Buchbesprechungen

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Offenes Haus : VVN
Buchbesprechungen
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Offenes Haus
 
gesendet am :
Montag, 1. Dezember 1997, 17.20-17.55 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 2. Dezember 1997, 08.20-08.55 Uhr
Dienstag, 2. Dezember 1997, 12.20-12.55 Uhr
Ob diese zweite Wiederholung tatsächlich stattgefunden hat, läßt sich anhand des RadaR–Archivs nicht mehr feststellen.
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Briefe an Goldhagen, Siedler Verlag
  • Hansjürgen Raettig : Eine Stellungnahme zu dem Buch von Daniel Jonah Goldhagen »Hitlers willige Vollstrecker«, Rita G. Fischer Verlag
  • Gerhard Baumfalk : Überfall oder Präventivschlag? Rita G. Fischer Verlag
  • Ullrich Amlung, Gudrun Richter und Helge Thied : »… von jetzt an geht es nur noch aufwärts: entweder an die Macht oder an den Galgen!«, Schüren Presseverlag
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Briefe an Goldhagen
Kapitel 3 : Kleine Auflage, große Klappe
Kapitel 4 : Sozialdemokratisch zerrieben
Kapitel 5 : Schluß

 

Einleitung

Ina Deter Band : 40 Jahre danach

All eure Lügen kommen gut an,
sie sind so verpackt, daß man sie glauben kann,
vom kleinen Mann fürchtet ihr kein'n Protest,
ihr habt ihn für eure Dienste erpreßt.
Der hat schon mal "Kanonen" geschrien,
statt Butter, und lag so
vor euch auf den Knien,
ihr habt ihn damals auch betrogen,
und seid schon wieder genauso verlogen.
Ich habe gehofft, das war ernst gemeint,
nach Auschwitz würdet ihr müde sein,
ich habe geglaubt, das war ernst gemeint,
Hiroshima würde nie wieder sein.

Die in diesem Lied von Ina Deter vorgenommene Gleichsetzung von Auschwitz und Hiroshima finde ich bedenklich. Sicher ist auch der amerikanische Atombombenabwurf auf Hiroshima als Kriegsverbrechen zu bezeichnen. Es ging nicht mehr darum, die japanische Armee in die Knie zu zwingen, denn die japanische Kapitulation war nur noch eine Frage von Tagen. Es ging vielmehr darum, die wenigen noch verbleibenden Kriegstage dazu zu nutzen, die neue amerikanische Waffe schnell noch zu testen.

Wenn aber eine Deutsche diese Gleichsetzung macht, relativiert sie ein deutsches Verbrechen. Es ist völlig uninteressant, welche Kriegsverbrechen sich die Amerikaner in Hiroshima oder in Vietnam oder die Franzosen in Algerien haben zuschulden kommen lassen. Auschwitz ist ein deutsches Verbrechen und in seiner Art einzigartig.

 

Briefe an Goldhagen

Und damit komme ich zur Vorstellung von Büchern, die sich mit der Judenvernichtung, dem Nationalsozialismus und dem 2. Weltkrieg beschäftigen. - Die politische Diskussion der beiden letzten Jahre war zu einem nicht unwesentlichen Teil von zwei Themen bestimmt, die mit dem Dritten Reich zu tun haben. Zum einen war es die Ausstellung Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Diese Ausstellung warf nicht nur ein bezeichnendes Licht auf die angeblich so reine Wehrmacht. Gerade in Hinsicht auf eine innenpolitische Diskussion, die darauf aus ist, die Bundeswehr überall in der Welt marschieren zu lassen, war diese Ausstellung geradezu ein Politikum.

Das andere Thema war das provokative Buch von Daniel Jonah Goldhagen Hitlers willige Vollstrecker. Goldhagen stellte darin alle in der bisherigen historischen Forschung aufgestellten Erklärungen darüber, warum der Holocaust überhaupt möglich und wer dafür verantwortlich war, in Frage. Seine These, daß ganz gewöhnliche Deutsche in nicht unerheblicher Anzahl Täter, und zwar Täter aus innerer Überzeugung waren, wurde von rechts bis links in den Medien mehr oder weniger scharf verurteilt - sein Buch war dennoch ein Bestseller. Offensichtlich wollten sich Hunderttausende ein eigenes Bild machen; und ich denke, Goldhagens souveräne Auftritte im Fernsehen haben dazu beigetragen.

