa sein, daß in den sieben Wochen der Schleyer-Entführung das naheliegende vergessen worden ist? Kann es sein, daß - wo sonst jeder Schritt überwacht wurde - die Gefangenen nicht überwacht worden sind? Schwer glaubhaft.

Karl-Heinz Weidenhammer analysiert in seinem 1988 erschienenen Buch Selbstmord oder Mord? das Todesermittlungsverfahren. Sein Schluß ist, daß alle Erklärungsversuche der staatlichen Behörden mit der Realität nicht in Einklang zu bringen sind. So war es beispielsweise absolut unmöglich, daß die Gefangenen im 7. Stock über ihre Anwälte an Waffen gelangen konnten. Aber auch hier fand sich der passende Kronzeuge - Volker Speitel. Deswegen geistert diese Behauptung immer noch als wahr herum.

Er verschweigt, daß sich die Gefangenen in Stammheim ab dem 26. September im Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen und insbesondere gegen die damals noch illegale Kontaktsperre befanden. Äußerungen der Gefangenen, die Regierung könnte mit toten Gefangenen konfrontiert sein, bezogen sich hierauf. Ein Hungerstreik, der bis zum äußersten geführt wird, endet logischerweise mit toten Gefangenen. Offiziell werden die Äußerungen der Gefangenen aber als Vorbereitung zum Selbstmord ausgegeben. Nichts wäre absurder als das.

Er verschweigt als - in dieser Auflistung - letztes, daß Irmgard Möller, die schwerverletzt die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 überlebt hat, ganz klar aussagt, daß die Gefangenen im 7. Stock keinen kollektiven Selbstmord geplant - und diesen auch nicht ausgeführt haben. Irmgard Möllers Darstellung der Ereignisse ist in dem Buch von Oliver Tolmein: »RAF - das war für uns Befreiung« nachzulesen. Für mich gibt es keinen Grund, an ihrer Darstellung zu zweifeln.

Und für dies alles wurden Heinrich Breloer und sein Dokudrama gelobt. Dafür? Ja, genau dafür. Sein Werk ist genehm. Den Medien, die damals geschwiegen haben, wie den politischen Akteuren von damals und heute. Zum Fernsehspiel Das Todesspiel ist das Begleitbuch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

 

Nachrufe

20 Jahre Deutscher Herbst - so heißt ein Journal der taz, der Zeitung, die sich früher einmal als links und radikal verstanden hat. Für einen ersten, oberflächlichen Überblick über 1977 und die Auseinandersetzung zwischen Staat und RAF ist dieses Journal durchaus geeignet. Es hat zudem den Vorteil, mit 9 Mark erschwinglich zu sein. Die letztes Jahr zu lebenslanger Haft verurteilte Birgit Hogefeld beschreibt die Situation Mitte der 70er Jahre als eine, die Jahre später in die RAF gegangen ist. Christiane Ensslin, die Schwester von Gudrun Ensslin schreibt über die Todesnacht im 7. Stock in Stammheim. Auszugsweise wird das gerade erwähnte Gespräch zwischen Oliver Tolmein und Irmgard Möller wiedergegeben. Zeitdokumente und taz-Artikel der letzten 20 Jahre runden das Ganze ab. Auch wenn ich selbst viele Artikel nicht so besonders erhellend, sondern manchmal eher vernebelnd finde, kann ich das Journal als Einstieg und erste Orientierung erst einmal empfehlen.

Im krassem Gegensatz dazu das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung jetzt. In der Beilage zur Ausgabe vom 1. September wird darin der Versuch unternommen, den Deutschen Herbst einem jugendlichen Lesepublikum nahezubringen. Der Inhalt ist allerdings erschreckend - unpolitisch. Die versammelten Autoren vermerken, daß die RAF zum Mythos verkommen ist. Jugendliche beziehen sich auf Symbole und ihre eigene Vorstellung vom Abenteuer Guerilla im Untergrund. Anstatt nun aber die Mythen zu knacken, verklären die Autoren auf andere Weise. Es findet keine Auseinandersetzung mit der Geschichte der 70er Jahre statt. Sie ist zu Ende, muß nicht mehr verstanden werden, hat sich erledigt, ist aufgesogen von der Realität der 90er Jahre.

