Wasserturm
Wasserturm des ehemaligen Bahnaus­besserungs­werks Darmstadt

Darmstadt

Fragmente eines Tagebuchs

Das ist etwas, was ich schon lange tun wollte. Ein eigener Darmstadt-Blog. Jetzt ist es doch kein Blog geworden, sondern eher eine Art fragmentarisches Tagebuch. Über Zustände und Mißstände, Aktionen und Reaktionen, Politik und Kultur einer südhessischen Provinzstadt. Unvollständig, dafür sarkastisch, unausgewogen, dafür kritisch. Ohne Kommentar­funktion und ohne RSS-Feed.

»»  Zum vollständigen Inhaltsverzeichnis, das ausnahmsweise am Fußende dieser Blogdatei zu finden ist. Die Kurzfassung des Inhalts­verzeichnisses umfaßt nur die letzten Einträge und befindet sich am rechten Bildrand.


Kinder anfixen

Sprüherei vor der Schulinsel.
Kleinere Aufmerksamkeit am Rande der Schulinsel: Sprühwerbung für Primark.

Das gab einen kleinen Aufreger in unserer kleinen Stadt. Die im benachbarten Weiterstadt angesiedelte Shoppingmall Loop 5 ließ an ausgewählten Orten in Darmstadts Innenstadt mit Schablonen eine Sprüherei auf dem Boden anbringen. Zur Eröffnung der neuen Primark-Filiale wurde „noch mehr Fashion“ im Loop 5 versprochen. Dieser neue Ankermieter, der gerüchteweise im ersten Geschäftsjahr keine Miete abdrücken muß, soll zahlungskräftige, modebewußte und stylisch dumme Kundschaft anlocken, oder genauer: den geldbeutel ihrer Eltern. Folgerichtig finden wir diese kleinen Sprühereien, wie sie hier im Bild vor dem rechten Torpfosten auszumachen ist, an den Eingängen ausgewählter Schulen wieder. Die Marketingabteilung der glitzernden Einkaufswelt weiß eben ganz genau, wo die mit Glasperlen zu betörende Kundschaft zu suchen ist. Die Quengelware besteht hier nicht aus Gummibärchen und Schokolade, sondern aus Billigklamotten, die unter unwürdigen und mitunter mörderischen Bedingungen in Drittweltländern zusammengenäht wird.

Das hier anzutreffende Anfixen von Kindern, damit sie zunächst mit ihrem Taschengeld auf Fashiontour gehen, soll natürlich nicht beim Kauf von Wegwerfware enden. Wer einmal auf den Fashiongeschmack gekommen ist, möchte sich natürlich auch einmal etwas Besonderes gönnen, was von der Preislage logischerweise etwas teurer wird. Ein Ankermieter soll seine Kundschaft ja an den Rest der Mall heranführen, die vom Discounter profitieren soll. Und dafür wird dann der Geldbeutel der Eltern benötigt. Und welche Eltern möchten nicht ihre quengelnden Gören ruhigstellen können, wenn Spielekonsolen, Smartphones, Ramschmusik und eine ausgebuffte Eventkultur irgendwann einmal langweilen? Also kaufen sie sich ihre Ruhe. Die Kids hingegen lernen etwas für's Leben: Alles ist käuflich; am besten aber nicht mit dem eigenen Geld. Wer denkt bei so viel triefender Moral noch an Ausbeutung, Kinderarbeit und einstürzende Altbauten?

»»  Siehe auch den Artikel Primark-Graffiti sorgen für Empörung im „Darmstädter Echo“ am 14. September 2015. Warum Empörung? It's the economy, stupid!

Boing!

Grafenstraße.
Blindenleitsystem in der Grafenstraße.

Mehr und mehr werden bei Neu- oder Umbauten Rillen und Noppen auf hellem Grund verlegt, um blinden oder nicht wirklich gut sehenden Menschen eine taktile Orientierung durch das Chaos der Städte zu bieten. Diese Leitlinien und -wege enden alsbald abrupt; ein geschlossenes System gibt es hier ebensowenig wie bei Fahrradwegen. Vermutlich gibt es für die Anlage dieser hervorgehobenen Flächen besondere Fördermittel, um die Anlage derart sinnreicher Orientierungs­punkte zu erleichtern. Manchmal frage ich mich jedoch, ob die Damen Planerinnen und Herren Planer eigentlich wissen, was sie tun. Einen Laternenmast mitten in den mittels Leitlinien gesicherten Weg zu stellen, ist gewiß keine gute Idee. Dabei wäre es doch ein leichtes gewesen, beim Neubau des Fachärztezentrums an der Grafenstraße den Masten mehr an die Straße zu rücken. Zwar werden gewitzte Blinde mit ihrem Stock das unerwartete Hindernis rechtzeitig ertasten und sich fragen, was das soll. Die weniger gewitzten werden um ein schmerzhaftes „Boing!“ wohl nicht herumkommen.

Zynismus frei Haus geliefert 

Plakatwerbung.
Plakatwerbung auf der Pallaswiesen­straße in Darmstadt, Mitte März 2015.

Den Plakatierern wird es egal gewesen sein, was sie wo aufhängen. Papier ist Papier, der Inhalt ist nebensächlich. Schon im September 2014 promotete sich an derselben Plakatwand ein Stinkmorchelradio und lud zum fröhlich voyeuristischen Blasen ein. Insofern paßt der rechte Spruch zum Standort. Jedenfalls, wir lernen: der Hunger dieser Welt ist durch einen Lieferservice zu beseitigen und nicht durch eine Beseitigung der profitablen Ursachen des Hungers. Daß auch an dieser Hungerbeseitigung jemand verdient, gehört zum Geschäft.

Liebenswertes Adelspack 

Die Marketingabteilung der Wissenschaftsstadt Darmstadt verkündet auf klimaneutral gedrucktem Papier „Darmstadt ist … Leben“. Um dieses Leben sinnlich erfahrbar zu gestalten, veranstaltet Darmstadts Stadtmarketing viermal in diesem Jahr einen Stadtrundgang „[v]om Schloss zur Fürstengruft“, um, wie es im Programmheft heißt, „Leben, Liebe und Leid im Fürstenhaus Hessen-Darmstadt“ nahegebracht zu erhalten. Die Veranstalterinnen und Veranstalter erwarten wohl einen regelrechten Ansturm adelsgeiler Grufties, denn die „Teilnahme ist nur mit Voranmeldung möglich“. Die Vorschau verrät, wem das Interesse gilt:

„Die Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt haben beileibe nicht nur regiert. Sie hatten ihre ganz eigenen Hobbys und Leidenschaften und auch ihr Liebesleben war nicht langweilig. In Darmstadt begegnet man ihnen und ihren Geschichten noch auf Schritt und Tritt. Ein Besuch in der Fürstengruft der Darmstädter Stadtkirche, wo die Landgrafen von Hessen-Darmstadt beigesetzt sind, ist der Höhepunkt der Führung.“

Ich erlaube mir die Frage, ob bei dieser Zelebrierung des Darmstädter Adels auch der Geisteszustand der armen Landgrafen thematisiert wird, sowie ihr Antisemitismus, das Hobby der Verfolgung unschuldiger Männer und Frauen als „Hexen“, ihre Parforcejagden durch Felder und Wälder, nach denen die betroffenen Bäuerinnen und Bauern statt blühender Felder nur noch Hunger zu erwarten hatten. Ob ihre Leidenschaft zu Landraub, zum Erpressen von Abgaben oder zum Schkanieren ganzer Generationen von Rekruten angesprochen werden wird, von denen einige zur Kriegsbelustigung anderer Fürsten auch einmal verscherbelt wurden. Oh, wie haben sie gelitten, als sie 1830 bei einer Bauernempörung das Blutbad von Södel anrichten ließen!

Irgendwie scheint es in Darmstadt ein Publikum zu geben, daß sich an Antidemokraten und ihrem Umfeld ergötzt. Die einen lieben ihren Hindenburg, die anderen ihre von Gottes Gnaden eingesetzten Blutsauger und Ausbeuter. Folgerichtig endet diese soap opera andächtig mit dem Orgasmus in der Gruft. Die Wissenschafts­stadt sollte ihr Etikett mit Schamesröte im Gesicht umgehend zurückgeben. Daß der Qualitäts­journalismus des „Darmstädter Echo“ die Veranstaltung unkritisch abnickt, war zu erwarten. Ob dieser Spuk auch im KultTourKalender von Darmstadts investigativsten Lokalradio angedient wurde?

»»  Eine polemische, garantiert unausgewogene und fundierte Einführung zu diesem Adelspack der Landgrafen und Großherzöge ist in Jörg Helenes Blog nachzulesen; sie trägt den wunderschönen Titel Die irren Herrscher von Darmstadt. Ansonsten empfehle ich, um dem auch in den lokalen Darmstädter Führungen glorifizierten Adel überhaupt ein wenig näher auf die Pelle zu rücken, das ausgezeichnete Buch von Jutta Ditfurth über Der Baron, die Juden und die Nazis.

Hupen für mehr Geld 

Im Grunde ist es eine feine Sache, wenn eine Gewerkschaft sich für die in ihr Organisierten einsetzt. Zum Beispiel mehr Geld von den Reichen fordern, die ohnehin nicht wissen, wie sie es spekulativ am besten verprassen können. Kürzere Arbeitszeiten, natürlich mit Lohnausgleich und vor allem Maßnahmen gegen nachträgliche Arbeitsverdichtung. Frauen- und kinderfreundliche Teilzeitmodelle, an denen vor allem Männer partizipieren. Abschaffung der elenden Masche prekärer Arbeitsverhältnisse, die so angelegt sind, daß kein Mensch davon vernünftig leben kann. Doch die Realität sieht bitterer aus.

Autokorso.
Autokorse der IG BCE auf dem Carl-Schenck-Ring.

Wenn eine Gewerkschaft wie die GDL hartnäckig ist und solidarisch auch diejenigen unterstützt, deren Lobby und Kampfkraft vielleicht nicht so groß ist, dann kriegt sie die geballte Ladung Dreck der – nennen wir sie einfach nicht Lügenpresse, denn sie ist schlimmer, aber das ist ein anderes Thema – deutschen Bildungsmedien ab, woran sich die DGB-Gewerkschaften gerne unsolidarisch beteiligen.

Am 11. März 2015 fanden in Darmstadt anläßlich der ritualisierten Tarifauseinandersetzungen zwei Demonstrationen statt. Die GEW und ver.di mobilisierten zu einer Kundgebung auf dem Luisenplatz und organisierten fünfzehn Busse. Am selben Tag mobilisierte die IG BCE vor den Werkstoren von Merck und zeigte, welcher Branche sie sich verbunden fühlt. Busse gab es keine, aber einen individualisierenden Autokorso vom Pharmakonzern Merck zu den Chemieunternehmen Warner Chilcott und Evonik in Weiterstadt. Natürlich hätte auch die IG BCE einen Bus organisieren können, aber dann wäre vielleicht die geringe Masse der Autokursierenden mehr aufgefallen. So hingegen solidarisierte sie sich mit ihrer Ölbranche und ließ rund siebzig Kraftfahrzeuge, mit Luftballons und Fähnchen geschmückt, in einer langen Reihe hinter einigen den Verkehr regelnden Polizei­fahrzeugen zuckeln. Den hierdurch verursachten Zusatzstau am Feierabend hätte Groucho Marx nicht besser organisieren können. Cool! Und dann zeigte das vorwiegend männliche Klientel seine gesamte Autovernarrtheit und hupte in einem fort, daß es eine kakophone Freude war. Die Straßen­verkehrsordnung sieht derlei Hupmißbrauch selbstredend nicht vor, aber es ist schön zu sehen, daß autoverliebte Menschen tatsächlich einmal den zivilen Ungehorsam üben, und sei es beim Lärmen mit ihrem Tamagotchi. Oh, und selbst­verständlich üben sich Autofahrer und immer mehr Autofahrerinnen ohnehin jeden Tag im zivilen Ungehorsam, wenn sie das Rotlicht mißachten, auf Gehwegen parken, Radfahrerinnen schneiden und ungezügelt in die nächste Radarfalle brettern. Insofern ist auch dieser zivile Ungehorsam ein laues Lüftchen, das nicht wirklich interessiert.

Das wird die Bosse von Merck oder Evonik ganz gewiß davon überzeugt haben, ein annehmbares Angebot vorzulegen. Folgerichtig gibt IG BCE-Verhandlungs­führer Peter Hausmann der neoliberalen Darmstädter Zeitung zu Protokoll, die Arbeitgeber hätten noch kein Angebot vorgelegt: „Mit Argumenten kommen wir offenkundig nicht weiter“, wird er zitiert, weshalb man und frau jetzt wohl ein wenig hupend durch die Gegend fahren und zugunsten der Chemiemultis Benzin und Öl verbraten müsse. Meine Güte! Als wenn es um Argumente ginge. Wie wollt ihr Witzbolde eigentlich die Reichen und Superreichen mit Argumenten betören, doch mal ein wenig mehr als nur einige Krümel vom Kuchen abzugeben? Ja, ich weiß – Tarifverhandlungen folgen einem Ritual, in dem die Gewerkschaft beweisen muß, daß ihre jahrzehntelang lammfromm gehaltenen Mitglieder auch einmal aufstehen und auf den Tisch klopfen könnten. Da sah die Mobilisierungs- und Kampfbereitschaft beispielsweise beim ver.di-Streik 2009 ganz anders aus. Da wurde nicht gehupt, sondern geträllert, aber vor allem solidarisch und mit Power gestreikt.

»»  Siehe hierzu auch das Manuskript zu meiner Sendung Beschäftigungsfragen vom 25. Mai 2009.

99 Jahre Dunkelheit 

Anbringen der Zusatzinformation.
Hindenburgstraße erklärt: „Steigbügel­halter des Faschismus“.

Und wieder eine Demonstration gegen den Namenszug Hindenburgstraße. Eine solche ist und bleibt notwendig, solange es in dieser Stadt keinen breiten Konsens dafür gibt, dem Militaristen, der Hunderttausende auf den Schlachtfeldern verbluten ließ und an der „Heimatfront“ mit allerlei windigen Zutaten Brot backen ließ, mit dem nur allernotdürftigst der Winter zu überbrücken war, frierend natürlich, seine Ehrung vor 99 Jahren abzuerkennen. Und während man und frau in Deutschland und den von deutschen Truppen besetzten Gebieten darbte, dürfte der Adlige von Hindenburg keinerlei Luxus entbehrt haben, inklusive allerbester Lebensmittel­versorgung. Das mag den auch nicht übermäßig darbenden Honoratioren der Stadt vor 99 Jahren eine Straßenbenennung wert gewesen sein, sollte sich allerdings als nicht mehr zeitgemäß erweisen.

Gibt es wirklich keine wichtigeren Themen? Gewiß. Und so war es auch wenig verwunderlich, wenn gerade einmal fünfundzwanzig politisch bewußte Männer und Frauen dem „Steigbügelhalter des Faschismus“ ihre Aufwartung machten. Die Stadt eiert mit Straßenbenennungs- und Ehrengräber­kommissionen herum und zögert das politisch ebenso notwendige wie vor allem von der konservativen Klientel nicht erwünschte Ergebnis so lange wie nötig heraus. Und wenn es dann so weit ist, werden wiederum die Kostenargumente hervorgekramt. Kosten, die entstehen, weil Straßen­umbenennungen sich in neuen Straßenschildern, Visitenkarten, Briefköpfen und zu pflegenden Datenbanken niederschlagen. Lieber wird dann in Eberstadt ein Verkehrskreisel, den kein Mensch braucht, für mehr als eine halbe Million gebaut, als für einen Bruchteil des Betrages demokratische Gesinnung zu zeigen.

Immerhin hat das „Darmstädter Echo“ diese Kundgebung in der Dunkelheit ausführlich erwähnt, aber wie lange das noch so sein wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich die Zeitung zur Herstellung besserer Profitabilität zurechtschrumpft. Wenn irgendwann die Honolds und Baczyks nicht mehr da sind, wird vielleicht nur noch der eiskalt neoliberale Wind der Bachs durch den lokalen Blätterwald rauschen.

Vielleicht war die Aktion, ein erklärendes Zusatzschild unter den Straßennamen zu hängen, auch gar keine so schlechte Idee. Anstatt historisch gewachsene Straßennamen zu entsorgen, könnten die Damen und Herren Stadtverordneten ja auch eine treffende Zusatzbemerkung anfügen, etwa: Hindenburgstraße, geehrt als mörderischer Militarist und Wegbereiter des NS. Bismarckstraße, geehrt als antidemokratischer Unterdrücker anderer Meinungen im permanenten Belagerungszustand. Landgraf-Georg-Straße, geehrt als Hexenverfolger und Kinderprügler. Robert-Schneider-Straße, geehrt als Schwärmer für Hindenburg und Hitler. Ernst-Ludwig-Straße, geehrt als Blutsauger und Zigeunerjäger. Und es gibt noch mehr …

Unterstützung für ein freies Rojava! 

Demonstration.
Demonstrationszug in der Elisabethenstraße.

Am 9. Oktober 2014 demonstrierten mindestens 250 Kurdinnen und Kurden und einge wenige solidarische deutsche Linke und Antifaschisten ihre Solidarität mit dem verzweifelten Abwehrkampf kurdischer Kämpferinnen und Kämpfer in Kobanê gegen den von türkischer Seite wohlwollend unterstützten Feldzug der radikal-islamistischen ISIS-Terrorverbände. Das „Darmstädter Echo“ berichtete tags darauf in seinem Printmedium kurz mit Bild und der Angabe, „etwa 100 Kurden, viele davon Anhänger der verbotenen PKK“, hätten sich am Luisenplatz versammelt gehabt.