Was ist seither geschehen? Die Debatte ist abgeflaut. Nicht wenige haben an Goldhagen geschrieben; haben ihm für sein Buch gedankt; haben sich dagegen verwahrt; haben das Buch oder den Autor angegriffen oder verteidigt. Einige dieser teilweise sehr persönlichen Briefe sind in dem Buch Briefe an Goldhagen, das dieses Jahr im Siedler-Verlag erschienen ist, abgedruckt. Die Briefe beschäftigen sich mit Goldhagens These, daß es ganz gewöhnliche Deutsche waren, mit Antisemitismus als der entscheidenden Grundlage, mit Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, mit Verdrängung und Schuld. Zum Schluß geht Daniel Goldhagen noch einmal ausführlich auf diese Briefe ein. Er zitiert eine Meinungsumfrage aus dem Jahr 1996. Darin wurden Leute, die mindestens 65 Jahre alt waren, befragt, ob sie zum Zeitpunkt der Ereignisse vom Holocaust gewußt hätten. 27% antworteten mit Ja. Zu sagen, niemand oder keine habe davon gewußt, ist angesichts einer solchen Zahl absurd. Ich möchte aus einem der Briefe einige Passagen vorlesen:

[...] Sie haben [...] gesagt, Ihrem Eindruck nach hätten sich die Deutschen seit 1945 geändert. Doch die unfaire und empörende Position, die man Ihnen während der Diskussion aufzwang, wirft schon die Frage auf, wieweit sie sich geändert haben. Als Zuschauer hatte ich den Eindruck, daß die Diskussion einen nicht allzu subtilen Versuch darstellte, Sie einfach einzuschüchtern. Sie waren mit einer Gruppe von Gegnern konfrontiert, denen man gestattete, den Versuch zu unternehmen, sie geistig niederzuknüppeln, ohne daß Sie die Chance erhielten, sich unter gleichen Bedingungen zu verteidigen. Diese Art von Einschüchterung erinnert genau an die Phase der deutschen Geschichte, über die sie geschrieben haben, und beweist damit wohl einige der Wahrheiten, die Ihr Buch enthält. [...]
Beim Anhören dieser Diskussion mußte ich wieder einmal an eine bekannte Anekdote über Albert Einstein denken. [...] Es geht in dieser Geschichte um Einsteins Kommentar zu einem Buch, das hundert nationalsozialistische Professoren veröffentlichten und in dem die Relativitätstheorie verdammt wurde. Als man Einstein nach diesem Buch fragte, war er an der Angelegenheit nicht besonders interessiert. »Wenn ich unrecht hätte«, so meinte er, »dann hätte ein Professor gereicht.«
Sicher gibt es außer mir auch viele andere Leute, die der Ansicht sind, wenn Ihr Buch ganz abwegig wäre, dann hätten es die deutschen Kritiker nicht nötig gehabt, Sie einzukesseln und zu überwältigen. Sie hätten nicht die Art von psychischem Druck einsetzen müssen, den sie [...] anzuwenden versuchten. Hätten Sie unrecht, dann hätte ein Professor ausgereicht. [Briefe an Goldhagen, Seite 41-43]

Soweit aus einem Brief an Daniel Goldhagen. Ich kann mich dem nur anschließen. Insbesondere hinsichtlich der Frage, ob sich die Deutschen, oder genauer die politischen und ideologischen Anschauungen der Deutschen, seit der NS-Zeit wirklich grundlegend gewandelt haben. Ich finde, Goldhagen ist da zu optimistisch. Vielleicht sind die Deutschen nicht mehr so antisemitisch, aber Rassismus ist in dieser Gesellschaft salonfähig und wird tagtäglich praktiziert.