In den letzten Jahren werden die Zeichen der RAF mehr und mehr zu Gegenständen der Parodie. In Hamburg gibt es den Catering-Service Rote Gourmet Fraktion, der mit einem Messer über dem roten Stern wirbt; in Kassel kann man in den Technoclub Stammheim gehen; und ganze Merchandising-Versandhäuser leben von T-Shirts mit Variationen des berühmten Emblems. Die RAF scheint als Gimmick zu überleben - und genau das weist auf ihr endgültiges Verschwinden hin.

So schlimm war die RAF ja nun auch wieder nicht, daß sie einen solchen Nachruf verdient hätte.

 

Supercops

Seit Mogadischu ist die GSG 9 der Inbegriff einer erfolgreichen Spezialtruppe. Harte Männer, spezielle Waffen, der Duft von Freiheit und Abenteuer - das ist der Mythos. Der Bildband GSG 9 aus dem Motorbuch Verlag versucht, hier zu differenzieren. Aber die Innenansichten eines Spezialverbandes des Bundesgrenzschutzes - so der Untertitel - sind nicht dazu angetan, den Mythos zu knacken. Immer wieder neue Photos aus Übungen und Einsätzen lassen keine Frage aufkommen, ob Polizeieinsätze vielleicht auch einmal ohne den Einsatz von Gewalt möglich wären. Kerstin Froese und Reinhard Scholzen über ihre Motive:

Die GSG 9 kann nur erfolgreich arbeiten, wenn ihre taktischen und technischen Möglichkeiten nicht allgemein bekannt sind. Zur Wahrung der Sicherheit der einzelnen Beamten ist es notwendig, daß deren Identität geheimgehalten wird. Je weniger Informationen jedoch aus der Unterkunft der GSG 9 an die Öffentlichkeit dringen, desto größer wird die Neugier der Öffentlichkeit und der Medien. Die fehlenden Informationen führen sehr bald zu falschen Vorstellungen, Mißverständnissen und Fehlinterpretationen. Wir möchten mit unserer Darstellung über die GSG 9 an die Stelle von Gerüchten und Spekulationen aktuelle und objektive Informationen über den Spezialverband des Bundesgrenzschutzes setzen.

Objektiv ist jedenfalls die Beschwerde, daß eine wankelmütige, unkoordinierte Informationspolitik über die Ereignisse in Bad Kleinen 1993 zu Mißtrauen in Teilen der Bevölkerung geführt habe. Hat ein Beamter der GSG 9 Wolfgang Grams erschossen? Nun, Kerstin Froese und Reinhard Scholzen würden mich mit einer solchen Frage zu den unseriös arbeitenden Journalisten zählen. Sei's drum. Das Buch Bad Kleinen und die Erschießung von Wolfgang Grams zeigt deutlich, daß die offizielle Version nicht stimmen kann. Froese und Scholzen hätten sich wohl eher gewünscht, daß die offizielle Version am besten keine Fragen mehr aufgeworfen hätte. So auch die, wer den Polizeibeamten Newrzella erschossen hat. Wolfgang Grams war es sehr wahrscheinlich nämlich nicht. Letzte Sicherheit hierüber könnten nur diejenigen geben, die systematisch alle Spuren vernichtet haben.

 

Vernebelungsversuche

Die RAF war in den 70er Jahren Staatsfeind Nummer 1, auch wenn die wenigsten genauer wußten, wer denn die RAF war und was sie wollte. In den Medien wurden sie willkürlich und mit Absicht vernebelnd mal als Anarchisten, die sie nicht waren, als Kommunisten, Spinner oder Kriminelle bezeichnet. In einer Sondersendung zum Deutschen Herbst 1977, die am Sonntag, dem 19. Oktober von 15 bis 17 Uhr auf 103,4 MHz laufen wird, werde ich auch versuchen darzustellen, was die RAF dem eigenen Selbstverständnis nach war.