Wie das nebenstehende Bild verrät, ist diese Zahlenangabe begründet anzuzweifeln. Allein schon diese Momentaufnahme zeigt etwa dreißig Demonstrationsreihen, und in jeder davon rund sieben bis zehn Personen, so daß wir schon hier allein auf mehr als zweihundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen. Noch nicht mit eingerechnet sind die Vorauslaufenden, und das waren noch einmal einhundert. Dieses Zahlenmißverhältnis um den Faktor 3 ist gewiß erklärungsbedürftig. Die sich hierin ausdrückende Diskrepanz zwischen offiziösen Zahlen und tatsächlich Teilnehmenden hat eine lange Tradition. Es gehört von jeher zur Berichterstattung über regimekritische Kundgebungen und Manifestationen, die Zahl derer, die sich daran beteiligen, kleinzureden. Ich zähle seit Jahren mit, und komme immer auf wesentlich höhere Zahlen als die offiziell angegeben. Ob dies daran liegt, daß ich im Kopf zweistellige Zahlen schon multiplizieren konnte, bevor ich auf die Schule ging?

Auf der bundesweiten Demonstration zwei Tage darauf in Düsseldorf lag die Spannweite zwischen 21.000 (Polizei) und 100.000 (Veranstalter/innen). Ich sage mal, ohne dabei gewesen zu sein, daß die Polizeiangaben wohl eher im Bereich der Fiktion liegen dürften. Was es jedoch bedeutet, wenn sich fast einhunderttausend Kurdinnen und Kurden versammeln, denen es egal ist, ob die PKK als terroristisch gilt, mag sich jede und jeder einmal kurz überlegen. Bezeichnend jedenfalls für den Eifer deutscher Behörden, Erdogans Schergen zuzuarbeiten, ist es, daß die Polizei einige Strafanzeigen wegen des Zeigens verbotener Zeichen und Symbole erstattete. Daß deutsche und türkische Behörden legal, illegal, scheißegal fleißig Daten und Erkenntnisse austauschen, ist ja bekannt.

Obwohl es immerhin einen Aufruf im Politnetz Darmstadt gegeben hatte, sich aktiv an dieser Demonstration zu beteiligen, waren es nur kleine versprengte Häuflein nichtkurdischer Herkunft, die sich solidarisch gezeigt haben. Dies belegt einmal mehr den Bewußtseinsstand einer deutschen Linken, die sich weitgehend von ihren internationalistischen Wurzeln der 60er bis 80er Jahre verabschiedet hat. Allerdings darf nicht übersehen werden, daß anderthalb Stunden vor der kurdischen Demonstration eine andere, nicht minder wichtige, durch Darmstadts Innenstadt gezogen war. Ein Jahr nachdem 366 Flüchtlinge, die von Nordafrika kamen, vor Lampedusa ertrunken waren, mobilisierte „Kein Mensch ist illegal“ zu einer Ausstellung, Kundgebung und Demonstration gegen die vom Regierungspräsidium Darmstadt mit betriebene inhumane deutsche Flüchtlingspolitik.

Demonstration.
Demonstrationszug in der Rheinstraße.

„In Verantwortung der ersten Grünen Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid wurde im Juni ein Charterflugzeug gemietet, besetzt mit Polizisten und Ärzten, um drei junge eritreische Männer nach wochenlanger Abschiebehaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach Italien abzuschieben. Die drei hatten dort unter den schlimmsten Bedingungen überlebt, ohne Obdach, ohne ausreichende Nahrung, ohne medizinische Hilfe. Das alles nach einer traumatischen Flucht durch die Wüste, durch Libyen und über das Mittelmeer.“

Alexandra Welsch schrieb hierüber ausführlicher im „Darmstädter Echo“. In einem Informationskasten zum Artikel heißt es: „Regierungspräsidium beruft sich auf gesetzlichen Auftrag“. Und wir lesen dann darin, daß sich bei einem vorherigen Abschiebeversuch der Pilot geweigert habe mitzumachen. Es gibt eben Menschen, die sich nicht am zynischen Abwickeln der Flüchtlingsfrage beteiligen, aber diese Menschen sind sehr selten in Behörden und Gerichten zu finden.

Kurz nachdem die eine Demonstration mit lautem Getrommel zum Luisenplatz zurückgekehrt war, setzte sich die andere mit lauten Sprechchören gegen türkische Kollaboration und westliche Besatzer in Bewegung. Schade, daß beide so getrennt voneinander abliefen, obwohl die Veranstalter der ersten ausdrücklich auf die zweite hingewiesen hatten. Doch solange kurdische Demonstrationen unter dem Generalverdacht der Unterstützung der PKK stehen, die hierzulande als terroristische Organisation verboten ist, wird sich die deutsche Solidarität in Grenzen halten. Dabei waren es kurdische Guerillas, welche die jesidischen Flüchtlinge vor den ISIS-Terrorbanden gerettet haben, und es sind dieselben kurdischen Guerillas, welche die einzig halbwegs friedliche Zone in Syrien, die kurdische Enklave Rojava, vor dem Zugriff verschiedener fremder Mächte zu schützen versuchen. Ob es ihnen gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob es uns gelingt, sie mit dem zu unterstützen, was sie am dringendsten benötigen.

»»  Weitere Informationen zu Rojava und den Kämpfen um Kobanê bietet das Kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad.

Mit der CDU in die Kreidezeit 

CDU-Plakat.
CDU-Plakat auf dem Darmstädter Rhönring. Aufnahme: Katharina Mann.

Schule beginnt. Für unzählige Kinder beginnt eine neue Dressurübung. Nach Elternhaus und Kindergarten ist es nun die Schule, die junge Menschen auf die erwünschten Werte und Normen einer neoliberal-spätkapitalistischen Gesellschaft einschwören soll. Zu der schon im Kindergarten praktizierten Vorform des lebenslangen Lernens tritt nun der heimliche Lehrplan der Anpassung und Unterwerfung. So ein Lehrplan ist subtil, aber ungemein wirksam. Zudem erfüllt so eine Schule einen selektiven Zweck. Es werden ja später Jugendliche auf verschiedenen Anwendungsebenen gesucht: Manager, Techniker, Lehrerinnen, Krankenpflegerinnen, Drecksarbeiter. Und so fort. Für einen an BWL-Kriterien orientierten Lehrplan ist es natürlich Verschwendung, wenn Bildungsressourcen für Tätigkeiten ausgegeben werden, die weniger Bildung und mehr Unterwerfung unter die Bedürfnisse des Kapitals erfordern.

Insofern ist es ganz geschickt, wenn die Darmstädter CDU den ABC-Schützen, die auf Bildungserfolg zielen sollen (Bildung ist eine Waffe), viel Erfolg wünscht. Der Erfolg bemißt sich selbstredend daran, wie viel die Schülerinnen und Schüler erlernt haben, um im jeweiligen zukünftigen Aufgabenfeld ihre Frau und ihren Mann zu stehen. Daß Kinder aus Arbeiterfamilien oder mit neusprech sogenanntem Migrationshintergrund schon von vornherein weniger Erfolgschancen haben, fällt hier unter den Tisch.

Eher amüsant ist es, welches Klischee die Modernisierungspartei CDU hier unter die Leute streut. Als wenn an heutigen Schulen noch mit Kreidetafel und Schwämmnchen gearbeitet werden würde. Hat hier Sigmund Freud Pate gestanden, der die geheimen Bildungswünsche des konservativen Flügels der CDU offenlegt? In der guten alten Zeit, als Kinder noch freiwillig auf Kanonenfutter und Hausmütterchen gelernt haben mögen …

Diese mit Losungen vollgeknallte Plakatwand steht am Rhönring auch ganz richtig. Die hier vormittags und nachmittags durchschleichenden Autofahrerinnen und Autofahrer werden mit diversen Informationen gegen die Langeweile im Stau zugedröhnt, proudly presented by CDU. Andererseits mag es erstaunen, daß die Autofahrerpartei CDU von ihren kritiklosen Anbetern maßvolle Zurückhaltung fordert, nur weil ein paar Kinder bildungshungrig gemacht unterwegs sind. Die CDU scheint ihre Klientel gut genug zu kennen. In einem kinderfeindlichen Land bremst so ein Autofahrer eher vor einem Hund als vor einem Kind. Hinzuzufügen wäre, daß allenthalben nach einer Ausforstung des überquellenden Schilderwaldes gerufen wird, weil die armen überforderten Autofahrer ansonsten vollkommen irritiert wären. Wenn es jedoch um Werbung geht, spielen derlei Gedanken keineswegs eine Rolle. Da darf abgelenkt und vollgequatscht werden ohne Ende, Hauptsache, der Motor läuft.

Aktivierende Esoterik 

Am 29. August 2014 versammelten sich auf der Wiese vor der Arbeitsagentur in Darmstadt einige Aktivistinnen und Aktivisten der Gewerkschaftlichen Arbeitslosen­initiative Galida. Angelehnt an ein bißchen Agitprop und im Stich gelassen von einer vermutlich zu schnell gebrannten CD mit einschlägiger Hummelmusik demonstrierten sie gegen ein vom Jobcenter gesponsertes und in den Räumen der Arbeitsagentur abgehaltenes sogenanntes Motivationstraining. In einer Mischung aus abgelesenem Redebeitrag und absurdem Theater traten sie vor etwa fünfzig zur Kundgebung Erschienenen auf. Auf dem zugehörigen Transparent war zu lesen: „Team 50plus: Teuer, kindisch, bevormundend“.

Vor der Arbeitsagentur.
Helmut Angelbeck als Motivationstrainer bemüht sich vergebens, eine Hummel fliegen zu lassen Und was motiviert einen Motivationstrainer? Geld, viel Geld. Daher die Hummel, welche die hier herumliegenden Blüten bestäuben soll.

So ein Jobcenter hat einen schwierigen Job. Soll es doch Erwerbslose einer Arbeit zuführen, und dies auch dann, wenn der Markt solcherlei gar nicht hergibt. Die heimliche Agenda ist jedoch die: Förderung des Niedriglohn­sektors. Mit den über 50-jährigen, die im Aktivierungsneusprech „Bestagers“ genannt werden, ist das noch viel schwieriger. Arbeitgeber suchen bevorzugt junge, kreative, flexible, begeisterungsfähige, motivierte und vor allem angepaßte Beschäftigte. Also diejenigen, die sich in unzähligen Praktika, freiwilligen sozialen Jahren oder ähnlich schlecht bis gar nicht bezahlten Maßnahmen bewährt haben. Sie haben sich daran gewöhnt, daß nur der unbedingte Wille dazuzugehören weiterhilft, gepaart mit der richtigen Mischung aus Dreistigkeit und Unterwürfigkeit, und nicht zu vergessen Vitamin B. Daß heutige Neueinsteigerinnen und -einsteiger wesentlich weniger verdienen als vor zwanzig Jahren, daß sie länger und auch häufiger unbezahlt arbeiten müssen, und selbstverständlich Arbeitsverträge immer wieder nur befristet sind, das gilt es zu schlucken. Und damit ist die Gier des Kapitals nach mehr Leistung für weniger Gegenleistung noch lange nicht erfüllt.

Nun sind die „Bestagers“ aus ihren Jobs gekickt worden, weil sie diesen Anforderungen (vermeintlich) nicht entsprechen. Sie müssen nun neu zugerichtet werden, damit sie im Jugendwahn des Kapitals ihren Platz finden können. Sie müssen aus ihrer Behaglichkeit gerissen und „aktiviert“ werden, denn sonst hat kein Arbeitgeber ein Interesse daran, Menschen, die sich nicht (mehr) verbiegen lassen, einzustellen. Was benötigt wird, ist demnach eine Art Gehirnwäsche­programm; ein Programm, das alte Mentalitäten aufknackt und neue implantiert. So oder ähnlich mag sich das Darmstädter Jobcenter die Situation vorgestellt haben, als es den vom Positiven Denken inspirierten und überzeugten Motivationstrainer Thorge Lorenzen engagierte, um ausgewählte „Bestagers“ mit der Kraft der Gedanken vertraut zu machen.

Im Hamburger Abendblatt vom 4. Juni 2010 [online] wird dieser Coach näher vorgestellt, der Hummeln fliegen läßt und Bohnen pflanzt, und damit verbundene Weisheiten unters Volk bringt. Er sage, so die Zeitung: „Wussten Sie, dass eine Hummel gar nicht fliegen kann? Ihr Körper ist zu groß, die Flügel sind zu klein. Und dennoch kann die Hummel fliegen. Weil sie es will. So ähnlich ist es mit der Motivation.“

Ja, wenn es denn so einfach wäre. Schon die Voraussetzung des Gedankens ist nämlich unzutreffend. Selbstverständlich ist eine Hummel physikalisch in der Lage, draufloszufliegen, weshalb sie dies seit urendlichen Zeiten ja auch immer und immer wieder tut. Irgendwer hat einmal diese krude Geschichte so oder ähnlich in die Welt gesetzt, und zunächst haben das nur diejenigen staunend zur Kenntnis genommen, die sich von der wunderlichen Welt abstruser Gedanken vereinnahmen ließen. Später kamen die Esoteriker und fanden einen hübschen Anknüpfungspunkt, um ihr Publikum, das sie gerne auch einmal gewinnbringend vereinnahmen wollen, zu verunsichern. Und noch später kamen diejenigen, die mit der Kraft falscher Gedanken falsche Ergebnisse erzielen sollen. Oder anders gesagt: es muß einen Grund geben, weshalb ein Jobcenter eine Seminarreihe, die auf derlei Kokolores aufbaut, mit viel Geld fördert. Es sind nicht nur großformatige Anzeigen in der Tagespresse oder Busse, die mit dem “Bestagers“-Logo durch Darmstadt fahren, die zwar keine Arbeitsplätze schaffen, aber Aktivität suggerieren.

Ich nenne solch einen Unfug Gehirnwäsche. Den über 50-jährigen Erwerbslosen wird eingeredet, es läge an ihnen, daß sie keinen Job finden. Dabei wurden sie in der Regel, weil sie zu alt waren, rausgeschmissen. Insofern liegt es auch wirklich an ihnen, nur anders, als es ihnen in Motivationskursen oder Aktivierungs­programmen eingeredet wird. Denn ihre biologische Uhr können sie nicht zurückdrehen und den Anforderungen jungdynamischer Managements­autisten können oder wollen sie nicht mehr nachkommen. Die Aktivierung hat im Grunde nur ein Ziel: mürbe machen, dafür sorgen, daß Menschen, die mental umgedreht wurden, auf irgendeine Weise für den Niedriglohnsektor nutzbar und vernutzbar gemacht werden können. Andernorts ließ man und frau die „Bestagers“ Muscheln sammeln oder Bilder malen; in Darmstadt durften und dürfen sie im Chor singen oder ein paar pseudosportliche Übungen absolvieren. Das führt natürlich zu keinem Job auf dem ersten Arbeitsmarkt, aber darauf kommt es ja auch nicht an. Es gibt noch genügend Drecksjobs, die hierzulande vermittelt werden wollen und sollen, und noch zu wenige Menschen, die jeden Dreck fressen.

Gegen eine derart fehlende Motivation zur Selbstverleugnung hilft nur eines: Positiv Denken. Wenn es im Winter stürmt oder schneit, brauchen wir nur den positiven Gedanken, der uns sagt, die Sonne scheint. Wenn wir aus Jobs geflogen sind, weil wir dem Druck nicht standgehalten haben, dann hilft es, morgens früh aufzustehen, die Sonne zu imaginieren und zu uns zu sagen: das hat mir gut getan und es hilft mir, mich neu zu fokussieren. Für entsprechende Nachhilfe sorgt das zuständige Jobcenter, und sei es mit der Hummel in ihrem Willenskampf gegen die Naturgesetze. – Auf der Webseite des Meisters findet sich deshalb nicht nur die Hummel wieder, sondern auch folgendes Zitat:

„Der erfolgreiche, innovative Ansatz heißt ‚Motivieren statt Sanktionieren‘. Das Motivationstraining wirkt bei Langzeit­arbeitslosen wie eine Initialzündung: Sie entwickeln eigenständig neue Perspektiven und fangen an, sich aktiv um ihr Leben zu kümmern.“

Motivieren statt Sanktionieren, das klingt sehr hübsch. Wie wäre es, einfach mit diesem deutschen Wahn, unbotmäßiges Verhalten (oder solches, was dafür gehalten wird) unbedingt abstrafen zu müssen, einfach aufzuhören? Dann braucht es auch keinen Hummelkurs.

Das „Darmstädter Echo“ berichtete tags darauf von der Veranstaltung auf der grünen Wiese vor dem Gebäude der Arbeitsagentur. Demnach verfügt die „Bestagers“-Abteilung des Darmstädter Jobcenters über einen Etat von rund 1,4 Millionen Euro, wovon etwa 800.000 Euro Personalkosten sind. Der Rest steht zur Verfügung, um Maßnahmen zur Verhummelung der Langzeit­arbeitslosen zu finanzieren. Diesen Geldtopf gilt es Jahr für Jahr zu sichern, weshalb jede gute Bürokratie dafür sorgt, daß zum Jahresende auch ja kein Geld übrig bleibt. Um das Geld unter die Menschheit zu bringen, ist kein Angebot zu obskur. Esoterik ist ein prima Gedankenkleister, der deshalb gerne ins Programm genommen wird. Andernorts arbeiten Kriminalbeamte ja auch mit einem Geisterbeschwörer.