Hierbei möchte ich an die Ereignisse in Babenhausen im Mai erinnern, die dazu führten, daß Babenhausen sozusagen wieder judenfrei ist. Und ich möchte daran erinnern, daß ein Antifaschist wie der darmstädter Oberbürgermeister Peter Benz den Satz gesagt haben soll - wenn man dem Darmstädter Echo vom 21. November 1996 Glauben schenkt -,

verdächtige Leute ausländerrechtlich zu überprüfen und bei bestätigtem Verdacht in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft schnellste Abschiebung zu veranlassen.

Offensichtlich gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung bis zum rechtskräftigen Urteil nur für Deutsche. Ich werde darauf am Donnerstag in meiner Sendung zu Phantomverbrechen ausführlich eingehen.

Das von mir gerade vorgestellte, interessante Buch Briefe an Goldhagen. Eingeleitet und beantwortet von Daniel Jonah Goldhagen ist im Siedler Verlag erschienen. Es hat 250 Seiten und kostet 29 Mark 80.

 

Kleine Auflage, große Klappe

Wie ich schon sagte, hat Daniel Goldhagens Buch polarisierend gewirkt. Eine Stellungnahme zu diesem Buch ist im Rita G. Fischer Verlag erschienen und trägt den Untertitel "Wie erlebte ein deutscher Bürger das 20. Jahrhundert". Der Autor, Hansjürgen Raettig, ist ansonsten völlig unbekannt. Dies hat seine Gründe. Der Verlag gehört zu den vielen Kleinverlagen, die sich dadurch tragen, daß Autorinnen und Autoren einen Teil der Druckkosten selbst tragen. Rita Fischer - so berichtete die Frankfurter Allgemeine am 16. Oktober [1997] - hat dies vor etwa 20 Jahren als Marktnische entdeckt. In diesen 20 Jahren habe sie rund 2500 Titel auf den Buchmarkt geworfen: Belletristik, Sachbücher, Ratgeber und Gedichtbände.

Entsprechend ist die Ausstattung der Bücher und wenig erstaunlich die schlechte Lektorierung. Wenn ich in dem Buch, das ich jetzt kurz vorstellen werde, lesen muß, daß die Kreuzfahrer im Kampf um Jerusalem das Osmanische Reich zum Gegner hatten, dann muß ich einfach lachen. Das Osmanische Reich bestand im 12. und 13. Jahrhundert, der Zeit also, in der Kreuzfahrerheere im vorderen Orient wüteten, überhaupt noch nicht. Dieses Beispiel ist exemplarisch für das Bändchen von Hansjueren Raettig mit dem Titel Eine Stellungnahme zu dem Buch von Daniel Jonah Goldhagen »Hitlers willige Vollstrecker« und dem schon genannten Untertitel. Nun - wie erlebte dieser deutsche Bürger das 20. Jahrhundert? Geboren 1911, in einer deutschnational (also reaktionär) gesinnten Familie aufgewachsen, studierte Raettig Medizin und trat 1932 in die Reichswehr ein. Im 2. Weltkrieg war er Frontsoldat. Raettig gehört zu denen, die die Verbrechen der Nazis nicht leugnen, aber ganz gewöhnliche Deutsche hiermit nicht in Zusammenhang gebracht wissen wollen:

Der Holocaust wurde ideologisch von wenigen Männern in der NS-Führung geplant, von einer kleinen Gruppe der SS mit deutscher Gründlichkeit organisiert und von dem Personal der Vernichtungslager unter strenger Geheimhaltung, noch dazu im Ausland, durchgeführt. Dem ganz gewöhnlichen Deutschen war es also in dieser Endphase des tausendjährigen Reiches nicht nur nicht möglich, den Holocaust wahrzunehmen, sondern auch nicht, ihn willig zu vollstrecken. [Raettig, Seite 51]

