Darmstädter Zeitung
Kopfzeile der „Darmstädter Zeitung“ 1903.

Antiziganistische Zündler

Zwei Zeitungsmeldungen im Jahr 1903

Betrachtungen zum Antiziganismus in Darmstadt

Im Sommer 1903 veröffentlichte das hessische Regierungsblatt, die „Darmstädter Zeitung“ zwei Meldungen zu einem angeblich von „Zigeunern“ begangenen versuchten Überfall auf einen unbescholtenen Bürger. Diese beiden Meldungen gilt es einzuordnen in eine allgemeine und insbesondere im Hausorgan des Darmstädter Bürgertums vorzufindene Hetze gegen diejenigen, die als „Zigeuner“ diffamiert wurden.

Dieser Umgang mit „Zigeunern“ fand seine Fortsetzung in der Weimarer Republik. Selbst der später von den Nazis verfolgte hessische Sozialdemokrat Wilhelm Leuschner arbeitete als Innenminister während der Weimarer Republik an der Verfolgung dieser Gruppe, die nahtlos, aber in ganz anderen Dimensionen von den Nationalsozialisten fortgeführt wurde. Es gibt Kontinuitäten, die verschiedenste staatliche Ordnungen überdauern und deshalb selbstredend auch im 21. Jahrhundert weiterhin anzutreffen sind. Das Augenmerk ist hierbei auf die Brandstifter zu legen, die nicht unbedingt selbst zündeln müssen, um ein ihnen genehmes Ergebnis zu erhalten. Die deutsche Asyl-, Flüchtlings- und Migrationspolitik seit (mindestens) den 1980er Jahren gibt hierfür ein beredtes Zeugnis ab. Jahr für Jahr werden Menschen von deutschen Mordbanden terrorisiert, ohne daß der bürgerliche Staat eingreift, und an deutschen Grenzen (oder der Festung Europa) werden weiterhin Tausende Menschen drangsaliert, verfolgt, verjagt und ermordet.

Soweit hier von „Zigeunern“ die Rede ist, wird auf die diskriminierende Ausdrucksweise der „Darmstädter Zeitung“ Bezug genommen, eine Ausdrucksweise, die ich mir nicht zu eigen mache.


1. Akt : Das Verbrechen … 

In der „Darmstädter Zeitung“ findet sich am 23. Juli 1903 folgende Meldung:

Mainflingen, 22. Juli. Der Fuhrmann Alois Ehmann von der Aschaffenburger ‚Bavaria‘-Bierbrauerei stieß gestern Abend gegen 9 Uhr auf seiner Rückfahrt mit einem Bierwagen zwischen Seligenstadt und Stockstadt auf der Höhe von Mainflingen bei der hessisch-bayerischen Landesgrenze auf eine am Waldessaume lagernde Zigeunerhorde. Einer der schmutzigen Gesellen trat an das Gefährt heran und begehrte von dem Fuhrmann ein Streichholz, worauf dieser, von bangen Ahnungen erfüllt, dem Zigeuner seine ganze Schachtel hingab. Als nun der Zudringliche auch die Uhr des Fuhrmanns verlangte, hieb Ehmann rasch entschlossen auf die Pferde ein und suchte das Weite. Vom Waldessaume her drang noch der Ruf an sein Ohr: ‚Schießt ihn tot!‘ Unmittelbar darauf krachte auch ein Revolverschuß, der indessen sein Ziel verfehlte. Ehmann erhob alsbald in Stockstadt Anzeige. Danach wurde die aus 3 Familien mit zusammen etwa 15 Personen bestehende Bande verhaftet und nach dem Amtsgerichts­gefängnis zu Seligenstadt eskortiert.“

So etwas nennt man oder frau dann wohl zurecht Sippenhaft. Alle der diffamierten Gruppe werden eingesperrt, obwohl sich die Geschichte selbst eher wie eine Räuberpistole liest.

2. Akt : … das aus geschürter Angst entsprang 

Zwei Tage später können wir in selbiger „Darmstädter Zeitung“ eine ganz andere Version der Geschehnisse nachlesen:

Mainflingen, 24. Juli. Die gerichtliche Untersuchung der erwähnten ‚Ueberfalls‘-Sache auf der Seligenstadt-Stockstädter Landstraße, insbesondere die gestern am Seligenstädter Amtsgerichte vollzogene Konfrontierung der verhafteten Zigeunermänner mit dem angeblich überfallenen Bierfahrer Alois Ehmann aus Aschaffenburg ergab gegen erstere keinerlei Belastungs­momente und demgemäß wurden die drei festgenommenen Zigeunerfamilien, zusammen 15 Personen, aus der Haft entlassen. Ein Zigeuner hatte lediglich von dem des Weges ziehenden Fuhrmanne ein Streich­hölzchen begehrt und sich nach der Zeit erkundigt. Es gewinnt die Annahme an Wahrschein­lichkeit, Ehmann stehe noch dermaßen unter dem erschütternden Eindrucke der kürzlich im Büchelberge bei Aschaffenburg an der Telephonistin Josephine Haas aus Bamberg verübten Mordtat, daß er in seiner plötzlichen Gemütsaufwallung schleunigst Reißaus nahm. Bei der Beschleunigung des Fuhrwerks stürzte eines der Pferde und wurde schwer verletzt.“