Großherzog Ernst-Ludwig und Paul von Hindenburg 

Darmstadt hat ein Hindenburg-Problem. Genauer: maßgebliche Kreise haben kein Problem damit, daß weiterhin eine Straße nach einem Kriegsherrn, Antidemokraten und Förderer Hitlers benannt wird. Die Grünen, so sie überhaupt noch ein aufklärerisches politisches Bewußtsein besitzen, tolerieren die reaktionären Marotten ihres schwarzen Koalitionspartners, wie überhaupt diese Koalition darauf aufgebaut ist, einander nicht in die ureigenste Suppe zu spucken. Deshalb bekommen die einen ihre Fahrradstraßen und die anderen behalten ihren Hindenburg. Dies wirft ein Licht auf den wahren weltoffenen Charakter unserer südhessischen Provinzstadt. Wie es zur Benennung der Straße gekommen ist, beschreibt das Protokoll der nichtöffentlichen Sitzung der Stadtverordneten­versammlung vom 16. Dezember 1915. Nicht nur die Notablen dieser Stadt, sondern auch der Großherzog höchstpersönlich waren in diesen Vorgang eingebunden. Wir lesen in dem im Stadtarchiv Darmstadt zugänglichen Protokollbuch:

„[Ordnungsnummer 161, Gegenstand.] Die Benennung einer Straße zu Ehren des Generalfeldmarschalls von Hindenburg betr., gibt der Oberbürgermeister Kenntnis von dem Ergebnis einer Aussprache mit dem Landesherrn über die erneuerlichen Vorschläge der Stadtverwaltung an Hand der Niederschrift in den Akten. Die Versammlung stimmt einmütig dem Vorschlage des Großherzogs zu, die Straße, die demnächst an dem neuzuerrichtenden Festhaus beginnen und parallel mit der Neckar- und Heidelberger Straße verlaufen wird, als Hindenburgstraße zu benennen.“

Der Vorgang würde mich ja schon näher interessieren. Weshalb wurde der Großherzog in eine Benennung eingebunden, die – wenn ich das richtig sehe – davor und danach regelmäßig als Vorschlag der Verwaltung und städtischen Ausschüsse in der Versammlung ohne Einmischung der Obrigkeit abgenickt wurde? Welche Alternativvorschläge waren ventiliert worden? Jedenfalls: der bis heute ach so beliebte, weil künstlerisch begabte, jugendstil­befördernde und angeblich ganz und gar nicht militaristische Großherzog [siehe z. B. hier] hat sein Scherflein dazu beigetragen, seinem schon damals als Erzreaktionär bekannten adligen Standesgenossen zu huldigen, und sei es mit einer Straße, die vorläufig nur auf dem Reißbrett bestand.

Hannes Heer hat am 6. Mai 2014 auf einer Podiumsveranstaltung in Darmstadt nochmals das politische Denken und Handeln des von Darmstadts Honoratioren weiterhin geliebten und verehrten Aristokraten vorgestellt. Die Stadtverordneten­versammlung hatte zuvor am 10. Dezember 2013 mit grünschwarzer Mehrheit beschlossen, „ihren“ Hindenburg weiter auszusitzen und dafür das bewährte Mittel zu verwenden, die Angelegenheit in einer Kommission zu versenken. Selbige, die nach mehrerern Jahren mit der Überprüfung von städtischen Ehrengräbern für Nazis oder Nazi-Sympathisantinnen nicht zu Potte gekommen ist, soll nun – natürlich erst nach ihrem Bericht zu den Ehrengräbern – dann gleich alle Straßennamen auf Kompatibiliät mit dem in der StaVo vorherrschenden Weltbild überprüfen. Das wird dauern. Autokraten und Hexenjäger wie Landgraf Georg stehen bei den Adelsliebhaberinnen und -sympathisanten bestimmt nicht oben auf dieser Liste, aber wie Jörg Heléne zeigt, ist ein positive Bezug auf derartige Leuteschinder vollkommen unangebracht. Bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, werden wohl noch Myriaden von Litern den Darmbach heruntergespült werden. Darmstadt steht solange weiterhin zu Hindenburg und zeigt, welch reaktionärer Geist die Stadt durchweht.

Ich finde ja, diese Stadt soll sich offen zu ihrem Hindenburg bekennen und in aller Welt verkünden, wie sehr sie den Aristokraten, Antidemokraten und Militaristen liebt, der in vollem Bewußtsein der historischen Rolle seines Nachfolgers Hitler als seinen politischen Erben auserkoren hat. Das traut man und frau sich jedoch nicht, denn das könnte Investoren abschrecken und die heile Welt der Wissenschaftsstadt als Ideologiehochburg entlarven.

Wo Medienkompetenz das Dumpfbackentum fördert 

Vom 6. bis zum 15. Juni 2014 findet in Bensheim, sozusagen im Hinterhof der Metropole des Weltfußballs in Darmstadt, die 54. Auflage des Hessentags statt. Halligalli trifft auf Verkaufsshow, deutscher Militarismus auf Medienkompetenz. Mittendrin die hessischen Hüter der Medienkompetenz, die Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien in Kassel. In ihrer Pressemitteilung vom 4. Juni 2014 erklärt selbige uns, wie man und frau das zweitblödeste Lied des Jahrhunderts zum Medienevent hochjubeln kann, ohne in Schamesröte zu versinken. Auch die Landesmedienanstalt, deren Hauptanliegen ohnehin die Förderung des kommerziellen Medienwahnsinns ist, springt auf den Zug auf, der uns alle „happy“ machen soll. In einer Welt voller Ausbeutung, Greueltaten, Totalüberwachung durch in- und ausländische Geheimdienste oder deutsche Schnüffelbehörden, ökologischer Desaster und Schmierenkomödianten in Regierungssesseln bietet sie gemeinsam mit dem Landesfilmdienst / Institut für Medienpädagogik und Kommunikation (MuK) die geballte Dröhnung hirnlosen Popgedudels an. Sie bemüht sich, offensichtlich als besonders geeignete Maßnahme zur Förderung der Medienkompetenz, die Kinder von der Straße zu locken und ihnen mit dem aufgesetzten Lächeln der schleimigen Unterwerfung unter die Alternativlosigkeit neoliberaler Idiotie, hampelige Bewegungen zu entlocken. Diese Inszenierung ist anschließend in einer Mediathek anzugaffen.

„Die LPR Hessen und das MuK laden die Besucher der Landesausstellung auch in diesem Jahr wieder zum Mitmachen ein. Täglich um 15 Uhr gibt es die Möglichkeit, sich an dem Video-Projekt ‚Happy-Dance beim Hessentag‘ zu beteiligen.“

Das Leben in den Büroräumen der geballten Medienkompetenz muß ja richtig trist und öde sein, wenn den Damen und Herren nichts besseres einfällt, als auch einmal zwanghaft happy zu sein. Autosuggestion ist eben etwas Feines. Ist euch wirklich nichts Vernünftigeres eingefallen?

Es ist dieselbe hessische Landesmedienanstalt und dasselbe Institut für Medienpädagogik, die ein Programm für Kinder aufgelegt haben, in dem es heißt, Radio sei mehr als Musik. Diese Schizophrenie ist kein Zufall, sondern spiegelt die schizophren-ambivalente Welt von Wachstum und Zerstörung, von Freiheit und Ausbeutung oder vom orwellesken Menschenrechtskrieg wider. Immerhin gibt es in Darmstadt ein Lokalradio, das diese schizophrene Vorgabe ganz freiwillig verinnerlicht hat, wenn es die Kinder dieses Projekts ins eigene Studio holt. Denn zunächst, so will es der moderierende Techniker, spielen sie dann erst einmal irgendeine belanglose Dudelmusik. Nur damit klargestellt ist, wo die wahren Wertigkeiten liegen. Und so sind dann alle auch ganz happy.

Derlei Unfug wird über Rundfunkgebühren finanziert.

Happy.
Glück simulierendes Animations­gehopse auf dem Luisenplatz.

Am 30. März 2014 ließ die Stadt Darmstadt wieder einmal eine beschäftigten­feindliche Maßnahme zur Förderung des privaten Profitstrebens zu. Mittels eines verkaufsoffenen Sonntags wurden nicht nur zum wiederholten Male stinkende Automobile mitten in die Fußgängerzone verpflanzt, auch die Animationsmaschine lief rund. Die Kinder wurden mit dem rotzfrechen Spielmobil bespaßt, damit die sogenannten Erwachsenen das Shoppen einüben, und die etwas ältere Kinder durften sich zum Song »Happy« aufreihen, um auf Kommando für die Kamera loszuhampeln und ein blöde grinsendes Lächeln aufzusetzen. Daß es sich hierbei um junge Frauen gehandelt hat, die einen besonders konsumierbaren Mehrwert versprechen, paßt ins Bild [video].

Da bedarf es weder eines Landesfilmdienstes noch eines Instituts für Medienpädagogik, um die Kindern des Neoliberalismus, die gelernt haben, daß Konsum geil ist und die Selbstverarschung beim Casting sogar megageil, zu sinnfreien Hüpfbewegungen aufzurufen. Weshalb die Landesmedienanstalt derlei bekloppte Dumpfbackerei zu ihrem Medienevent hochjubelt, bleibt ihr Geheimnis. Nur weil Millionen von systemkonform erzogenen Medien­konsumentinnen und -konsumenten jedem Hype hinterherrennen, muß eine Medienanstalt diesen Trend nicht nachäffen. Aber vermutlich ist das geheime Programm selbiger Anstalt auch nicht die Emanzipation vom Medienwahnsinn, sondern die bewußte Einordnung in eine Medienwelt, die mit auf Profitmaximierung genau berechneter Musikbeschallung Herz, Sinne und Verstand verkleistern soll. Wir suggerieren uns alle gegenseitig, wie happy wir sind, um am Tag darauf in Jobcenter schikaniert, im Büroalltag gehetzt, in Flüchtlingsheimen drangsaliert oder in Schulen und Universitäten von einer zur anderen Prüfung gescheucht zu werden.

Jeder Gedanke an Revolte gegen derart unwürdige und für Hunderte von Millionen Menschen unzumutbare Zustände wird durch diesen dümmlichen Kleister zugemüllt. Das ist gelebte Medienkompetenz. Willkommen im Kino. Andere machen sich andere Illusionen und gehen gezielt Angela wählen, damit sie die Krise auf die Habenichtsen dieser Welt abwälzt.

Folgerichtig wird am ersten Tag des Hessentags gleich ein Werbespot für das weltweite Eingreifkommando der Bundeswehr gedreht und in der Mediathek der LPR Hessen eingestellt. Was im happyduseligen Video nicht vorkommt: Ganz happy überfallen wir andere Länder und bereiten uns am Hindukusch und in Mali darauf vor, uns gehörende Rohstoffe strategisch zu sichern, wie dies weiland schon der damalige Bundes„verteidigungs“­minister Peter Struck in seinen Verteidigungspolitischen Richtlinien verkündet hatte. Stattdessen bewegen sich die fröhlichen Jungs und Mädels des Tarnfleckenkommandos telegen durch das medienkompetent mit fröhlicher Musik unterlegte Bild. Was zu bedenken ist: in der Versammlung der LPR Hessen sitzen keinesfalls ausgewiesene Antimilitaristinnen und Pazifisten, sondern die breitgefächerte Mitte der Gesellschaft. Daraus folgt: das Kriegsgeschäft der Bundeswehr ist einen lustigen Werbespot wert, und das eckt dort auch nicht an.

Ganz im Gegensatz zu denen, die den in Bensheim ausgestellten „netten Typen“ nun gar nichts Positives abgewinnen können [flyer] und deshalb am Pfingstmontag gegen die netten Jungs und Mädels der medialen Tarnung demonstrierten: „Die Weltläden Heppenheim und Bensheim, Pax Christi, das Forum gegen Rüstungsexporte, das Nord-Süd-Forum, der DGB Bensheim, die Linke und Amnesty International haben damit gegen die Präsenz des Militärs auf dem Hessentag demonstriert.“ So das „Darmstädter Echo“ [online] am selben Tag. Währenddessen die Medienkompetenz­abteilung weitere dümmliche Filmchen produziert und die ganz und gar nicht happy Demonstrantinnen und Demonstranten, weil sie das einschleimende Spiel mit Musik und unrhythmischer Bewegung stören würden, einfach ignoriert.

P. S.: die Frage, welches nun das allerblödeste Lied dieses Jahrhunderts sein mag, vermag ich nicht zu beantworten. Aber ich will die Möglichkeit nicht ausschließen, daß es eines gibt, das noch blöder als »Happy« daherkommt.

Wir scheißen auf den Großherzog 

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, stellt in ihrem gedachten Mittelpunkt eine Phallussäule auf. Achtet einmal darauf. Manchmal enthält dieser Stadtpenis eine allegorische Darstellung, manchmal aber auch, wie in Darmstadt, steht obendrauf, quasi als Verkörperung der wirtschaftlichen und/oder politischen Potenz einer solchen Stadt, ein Mann des Adels. Die unterwürfige Verehrung dieser phallischen Potenz durch sein „dankbares Volk“ versinnbildlicht den spießigen Charakter einer piefigen Beamtenstadt im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts, ehe in ihr so etwas wie ein halbwegs selbstbewußtes Bürgertum entstand. Das Ludwigsmonument, kurz „Langer Lui“ genannt, steht touristisch vermarktet unhinterfragt im Mittelpunkt eines Verkehrsgewühls, das sich vor allem an Werktagen drumherum knäult.

Darmstädter Tauben.
Wir bauen uns ein Nest und scheißen auf den Adelsspuk.

Jörg Heléne hat in seinem Blog „Darmundestat“ die passenden Worte zum geistigen Tiefstand der damaligen Honoratiorenclique gefunden.

„Die Darmstädter Bevölkerung war aber keineswegs durchweg begeistert von den politischen Veränderungen. Im Gegenteil: viele bevorzugten die alte Ordnung der konstitutionellen Monarchie. Dieser recht große und einflussreiche Teil der Darmstädter, die am alten Status Quo festhalten wollten, sorgte in der liberale Presse für ätzenden Spott, der den Ruf Darmstadts unter Demokraten dauerhaft ruinierte. Von ‚Untertanentreue‘, ‚Staatsdienerkolonie‘, ‚deutschem Gehorsam‘, ‚Demokraten-Fressern‘ und einem Ort, wo ‚drei Leute eine gefährliche Zusammenrottung‘ darstellen, ist da die Rede, aber auch von ‚bleierner Langeweile‘ und ‚öden Plätzen‘, wo man ‚das Gras wachsen hören‘ könnte. Trotz aller Veränderungen im Landtag, der Regierung und selbst beim Staatsoberhaupt muss Darmstadt gewirkt haben, als würde man dort die [bürgerliche] Revolution einfach ignorieren. Während 30 km entfernt in der Paulskirche die Frankfurter Nationalversammlung tagte, ging das ruhige, langweilige Leben mehrheitlich ausgedienter Staatsdiener in der großherzoglichen Residenzstadt nahezu ungestört weiter wie bisher. Dass man du Thil einmal die Scheiben einschmiss, war da schon eines der radikalsten Ereignisse.

Darmstadt blieb eine Bastion der Reaktion. Bei der Stadtratswahl im Februar 1849 gewannen die Kandidaten der Monarchieanhänger eine knappe Mehrheit. Als Ende 1849 bei der Wahl zum Landtag auch aufgrund eines nach demokratischen Prinzipien reformierten Wahlgesetzes eine Zweidrittelmehrheit für die Demokraten zustande kam, hatte Darmstadt sich für reaktionäre Kandidaten entschieden.“

Nun soll frau und man nicht denken, das geistige Klima habe sich seither grundlegend verbessert. Ende des 19. Jahrhunderts grassierte der Antisemitismus, noch bevor folgerichtig 1933 genau die Hälfte der Wählerinnen und Wähler aus freien Stücken für die Nazis stimmten, womit Darmstadt prozentual über dem Reichsdurchschnitt lag. Antiziganismus war schon immer en vogue. Nach dem verlorenen Krieg schob man die, die man nicht hatte ermorden können, die sogenannten „Zigeuner“, in eine Barackensiedlung ab und ließ selbige verkommen. Jahrzehnte später, nach Dekaden vorgeblich progressiver sozialdemokratischer Vorherrschaft, war es ein Sozialdemokrat, der den Eklat vollzog, als er gegen in Darmstadt ansässige Sinti und Roma hetzte. Und dann schaffte es in den 90er Jahren ein Darmstädter Staatsanwalt, einen Jugendlichen einer Straftat anzuklagen, weil selbiger angekündigt hatte, die Schienen zum Atomkraftwerk Biblis sprengen zu wollen; und als die Staatsmacht dort auftauchte um nachzuschauen, sprengte selbiger Jugendlicher die Schienen mit Wasser aus einer Gießkanne. Das war noch vor Nine Eleven, aber selbst damals schon verstand die Obrigkeit immer noch keinen Spaß.