Neben der RAF gab es jedoch weitere Stadtguerilla-Organisationen in der BRD und Westberlin. Da war in Berlin die Bewegung 2. Juni, bekannt für Banküberfälle, bei denen Schokoküsse unter die verdutzten Kundinnen und Kunden verteilt wurden. 1975 entführte sie den Landesvorsitzenden der berliner CDU, Peter Lorenz, kurz vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin. Diese Entführung endete mit der geforderten Freilassung von Gefangenen. Ende der 70er Jahre wurde die Bewegung 2. Juni aufgelöst, ein Teil der Organisation ging in der RAF auf.

Dann gab es die Revolutionären Zellen und deren Ableger, die Rote Zora, die bis in die 90er Jahre hinein mit Aktionen in Erscheinung traten.

Till Meyer war in der Bewegung 2. Juni und damit ein solcher Staatsfeind. Er beschreibt in seinen Erinnerungen hauptsächlich diese 70er Jahre. Das Jahr 1977 erlebte er im Knast:

In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1977 um drei Uhr flog meine Zellentüre auf. Vier, fünf Männer in schwarzen Lederjacken forderten mich aggressiv auf, sofort die Zelle zu verlassen. Über zwei Stunden wartete ich in einer Leerzelle. Als ich zurückkehrte, lagen meine paar Habseligkeiten zu einem Haufen zusammengeworfen auf dem Bett. Die Zelle war gründlichst auf den Kopf gestellt worden. Das Radio war weg. »Sie unterliegen ab sofort der Kontaktsperre. Was das genau heißt, kriegen Sie morgen per Gerichtsbeschluß mitgeteilt«, belferte kurz die abrückende BKA-Truppe. Kontaktsperre? Über sechs endlose Wochen sollte ich erfahren, was das hieß. »Ab sofort gilt: kein Anwaltsbesuch, kein Postverkehr, keine Zeitungen, kein Radio, kein Besuch, kein Kontakt zu Mitgefangenen, Einzelfreistunde, Einzelduschen, Ausschluß von allen Gemeinschaftsveranstaltungen (Kirche), Essensausgabe nur durch Beamte, stündliche Kontrollen Tag und Nacht unter Einschaltung der Beleuchtung, tägliche Zellen- und Körperkontrolle.« Als ich den Beschluß mehrmals gelesen hatte, mußte ich schlucken. Was ist denn jetzt los? Anwaltsausschluß, das gibt es nicht mal in Diktaturen, was haben die mit uns vor? [...] Alles, was während der Schleyer-Entführung ablief, einschließlich der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut nach Mogadischu, erfuhr ich erst, nachdem es vorbei war.

Till Meyer wurde 1986 aus der Haft entlassen und arbeitete einige Jahre für die taz, die berliner Tageszeitung, bis aufflog, daß er jahrelang für die Stasi die westdeutsche Linke ausspioniert hatte. Auch darüber schreibt er in seiner Biographie Staatsfeind, die als Spiegel-Buch erschienen ist. Das Buch hat einen großen Nachteil: Till Meyer ist Egozentriker und das merkt man dem Buch deutlich an. Ein Buch, das ich daher eher nicht zur Lektüre empfehlen würde. Im Gegensatz zu dem Buch, das ich nach der nun folgenden Musik vorstellen werde.

 

Stadtguerilla als weltweites Phänomen

Stadtguerilla-Organisationen gab es nicht nur in der BRD. Es gab die Weathermen in den USA, die sich nach einer Textzeile eines Songs von Bob Dylan benannt hatten: you don't need a weatherman to know which way the wind blows. Es gab Action Directe in Frankreich, die RARA in den Niederlanden, die Kämpfenden Kommunistischen Zellen (CCC) in Belgien und natürlich die bekannteste von allen - die Roten Brigaden in Italien.