Das - erklärt er uns - waren ja die anderen. Einige Nazis, litauische Antisemiten oder Österreicher. Bis zum Beweis des Gegenteils halte ich ihn - in Anführungszeichen "nur" - für einen rechten Spinner, dem die Gelegenheit über Rita Fischers Verlag geboten wurde, sein rechtes, rechtsradikales Zeug loszuwerden. Jemand, der seitenlang darüber doziert, wer denn jetzt als Jude bezeichnet werden kann und was das Judentum eigentlich ist, kann ich nur in dieser Ecke des politischen Spektrums einordnen. Sein Menschenbild paßt dazu: denn es waren ja nicht die Deutschen, die böse waren, sondern es ist sozusahen eine anthropologische Konstante. Der Mensch schlechthin ist aggressiv; und wenn er Macht erhält, dann wird diese Aggression transformiert in Bosheit. Alle Menschen sind so, wenn sie die Gelegenheit erhalten. Und damit sind die Deutschen auch nicht mehr die Bösen. So einfach ist das.

Sein mit Anekdötchen angereichertes Buch endet in der Fragestellung, ob Hitlers Antisemitismus darin begründet liegen könnte, daß möglicherweise Juden hinter der zweimaligen Ablehnung des Aufnahmeantrags Hitlers in der Wiener Kunstakademie standen. - Ich glaube, es reicht.

Nein, tut es eben doch noch nicht. In Rita Fischers Verlag ist ein weiteres Buch ähnlichen Kalibers erschienen. Ein Gerhard Baumfalk fragt provokativ Überfall oder Präventivschlag? und meint damit den deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Kurz zusammengefaßt lautet seine These, Hitler sei einem Angriffskrieg Stalins nur zuvorgekommen. Seine Begründung für diese These hält zwar keiner ernstzunehmenden historischen Analyse stand, aber darauf kommt es ja auch nicht an. Sein Buch, dessen Einband in passendem Braun verlegt ist, soll für ein geneigtes Publikum die passende message liefern. Wenn er sich zudem noch positiv auf Ernst Nolte und Adolf von Thadden von der NPD bezieht, dann ist hier der Fall klar - rechtsradikal.

Und solche Bücher sind problemlos auf der Frankfurter Buchmesse zu bekommen.

 

Sozialdemokratisch zerrieben

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag Carlo Mierendorffs zum 100sten Mal. Seine Geburtsstadt Großenhain in Sachsen würdigte ihn mit einer Ausstellung; über den zugehörigen Katalog zur Ausstellung, die im Sommer dieses Jahres auch in Darmstadt zu sehen war, möchte ich im folgenden reden.

Als zehnjähriger übersiedelt seine Familie 1907 nach Darmstadt und Carlo besucht hier das Ludwig-Georgs-Gymnasium. Zwei Tage nach einem eher mittelmäßig bestandenem Notabitur meldet sich Mierendorff im August 1914 als Kriegsfreiwilliger. Noch zu Ende seiner Schulzeit hatte er sich mit literarisch, künstlerisch und politisch Gleichgesinnten zu einem kleinen Zirkel zusammengefunden, der sich in den folgenden Jahren dem Expressionismus zuwandte. Dieses Lebensgefühl prägte den jungen Carlo, der in Polen und Nordfrankreich den Krieg hautnah erlebt. Von Kaiser Wilhelm II. erhält er persönlich das Eiserne Kreuz I. Klasse überreicht; doch mit Kriegsende vollzieht sich bei ihm eine innere radikale Wendung von der Kunst weg zur Politik. Er schreibt dazu:

Auf dem Frankfurter Bahnhof schrie ein Hungernder: "Wir brauchen keine Kunst, wir müssen erst leben." Dieser Mensch hat recht. Weg mit der Kunst, sie ist Luxus. Weg mit dem verschwenderischen Zeitvertreib der Besitzenden. Weg mit den Künstlern. Sie sind Faulenzer. Niemand hat noch Berechtigung, sich zu leben, Überflüssiges zu treiben, jeder arbeite, daß die Nation lebe. Nur notwendige Leistungen sanktionieren das Dasein. [Amlung u.a., Seite 23]

[Anmerkung von mir - das ist ein Weltbild, das ich nicht teile; das mir aber symptomatisch für Mierendorffs weiteren Lebensweg erscheint.]