Die Großherzöge und manchmal auch ihre Ehefrauen genießen weiterhin die besondere Verehrung maßgeblicher Kreise, so daß sich ganz possierliche Possen beispielsweise um ein Schloßmuseum ranken, das bestenfalls dazu gut ist, dem reaktionären Kern adliger Genußsucht einen Ort der stillen Andacht zu gewähren. Wenn nun die Tauben, ausgerechnet die Tauben!, auf diesen Spuk scheißen, ist es in dieser weltoffenen Stadt ausgemacht, eine Frau, die selbige auch noch füttert, mit althergebrachten Methoden der Ordnungsmacht zu verfolgen. Dabei drücken die Tauben nur aus, was selbstverständlich sein sollte. Vermutlich sind sie auch deshalb den braven Bürgerinnen und Bürgern ein Dorn im Auge. Wer jetzt noch ein bißchen Geschichtsunterricht benötigt, um die großherzogliche Geschichte gegen den Strich zu lesen, wird in Jörg Helénes Blog fündig. Es bildet mehr als jede noch so durchdachte Rede unseres jetzigen grünen Stadtoberhaupts und auch mehr als die offiziöse Geschichtsschreibung im 2006 herausgebrachten Darmstädter Stadtlexikon.

Autofahrer/innen – eine bescheuerte Spezies 

Seit dem 14. April 2014 ist die Ausfart der südlichen Kirschenallee in die Bismarckstraße dicht. Im Zuge des Baus einer verbesserten Nahverkehrstrasse entlang bzw. inmitten der Bismarckstraße werden nicht nur neue Gleise gelegt, sondern zudem die Gelegenheit genutzt, Rohre und Leitungen zu erneuern [pdf] und [artikel]. Nun ist es nicht gerade so, daß sich die Beteiligten beeilen würden. Das Bauvorhaben begann mit Kanalarbeiten an der Feldbergstraße im Juni 2013, und nun haben sich zehn Monate später neue Möglichkeiten ergeben, ein Loch zu buddeln. Bei diesem ungemein flotten Fortschritt der Arbeiten verwundert es eher, daß die städtischen Planerinnen und Planer damit rechnen, schon im Herbst 2015 mit ihrem Vorhaben durch zu sein. Vermutlich ist diese Trödelei neoliberaler Auftragsvergabe geschuldet. Anstatt konzentriert und koordiniert solch ein Vorhaben in einem Jahr durchzuziehen, wurde vermutlich so ausgeschrieben, daß die günstigsten Anbieter mit minimalistischstem Einsatz zu ihnen volumenmäßig passenden Zeiten ausgesucht worden sind. Ist ihnen ja egal, ob die runderneuerte Linie 3 ein oder zwei Jahre später kommt. Solange wirkt sich jede Verkehrsstörung, verursacht in der Regel durch rammdösige oder besonders gewitzte Autofahrer/innen [etwa hier], als absolut hemmend für den nicht miefigen öffentlichen Nahverkehr aus.

Einmündung Kirschenallee.
Ein Picasso auf verbotenen Pfaden.

Nun gibt es bekanntlich eine besondere Spezies unter den Freundinnen und Freunden des motorisierten Individualverkehrs, die immer dann laut kreischen, wenn ihnen irgendwelche Verkehrsbehörden ein Hindernis in den Weg legen. Die freie Bürgerfahrt mag es nicht, wenn sie unterbrochen wird, und dann findet die Spezies eben eigene Wege, sich verbotswidrig durch den Verkehrsdschungel zu schlagen. Auf rot gestellte Ampeln sind dann ebensowenig ein Hemmnis wie Geschwindigkeits­begrenzungen, denn das Automobil ist herrisch und sein Herrschen oder Frauchen noch einen Zacken mehr. Derlei läßt sich nun auch an der Einmündung der Kirschenallee in die Bismarckstraße beobachten.

Zwei Reihen Sperrgitter werden zunächst per Handarbeit entflochten und dann im Slalom mehr oder weniger gekonnt umkurvt. Dieser kleine rote Picasso mag versinnbildlichen, was an einem österlichen Feiertag in beide Richtungen dutzendfach zu beobachten war. Besonders amüsiert hat mich die schwarze VW-Limousine, die hinter dem kleinen roten Autöchen sich den Weg gebahnt hat. Offensichtlich hat sein Fahrer, vielleicht auch die Fahrerin, die Dimensionen des Fahrzeugs beim Einbiegen unterschätzt. Jedenfalls machte es kurz „Rummms!“ und eines dieser Gitter wurde mit auf die Fahrbahn der Bismarckstraße geschleift. Dabei gab es hübsche Kratzer am rechten Kotflügel und den Türen. Wer nun denkt, daß sich hier Auswärtige verfranst hätten, die sich nun in ihrer stillen Verzweiflung durchzumogeln versuchen, irrt. Nein, die meisten dieser Fahrzeuge tragen ein Darmstädter Kennzeichen, woraus wir messerscharf schließen können, daß diese Verkehrsrowdies willentlich und wissentlich über die Stränge schlagen. Das sind dann wahrscheinlich genau dieselben Damen und Herren, die sich über jeden Radfahrer ereifern, der sie beim schnellen Spurt über eine tieforangerote Ampel behindert, oder über jede Radfahrerin, die so gemein war, ausgerechnet dann in Fahrtrichtung im Weg zu sein, als Herrchen und Frauchen um die Ecke preschten, etwa [hier] und [hier].

Vor einigen Jahren erwischte es eine gute Freudin an der Kunsthalle. Sie war mit dem Fahrrad geradeaus in Richtung Griesheim unterwegs, als sie über die Motorhaube eines rechtsabbiegenden Fahrzeugs flog. Unter Schock und bewegungsunfähig wurde sie von dem Fahrer ins Fahrzeug gehievt und umgehend ins Klinikum gefahren. Dort wurde eine schwere Wirbelverletzung festgestellt. Der Fahrer verschwand anschließend unerkannt. Fahrerflucht der besonderen Art demnach. Meine Freundin hätte durch das unsachgemäße Handeln des Fahrers auch querschnitts­gelähmt aus der Angelegenheit herauskommen können, so lag sie nur längere Zeit im Krankenhaus und benötigte ein halbes Jahr für ihre Reha. Der Fahrer hält sich sicherlich zugute, ein gutes Werk getan zu haben, anstatt auf den darauf spezialisierten Krankentransport und die Polizei zu warten. Die Bigotten unter den Rowdies sterben einfach nicht aus.

Dabei ist es – um auf die Kirschenallee zurückzukommen – doch so einfach, das lernt man und frau sogar in der Fahrschule: es ist eine Umleitung ausgeschildert, die nicht nur streßfreieres Fahren ermöglicht, sondern auch die häßlichen kleinen Kratzer vermeidet. Doch wer im Betrieb, an der Uni oder in der Schule nicht gelernt hat aufzumucken, muß seine tief sitzenden Frustrationen eben bei vollkommen unpassenden Gelegenheiten ausleben.

Vom Streik zum Stau 

Von Mittwoch bis Freitag, vom 19. bis zum 21. März 2014, fuhr in Darmstadt keine Straßenbahn und nur selten ein Bus. Die Dienstleistungs­gewerkschaft ver.di hatte ihre Mitglieder zum Streik aufgerufen, weil, wie alle Jahre wieder, die Arbeitgeberseite gute Arbeit möglichst gering entlohnen will. Diejenigen, die als Fahrgästinnen und Fahrgäste von frühmorgens bis spät in die Nacht auf den öffentlichen Personenverkehr angewiesen sind, hatten nun ein Problem. Viele lösten das Problem auf die konventionelle Art und stiegen in ein miefendes Knattermobil, um nach Darmstadt, aus Darmstadt und wieder zurück zu gelangen. Die Folge: Staus auf Darmstadts Straßen auch zu Zeiten, in denen üblicherweise der Verkehr recht flüssig fließt.

Darmstadt im Stau.
Knuffiger Stau auf der Rheinstraße am Abend des 20. März 2014.

Leider blieb das zugehörige Forschungsfeld brach liegen. Eine Diplomarbeit an der TU Darmstadt hätte beispielsweise die neuen Verkehrsströme durch eine Verkehrszählung analysieren können. Verkehrsplanerinnen hätten neue Argumente für den Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs sammeln können. Diejenigen, die über die rote Welle auf Darmstadt Straßen fluchen, konnten erleben, wie Vorrangschaltungen für Straßenbahnen und Busse ihrem Verkehrskomfort dienen. Doch nein, der sich lange anbahnende Streik wurde für Forschungsvorhaben der gesellschaftlich nützlichen Art vollkommen ignoriert. Vermutlich lassen sich mit profanen Verkehrsfragen keine Pluspunkte dür Exzellenzcluster sammeln oder gar Fördergelder lukrieren. Die werden eher in Monsterprojekte wie das FAIR im Darmstädter Norden gesteckt, um mit enormem finanziellen Aufwand Atome auf eine unterirdische Hochgeschwindigkeits­strecke zu jagen. Mag ja sein, daß hierbei das eine oder andere neue künstliche chemische Element entsteht, mit dem sich Forscher und Politiker auf Kosten der Steuerzahlerinnen lobhudeln können. Aber der Aufwand ist im Vergleich zum gesellschaftlichen Nutzen doch recht hoch und kommt gewiß einer zukünftigen profitablen Verwertung zugute.

Ganz hinten im Bild, auf der Kreuzung der Rheinstraße mit der Berliner Allee und der Goebelstraße, erkennen wir den Nachschub für den Stau quer durch Darmstadt. Zwei Autotransporter zuckelten mit sechzehn fabrikneuen Karossen mitten durch den zähflüssigen Abendverkehr, Sinnbild für eine vollkommen absurde, destruktive und ökologisch desaströse Verkehrspolitik. Selbst­verständlich ist diese Idiotie vom Standpunkt des sich verwertenden Kapitals aus betrachtet vollkommen rational. Genauso selbst­verständlich wird keine und niemand die Lehre aus dem Streik ziehen, daß es vielleicht doch vernünftiger wäre, den Straßenbahnfahrerinnen und Busfahrern ein Gehalt zu zahlen, mit dem sie nicht auf die Ausgleichszahlung als Aufstocker der lokalen Jobcenter angwiesen sind. Absurd ist es allemal, daß sich Verkehrsbetriebe von den Steuerzahlenden quersubventionieren lassen, weil sie sich darauf verlassen können, daß die von ihnen lobbyistisch beeinflußte Politik die profitablen Weichen für einen ausufernden Niederiglohn­sektor stellt. Hierbei handelt es sich nicht etwa um eine gesellschaftliche, soziale oder gar wirtschaftliche Fehlentwicklung. Dieser Irrsinn ist geradezu die Logik der autistischen Welt des Kapitals und seiner Helfershelfer in Politik, Verwaltungen und Medien.

Aber ist doch hübsch, wie die Nahverkehrstrasse für Busse und Bahnen inmitten der zugestauten Fahrspuren ungefüllt im Sonnenschimmer vor sich hinglänzt.

Aufstandsbekämpfung und Völkermord 

Die Lektüre von Zeitungen vergangener Jahrzehnte fördert immer wieder spannende Dinge zutage, die seinerzeit wenig Anstoß erregten. Am 21. Januar 1904 lief von Wilhelmshaven aus das Dampfschiff „Darmstadt“ aus, um Truppen zur Niederschlagung des Herero-Aufstandes ins damalige Deutsch-Südwest­afrika zu transportieren. Die Geschichte des Völkermordes an den Herero und Nama kann als bekannt vorausgesetzt werden, wenn nicht, hilft die Wikipedia weiter.

Nun mag es ein Zufall sein, daß der Dampfer den Namen „Darmstadt“ trug. Kein Zufall hingegen ist es, daß mit dem Namen Darmstadts ohne bekannte Proteste aus der südhessischen Provinz das Mordprogramm des kolonialistisch-imperialistischen Deutschen Reichs verbunden sind. Wir können beispielsweise – dank der online verfügbaren digitalen Ausgabe der „Darmstädter Zeitung“ – dieses als Übernahme aus der „Kölner Zeitung“ erfahren:

„Der 5500t fassende Dampfer ‚Darmstadt‘ hat sich schon zweimal als vorzügliches Truppentrans­portschiff erwiesen. 1897 beförderte er das jetzige 3. Seebataillon aus der Heimat nach Tsingtau und 1900 das 6. ostasiatische Infanterie-Regiment und die Gebirgsbatterie, 49 Offiziere, 5 Feldgeistliche,“

… die zur Absegnung des damaligen Mordprogramms und der Läuterung der guten Tat selbst­verständlich genauso dabei sind wie bei heutigen Bundeswehr­einsätzen …

„1263 Mann nach Taku. Für die 11.500 Seemeilen weite Strecke Bremerhaven – Tsingtau gebrauchte das Schiff 40 Tage. Die Entfernung bis Swakopmund beträgt 5700 Seemeilen, also fast die Hälfte. Die ‚Darmstadt‘ wird somit in 20 Tagen ihr Ziel erreichen. Das Schiff bietet dem 800 Mann starken Expeditionskorps reichliche und bequeme Unterkunft. Die ‚Darmstadt‘ erreicht am 28. Januar Madeira, am 11. Februar Swakopmund.“

115er Denkmal.
Denkmal für die heldenhaften Truppen früherer Raubzüge.

Man und frau konnte also 1904 wissen, welchem Zweck eine solche Expedition diente. Die Unterdrückung des sogenannten Boxer-Aufstandes ging einher mit gezielten Terror gegen die chinesische Zivilbevölkerung. Nun lag den sich zivilisatorisch weit fortschrittlicher dünkenden Deutschen nichts ferner als das Eingeständnis eigenen Unrechts. Selbst die Sozialdemokratie tat sich schwer damit, ihre Dünkel zu überwinden, wie aus einer wiedergegebenen Rede August Bebels im Deutschen Reichstag hervorgeht. Anlaß war ein beantragter Nachtrags­haushalt, um das Kriegs­unternehmen zu finanzieren.

„Solche Aufstände sind Folge der Art und Weise, wie die einzelnen Kulturnationen kolonisieren. Aufs höchste überrascht mich die Erklärung des Kanzlers, daß der Aufstand ohne jede sichtbare Ursache ausgebrochen sei. Es wird jedenfalls stimmen, daß der jetzige Kampf der Hereros ein Verzweiflungs­kampf ist, für den auch ausreichende Gründe vorhanden sein werden. Die beklagte Zügel­losigkeit der Eingeborenen rührt teils daher, daß die Kolonisation ihnen einen Teil der Laster der Kulturnationen brachte. Es scheint mir, daß bei der Erhebung dasselbe mitwirkt, was die Europäer in Empörung versetzen würde, nämlich die Antastung ihrer Existenz und ihres Eigentums. (Zustimmung links, Lachen rechts.) Als eine der größten deutschen Heldentaten wird gefeiert, daß die alten Germanen ähnliche Versuche der Römer zurückschlugen. Wird der Aufstand niedergeschlagen, so muß erwartet werden, daß keine Racheakte an den Häuptlingen vollzogen werden, die nur ihr Eigentumsrecht verteidigen. Da wir über die Gründe des Aufstandes noch im Zweifel sind, werden wir uns der Abstimmung enthalten.“

Wankelmütig waren Sozialdemokraten damals schon. Nach einer durchaus brauchbaren Analyse Bebels folgt im vorletzten Satz der Appell an die Kriegsherren, doch bitte nicht ganz so gewalttätig vorzugehen – und im letzten Absatz der Hasenfuß: Nur ja nicht anecken. Das könnte ja einen Shitstorm auslösen. Kein Wunder, daß dieselbe Partei ein Jahrzehnt später, vereint im Burgfrieden, am versuchten Raubzug deutscher Militärs und Stahlbarone mitwirkte, bevor sie den Freikorps den Freibrief zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts ausstellte. Da hatten andere Parlamentarier ganz andere Sorgen. Sie stimmten der Parlaments­vorlage nur schweren Herzens zu, aber nicht aus Sorge um die Herero, sondern der Kosten wegen. So ein kolonialer Völkermord soll halt wohlfeil organisiert werden.

Den Vogel jedenfalls schoß der damalige Reichskanzler von Bülow ab, als er erklärte: „Der Hereroaufstand ist ohne sichtbaren Anlaß ganz unerwartet ausgebrochen.“ Solcherlei Worte könnten auch dem Munde Obamas, Merkels, Steinmeiers oder Putins entschlüpft sein.

Was anschließend aus der „Darmstadt“ geworden ist, muß hier offen bleiben. Daß bis zum heutigen Tag in Darmstadt keine und niemand davon hat wissen wollen, ist kaum verwunderlich. Wer Kriegsherren wie Hindenburg und fanatische, hexenjagende Landgrafen wie Georg mit Straßennamen vergöttert, erfreut sich auch an Truppen­transportern, die den Namen unserer südhessischen Provinzmetropole in aller Welt bekannt machen.

Kerzen der Hilflosigkeit 

Jahr für Jahr sterben Hunderte, wohl eher Tausende, Menschen beim Versuch, die mittels Wassergraben hermetisch abgeriegelte Festung Europa mit einem Boot zu erreichen. Das ist politisch so gewollt. Das muß man und frau begreifen wollen. Daher ist ein Appell an die herrschende Klasse und ihre Regierungslakaien, sie mögen doch bitte den Menschen, die dem aus den Metropolen verordneten Elend entfliehen wollen, Einlaß gewähren, Ausdruck eines schlechten Gewissens im sicheren Hafen des gutbürgerlichen Wohlstands in einem der reichsten Länder dieser Erde.

Der politisch gewollte Akt, Menschen ertrinken zu lassen, erfordert den politischen Akt, das Ertrinken nicht hinzunehmen. Und damit fangen die Probleme an. Welche Mittel haben wir denn in der Hand, die militärisch bestens gerüsteten Exekutoren der Macht daran zu hindern, ihre Reichtumsinseln um den Preis des Lebens Anderer zu verteidigen?