Das liest sich schon ganz anders. Weshalb dann 15 Personen, wohl auch Frauen und Kinder, eingesperrt werden mußten, läßt sich vermutlich nur aus der ohnehin vorhandenen Feindseligkeit gegen jegliche Sinti und Roma erklären.

Bemerkenswert an dieser Darstellung ist, daß dem Fuhrmann die Verantwortung für diesen Zwischenfall in die Schuhe geschoben wird. Der wird sicherlich nicht allein auf diese Idee gekommen sein. Auch wenn er gewiß nicht die „Darmstädter Zeitung“ als Haus- und Magenlektüre verköstigt haben mag, so werden andere Publikationen die Ängeste gegen diebische, räuberische und mitunter auch mordende „Zigeunerhorden“ geschürt haben. In der „Darmstädter Zeitung“ finden sich im Laufe der Jahre einige erschreckende Beispiele, die durchaus der Bild-Zeitung, wenn nicht Schlimmerem, würdig wären. Ein wesentliches Merkmal dieses Ver- und Abdrängens der eigenen Verantwortung ist es, nach jahrelanger Hetze in ein Lamento einzufallen, daß die Umsetzung der hierbei geschürten Gewalt­phantasien nun wirklich nicht gemeint war. Und, natürlich, sind die Betroffenen (um den problematischen Begriff „Opfer“ zu vermeiden) ohnehin selbst an ihrem Schicksal schuld.

Ob der Fuhrmann nun wirklich an die Telephonistin gedacht hat oder eher einer antiziganistischen Grundeinstellung gefolgt ist, dürfte mehr als ein Jahrhundert später nicht mehr herauszufinden sein. Vielleicht hilft uns bei dieser Fragestellung ein weiterer Artikel aus der „Darmstädter Zeitung, der wiederum wenige Tage später einen Wesenszug der bürgerlichen Ordnung unverhüllt zum Vorschein brachte.

3. Akt : Verfolgen und verjagen 

Am 30. Juli 1903 beschrieb die „Darmstädter Zeitung“ die damalige hessische Abschreckungspolitik gegen nicht erwünschte „Ausländer“. Parallelen zu modernen Abschreckungs­methoden sind weder zufällig noch herbeigeredet, sondern aus der Logik der Sache heraus zu begreifen und daher unvermeidlich.

Aus dem östlichen Odenwald, Ende Juli. Die Klagen unsrer Bevölkerung über das Zigeunerunwesen sind seit etwa einem Jahr verstummt. Dem energischen Einschreiten unsrer Verwaltungs­behörden ist es gelungen, die diebischen Nomaden aus unsren Gebirgsdörfern vollständig fernzuhalten. Die Ortspolizei­behörden gehen in anerkennenswerter Weise so unnachsichtig streng gegen die Banden vor, daß sie die Gegend auf Nimmerwieder­sehen verlassen. Sobald sich in den Kreisen Dieburg und Erbach eine Zigeunerbande blicken läßt, sind Straßenwärter, Förster u. s. w. verpflichtet, der zuständigen Ortspolizei­behörde Anzeige zu machen. Diese benachrichtigt auf kürzestem Wege die nächste Gendarmeriestation, welche den womöglich sofortigen Schub nach der Landesgrenze ins Werk setzt. Ist die Tagezeit soweit fortgeschritten, daß der Schub nicht mehr bewerkstelligt werden kann, dann wird den Zigeunern u. s. w. vor dem Dorfe ein Lager angewiesen, das unter Zuziehung von Gendarmen, Polizeidienern, Feldschützen u. a. ununterbrochen während der Nacht bewacht wird. Feld-, Obst- und Holzdienstähle werden dadurch vermieden. Haben Mitglieder der Banden im Dorfe notwendige Einkäufe zu besorgen, so geschieht dies nur in Begleitung eines Polizeibeamten. Die Zigeuner fühlen sich bei solch beengender Aufsicht nicht wohl und ziehen es vor, die Kreise zu meiden. Einsender dieses war kürzlich im bayerischen Wenig-Umstadt Zeuge, wie eine bosnische Bärenführer­bande an der Grenze umkehrte. Nach dem Grunde gefragt, antwortete der Führer: ‚Hessen, nein, nein, böse Bolezei‘.“

Und darauf waren Einsender wie Redaktion sichtlich stolz. Das weit verbreitete Vorurteil, Sinti und Roma seien Diebe, ist auch hier vorzufinden. Wie sehr die deutsche Volksseele gekocht haben muß, wird spätestens im Ersten Weltkrieg deutlich. Ohne Fremdeinwirkung durch Sinti und Roma wurde von ganz normalen Deutschen so ziemlich alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war. Dies mag den besonderen Zeiten erschwerter Versorgung mitgeschuldet sein, doch wenn dies ein Argument sein sollte, dann trifft es auf die von Deutschen Verdrängten und Drangsalierten umso mehr zu.

