Aufstand des Gewissens

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Kommentar :
Aufstand des Gewissens
im Rahmen der VVN-Sendung
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Offenes Haus
 
gesendet am :
Montag, 1. September 1997, 17.00-17.55 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 2. September 1997, 08.00-08.55 Uhr
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/send199x/oh_aufst.htm
 
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Kommentar

Nein - eine Gegenveranstaltung zur Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 habe sie nicht sein sollen, die Ausstellung Aufstand des Gewissens, die vom 12. bis zum 30. Juli im Foyer des Kongreßzentrums im Obergeschoß des Luisencenters zu sehen war. Das Thema dieses historischen Rückblicks, bestehend aus Bildern, Schautafeln und erläuternden Texten, war der Militärische Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933-1945. Die Ausstellung selbst wird seit 1984 vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam organisiert und war lange Zeit nur im Bundestag und in Kasernen zu sehen.

Nachdem nun das Verteidigungsministerium den Wert einer solchen Ausstellung erkannt hatte, wurde sie gründlich und anspruchsvoller neu zusammengestellt. So kann sie auch in einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt werden. Erkenntnisse der Ausstellung Vernichtungskrieg sind jedoch nicht eingeflossen.

Die Bundeswehr, so Oberstleutnant Dr. Gerhard Groß vom Militärischen Forschungsamt, versteht den damaligen Widerstand als Vermächtnis. [1]

Ich will in den kommenden Minuten darlegen, welcher Art dieses Vermächtnis ist und daß es gut zu der neuen Rolle der Bundeswehr im internationalen Rahmen paßt.

Die Ausstellung selbst zeigt nachhaltig, daß gerade das Militär die Weimarer Republik ablehnte und schon von daher offen für antidemokratische revisionistische Parteien und Gesellschaftssysteme war. (Revisionistisch meint, daß der Versailler Friedensvertrag nicht akzeptiert wurde.) Das Militär widersetzte sich dem Machtantritt Hitlers nicht. Im Gegenteil, nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg 1934 war es Reichswehrminister von Blomberg, der - nur gestützt auf sein Verordnunsgsrecht als Minister - ohne gesetzliche Grundlage von sich aus die Vereidigung der Reichswehr auf Hitler befahl. Wenn also geltend gemacht wird, daß die Reichswehr aufgrund des geleisteten Eides auf Hitler schwerem moralischen Ringens mit dem eigenen Gewissen ausgesetzt und daher zum Widerstand nicht fähig gewesen war, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Die ganze ist, daß der Eid aus freien Stücken geleistet wurde.

Daniel Goldhagen hat in seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker die geistige Haltung der Offiziere der Wehrmacht und von Teilen des Widerstandes so beschrieben:

Zur Opposition gegen die Nationalsozialisten motivierte in der Regel nicht eine grundsätzliche Gegnerschaft gegen die Ausschaltung der Juden aus der deutschen Gesellschaft. Selbst Berthold von Stauffenberg, der Bruder jenes Claus von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 die Bombe zündete, die Hitler töten sollte, sagte aus: "Auf innenpolitischem Gebiet hatten wir die Grundideen des Nationalsozialismus zum größten Teil bejaht ... Der Rassegedanke ... erschien uns gesund und zukunftsträchtig"; sie hätten nur die Durchsetzung "für überspitzt und übersteigert gehalten".
Im Namen der meisten Mitglieder des nichtkommunistischen und nichtsozialistischen Widerstandes faßte der Onkel Stauffenbergs, Graf Üxküll, die Absichten der größten und einflußreichsten Widerstandsgruppierung, der konservativen und militärischen Opposition um Stauffenberg und Carl Goerdeler, so zusammen: "Am Rassegedanken sollte festgehalten werden, soweit dies möglich war." Wer im nationalsozialistischen Deutschland den Begriff der "Rasse" als Organisationsprinzip des gesellschaftlichen und politischen Lebens akzeptierte, übernahm die Grundlage des herrschenden kognitiven Modells von den Juden. [2]

Soweit Goldhagen. - Und tatsächlich zeigt die Ausstellung mit geradezu provozierender Offenheit, daß sich kein Widerstand gegen die Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben und danach gegen deren Ermordung regte. Immer dann, wenn führende Offiziere sich mit Putschgedanken befaßten, hatte es mit Hitlers Außenpolitik zu tun. Zu dem schon angesprochenen Eid heißt es im Begleittext zur Ausstellung:

Die Unbedingtheit des Gehorsams und der Fortfall des Bezuges auf Volk und Vaterland in der neuen Eidesformel rief bei einigen Offizieren

 - bei offensichtlich nur einigen! - 

ernste Bedenken hervor. Dennoch wollten sie den Wiederaufbau der Armee, die Revision des Versailler Vertrages und die Wiederherstellung der Großmachtstellung Deutschlands durch ihre Verweigerung nicht aufhalten. [3]