Symbolischer Sarg.
Ein Sarg als Symbol.

Am Spätnachmittag des 18. Oktober 2013 versammelten sich rund 150 bis 180 Männer und Frauen auf dem Luisenplatz, um ihrem Entsetzen über die brutale Normalität des europäischen Flüchtlingsregimes Ausdruck zu verleihen. Zwei Wochen nach der – erneuten! und nicht letzten! – Flüchtlingstragödie im Mittelmeer bei Lampedusa folgten sie einem Aufruf eines Eritreers und einer grünen Stadtverordneten aus Griesheim. Einige von ihnen trugen zur Mahnung einen Sarg, den Sarg des Flüchtlings Nummer 92, auf ihren Schultern. Auf dem Marktplatz standen sie im Halbkreis um den Sarg herum und entzündeten Grabkerzen, die sie im Kreis um den Sarg herum stellten. Die bewegende Symbolik dieses Aktes der Hilflosigkeit soll hier nicht denunziert werden. Aber es ist fast schon verzweifelte Hilflosigkeit, und Kerzen ändern nichts an dem, weswegen sich diese nur wenigen Menschen versammelt hatten.

Dem Flyer, der an die umherschwirrenden Passantinnen und Passanten verteilt wurde, endet in einem Aufruf für eine humanitäre Flüchtlingspolitik:

„Bitte setzen Sie sich mit uns dafür ein, dass die Situation in Eritrea und anderen ostafrikanischen Ländern in Deutschland und Europa mehr Beachtung findet, um eine international faire Lösung zu ermöglichen.“

Wer soll denn diesmal der Adressat dieses Appells sein? Die Parteien, die Medien, die Politikerinnen, die Wirtschaft, also alle diejenigen, die ein handfestes Interesse an gerade dieser und keiner anderen Flüchtlingspolitik haben? Deren Fairness sich in Profitraten rechnet und deren Beachtung dem Aktienkurs gilt? Ganz abgesehen davon, daß es in diesem Land kaum Menschen gibt, die konsequent das Nötige fordern: ein Europa ohne Grenzen nach innen und außen. Der Rassismus derjenigen, die in einem reichen Land nicht mit den Habenichtsen dieser Welt teilen wollen, ist weder durch gute Argumente noch durch mehr Beachtung zu bekämpfen. Die Kerzen auf dem Marktplatz mögen dem eigenen Seelenleben Linderung verschaffen, aber sie sind der tödlichen Problematik nicht wirklich angemessen.

Eine praktikable Antwort finde ich allerdings auch nicht.

Wenn Planer planen 

Mitte September 2013 verkündete die Stadt Darmstadt, einmal etwas für die Radfahrerinnen und Radfahrer tun zu wollen. Um selbigen den Weg von der Uni zum Bahnhof zu erleichtern, wird auf der Straßenschlucht Bleichstraße ein eigener Radstreifen markiert. Zwischen Kasinostraße und Steubenplatz soll sogar der Autoverkehr auf eine einzige Fahrspur verengt werden.

Endender Radstreifen.
Bitte unterordnen.

Das sehr löbliche Unterfangen wird selbstredend konterkariert durch eine nicht zu bezwingende Autodenke. Gerade dort, wo es spannend wird, nämlich an der Einmündung der Bleichstraße in den Steubenplatz, verließ die Planerinnen und Planer der Mut. Das Ergebnis dieser Mutlosigkeit wurde verschämt mit ein bißchen Rot und einem Unterordnungs­pfeil auf den Straßenasphalt gepinselt. Sollen die Radfahrerinnen und Radfahrer doch sehen, wie sie mit den von hinten anpreschenden Lastwagen und Mittelklasse­limousinen klarkommen. Wer sein Leben liebt, wird absteigen und warten, bis auch der letzte Raser im Angesicht der sich gelb verfinsternden Ampel durchgebrettert sein wird.

Darmstadts Verkehrsdezernentin Brigitte Lindscheid fährt hier gewiß nicht mit dem Rad entlang, genausowenig wie die Damen und Herren des städtischen Straßen­verkehrs- und Tiefbauamts. Denn sie müßten sich tagtäglich dafür schämen, was sie diesmal wieder angerichtet haben.

Warum wurde der Radstreifen nicht bis zur Ampel verlängert? Oder, wenn dies so arg unmöglich scheint, warum wurde nicht wenigstens der Fußweg zur Rechten so gestaltet, daß Fußgängerinnen und Radfahrer den ihnen gnädigerweise zugestandenen Raum gemeinsam nutzen können? Gut, mit Luchsaugen erkennen wir unter dem blauen Schild mit Mutti und Kind tatsächlich einen weißen Zusatz, daß hier das Radfahren freigegeben sei. Damit dieser nur in der virtuellen Phantasie der abstrakten Planung vorhandene Weg nicht wirklich genutzt werden kann, wurde selbst­verständlich der Bordstein weder zu Beginn noch am Ende dieses Placebos abgesenkt. Zwar heißt es seitens der Stadt, so das „Darmstädter Echo“ am 19. September 2013:

„Um einige Lücken im Netz der Radwege qualifiziert zu schließen, nimmt die Stadt bis Ende 2014 1,3 Millionen Euro in die Hand.“

Wobei das Geld gar nicht aus der städtischen Hand kommt, sondern einem Sonderprogramm zur Sanierung des öffentlichen Raums entsprungen ist. Doch gerade hier mal den einen oder anderen Hunderter zu investieren, um den „qualifizierten“ Murks mit mehr als nur Pinselstrichen zu verschleiern, dazu reichte das Hirn der städtischen Planungsgruppe wohl nicht aus. Woraus wir lernen: Autos haben selbstredend auch in einer grünen Kommune Vorrang zu behalten.

Eine eingebildete Rauchwolke 

Am 22. Juni 2013 nahm ich an einer Geburtstagsveranstaltung der eher ungewöhnlichen Art teil. Aus Anlaß des 60. Geburtstags des Eisenbahn­enthusiasten Wolfgang Löckel organisierten die Interessengemeinschaft Nahverkehr Rhein-Neckar e.V. und die Bahnfreunde Rhein Neckar Pfalz e.V. eine Rundfahrt auf dem Meterspurnetz von Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Umgebung mit verschiedenen historischen Straßenbahn­fahrzeugen. Diese hervorragend durchgeführte Veranstaltung wurde am späten Nachmittag durch ein Ereignis getrübt, das außerhalb der Einfluß­möglichkeit der Veranstalter lag.

Rauchsäule.
Rauchsäule über Mannheim, im Hintergrund der dortige Hauptbahnhof.

Am selben Tag beschloß ein Lagergebäude auf der Ludwigshafener Parkinsel, das darin befindliche Styroporgranulat in Brand setzen zu lassen, und verrußte weite Gebiete in Mannheim und Südhessen, aber auch andernorts. Wir immer bei derartigen Anlässen wird uns versichert, daß nie und nimmer keine Gefahr für keine und niemand jemals nicht bestanden habe. In einem Artikel der Onlineausgabe des „Darmstädter Echo“ fand sich zeitweise ein weitergehender Beschwichtigungs­absatz der besonders perfiden Art. Bevor der Absatz wieder verschwunden war, habe ich mir noch eine Kopie davon gezogen. Dort werden Beschwerden aufgrund der Rauchschwaden als pure Einbildung abgetan:

„Klagen von Augenzeugen über Kopfschmerzen und Atemwegreizungen hätten möglicherweise psychologische Ursachen, sagte Kevekordes. Nervosität und Unruhe könnten zu einer Austrocknung der Schleimhäute führen und beispielsweise Reizhusten verursachen. Dies habe jedoch nichts mit den Stoffen zu tun, die bei dem Brand entstanden seien.“

Auch aus einem ähnlichen Zeitungsbericht im „Morgenweb“ erfahren wir, daß es sich bei diesem kompetenten Herren um Sebastian Kevekordes vom Ludwigshafener Gesundheitsamt handelt. Ich weiß ja nicht, wo der Herr so seine Ferndiagnosen herholt. Ich weiß jedoch, daß ich am Abend auf den Zug vom Mannheimer Hauptbahnhof nach Darmstadt gewartet habe, während über mir die Rauchwolke schwebte. Und ich weiß, daß der Husten ganz und gar nicht eingebildet war, schon gar nicht aus Nervosität und Unruhe. Ich reagiere auf allerlei Rauch recht leicht, so daß Ursache und Wirkung auf der Hand, bzw. hier: auf der Lunge liegen. Mehr noch: ich fuhr an diesem lauen Sommerabend mit geöffnetem Fenster die Bergstraße entlang.

Auf der Höhe von Heppenheim erschnupperte ich plötzlich wiederum Rauch. Das war keine Grillparty, denn es regnete. Es war Rauch, der dort gar nicht sein konnte, denn die Rauchsäule entschwand ja Richtung Osten. Im Internet erfuhr ich dann später, daß Heppenheim zu den Gegenden zählte, in denen die Bevölkerung dazu aufgerufen war, Fenster und Türen zu schließen. Vermutlich war mein feiner Geruchssinn auch nur einer besonders hypochondrischen Nervosität und Unruhe geschuldet, obwohl ich ja gar nicht mehr mit derlei Rauchbelästigung gerechnet habe und deswegen das Fenster im Bummelzug weit geöffnet hatte.

Wenn ich schon derart von einem Gesundheitsbeamten verscheißert werde, dann glaube ich den Rest auch nicht mehr: „Nach Angaben der Behörden wurden die Grenzwerte für Schadstoffe jedoch nicht überschritten.“ Nun setzt das Zeug, wenn es brennt, durchaus giftige Stoffe frei. Aber wenn wir uns die nur als nervösen Tick einbilden, dann ist ja alles bestens. Wir sollen zwar berußtes Obst und Gemüse gründlich waschen, auch wenn der Ruß – was für eine herrliche Formulierung – „nicht akut giftig“ sei, doch vermutlich handelt es sich hierbei nur um eine psychologische Maßnahme gegen nevöse Ticks und unruhige Schleimhäute.

Pflicht- und ordnungsgemäß stellten die Prüfer (auch Prüferinnen ?) danach fest, daß eingesammelte Obst- und Gemüseproben aus dem Umland und dem Handel sich unauffällig verhalten haben. Nur bei einigen Hobbygärtnern (und Gärtnerinnen ?) in der näheren Umgebung der abgebrannten Halle ließ sich der Nachweis „geringer Gehalte“ an polyzyklischen aromatischen Kohlen­wasserstoffen nicht ganz vermeiden. Untersucht wurden Feigen, Äpfel und Kirschen, auf denen sich Rußpartikel abgelagert hatten. Diese, so heißt es, könnten krebserregend sein. Nun ja, gründliches Abwaschen soll hier Abhilfe bringen. Jetzt warte ich nur noch darauf, daß Greenpeace mal vorbeischaut und sich die Ablagerungen in der Umgegend genauer anschaut. Vermutlich hat Greenpeace aber keine Zeit, denn der marktkonform durchgestylte Verein verkauft lieber Ökostrom und ein politisch folgenloses Wohlfühlklima.

Eine Ordnungswidrigkeit der Ordnungspartei 

Es ist Wahlkampfzeit. Auch wenn die Bundestags- und die hessische Landtagswahl erst am 22. September 2013 stattfinden, so muß das gemeine Wahlvolk rechtzeitig auf dieses wichtige Event zum Kreuzchenmalen eingeschworen werden. Sehr früh aufgestanden ist hier die Darmstädter CDU, die ihre Frontfrau Irmgard Klaff-Isselmann freundlich dreinblickend aufstellt. Wir alle wissen, wie wichtig dieser Partei eine gesetzmäßige Ordnung ist, und wir wissen auch, daß sie frei nach der Broken Window-Theorie gegen die Anfänge möglichen kriminellen Handelns schon frühzeitig den harschen Wind der Ordnungs­maßnahmen herbei­beschwört. Null Toleranz! Die Wikipedia beschreibt diesen Ansatz zutreffend so: „Auf der Grundlage dieser These wurde das New Yorker Polizeimodell ‚Zero Tolerance‘ entwickelt. Es sieht unter anderem vor, aus Gründen der Kriminal­prävention frühzeitig und rigoros auch gegen Bagatelldelikte und kleinste Ordnungs­widrigkeiten vorzugehen.“

Falsch Parken.
Tatort Darmstadt, Frankfurter Straße, 7. Mai 2013, 15 Uhr 10.

Als ich eines wolkenverhangenen Nachmittags nichts Böses ahnend die Frankfurter Straße entlang­schlenderte, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Auf einmal hält ein mit CDU-Logo verziertes Fahrzeug verschämt am Straßenrand an, blinkt fröhlich warnend drauflos und belegt frech den Radstreifen vor der HSE-Zentrale. Der Kleistermeister steht auf meinem Sichtungsfoto hinter dem Plakat und ist aus Gründen des Datenschutzes hier nicht sichtbar unkenntlich gemacht. Das vom Baum verdeckte runde Schild macht neugierig. Dazu gleich mehr. Auf jeden Fall: ein klarer Fall für die Knöllchenfraktion des Ordnungsamts.

Falsches Parken auf Radwegen gehört gewiß zu den Ordnungs­widrigkeiten, die für Autofahrer die Regel darstellen. Beim ADFC-Klimatest auf der Suche nach vorbildlichen radfahr­freundlichen Städten in Deutschland hat Darmstadt nicht gerade gut abgeschnitten. Nach der in den 90er Jahren auch von der hessischen CDU aufgegriffen Broken-Windows-Zero-Tolerance-Masche ist es dann gewiß so, daß eine derart leichtfertig begangene Tat ermutigt, in den kriminellen Sumpf abzugleiten.

In meiner Sendung Was uns die Archäologie zur Entstehung von Klassen­gesellschaften sagen kann, ausgestrahlt am 16. Dezember 2002, hatte ich auf einen Antrag des damaligen Stadt­verordneten und heutigen Ordnungs­dezernenten Rafael Reißer hingewiesen, den Kleinschmidtsteg aus Gründen der Kriminalitäts­prävention videotechnisch zu überwachen. Dabei stand für diesen Politiker damals nicht die Sicherheit, sondern nur das dabei eingebildete Sicherheits­gefühl im Vordergrund. Ich könnte mit derselben Logik nun fordern – hallo, Minister Hans-Peter Friedrich, dies ist ein Wink mit dem Zaunpfahl! –, zukünftig alle CDU-Wahlplakate mit einer Videoüberwachung zu verknüpfen. Nicht etwa, um die bösen Buben und Girls daran zu hindern, die Plakate der Sauber­fraupartei zu verstalten, vielmehr um zukünftig Ordnungs­widrigkeiten wie diese hier vermeiden zu helfen. Das gibt Radfahrerinnen und Radfahrern zweifellos ein verbessertes Sicherheitsgefühl.

Ich finde es schon ein starkes Stück, wenn das Parteimobil der Gralshüterin von Recht und Moral sich dreist auf einen Radweg pflastert, um schnuckelige Wahlplakate mit Kleister und Bürste auf den neuesten Stand der Werbung aufzufrischen. Wenn mich die Ordnungspolizei dabei erwischen würde, geht das ganz anders aus … – In Darmstadt kann es einer nämlich schon einmal passieren, wegen einer Ordnungs­widrigkeit eingebuchtet zu werden. Keine Sorge, die CDU muß derlei nicht befürchten.

Absolutes Halteverbot.
Absolutes Halteverbot trifft auf CDU-Politikerin. Wenn das mal gut geht!

Bleibt die Frage, ob der Fahrer dieses CDU-Parteimobils in der Fahrschule gepennt hat, als ihm das Verkehrszeichen 283 der Straßen­verkehrsordnung nahegebracht wurde. Als er am Plakat vorfuhr, muß es ihm geradezu ins Auge gestochen sein. Dieses Zeichen verbietet das Halten auf der Fahrbahn, erst recht das Abstellen des Fahrzeugs, um mal schnell eine Packung Zigaretten zu ziehen oder ein Plakat zu überpinseln. Derart schlechte Verkehrsvorbilder sind garantiert gute Politiker, denn sie erfüllen die Erwartungshaltung der Mehrheits­bevölkerung. Der Volksmund betrachtet Politik ohnehin als „schmutziges Geschäft“. Vermutlich wird sich deshalb keine vorbeifahrende Autofahrerin etwas dabei gedacht haben, als sie den CDU-Mann beim Kleistern entdeckte. Es gibt Organisationen, da erwartet man und frau einfach nichts anderes, als daß Worte und Taten auseinander­klaffen. – Oh, this pun was not intended, honestly, but is nice.

There is no alternative 

Am 7. April 2013 starb Margaret Thatcher an den Folgen eines Schlaganfalls, der sie, standesgemäß, im Ritz traf. An der Trauer­kundgebung nehme ich nicht teil, auch nicht virtuell. Mit ihrer Verkörperung knallharter neoliberaler antisozialer menschen­verachtender Politik hat sie Millionen Menschen ins Elend gestoßen. Da paßt, was sie selbst als Leitmotiv ihrer Politik betrachtet hat. Auch die Reichen und Mächtigen beißen irgendwann einmal ins Gras. There is no alternative!

Und was hat das mit Darmstadt zu tun? Nichts. Oder doch. Die Sparbrötchen fangen mit Stadtteilbibliotheken klein an und trampeln in Zukunft umso dreister über die Möglichkeiten nicht so gut Situierter kalt lächelnd hinweg. Das Bürgertum macht mobil.