Carlo Mierendorff stellt sich sofort auf die Seite der noch jungen Weimarer Republik und wird - so der Katalog - zum leidenschaftlichen Vertreter eines demokratischen, undogmatisch verstandenen Sozialismus. Er gibt die Zeitschrift Das Tribunal - Hessische Radikale Blätter in Darmstadt heraus, von der 1919 und 1920 insgesamt 14 Ausgaben erscheinen. Im Januar 1920 wird er Mitglied der SPD. Ein Schritt, der bei seiner bürgerlichen Herkunft eher ungewöhnlich ist. Er studiert zunächst Volkswirtschaft und macht anschließend in der SPD Karriere. Dabei kommt ihm seine Fähigkeit zu schriftlicher und mündlicher Agitation zugute. Er pendelt zwischen Berlin und Darmstadt und wird schließlich 1930 Reichstagsabgeordneter für Darmstadt. Die folgenden Jahre widmet er der politischen Arbeit gegen die Reaktion, insbesondere gegen die Nazis. Er veröffentlicht die sogenannten "Boxheimer Dokumente", die ihm zugespielt wurden, eine Aufstandsplanung der Nazis für Hessen. Dadurch macht er sich die Nazis zu Todfeinden.

Mierendorff wird zwar am 5. März 1933 erneut in den Reichstag gewählt, kann aber sein Mandat nicht mehr antreten. Er gehört zu denjenigen, die im Anschluß an den Reichstagsbrand politisch verfolgt werden. Einige Monate kann er seinen Häschern entkommen, bis er im Juni gefaßt wird. Er wird ins KZ Osthofen, dann ins KZ Börgermoor im Emsland eingeliefert. Vier Jahre sitzt er dann bis 1937 im sächsischen KZ Lichtenburg, wenig später wird er mit Auflagen entlassen. Zunächst erholt er sich, knüpft aber sofort politische Kontakte. Nach Kriegsbeginn gründet er den Kreisauer Kreis mit, eine kleine Widerstandsgruppe, die die geistig-politische Erneuerung Deutschlands diskutiert. Zu Widerstandshandlungen kommt es seitens des Kreises nicht. Man geht davon aus, daß es die Reichswehr sein muß, die gegen Hitler putscht. Mierendorff wird bei einem alliierten Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 getötet.

Der Katalog wurde von Ullrich Amlung, Gudrun Richter und Helge Thied erstellt und trägt den Titel »... von jetzt an geht es nur noch aufwärts: entweder an die Macht oder an den Galgen!« - Carlo Mierendorff, Schriftsteller, Politiker, Widerstandskämpfer. Er ist im Schüren Verlag erschienen, reich bebildert und kostet 28 Mark.

Einige Anmerkungen möchte ich dazu noch machen: Da Mierendorff Sozialdemokrat war, konzentriert sich auch die historische Einordnung, die die Autorin und die Autoren machen, auf die SPD. Das ist legitim, aber blendet gleichzeitig Wichtiges aus. Wenn davon berichtet wird, daß Mierendorff sich begeistert der jungen Weimarer Republik anschloß, dann fehlt der Verweis darauf, daß diese aus einem Bündnis von SPD und Reichswehr hervorgegangen ist, mit der die Revolution vom November 1918 erdrückt wurde. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Tausender Spartakistinnen und Spartakisten durch gerade diese SPD wird nicht einmal verschämt erwähnt.

Interessant ist Mierendorffs Beschäftigung mit politischer Propaganda, über deren Grundlagen und Formen er sogar eine Broschüre mitverfaßte. Aber nicht nur hier, sondern auch in seiner einzigen Rede im Reichstag kommt ein militarisiertes Verständnis von Politik zum Ausdruck, das sicher in der Weimarer Republik bei allen Parteien weit verbreitet war. Das hätte genauer benannt, eventuell auch kritisiert werden müssen.

Nicht problematisiert wird die Haltung des Kreisauer Kreises zur Reichswehr. Wie ich schon am 1. September in einem Beitrag zur Ausstellung Aufstand des Gewissens, die im Luisencenter gezeigt wurde, ausgeführt hatte, planten die Verschwörer des 20. Juli 1944 eine Militätdiktatur.