Sowohl der Einmarsch der Reichswehr ins entmilitarisierte Rheinland 1936 wie der Einmarsch nach Österreich 1938 ließen Putschpläne in der Reichswehr aufkommen. Grund war jeweils die Befürchtung, das Ausland werde dies nicht hinnehmen, was schwere Folgen für die Souveränität Deutschlands zur Folge haben würde. Als aber das Ausland beide Aktionen hinnahm, waren die Putschgedanken auch schnell wieder verflogen. Ähnliches geschah aufgrund des Beschlusses Hitlers 1938, die Tschechoslowakei anzugreifen. Der Chef des Generalstabes des Heeres, General Ludwig Beck, hatte ernste Bedenken gegen diese Politik. Er sah

eine drohende kriegerische Verwicklung mit Frankreich und England. Hier waren für ihn die Grenzen des militärischen Gehorsams erreicht.

Im Text zur Ausstellung heißt es dann prägnant weiter:

Dem Patrioten Ludwig Beck ging es vielmehr um die Verhütung einer allgemeinen Katastrophe für Deutschland. [4]

Nach dem Münchener Abkommen, das die Annektion des Sudentenlandes vorsah und keine Kriegshandlung erwarten ließ, verschwanden auch wieder alle Putschgedanken.

 

Was Stadtoberhäupter für pädagogisch wertvoll halten

Oberbürgermeister Peter Benz bezeichnete diese Ausstellung als eine "Mahnung für die Zukunft" und "als wertvoll besonders für die Jugend" [5]. Ich frage mich dann allerdings schon, worin das Wertvolle bestehen mag. Als gäbe es Goldhagens Buch nicht, wird als Stand der Forschung immer noch das Märchen von den verführten und eingeschüchterten Deutschen unter dem Nationalsozialismus aufgewärmt. Der Widerstand nämlich habe damit zu kämpfen gehabt, daß angesichts Hitlers "spektakulärer Erfolge" es kaum möglich gewesen sei, "die Bevölkerung von der verderblichen Politik Hitlers zu überzeugen." [6]

Viele Deutsche, darunter auch zahlreiche Offiziere

wie zahlreich, ob im Promille- oder Prozentbereich erfahren wir nicht in dieser diffusen Auflistung

erfüllten diese Verbrechen

gemeint ist die Reichspogromnacht im November 1938

mit tiefem Abscheu. Manche von ihnen

manche, sicher, und und noch viel mehr manche andere nicht

haben sich schützend vor ihre jüdischen Mitbürger gestellt. Zu der entscheidenden Aktion des Widerstandes gegen das NS-Regime kam es jedoch nicht. [7]

Wer Daniel Goldhagens Buch gelesen hat, wird verstehen, warum die Deutschen nicht von Hitlers verbrecherischer Politik zu überzeugen waren. Sie standen nämlich weitestgehend hinter ihr. Antisemitismus war ein gesellschaftlicher Grundkonsens; die Auffassung, daß die Juden aus der Gesellschaft entfernt gehörten, weit verbreitet und akzeptiert. Dies galt für ganz normale Deutsche genauso wie für Bischöfe oder die Offiziere der Reichswehr. Ein Satz wie

Aber auch Einheiten der Wehrmacht und einzelne Soldaten ließen sich zu solchen Verbrechen hinreißen. [8]

ist einfach indiskutabel. Und schon gar nicht "wertvoll".

Und so waren es auch nicht 6 Millionen ermordete Juden und die vielen anderen Kriegsverbrechen, an denen auch die Wehrmacht beteiligt war, die das Gewissen regten. 1944 wurde nämlich überdeutlich, daß das Großdeutsche Reich den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Und so versuchte man, einen Separatfrieden mit den westlichen Kriegsgegnern zu erreichen, auch mit dem Hintergedanken, mit diesen gemeinsam den bolschewistischen Feind im Osten zu besiegen.

Was hier als Stand der Forschung vorgestellt wird, ist die Fortsetzung konservativer Geschichtsschreibung. Forschungsergebnisse, die nicht in den Kram passen, bleiben unberücksichtigt. Und dann beschweren sich die konservativen Gralshüter in Politik und Wirtschaft über den vernachlässigten Forschungsstandort Deutschland. Anstatt derartiger Forschung noch Milliarden Mark unterzuschieben, wäre es wohl angebrachter, diese Herren und ihre Institutionen in die Wüste zu schicken.

Der 20. Juli 1944 ist hierzulande zwecks geistiger Sinnstiftung aufgebauscht worden. Für ein moralisch sauberes Gewissen eines Nachkriegsdeutschland brauchte man einige wenige Momente des Widerstandes. Da Hitler und seine Gefolgschaft dem deutschen Volk weitestgehend aus dem Herzen sprachen, gibt es davon nicht viel zu berichten. So werden antidemokratische, z. T. offen antisemitische Männer und Frauen zum Gewissen einer ganzen Nation. Mit Hitlers Tod sollte nicht etwa die Demokratie wiederbelebt werden. Die Planungen zielten eindeutig auf die Errichtung einer Militärdiktatur. Wenn diese Sorte moralisches Gewissen zur ideologischen Sinnstiftung dieser Gesellschaft beitragen soll, dann sagt das eigentlich alles darüber aus, was für eine Gesellschaft hier erwünscht ist.