Interessenkonflikte, ausgetragen auf der Zeitebene 

Ende März 2013 radelte ich am Darmstädter Nordbahnhof vorbei und schaute auf die Bahnhofsuhr. Und dann noch einmal genauer. Zwei Richtungen, zwei Zeiten. Vielleicht auch nur das probeweise Einüben der Sommerzeit. Wer weiß?

Eingang Nordbahnhof.
Zeitenwirrwarr am Nordbahnhof. Beide Uhren ticken weiter, keine ist stehen geblieben.

Am selben 27. März schreibt Klaus Honold für das „Darmstädter Echo“ einen Artikel über die Verstetigung der Langsamkeit, zumindest was die geplante Sanierung Darmstä­dter Bahnhöfe angeht. Es wird versprochen und geplant, nur passieren tut nichts. Die Interessenlage der Deutschen Bahn ist klar. Die Kosten für die Sanierung ist von der öffentlichen Hand zu tragen. Nun ist zwar auch die Bahn ein Unternehmen der öffentlichen Hand, aber eines, das an die Börse soll. Kosten stören die geplante Rendite, wo doch die Bahn mittels hoher und teilweise auch undurchschaubarer Preise und zudem einer Quersubven­tionierung über regionale Personenverkehrs­mittel erst kürzlich stolz einen Rekordgewinn von anderthalb Milliarden Euro verkünden durfte.

Der Nordbahnhof, eine zugige Halle mit zwei zugigen Bahnsteigen, bedarf der Renovierung und zeitgemäßen Ausstattung mit barrierefreien Zugängen. Die Bahn möchte sich am liebsten nur mit der Sanierung ihrer maroden Bahnsteigkanten befassen und betrachtet den Zugang zu selbigen Bahnsteigen als eine Sache der Stadt. Wer Barriere­freiheit will, soll halt dafür löhnen. Wer ein schmuckes Ambiente haben will, bitte sehr, da haben wir nichts dagegen, aber zahlen müßt ihr das schon selbst. Wir sind nur für die Bahnsteige zuständig; ob und wie unsere Kundschaft auf selbige gelangt, geht uns nichts an. Neoliberal betriebs­wirtschaftlich optimierter Dünnpfiff halt. Bei der Bahn AG gehen manche Uhren somit etwas anders, nämlich forscher, nur noch nach vorne gewandt, mögen die Kanten noch so bröseln, und das gibt sie am Eingang in ihr Reich deutlich zu erkennen.

Gedankenloser Antiziganismus für den Gaumen 

Es scheint hierzulande kein Problem zu geben, von Problem­bewußtsein ganz zu schweigen. Es gibt weiterhin Mohrenköpfe und Negerküsse, Zigeuner­schnitzel und Zigeunersoßen. Ob es sich um eine Frage mangelnder politischer Korrektheit handelt? Oder worum geht es bei dieser Namenswahl?

Die genannten vier Begriffe entstammen einer Zeit, in der es aus deutscher Überheb­lichkeit üblich war, Menschen dunkler Hautfarbe als „Neger“ zu bezeichnen und zu diffamieren, und sogenannte „Zigeuner“ ohnehin nicht zum europäischen Kulturkreis zu zählen. Die rassistische Zuschreibung bestimmter Menschen als Neger hat sich im Absolutismus eingebürgert und ist aus den Köpfen der hiesigen Mehrheits­gesellschaft nicht wegzubekommen.

Zigeunersoße.
Die abgeschmackte Soße der Gedankenlosig­keit wird dort feilgeboten, wo brave Bürgerinnen und Bürger ihren leutseligen Geschäften nachgehen.

Antiziganismus ist hierbei ein noch ganz eigenes Ressentiment. Wenn ich die regierungsnahe „Darmstädter Zeitung“ um 1900 durchblättere, kann ich deutlich herauslesen, daß als Zigeuner diejenigen Menschen stigmatisiert wurden, die man und frau hierzulande nicht leben lassen wollte, die als Freiwild galten, auf die regelrechte  – und auch ganz offenherzig so genannte – Treibjagden durchgeführt wurden, und die selbst­verständlich verhöhnt und geschlagen werden durften. Aus derselben Zeit stammen die exotisierenden Vorstellungen vom fahrenden Volk mit seinen glutäugigen Frauen und anderen Verführungen, die ein ordentlich gesitteter Mann/Bürger zwar manchmal träumen, aber denen er niemals nachgeben durfte. Ein deutscher Mann arbeitet hart und eine deutsche Frau ist sittsam. Wer anders ist oder wem anderes zugeschrieben wird, bekommt den gerechten deutschen Volkszorn zu spüren. Die Projektion eines Lebens in unbändiger Freiheit schlug um in den Haß auf diejenigen, die vermeintlich nicht das rechte deutsche Arbeitsethos in sich trugen. Neben Juden waren dies vor allem die Zigeuner.

Zu den verkitschten Projektionen des lustigen Zigeunerlebens trugen Operetten und Abzieh­bildchen bei, deren romantisch verklärter Blick sich auf Ungarn richtete. Folgerichtig kommt das Paprikaschnitzel aus dem Dunstkreis der Habsburger Monarchie und wandelte sich hier zum exotisierend schmackhaft gemachten Zigeunerschnitzel. Ähnlich erging es der Flüssigkeit, die als Zigeunersoße vermarktet wird.

Wer mit einem Mindestmaß an Empathie die Sache betrachtet, wird zu dem Schluß kommen, daß sowohl Mohrenköpfe und Negerküsse, als auch Zigeunerschnitzel und Zigeunersoßen im Sprach­gebrauch unangemessen, aber auch entbehrlich sind. Ein Hersteller der weißen Schaumsüßigkeit mit Schokoguß vermarktet erfolgreich sein Produkt als Schokokuß und trägt dazu bei, den rassistischen Beigeschmack abzulegen. Leider sind die einschlägigen Portale der guten Fragen in ihrem respektvollen Anstand noch nicht so weit. Da wird zunächst ganz scheinheilig gefragt: „Negerkuß – darf man das heutzutage noch sagen?“ Ganz selbst­verständlich schwadroniert dann die Mitte der Gesellschaft drauflos und bedient alle rassistischen Klischees, die man und frau sich nicht wünschen mag. So ganz nach dem althergebrachten verharmlosenden und abwiegelnden Stil: meine besten Freunde sind Neger, und die finden nichts dabei, auch Neger genannt zu werden. Und genauso selbst­versändlich findet die weiße Mehrheits­bevölkerung nichts dabei, von ihren rassistisch konnotierten Gewohnheiten abzugehen. Wozu auch: wir sind ja die Mehrheit und Andere (also die, die nicht zu uns gehören und nur „zu Gast“ sind) haben sich gefälligst uns anzupassen und zu unterwerfen. Und wer Neger ist, das bestimmen ohnehin wir.

Während Verfolgung, Versklavung, Ermordung und weiterhin anhaltende Entrechtung schwarzer Menschen eher den USA zugerechnet wird, ist der Antiziganismus seit Jahrhunderten eine ganz deutsche Veranstaltung, die in Konzentrations­lagern und Gaskammen mündete. Wer hierzulande von Zigeunern redet, muß dies im Blick haben. Sinti und Roma, so verschieden sie in ihren Lebenslagen und ihrer Einbindung in die deutsche Gesellschaft auch sein mögen, verdienen den Respekt, nicht mit dem abfälligen und stigmatisierenden Begriff benannt zu werden, der mit Ausgrenzung, Entrechtung und Vernichtung untrennbar zusammenhängt.

Offensichtlich ist die deutsche Mehrheits­bevölkerung mit derlei Gedanken hoffnungslos überfordert. Zigeuner­klischees sind weiterhin en vogue. Und deshalb gibt es in der Darmstädter Rheinstraße auch weiterhin Zigeunerschnitzel oder (wie hier auf dem Bild) die passende Zigeunersoße. Es ist keine Frage einer wie auch immer bestimmten political correctness und einer zugehörigen Sprachhygiene. Vielmehr geht es um den beußten Umgang mit Stereotypen und Ressentiments, die eine lange elende und brutale Geschichte begleitet haben. Es gibt keinen Grund, daran festzuhalten, außer man und frau will es aus den althergebrachten Gründen genau so. Die anerzogene Barbarei ist mitten unter uns, auch im Kleinen.

»»  Ich empfehle als weiterbildende Lektüre das Buch „Antiziganistische Zustände“, herausgegeben von Markus End, Kathrin Herold und Yvonne Robel, erschienen 2009 im Unrast Verlag, und – mit Bezug auf Darmstadt – das Buch „Darmstadt. Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti in Darmstadt“ von Herbert Heuß, zu beziehen über den I-Verb.de Internet Verlag. Beide Bücher habe ich in meiner Sendung Antiziganistische Kontinuitäten am 29. Juli 2009 vorgestellt.

Verehrter Militarist und Nazifreund 

Umbenennung.
Halit-Yozgat-Straße.

Vor sieben Jahren sprach ich in Darmstadts Lokalradio über die Freundinnen und Freunde der Hinden­burgstraße und zerlegte deren „Argumente“. Im Herbst 2005 hatte sich die Darmstädter Stadt­verordneten­versammlung dazu durchgerungen, ganz zaghaft darüber nachzudenken, ob die Straße vielleicht nach der Gräfin Dönhoff benannt werden könne. Die Nummer endete damit, daß Gräfin Dönhoff den Platz vor dem Darmstadtium ziert und dem Militarismus in Darmstadt weiterhin mit einer Straße gehuldigt wird. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Straße wurden nachfolgend derart handzahm gefragt, daß selbige einfach nur „Nein“ flüstern mußten, und der rotgrüne Magistrat wie auch die Stadt­verordneten fielen (fast) kollektiv um.

»»  Vergleiche hierzu die Erklärung der Stadtverordneten­fraktion der Linken vom 1. Mai 2007: Umbenennung Hindenburgstraße. Das Pressearchiv der Stadt Darmstadt stellt leider nur noch die Pressemitteilung vom 9. Februar 2007 zur Verfügung, nicht jedoch den pikanten, weil Hindenburg wohlwollenden Text aus der Feder des Darmstädter Stadtarchivars Peter Engels. Dieser Text sollte die an der Hindenburg­straße wohnenden oder Geschäfte treibenden Schäfchen mit ihren Stimmzetteln ins rechte Fahrwasser leiten. Das funktionierte prima. Die Stadt verschickte 186 Stimmzettel, 154 kamen ausgefüllt zurück und 151 votierten für den Nazifreund als Schutzpatron ihrer Straße. Das Anschreiben für das erwünschte Schäfchen­verhalten hatte der grüne Dezernent Klaus Feuchtinger verschickt. Selbiger gab zwar zu Protokoll, er sei für die Umbenennung, setzte jedoch mit der Wahl des Hindenburg-freundlichen Stadtarchivars ein deutliches Zeichen. Wenn man (oder frau) wirklich die Umbenennung hätte haben wollen, so hätte sich gewiß ein geeigneterer Hindenburg-Biograf finden lassen, etwa Wolfram Pyta, der die Mythen und Legenden um den General­feldmarschall auf den Stand der historischen Forschung gebracht hat. – Auch die von der DFG/VK online erstellte zweite Auflage des Lexkons „Von Adelung bis Zwangsarbeit“ über Militär und National­sozialismus in Darmstadt geht ausführlich auf die Hintergründe zu Hindenburg und seiner Straße ein.

Am 30. Januar 2013 nun trafen sich etwa 200 bis 250 Frauen und Männer, mehrheitlich Migrantinnen und Migranten, auf dem Luisenplatz, um eine erneute Kampagne gegen diesen Straßennamen zu starten. Nachdem nun einschlägig bekannt ist, daß es ohne den Verfassungs­schutz keinen mörderischen National­sozialistischen Untergrund hätte geben können, liegt es nahe, bei der Umbenennung der nach Hindenburg benannten Straße einen von selbigem NSU am 6. April 2006 in Kassel ermordeten Migranten vorzuschlagen – Halit Yozgat. Daß zum Zeitpunkt des Mordes ein hessischer Verfassungs­schützer, genannt „Klein Adolf“, vor Ort war, paßt ins Bild.

Nach einer kurzen Kundgebung auf dem Luisenplatz zog der Demonstrationszug zum Gewerkschaftshaus, um die dort an der Rheinstraße einmündende Hindenburg­straße mit dem Namen Halit Yozgats zu überkleben. Die Demonstration endete in der Riedeselstraße, wo die Gestapo ihre Gefangenen zu foltern pflegte. Wenn ich mir eine Bemerkung zu dieser Aktion erlauben darf: vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, die Länge der Straßenschilder vorher auszumessen.

Am 9. November 2011 wurde an der Westseite des städtischen Klinikums ein Platz zu Ehren des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Julius Landsberger eingeweiht. Dieser Platz befindet sich dort, wo bis 1938 eine jüdische Synagoge stand, die das Selbstbewußtsein der Darmstädter Jüdinnen und Juden architektonisch versinnbildlichte. In seiner Rede erwähnte Oberbürger­meister Jochen Partsch die Schande der Hindenburg­straße. Von einer Initiative, diese Schande zu beseitigen, war anschließend nichts zu erfahren. Nun ist es so, daß ein grüner Lokalpolitiker Rücksicht nehmen muß auf einen Koalitionspartner, in dessen Reihen glühende Verehrer des Militaristen, Antidemokraten und Nazifreundes Paul von Hindenburg sitzen. Anders ist es ja nicht zu erklären, weshalb ausgerechnet diese Kreise so hartnäckig am historisch belasteten Straßennamen festhalten. Jochen Partsch sollte sich ein Beispiel an Münsters Oberbürger­meister Markus Lewe (CDU) nehmen, der für die Umbenennung des dortigen Platzes eintrat, obwohl die Stadtverordneten seiner eigenen Partei mehrheitlich dagegen votierten.

Ich wünsche der Kampagne gegen den Namen Hindenburgstraße viel Erfolg. Eine Umbenennung wäre allerdings ein rein symbolischer Akt, machen wir uns da nichts vor, der an der antidemokratischen und unsozialen, ja geradezu gruppenbezogen menschenfeindlichen Grundstimmung in der Mitte der Gesellschaft nichts verändern wird.

Willkommener Karossenplatz 

Darmstadtium.
Welcome to the Darmstadtium.

Darmstadts schiefste Schachtel steht nicht etwa an Darmstadts schiefster Allee, sondern dort, wo sich postmodern gestylte Neubauten und pflaster­versiegelte Flächen ein Stelldichein geben. Zwischen dem ehemaligen großherzoglichen Hoftheater, das heute den Darmstädter Ableger des Hessischen Staatsarchivs beherbergt, und dem hexagonalen Zweckbau der TU Darmstadt mit seinen Hörsälen wurden ein Willkommenshotel, ein Eingangstorklotz, ein eigenwilliges Kongreßzentrum und eine Spießbürgerrinne hingepflanzt, um den urbanen Charakter der weltoffenen Stadt zu offenbaren. Zwischendrin braust der automobile Verkehr laut donnernd vorbei, um dem urbanen Flair auch eine harmonische Note zu verpassen.

Darmstadts Kongreßzentrum ist ein Millionengrab. Es hat nicht nur unzählige Millionen gekostet, damit die lokalen Honratioren und Exzellenzcluster ein gutbürgerliches Zuhause vorfinden, nein, und ganz selbstverständlich, es wird auch der laufende Betrieb einer großkopferten Kleinbourgeoisie mitsamt ihrem universitären Anhang quersubventioniert. Während die Kinder aus Bessungen und Arheilgen demnächst vor den verschlossenen Türen ihrer Stadtteil­bibliotheken vergebens darauf warten können, daß ihnen Bildung zuteil werde, weil ja Geld für viel wichtigere Dinge eingespart werden muß, etwa für ein albernes und unzeitgemäß adliges Schloßmuseum, wird an anderer Stelle dasselbe Geld für den guten Zweck der Hofierung von Kapitalinteressen locker gemacht.

»»  Die grünschwarze Sparbrötchen-Stadtregierung hat beschlossen, den Liebhaberinnen und Liebhabern konservativer Geschichts­schreibung eine Million Euro zu gönnen, wovon die Stadt die Hälfte aus dem eingesparten Bibliotheksetat zur Verfügung stellt. Denn es ist ja wichtiger, daß sich Gestrige an undemokratischen Traditionen laben, als daß Kinder den Zugang zu Buchstaben und neuen Gedanken finden. Siehe hierzu den Artikel Finanzspritze fürs Schloßmuseum in der Onlineausgabe des Darmstädter Echo am 28. November 2012. Der lokale Blogger Jörg Helène hat sich hierzu einige nachdenkliche Gedanken gemacht.

Obwohl die Automobilausstellung bekanntermaßen alljährlich im Mai Darmstadts Fußgängerinnen und Radfahrer in der vielbevölkerten Wilhelminenstraße belästigt, lassen es sich ein paar geladene Gäste nicht nehmen, sich den Platz als Parkplatz zu nehmen, der ihnen gebührt. In einer automobilen Gesellschaft haben die stattlichen Karossen aus Stuttgart und Ingolstadt selbstredend nicht nur Vorfahrt, sondern besitzen zudem das Privileg, das schnuckelige Pflaster vor der trockengelegten Darmbachrinne als ihren ureigensten Parkraum zu bewirtschaften.