Und zuletzt: Für die Schilderung der Situation 1932 ist ein Satz wie

Die Lage der SPD im gesamten Reichsgebiet wurde immer aussichtsloser, "zerrieben" zwischen der KPD auf der einen und der NSDAP auf der anderen Seite. [Amlung u.a., Seite 55]

einfach geschichtsklitternd. Die arme SPD zwischen rechts gleich links. Das entläßt die SPD nicht aus der Mitverantwortung für das Scheitern einer gemeinsamen Strategie zusammen mit der KPD gegen die Machtübergabe an die Nazis.

 

Schluß

Zum Schluß der Sendung eine Übersicht über die Sendungen des Offenen Hauses im Dezember:

  • Morgen, am 2. Dezember [1997], geht es bei der Umweltredaktion in Zusammenarbeit mit Greenpeace um Gentechnik in Lebensmitteln.
  • Am Donnerstag, dem 4. Dezember, werde ich dem Phantom Verbrechen oder auch nur einigen Phantomverbrechen auf der Spur sein. Themen sind unter anderem: Rassismus bei der Polizei, die sogenannte Ausländerkriminalität und der jüngste Vorfall eines Polizeiübergriffs in Darmstadt.
  • Am nächsten Montag, am 8. also, stellt der Freundeskreis des Albert-Schweitzer-Hauses seine Arbeit vor.
  • Am Dienstag, dem 9. Dezember, wird sich Markus Lang mit dem Thema Blutspende auseinandersetzen.
  • Die Rosa Welle, die Schwulenredaktion bei RadaR, ist am Donnerstag, dem 11. Dezember, zu hören.
  • In zwei Wochen, also am Montag, dem 15. Dezember, werde ich wieder Bücher zum Themenkomplex Kapital und Arbeit vorstellen - und wieder eine Virtuelle Zitrone verteilen. Einen aussichtsreichen Kandidaten habe ich schon.
  • Die Computerredaktion meldet sich am Dienstag, dem 16. Dezember, zu Wort.
  • Am 18. Dezember werden Susanne Schuckmann und Günter Mergel Ergötzliches und Erschreckendes vorstellen. Bei ihnen geht es um Esoterik zwischen Magie und Aberglaube.
  • Unser Magazin Flickenteppich wird wieder am Montag, dem 22. Dezember, zu hören sein.
  • Am Dienstag, dem 23., werde ich ohne besonderen Themenschwerpunkt Fundstücke von der Frankfurter Buchmesse vorstellen. Wer also dann noch nicht das passende Weihnachtsgeschenk hat, kann vielleicht dort eine Anregung finden.
  • Den 1. Weihnachtsfeiertag könnt ihr andächtig oder besser ausgelassen mit der Rosa Welle begehen.
  • Am Montag, den 29. Dezember, ist dann wieder Karin Gerhardt mit Wohnsinn zu hören.

Die genannten Sendungen beginnen alle um 17 Uhr und werden am darauf folgenden Tag ab 8 Uhr und - falls der Programmrat von RadaR das demnächst für gut befindet - nochmals ab 12 Uhr wiederholt.

Und der 30. Dezember ist noch frei für Gruppen oder Einzelpersonen, die immer schon mal ihre Arbeit vorstellen wollten oder einfach so mal Radio machen wollten. Interessentinnen und Interessenten hinterlassen am besten eine Nachricht für das Offene Haus. Telefonisch unter der 29 11 11 oder per Fax unter der 29 11 55. Wir melden uns dann. Oder aber ihr kommt zu unserer nächsten Redaktionssitzung am Donnerstag, dem 11. Dezember, um 18 Uhr 15 in unsere Räumlichkeiten in der Hindenburgstraße 42.

Nachtrag: Radio Darmstadt ist Anfang Januar 2000 umgezogen: Steubenplatz 12, 64293 Darmstadt, Telefon: (06151) 87 00 100, Telefax: 87 00 111.

Am Mikrofon war Walter Kuhl. In Kürze folgt der Originalton Darmstadt und wir erfahren, was sich heute in Darmstadt und Umgebung ereignet hat.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 28. März 2005 aktualisiert.
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