Der Titel Aufstand des Gewissens wäre dann gerechtfertigt, wenn man den Widerstand in all seinen Facetten schon sehr früh benennen würde. Also den Widerstand etwa von Kommunisten und Sozialdemokraten, den es ja schon sehr sehr früh gegeben hat. Aber diese Ausstellung reduziert es im wesentlichen auf den militärischen Widerstand. Und der kam nun bekanntermaßen sehr spät. Und deswegen hab ich gesagt, wenn es ein Aufstand des Gewissens war, dann wunder' ich mich, daß das Gewissen so lange gebraucht hat, um aufzustehen. [9]

Diese Worte stammen von Moritz Neumann, dem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Hessen.

Die Bundeswehr versteht den damaligen Widerstand als Vermächtnis

zitierte ich anfangs Oberstleutnant Dr. Gerhard Groß vom Militärischen Forschungsamt in Potsdam. Wenn ich jetzt resümiere und feststelle, daß die Ausstellung einen militärischen Widerstand gezeigt hat, der lange Zeit nur mit dem eigenen Gewissen rang - vielleicht heißt die Ausstellung auch nur deshalb Aufstand des Gewissens - und sich erst dann kurzzeitig offen zeigte, als russische Truppen Ostpreußen erreicht hatten, dann frage ich mich schon, welches Vermächtnis hier gezeigt werden soll. Wer die Ausstellung gesehen hat, mußte sich eigentlich wundern, daß die Wehrmacht mit dem Begriff Widerstand überhaupt in Verbindung gebracht werden konnte. Zu mühsam wurden einzelne Beispiele hervorgekramt - einzelne Fälle bei unzähligen höherrangigen Offizieren.

Gut - die Ausstellung zeigte wirklich deutlich - und ehrlich -, was es mit dem militärischen Widerstand auf sich hatte. Ich würde sagen, aufgeblasene Luft. Wenn das Verteidigungsministerium einen Wert für diese Ausstellung gesehen hat, dann doch diesen, ein bißchen Luft einen anderen Anstrich zu geben, der einer breiteren Öffentlichkeit ein positives Bild der Wehrmacht liefern soll. Die Wehrmacht ist Vorgängerin und Vorbild der Bundeswehr. Und heute, acht Jahre nach dem Fall der Mauer, dürfen deutsche Truppen wieder dort eingesetzt werden, wo die Wehrmacht sich schrecklicher Verbrechen schuldig gemacht hat, nämlich im ehemaligen Jugoslawien. Ich weiß nun nicht genau, was sich die Initiatoren dieser Ausstellung gedacht haben. Ob sie nur unverfroren die Wehrmacht reinwaschen wollten und damit grünes Licht für den Einsatz der Bundeswehr überall auf der Welt geben wollten. Oder ob sie sagen wollten, war doch gar nicht so schlimm damals. Ich weiß jedoch, daß diese Ausstellung weder besonders wertvoll ist noch ein postives Vermächtnis darstellt. Peter Benz als Antifaschist sollte sich schämen, dazu solch einen Stuß beigetragen zu haben.

Auf einer Podiumsdiskussion zur Ausstellung [am 12.07.1997] wurde die Frage nach den Konsequenzen des 20. Juli gestellt. Das Auditorium wußte mit Ausnahme einer Stimme aus dem Hintergrund keine Antwort. "Den Kriegsdienst verweigern", meinte der einsame Rufer. Ich denke, das kann nur ein erster Schritt sein. Es gibt da das Zitat von Tucholski, wonach Soldaten Mörder seien. Wenn es hier überhaupt ein Vermächtnis gibt, dann dies, dafür zu sorgen, daß zumindest deutsche Soldaten keine Chance mehr auf einen Einsatz bekommen.

Der Katalog zur Ausstellung enthält weitere Beiträge zum Thema, meist aus konservativer Sicht. Er kostet 18 DM und ist im Verlag Mittler & Sohn erschienen. Die Ausstellung selbst wird im Herbst in Frankfurt gezeigt werden; ganz bewußt als Gegenausstellung zur Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   So zitiert im Darmstädter Echo vom 14. Juli 1997.
[2]   Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, Siedler Verlag, Seite 146.
[3]   Aufstand des Gewissens, Verlag E.S. Mittler & Sohn, Seite 53.
[4]   Aufstand Seite 66.
[5]   Darmstädter Echo 14.07.1997.
[6]   Aufstand Seite 76.
[7]   Aufstand Seite 77.
[8]   Aufstand Seite 109.
[9]   O-Ton Moritz Neumann während der Ausstellungseröffnung in Darmstadt am 12. Juli 1997. Ich verdanke den Originalton Marc Egelhofer von der Redaktion Aktuelles.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 28. März 2005 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 1997, 2001, 2005
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