Euphemistischer Dienst an der Kundschaft 

Kassenzettel.
„Es bediente Sie: Frau X“

Am 29. Oktober des herbstlicher werdenden Jahres 2012 suchte ich eine Filiale des Rossmann-Konzerns auf, um einige alltägliche Konsumartikel zu erstehen. Die Warteschlange, über die ich in meiner Radiosendung Preise auf Messers Schneide die Woche zuvor gesprochen hatte, war sogar erstaunlich kurz. Auch nervte nicht einer derjenigen Kunden, der seine Datensätze ganz freiwillig dem unscheinbaren Kartenlese­gerät am Ende des Warenfließ­bandes anzuvertrauen beabsichtigte. Barzahlung geht zwar in der Regel schneller, ist aber für das Abrechnungs­wesen eines modernen Supermarktes nicht so effizient und nützlich wie eine Bankkarte. Der Kundschaft wird derlei Profitmacherei als Bequemlichkeit verkauft, und die neoliberale Gedanken­erziehung zieht reichlich Gedanken­losigkeit nach sich. Witzigerweise wird dann allenthalben der sorgsame Umgang mit den eigenen Daten propagiert – aber bitte nicht dort, wo es konveniert. Nachdem mir also das Geld auf die altmodische Weise abgeknöpft worden war, erhielt ich zu meiner Belustigung einen Thermodrucker­streifen, auf dem ich recht ungläubig die Worte lesen mußte: „Es bediente Sie“, gefolgt vom Namen der Kassiererin. So kann man und frau das natürlich auch sehen: Abkassieren als Dienstleistung am Kunden. Orwell im Kleinen.

Beweglich 

Screenshot.
Haltestellen der Linien F und H fahren am Sonntag verändert.

Was soll ich mir unter derlei Sprachschluderei vorstellen? Bewegliche Haltestellen auf dem Roadtrip? – Hat diese Überschrift der Einsender oder die Einsenderin („e“) verbrochen oder die Online-Redaktion von Darmstadts stilsicherster Tageszeitung? Liest bei euch eigentlich eine oder jemand mal Korrektur? Oder wolltet ihr uns nur kauderwelschig mitteilen, daß die Busse am Sonntag mit verändertem Kurs verkehren?

Lokale Alibiökologie – Nachschlag 

Geniale Verkehrslenkung.
Eine weitere Automobileske. Daher auch hier: Viel Spaß beim Stadtradeln!

Vermutlich werden die Stadtradlerinnen und Stadtradler nur die bestens ausgebauten Fahrradwege benutzen. Alles andere würde ihr Wellness­gefühl schamlos verletzen. Zu den absonderlichen Auto­mobilesken gehört die Überquerung der Frankfurter Straße in Höhe der Emilstraße per Rad. Während die Emilstraße im Johannesviertel frei zugänglich ist und damit auch dem miefigen Verkehr offen steht, dachten sich Darmstadts Stadtplaner wohl, einen derartigen Durchgangs­verkehr dem gegenüber­liegenden Martinsviertel nicht antun zu können. Der dahinter liegende Gedanke mag nicht einmal falsch sein. Verkehrs­beruhigung anstatt Schleichweg parallel zum vollkommen überlasteten Rhönring ist gewiß sinnvoll.

Nur – weshalb wird dem Radverkehr diese durchaus fahrbare Furt derart gnadenlos verschlossen? Drei Taxistände direkt in der Straßenflucht beweisen einmal mehr, wer in Darmstadt Vorrang genießt. Käme ich gar auf die wunderliche Idee, mich mit dem Rad von der einen auf die andere Seite der Emilstraße schleichen zu wollen, dann habe ich zwei Optionen. Option 1 besteht darin, daß zufälliger­weise kein Taxi im Weg steht und ich den teilweise abgesenkten Bordstein problemlos nutzen kann. Passabel. Option 2 besteht darin, den Taxen irgendwie auszuweichen, abenteuerliche Kringel auf beengtem Raum zu fahren und keinen abgesenkten Bordstein vorzufinden. Welcher Depp hat das geplant und genehmigt?

Emilstraßenkreuzung auf OpenStreetMap.

Lokale Alibiökologie 

Während Darmstadts überflüssigstes Event (neben den Saufkerben) Jahr für Jahr zelebriert wird, dürfen Radfahrerinnen und Radfahrer sich immer wieder erstaunt fragen, weshalb ihre Belange derart zuvorkommend behandelt werden. Ampel­schaltungen, die auf Autos ausgerichtet sind, Autos, die einen Radweg für einen Parkplatz halten, Radwege, die eher Stolperfallen gleichen oder nach einigen Alibimetern irgendwo im Sande verlaufen. Darmstadt ist eine ganz normale Stadt unter vielen, die sich selbst­verständlich lieber eine grüne Welle für den umwelt­schädlichen Autoverkehr wünscht als ein gut ausgebautes Fahrrad­wegnetz. Manchmal gibt es ein wenig grünen Aktionismus, etwa wenn die neue grünschwarze Sparkoalition eine millionenteure Fahrradbrücke über eine vielbefahrene Straße erbauen lassen will, anstatt die stinkenden Gefährte einmal vor einer Ampel verschnaufen zu lassen. Oder wenn auf einmal Straßen als Fahrradstraßen aus dem Hut gezaubert werden, deren Anfang und Ende nicht einfach im Nirwana landen, sondern ganz neue Probleme aufwerfen, wie bei der Wilhelminenstraße.

Vollkommen normal.
Der ganz normale Wahnsinn. Selbst minimalster Radraum wird gnadenlos zugeparkt. Daher: Viel Spaß beim Stadtradeln!

Einen bemerkenswerten Einblick in derlei albernen Aktionismus gibt Paul-Hermann Gruner im Darmstädter Echo am 21. Juni 2012, der die Stadtplanerin Karin Weber nüchtern konstatieren läßt: „Geplant an Maßnahmen ist nicht viel.“ Diese Alibi­veranstaltung grüner Befindlich­keiten wird tagtäglich kontrastiert mit einer deutlichen Ignoranz gegenüber Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Straßenverkehr, die weder über Airbags noch über Stoßstangen verfügen, und die allenfalls als städtebauliche Manövriermasse betrachtet werden. Beispiele für derlei Schikanen finden sich auf dieser Seite zur genüge.

Mag ja sein, daß Darmstadts grüner Oberbürgermeister Jochen Partsch das Fahrrad als Dienstfahrzeug bevorzugt. Das ehrt ihn. Überzeugender wäre jedoch ein Konzept, das ökologische Fahrzeuge bevorzugen würde. Da macht gewiß der Koalitionspartner aus der schwarzen Karossenlobby nicht mit, also bleibt es bei Alibi­veranstaltungen. Eine derartige Veranstaltung nennt sich Stadtradeln, wird von irgendeinem Klimabündnis koordiniert und einem Bundesministerium gefördert, einem Ministerium übrigens, das den Klimawandel politisch mitbetreibt. Das ist so, als würde die Bundesregierung entpolitisierte Friedensfestivals fördern, während sie gleichzeitig in Afghanistan Krieg führt und Waffenexporte als Konjunktur­maßnahme puscht.

Das Darmstädter Agenda-Büro organisiert vom 25. August bis zum 14. September 2012 das lokale Alibievent. Unter dem Motto „Radeln für ein gutes Klima“ werden nicht etwa alle Verkehrsampeln auf Rot gestellt und nur noch Straßenbahnen und Fahrräder durchgelassen. Nein, es darf ein bißchen für das gute Gewissen gestrampelt werden, sogar irgendwelche Promis machen mit:

„Lokale Stadtradel-Stars steigen für 3 Wochen sogar komplett aufs Fahrrad um. Sie fördern die Radkultur in der eigenen Stadt und zeigen: Radeln liegt im Trend.“

Diesen Promo-Prominenten-Satz können wir getrost so übersetzen: drei Wochen lang tun wir etwas für unser Image, und danach machen wir weiter wie bisher. Wie scheinheilig. Und wenn wir dann auf dem städtischen Mobilisierungsflyer die regionalen Partner des Projekts durchgehen, bleiben wir fassungslos an einem lokalen Autodealer hängen, der auf selbigem Flyer mit den Worten: „mehr auto erfahren“ werben darf. Treffender als dieser Flyer könnte ich den verlogenen Alibicharakter dieser Veranstaltung auch nicht auf den Punkt bringen.

Der Blechhügel 

Zelte für Autos.
Platznehmend, staubildend: Darmstadts überflüssigstes Event.

Alle Jahre wieder … kommt nicht nur der Weihnachts­mann und seine Frühjahrs­metamorphose, der Osterhase, sondern auch Darmstadts bekloppteste Veranstaltung, die Automobil­ausstellung in der Wilhelminen­straße. Etwa drei Tage lang, von Freitag bis Sonntag, ist nicht nur eine der wichtigsten Radfahr­trassen durch die Innenstadt vollkommen zugeparkt, zudem dürfen sich Passantinnen und Fußgänger aller Art exklusiv verdrängt, ja geradezu aus der Stadtmitte heraus­gemobbt fühlen. Da mögen noch so technisisrte Hybridroller angeboten werden, es ist das Prinzip, das keine Laune verbreitet: es herrscht das Automobil, und mit ihm die ganze Auto-, Erdöl-, Gummi- und Abgaslobby.

Es gibt viele interessante Blickwinkel dieses jährlichen Schauspiels der Unein­sichtigkeit. Männer in gediegenem Alter, die sich sehnsüchtig einen Sportwagen anschauen. Frauen mit Kinderwagen, die sich nur noch mühsam durchschlängeln können. Demonstrierende mit sogenannten Gehzeugen, die mit ein wenig Holz und Verstand deutlich machen, wie viel Platz solch ein absurdes Ungetüm durch bloßes sinnloses Herumstehen raubt. Allein der Einstieg in Darmstadts Fußgänger­zone wird mit einer Blechlawine vor der Sparkasse und einer Zeltstadt an der Eisdiele bedrückend eng vermiest. Weshalb ist es nicht möglich, diese Absurdität dorthin zu verbannen, wo sie hingehört, nämlich auf Durchgangs­straßen und in die unterirdischen Schluchten der Parkhäuser? Etwa deshalb, weil sie dort das Automobil­dasein anderer Menschen stören könnten?

Ich habe mir für dieses Jahr einen Blick vom Langen Ludwig gegönnt. Zugegeben, von der Menge der ausgestellten Schrotthaufen ist hierbei nichts zu erkennen. Doch wer den Luisenplatz kennt, bemerkt, daß alleine schon die Fahrzeuge am Zelt dazu zwingen, den Fußweg auf Straßenbahn­schienen zu wählen, was selbstredend dann unmöglich wird, wenn eine Tram vorbeikommt. Welcher automophile Trottel im städtischen Ordnungsamt hat hierzu die Park­genehmigung erteilt? – Proteste gab es dieses Jahr auch, immerhin.

»»  Siehe auch den Artikel von Alexandra Welsch über Mobilität – in Darmstadt eine Glaubensfrage in der Onlineausgabe des „Darmstädter Echo“ am 6. Mai 2012.

Der ultimative Beweis 

Darmbach als Pißrinne.
„Bitte nicht vom Beckenrand pinkeln!“

Vor Darmstadts schiefer Schachtel, dem Millionengrab großkotzig inszenierter Architektur (rechts), fließt nicht nur ungehemmt der automobile Wahn (links), sondern auch ein Rinnsal. Eigentlich sollte dieses merkwürdig kanalisierte Etwas Teil einer plätschernden Wellness­anlage für gutsituierte Bürgerinnen und Bürger sein, die der Meinung waren, daß Steuergelder am besten für Firlefanz zu verwenden sind. Der Darmbach, Namensgeber der ehemaligen Residenzstadt am Rande von Odenwald und Bergstraße, sollte seiner unterirdisch kanalisierten Führung entledigt und als oberirdischer Stadtbach eingefaßt werden. Die Projektseite zu dieser Spaßbürger­plätscherei (oder auch nur Spießbürgerinnen­plätscherei ?) verrät uns, daß die neue grünschwarze Koalition die Stadtverordneten­versammlung dazu gebracht hat, die Wieder­aufnahme des Projekts prüfen zu lassen. Es sollen sich dadurch nämlich drei Millionen Euro sparen lassen, die bislang als Abwasser­gebühren für die Einleitung des Darmbachs in die Kanalisation zu entrichten sind. Da sich das Gesamt­gebühren­aufkommen wohl kaum verringern wird, werden diese drei Millionen dann auf die restlichen Gebühren­zahlerinnen und -zahler umgelegt, und das sind im Zweifelsfall diejenigen sozial Benachteiligten, die ohnehin kein Extrageld für Spaßabenteuer aufbringen können. Derlei der betriebs­wirtschaftlichen Logik des Neoliberalismus abgeschauten Idiotien machen auch vor der Jugend­stilstadt nicht halt, die gelegentlich zusätzlich Weltkulturerbe spielen will.

Doch solange der Darmbach nicht – mal offen gluckernd, mal dann doch wieder in eigene Betonröhren unterirdisch verpackt – vom Woog bis hinter die Kläranlage fließen wird, bleibt die Rinne vor dem Darmstadtium als Zeugnis urbanen Flairs so ziemlich funktionslos. Deshalb wird sie durch das Regenwasser des multi­funktionalen Kongreßzentrums gespeist oder eben durch die männliche Bevölkerung, die exakt das zum Ausdruck bringt, wie ich seit Jahren diese Rinne zu benennen pflege. Nicht nur, daß bei Dunkelheit manch Radfahrer oder Fußgängerin in die schlecht abgesicherte Rinne geplumpst sind und sich dabei so manche Knochen gebrochen haben, weshalb nun der ästhetische Charme dieser Rinne mit Hilfe von Absperrplastik besonders gut zur Geltung kommt. Nein, die Herren der Schöpfung nutzen das Plätscher­paradies ganz offenkundig dazu, ihre Blasen spazieren zu führen. Kein Wunder, daß ein neckisches Schild dazu auffordert: „Bitte nicht vom Beckenrand pinkeln!“ Tja, es geht eben nichts über die urbane deutsche Kultur!

Sicherheit auf Straßen und Wegen 

Security parkt.
Die Security parkt den Fußweg zu.

Die Sicherheitshysterie, die nicht erst seit dem Attentat am 11. September 2001 um sich greift, sondern einer boomenden Wirtschafts­branche dient, führt dazu, daß sich Darmstadts Bürgerinnen und Bürger sicher auf Straßen und Wegen bewegen können. Oder auch nicht, denn manchen von ihnen, nämlich denjenigen, die nicht automobil unterwegs sind, wird der Weg versperrt.

Wir wissen nicht, was die Sicherheits­abteilung von Kötter Services an diesem Dienstag­nachmittag auf der Darmstädter Rheinstraße so treibt, aber offen­sichtlich ist es zuviel verlangt, sich dafür einen Parkplatz zu suchen. Gewiß gibt es eine Ausnahme­genehmigung des städtischen Ordnungsamtes, das den Sicherheits­fahrzeugen erlaubt, Fuß­gängerinnen und auf Schusters Rappen reitende Geschäfts­kunden auf den Fahrradweg abzudrängen. Allerdings sei dann die Frage erlaubt, weshalb dasselbe Fahrzeug dieser Sicherheits­truppe zur selben Zeit rund 200 Meter zuvor an einer besonders engen Stelle derselben Rheinstraße den Radstreifen blockiert und die Radfahrerinnen und Pedalritter zum Absteigen und zur Benutzung des Fußweges zwingt.

Da fühlen sich insbesondere ältere oder in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen, Väter und Mütter mit Kinderwagen oder alle anderen, die sich (an dieser Stelle beispielsweise, weil sie den Radweg benutzen müsasen) verkehrswidrig auf engstem Raum knubbeln müssen, gleich viel sicherer. Warum ist es dieser Autofraktion eigentlich nicht möglich, ihr Fahrzeug dort abzustellen, wo es hingehört, nämlich auf die für den Straßenverkehr freigegebene Fahrbahn? Die Antwort ist ganz einfach: sie wissen, daß ihresgleichen gleich nervös hupen, Beschimpfungen austeilen oder gar handgreiflich werden. Das ist für Menschen, die viele Pferdestärken benötigen, um sich sicher und geborgen zu fühlen, schwer erträglich. Folglich ist es viel einfacher und vor allen Dingen sicherer, sich eine schwächere Gruppe vorzuknöpfen und sie mit der Macht des automobilen Ellenbogens beiseite zu schieben.

Oops! Darmstadt gibt es nicht 

Typo 3 Error.
Eine Stadt verschwindet am Karsamstag im Daten­nirwana einer Datenbank.

Bis zum Brechreiz ausgelutscht ist die Verschwörung um eine Stadt, die es nicht gibt: Bielefeld. Vielleicht handelt es sich hierbei nur um ein Ablenkungs­manöver (wahlweise) des MIK oder der CIA oder anderer Aliens. Denn tatsächlich ist es so, daß es Darmstadt – zumindest im Internet – nicht gibt. Wir sollten mal kurz auf der Straße nachschauen, ob auch Straßen und Gebäude, Langer Ludwig und Mathildenhöhe von der Datenbank verschlungen wurden. Dumm gelaufen, wenn (vermutlich) ein System­administrator ein bißchen an den Eingeweiden des Internetauftritts der Stadt Darmstadt herumspielt und dabei das System abschießt. So etwas soll häufiger vorkommen. IT-Spezialistinnen und Spezialisten sind ja auch nur Menschen, keine Aliens. Good luck für das Wieder­aufsetzen der Datenbank!