Deren Entstehungsgeschichte unterscheidet sich jedoch grundlegend von der der RAF. Die Brigate Rosse war das Spiegelbild der italienischen Verhältnisse. Im Gegensatz zur BRD gab es Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre weit entwickelte Klassenkämpfe. Zur Unterstützung dieser - oft militant geführten Kämpfe - bildete sich Anfang der 70er eine Art Fabrikguerilla in den großen Fabriken des Nordens: FIAT, Alfa Romeo, Pirelli, Siemens. Mit vielen kleinen Aktionen, oft Bestrafungsaktionen gegen Vorarbeiter oder Manager, machten die Roten Brigaden auf sich aufmerksam. Und sie waren durchaus im Fabrikalltag integriert und akzeptiert. Selbst wenn Arbeiterinnen und Arbeiter nicht mit der Politik der Brigate Rosse einverstanden waren, Denunziationen gab es nur selten. Die Roten Brigaden wurden von vielen Proletariern in Italien als Teil eines gemeinsamen Kampfes begriffen.

Warum das so war und warum sich das später änderte; warum dann die Roten Brigaden zum Angriff auf das Herz des Staates ansetzten - das erzählt einer der historischen Anführer der Roten Brigaden, Mario Moretti, in einem langen und spannenden Gespräch mit Rossana Rossanda und Carla Mosca. Carla Mosca arbeitet beim staatlichen italienischen Rundfunk; Rossana Rossanda ist eine bekannte italienische Publizistin und Politikerin. Sie wurde als Mitglied des Zentralkomitees 1970 aus der PCI, der damaligen italienischen Kommunistischen Partei, ausgeschlossen und gründete mit anderen eine neue linke Organisation, die sich um die Zeitung Il Manifesto gruppierte. Die Organisation ist zerfallen, die Zeitung gibt es noch heute. Rossana Rossanda schreibt in ihrem Vorwort:

Der Gegner hat selten ein Gesicht. Mario Moretti hat die Brigate Rosse angeführt und übernimmt die Verantwortung für die verursachten und erlittenen Tode. Den Tod für ein politisches Ziel herbeizuführen macht den Tod nicht weniger schlimm. Moretti weiß das und sagt, daß das die Tragödie ist, irreparabel, ein Preis, der nicht wieder gutgemacht werden kann. Er mißt nicht Gewalt an Gewalt, die ausdrückliche Gewalt einer beherrschten Klasse gegen die subtile Gewalt der herrschenden Klasse; er mißt die Mittel am Ziel, und in diesem Punkt läßt er sich auch nicht leicht belehren, gewährt sich allerdings auch keine Ausflüchte.

Mario Moretti ist das genaue Gegenteil zu Till Meyer. Bescheiden, aber immer bereit, die Verantwortung für Fehler und die Geschichte der Brigate Rosse zu übernehmen. Und er kann die Geschichte der Roten Brigaden bis zu seiner Verhaftung 1981 wie kaum ein zweiter erzählen. Insbesondere zum Jahr 1978, dem Jahr der Entführung Aldo Moros. So wie die Bundesregierung zusammen mit CDU/CSU-Opposition Hanns-Martin Schleyer nicht austauschen wollte, so auch die Democrazia Christiana ihren Parteivorsitzenden Aldo Moro. Zumal Moro der Fraktion um Andreotti im Weg war, von dem heute bekannt ist, daß er mit der Mafia aufs engste zusammen gearbeitet hat. Ein faszinierendes, aber auch anstrengendes Buch. Es setzt eigentlich gute Kenntnisse der jüngeren italienischen Geschichte voraus und gibt gleichzeitig Einblicke ins pulsierende Leben der italienischen Verhältnisse der 70er Jahre.