Zu Beginn der 1980er Jahre wurden in deutschen Städten Lager für Flüchtlinge eingerichtet, mit dem erklärten Ziel, „die Rückkehrbereitschaft zu fördern“. Auch hier galt es, möglichst inhumane Zustände herzustellen, die fernab jeglicher moralischer und materieller Unterstßützung bei den solcherart Drangsalierten zu derart schwerwiegenden Depressionen führten, daß der Schrecken zuhause (so es eines gibt) dem Schrecken eines gastfreundlichen Deutschland vorgezogen wird. Was dies vor über einhundert Jahren für die von Grenze zu Grenze herumgeschubsten Menschen bedeutet haben mag, ist kaum vorstellbar. Interessant ist, daß diese Maßnahmen nicht nur „Zigeuner“ getroffen haben mag, denn der Bericht nennt ausdrücklich „Zigeuner u. s. w.“. Ob hiermit „deutsche“ Vagabunden gemeint sind, muß offenbleiben.

4. Akt : Das organisierte Ressentiment 

In der Beilage zur „Darmstädter Zeitung“ vom 4. Februar 1902 und tags darauf am 5. Februar 1902 (ganzseitig) wird das gebildete Bürgertum als Hort der organisierten Menschen­feindlichkeit ausführlich über das Unwesen der „Zigeunerplage“ aufgeklärt. Dort finden sich die vermutlich üblichen ressentiment­geladenen Ausführungen, etwa diese:

„Den Erwerbszweigen der Zigeuner, erlaubten wie unerlaubten, wollen wir im Nachfolgenden nähertreten. Es wird sich dabei zeigen, welchen Schaden der Zigeuner in materieller Hinsicht verursacht, welche Nachteile er für die Sittlichkeit des Volkes bietet, indem er den Aberglauben fördert, welche Gefährdung der öffentlichen Sicherheit er durch sein Umherstreifen verursacht u. s. w. […] Als die haupt­sächlichsten solcher Erwerbsarten sind anzusehen: Betrug und Diebstahl. Verschiedene besonders häufige Formen des Betrugs haben namhafte Dummheit der Betrogenen, namentlich den Glauben, daß der Zigeuner im Besitz übernatürlicher Kräfte und Kenntnisse sei, zur Voraussetzung.“

Das ist gewiß reine Projektion. Ohnehin muß sich der gebildete Mensch fragen, ob die organisierte Religion des Christentums nicht selbst ein Hort des Aberglaubens ist, dessen höhere Weihen demzufolge auch immer wieder zur Linderung der Not oder zur Erhebung des eigenen Seelenheils angerufen werden. Hier von Dummheit zu reden, ist der falsche Begriff. Karl Marx nannte diese organisierte Heilserwartung das „Opium des Volkes“, ein Opium, mit dem die verschiedenen herrschenden Klassen bislang ganz gut gefahren sind.

Der Autor dieser regierungsnahen Diffamierung hielt sich anonymisiert im Verborgenen.

Wo nicht theoretisiert wird, wird ganz praktisch das Vorurteil geschürt. Da wird immer wieder dem dreisten Diebstahl das Wort geredet oder dem Kinderraub. 1912 findet die „Darmstädter Zeitung“ es vollkommen angemessen, ein Kesseltreiben auf Zigeuner zu beschreiben und zu loben, ja, eine regelrechte Treibjagd. Doch schon am 1. September 1886 vermeldete Darmstadts Hauspostille ganz ungeniert, daß man mit dem „Gesindel“ ungestraft tun und lassen könne, was man wolle:

„Ein Trupp von nicht weniger als 120 Zigeunern mit 7 Wagen passierte gestern unsere Stadt. Nachdem mit den 6 Häuptern der Gesellschaft eine intensive Reinigungskur vorgenommen und ihnen das Haar ziemlich kurz geschnitten und der Bart gründlich gestutzt – was namentlich auch bei dem weiblichen Teile der Gesellschaft viel Klagen und Jammern hervorrief –, wurde der ganze Trupp weiter transportiert.“

Von hier zu einem halben Jahrhundert später erfolgten Massenmord ist es zwar ein großer Schritt, aber die Anlage zu selbstherrlichem Handeln inklusive verlogenem Sauberkeitswahn ist unverkennbar.


Literatur


Diese Seite wurde zuletzt am 4. Februar 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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