 

Schluß

Dies war also die zweite Sendung in Radio Darmstadt zum Deutschen Herbst 1977. In der ersten hatte ich Frauen zwischen Befreiung und Knast vorgestellt: Irmgard Möller, Inge Viett und Birgit Hogefeld. Am Sonntag, den 19. Oktober, werde ich nachmittags ab 15 Uhr zwei Stunden nicht nur den Deutschen Herbst Revue passieren lassen, sondern nach Möglichkeit auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Am Tag darauf, also am 20. Oktober, kommt Monika Haas zu Wort. Sie soll die Frau gewesen sein, die 1977 dem Entführerkommando der Landshut die Waffen überbracht hat. Behauptet zumindest die Bundesanwaltschaft, obwohl es nicht den Tatsachen entspricht.

Nun noch einmal die besprochenen Bücher bzw. Zeitschriften:

  • Heinrich Breloer : Todesspiel. Von der Schleyer-Entführung bis Mogadischu. Eine dokumentarische Erzählung. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Das Buch hat 304 Seiten und kostet 19 Mark 80.
  • taz-Journal : die RAF, der Staat und die Linke. 20 Jahre Deutscher Herbst. Analysen, Recherchen, Interviews, Debatten und Dokumente von 1977 bis 1997. Es umfaßt 108 Seiten und ist im Zeitschriftenhandel oder bei der taz in Berlin für 9 Mark erhältlich.
  • jetzt, die Jugendbeilage zur Süddeutschen Zeitung vom 1.9.1997. Einzusehen in der Landesbibliothek oder direkt von der Süddeutschen Zeitung in München zu erhalten.
  • Kerstin Froese und Reinhard Scholzen : GSG 9. Das im Motorbuch Verlag in Stuttgart erschienene Buch hat 175 Seiten und kostet 59 Mark.
  • Till Meyer : Staatsfeind. Erinnerungen. Ein Spiegel-Buch, erschienen bei Hoffmann & Campe. Das Buch hat 474 Seiten und kostet 44 Mark.
  • Mario Moretti : Brigate Rosse: Eine italienische Geschichte. Erschienen als Gemeinschaftsproduktion der Verlage Libertäre Assoziation und der Buchläden Schwarze Risse und Rote Straße. Das Buch hat 285 Seiten und kostet 29 Mark.

Die Musik stammte heute von Siouxsie and the Banshees.

Einen Veranstaltungshinweis habe ich noch. Wir stellten am letzten Dienstag in der Sendung Kapital und Arbeit eine CD vor, deren Erlös der Unterstützung des Kampfes von Mumia Abu-Jamal gegen die gegen ihn verhängte Todesstrafe dienen soll. Jamal, zur Erinnerung, ist ein schwarzer Journalist, der sich bei der Polizei und den Behörden in Philadelphia mit seinen kritischen Recherchen unbeliebt gemacht hatte. Ihm wurde deshalb ein Mord an einen Polizisten angehängt. 1982 wurde er zum Tode verurteilt. Sein [damaliger] Anwalt Len Weinglass und seine Schwester Lydia Wallace werden am Donnerstag in dieser Woche in Heidelberg sein. Ab 20 Uhr findet im Karlstorbahnhof eine Veranstaltung mit beiden statt, in der unter anderem über den aktuellen Stand des Verfahrens berichtet wird.

Es verabschiedet sich Walter Kuhl. Die Zitate aus den besprochenen Büchern hat vorgelesen und an der Technik war ...

... Günter Mergel. Diese Sendung wird am morgigen Dienstag ab 8 Uhr wiederholt.

Fragen, Anregungen oder Kritik nehme ich gerne entgegen. Am besten per Fax unter der Nummer 29 11 55 oder schriftlich an die Redaktion Offenes Haus in der Bismarckstraße 3 in 64293 Darmstadt.

Nachtrag: Anschrift und Telefonnummer stimmen nach dem Umzug zum Steubenplatz 12 natürlich nicht mehr. Erstaunlich ist, daß Radio Darmstadt selbst drei Jahre nach dem Umzug im Jahr 2000 immer noch Post auf seine alte Adresse erhält. Hier also die neue:
Radio Darmstadt
Steubenplatz 12
64293 Darmstadt
fon: (06151) 87 00 100
fax: (06151) 87 00 111
email: redaktion@radiodarmstadt.de

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 23. März 2005 aktualisiert.
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