Der Fünfminutenumlauf 

Die Vorrangschaltungen für den öffentlichen Nahverkehr, die ich ausdrücklich befürworte, erzeugen mitunter ergötzliche Blüten. Die Einmündung von der Goebelstraße zum Hauptbahnhof hat es in sich. Nicht nur, daß zuweilen die fahrschul­geprüften Nutzerinnen und Nutzer der kleinen automobilen Stinkekisten den Überblick verlieren und die falsche Einfahrt benutzen, weshalb diese Kreuzung auch schon mehrfach umgebaut wurde. Sebastian Weissgerber schrieb hierzu am 23. Februar 2009 [online] in der Frankfurter Rundschau:

„Die Kreuzung Poststraße / Goebelstraße soll kaum drei Jahre nach ihrer Umgestaltung erneut umgebaut werden. Das hat der Darmstädter Magistrat in der vergangenen Woche beschlossen. Grund seien mehr als 30 Unfälle seit dem Ausbau der Einmündung für rund 1,2 Millionen Euro. Bei den Arbeiten wurden die Straßenbahn­schienen ausgetauscht und auf ein von der Fahrbahn getrenntes Gleisbett gelegt. Autofahrer verwechseln jedoch immer wieder die beiden Spuren, zumal die Trennung nur über wenige Meter besteht. Außerdem sorgt die geringe Kapazität der engen Autospur ständig für lange Rückstaus. Nun will die Stadt die Trennung wieder aufheben. Die Kosten schätzt sie auf 36.000 Euro, davon entfallen 15.000 Euro auf Schilder und Änderungen an der Ampel.“

Ampelschaltung.
Eine rote Ampel für die Stramplerinnen.

Sage da keine und niemand, die Darmstädter Stadtoberen hätten kein Herz für die Nöte der von simplen Einmündungen überforderten PKW-Lenkerinnen und -Lenker. Doch jede noch so kleine Änderung kann unerwartete Folgen nach sich ziehen. Denn seither erst recht geprüft werden die Radfahrerinnen und Radfahrer, insbesondere auf ihre Geduld. Während Kraftfahr­zeuge aller Art bei jedem Umlauf sich brav ihr „Grün“ abholen können, haben die umwelt­freundlichen Pedalistinnen und Pedalisten mitunter Pech.

Ampelumlauf auf Ampelumlauf bekommen alle „Grün“, nur sie auf ihrem Rad eben nicht. Und das kommt so: Fordert ein Bus oder eine Straßenbahn, aus der Bismarckstraße kommend, den bevorrechtigen Abzweig nach rechts an, bleibt den Nutzerinnen und Nutzern auf der Radfahr­spur nichts weiter übrig, als den vor ihrer Nase einbiegenden Bussen und Straßenbahnen Vorrang zu gewähren. Nun wäre diese offen­sichtliche Benach­teiligung vielleicht noch zu verschmerzen, wenn wenigstens im nächsten Ampelumlauf auch ein Radfahrgrün gezeigt würde. Doch dies ist, wie die Beobachtung zeigt, nicht unbedingt der Fall. Denn wenn passend zum nächsten Umlauf wieder ein Bus oder eine Straßenbahn ihren Abbieg­wunsch anzeigt, dann erhalten die an dieser Einmündung gerade einmal geduldeten radelnden Mitmenschen auch diesmal kein „Grün“.

Theoretisch kann sich dies endlos fortsetzen, und das tut es auch. Somit wäre es durchaus eine reizvolle, wenn auch langweilige Aufgabe, diesem Sachverhalt einmal statistisch nachzugehen. Weshalb es nicht möglich gewesen ist, in den Ampelumlauf eine Schaltung einzubauen, die den sich Richtung Cinemaxx bewegenden Radfahrerinnen und -fahrern wenigstens ein Kurzgrün zu gewähren, nachdem ihnen ein Bus oder eine Tram selbiges zuvor entwendet hatte, bleibt das Geheimnis der bastelnden Ampelschalter. Hier zeigt sich ein weiteres Mal die Wahrheit über die radfahr­freundliche Darmstädter Automobil­politik. Denn dem stinkenden Individual­verkehr würde keine und niemand solcherlei zumuten wollen. Der Aufschrei der Autofahr­meute wäre hier gewiß! Dort wird mit Hilfe von Lobbyparteien, Lokalzeitungen und Volkes Stimme ja schnell gemault, wenn die grüne Welle mitunter unterbrochen wird, denn freie Fahrt für freie Bürger, das muß sein.

Verwundert es da, wenn sich Radfahrerinnen und Radfahrer über die ampel­gesteuerten Regeln des Straßen­verkehrs hinwegsetzen und dann eben bei „Rot“ über diese Kreuzung hüpfen anstatt brav und gesittet fünf Minuten auf die gnädigst gewährte Erlaubnis zur Weiterfahrt zu warten?

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer beschloß am 10. April 2012, zugunsten der populistischen Grund­stimmung in diesem Land eine weitere Sau durch das politische Dorf zu treiben. Er entdeckte die bösen Kampfradler, die rück­sichtslos bei Rot über die Straße brettern. Lieber Herr Minister, können sie zwei von vier Rädern nicht unterscheiden? Ich jedenfalls entdecke tagtäglich Dutzende motorisierte Kampffahrer, die sich einen Dreck um rote Ampeln, Fahrradwege, Tempo 30-Zonen und andere Regeln der Straßen­verkehrs­ordnung kümmern. Dies führt bundesweit Jahr für Jahr zu mehreren tausend Toten. Wieviele Tote und Verletzte werden durch Ihre „Kampfradler“ verursacht? – Aber wenn der Herr Minister das Kampfradeln unbedingt einschränken will, dann soll er doch ganz einfach für eine veränderte Ampelschaltung an der Einmündung der Post- in die Goebelstraße sorgen.

Nun ist der populistische Sinn derartige Säue jedoch der, einzelne Bevölkerungs­gruppen gegeneinander aufzuwiegeln, um nach dem Credo des „divide et impera“ umso besser die eigenen Kampfes­handlungen durchbringen zu können. Spielen wir dieses alberne Spiel also nicht mit. Fragen wir uns nach den Kampfes­handlungen der Bundesregierung um Frau Merkel und eben auch Herrn Ramsauer, so werden wir bei ihren Kampf­attacken gegen afghanische Zivilistinnen, griechische Faulenzer und eher migrantische als deutsche Arbeits­sklavinnen in diversen Zeitarbeits­firmen gewiß fündig. In Krisenzeiten des Kapitals gilt es, den Mob aufzuwiegeln, und ein Bodensatz an mobwilligen Mitbürgerinnen und Mitbürgern steht allezeit bereit.

Nur mal schnell was erledigen 

Am Williy-Brandt-Platz.
Szene aus dem richtigen Leben: Fantasievoller Parkplatz für ein japanisches Mittelklasseauto.

Wer kennt sie nicht? Die mehr oder weniger fetten Karossen, die auf Gehwagen, Radfahrstreifen oder – wie hier – einfach mitten auf einer beampelten Fußgängerinnen­furt stehen, weil deren Fahrerinnen und Faher „nur mal schnell“ etwas erledigen wollen. Diese hier steht besonders intelligent im Kreuzungs­bereich, zumal die nachfolgenden Parkplätze am Gericht entlang alle frei waren. Nicht, daß es mich erstaunt, derlei Unverschämtheit ist man ja als Fußgänger gewohnt. Der Neoliberalismus mit seinem ausufernden autistischen Egoismus kennt eben nur Gewinner der Globalisierung. Das sind die, die sich fett breitmachen können, sich einfach nehmen, was sie haben wollen, … und damit durchkommen.

Der Aufstieg zur Millionenstadt 

Screenshot eines Echo-Artikels.
Das Darmstädter Echo verkündet online 1.479.333 Einwohner. Das mit der korrekten Darstellung einer sieben­stelligen Zahl üben wir aber besser noch einmal …

Nachdem Köln im Frühjahr 2010 bei der Zahl seiner Einwohnerinnen und Einwohner die Millionengrenze geknackt hatte, wollte das für seine grandiosen und kostenträchtigen Extravaganzen (etwa beim Darmstadtium oder der Nordost­umgehung) einschlägig bekannte Darmstadt nicht abseits stehen. Mittels eines dramatischen Höhenfluges, den die bodenständigen Lilien in ihrem antiquierten Stadion nur staunend verfolgen konnten, segelte Darmstadt nicht nur an Köln vorbei, sondern überflügelte gleich auch noch mit Hamburg die kühle Kaufmannsstadt an der Alster. Zumindest in der Online­ausgabe des „Darmstädter Echo“ am 16. Februar 2011 konnten wir diesen seltsamen Bevölkerungs­zuwachs staunend zur Kenntnis nehmen.

Schon wahr: so viele Darmstädter und vermutlich auch Darmstädterinnen wie noch nie. [1]

Das Problem der Onlinepresse ist ein noch höherer Kostendruck als im Printbereich. Von Qualitäts­journalismus wird zwar viel geredet, doch die Zeichen stehen auf Masse statt Klasse mit Blick auf die Kasse. Wo ohnehin nur noch zwischen Buchstaben, Bildern und Events hin und her gezappt wird, wo Dudelfunk und Videoclips als letzter Schrei abgelöst werden von sozialen Netzwerken und Herum­gezwitscher, da spielt es einfach keine Rolle mehr, ob die Informationen wahrheits­gemäß daherkommen oder durch Flüchtigkeits­fehler bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. Dies betrifft nicht nur kommerzielle Anbieter leicht flüchtigen Contents. Auch der virtuelle Journalismus öffentlich-rechtlicher Medien ist von diesem Leistungs- und Kostendruck betroffen. So trotzte, so hieß es auf tagesschau.de am 27. Juni 2011 während der Frauenfußball-Weltmeister­schaft, Mexiko dem hohen Favoriten England, während ein Bild weiter unten die Expertin Nia Künzer ins ARD-Mikrofon spricht und im Text daneben die Analyse des Spiels zwischen Mexiko und Kanada verkündet. Daß Kanada hingegen gegen Frankreich spielen werde, war dann auf der Leiste am rechten Bildrand zu erfahren [2]. Nein – dies ist kein bedauerlicher Einzelfall. Derartige Klöpse zieren das weltweite Netz dümmlicher Schluderei, bei der die Leserinnen und Leser schlicht für dumm verkauft werden.

Apropos Höhenflug, Extravaganzen und Lilien: da träumt ein grüner Oberbürger­meister doch tatsächlich davon, das zu vollenden, woran sein Vorvorgänger Peter Benz noch grandios gescheitert war: ein neues Stadion für Darmstadts Fußballstolz. Wieviele Millionen soll die angeblich klamme Stadtkasse denn nun hierfür bereitstellen?

Virtuelle Dummheit 

Das schlechthinnige Netzwerk virtueller (Selbst-) Gefälligkeiten, virtuellen Exhibitionismus und virtueller Freundschaften, die so beliebig sind wie eine neoliberale Propaganda­parole, hat sich etwas Neues ausgedacht. Aus den x-beliebigen „Gefällt mir“-Klicks, den ebenso beliebigen Kommentaren und anderen Gimmicks wird künstlich ein Kondensat errechnet, das die Interaktions­rate der vergangenen zwei Wochen anzeigen soll. Das Zauberwort dieser Form virtueller Kommunikation lautet „Unterhaltung“, wobei es vermutlich weniger auf gefällige Berieselung als auf Interaktion ankommt. Deshalb heißt es bei stark frequentierten Seiten mit viel Laber-Content: „x unterhalten sich“. Nun besitzt diese neue Schöpfung virtueller Dummheit eine doppelte Pointe.

Screenshot Facebook Seite.
Screenshot einer Facebook-Seite.

Zufälligerweise bin ich auf einer Darmstädter Facebook-Seite hierauf gestoßen. Der hiesige Synergia-Verlag, dessen Verlagsprogramm zwischen okkulten Engeln und (pseudo)wissen­schaftlicher Gesellschafts­kritik changiert, hat dieses Jahr ein Buch mit dem Titel „Darmstadt im Zwielicht seiner Randkulturen“ herausgebracht. Hierzu gibt es eine eigene Webseite und – weil Vernetzung „in“ ist – auch eine eigene Facebook­seite. Das Buch kenne ich nicht; wer mag, kann sich die Anpreisung im „Darmstädter Echo“ durchlesen. Bemerkenswerter hingegen fand ich den durch Facebook aggregierten Unterhaltungs­wert dieses Buchs. Er liegt bei „1“. Genauer gesagt, am 26. Oktober 2011 „gefiel dies“ 134 Personen und „1 unterhalten sich darüber“. Und das finde ich nun ein starkes Stück. [3]

Eine Unterhaltung, die von einer einzigen Person bestritten wird, läßt sich allenfalls als introvertiertes Zwiegespräch mit sich selbst bezeichnen. Den Borderline-Aspekt, mal in die eine, mal in die andere Rolle zu schlüpfen, verfolge ich hier nicht weiter, obwohl diese ganze Facebookerei womöglich auch darauf beruht. Wenn die Unterhaltungs­künstlerinnen und Propagandisten aus dem Zuckerberg-Imperium derlei Firlefanz als Kommunikations­surrogat verkaufen und dann auch noch neoliberal gestylte Kids finden, die darauf abfahren, dann ist dies bedenklich genug. Wenn die Program­miererinnen oder Programmierer aus der technischen Trickkiste selbigen Imperiums jedoch zu blöd sind, den als unwahr­scheinlich imaginierten Fall abzufangen, wenn keine und niemand oder gerade einmal eine einzige Person mit sich selbst schwadroniert, dann beweist dies die Banalität und Beliebigkeit der gepuschten Inhalte. Sollten sich null Personen über den Inhalt einer Webseite „unterhalten“, dann wäre jede kluge Öffentlichkeits­abteilung gut beraten, diese Null auch durch Nichts darzustellen. Bei einer Person lautet der korrekte deutsche Term: „1 unterhält sich darüber“, was genau betrachtet so offenkundiger Unfug ist, daß er besser aus dem Blickwinkel derjenigen verschwindet, die aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet eine derartige Langweiler­seite aufsuchen. Vielleicht soll diese Peinlichkeit aber auch nur die Erstellerinnen und Ersteller selbiger Facebook-Seite dazu animieren, schleunigst virtuellen Content zu generieren, damit Facebook insgesamt weiter aufgeplustert wird. Peinlichkeit als virtuelles Druckmittel, sozusagen.

Hier hat es nun den Facebookauftritt eines kleinen Verlages erwischt. Da kann er nichts dafür. Aber es belegt die Dummheit, die in virtuellen Projekten angelegt ist, bei denen die Menschen nicht mehr direkt miteinander reden, weil sie es vermutlich nicht mehr aushalten, sich „face-to-face“ dem Blick des/der Anderen auszusetzen. Da ist anonyme Kommunikation viel einfacher, deren Anonymität gut aufbereitet in den alles­fressenden Datenspeichern des Zuckerberg-Imperiums gehortet wird, um der profitablen Verwertung zugeführt zu werden. Denn virtuelle Kommunikation ist kein Selbstzweck, sondern ein Geschäft. Folgerichtig „unterhalten“ sich bei Facebook dann auch keine Personen, sondern – vermutlich – Automaten.

Auf ewigwährender Wanderschaft 

Jobcenter Darmstadt.
Die Außenfassade des Jobcenters Darmstadt.

Am letzten und durch eine Laune der Wettergötter auch noch wolkenfreien Septembertag erreichte mich Post von meiner Fallmanagerin beim hiesigen Jobcenter. Aufgrund der Dicke des Briefumschlags war beim Öffnen des Briefkastens schon klar, daß es sich nicht um ein Jobangebot handeln konnte, obwohl doch die Statistik­abteilung der Arbeitsagenturen am 29. September 2011 für Südhessen einen geradezu rekordverdächtigen Niedrigstand offiziell zugegebener Erwerbsloser verkündet hat. Nun bedarf es allerhand statistischer Tricks und wohlfeiler Blödsinnigkeiten, um vermelden zu dürfen, daß zuletzt vor 19 Jahren weniger Arbeitslose gemeldet waren. Immerhin ist die Presseabteilung der Statistik­verschönerungs­agentur ehrlich genug, verschämt anzumerken, daß sich seither die Erhebungs­grundlagen geändert hätten. Wohl wahr. So sind mit mit der Hartz IV-Bedürftigkeits­neuveranlagung insbesondere Frauen aus dem Fokus des Arbeitsmarktes verschwunden, weil sie aus dem Leistungsbezug ausgegrenzt wurden.

„Die meisten Stellenangebote kamen aus den Branchen Zeitarbeit, Handel, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Verarbeitendes Gewerbe“, heißt es. Soll heißen: Der Niedriglohn­sektor mit Armutsfolgen boomt. Dennoch, so fährt der Bericht fort, verfestige „sich die Arbeits­losigkeit: Ältere Arbeitnehmer und Ausländer sind nach wie vor überdurch­schnittlich häufig ohne Job.“ Logisch, denn die müssen ja in speziell angebotenen „Fortbildungskursen“ Muscheln sammeln, obskure Töne von sich geben, sportliche Aktivitäten simulieren oder unter Anleitung von zwangsver­spaßten Hampelmännern (Animateuren) im Wasser sprichwörtlich strampeln, wie die ARD am 24. August 2011 in einem bemerkenswert satirisch-süffisanten Filmbeitrag zeigen konnte. Auch das Darmstädter Jobcenter war hier mit von der Partie. Ganz nebenbei: die „Aktivierung“ als Chorsänger habe ich dankend abgelehnt, und der ARD-Film bestärkt mich darin, daran wohlgetan zu haben. Solch ein Mumpitz!

Nun, es war also kein Jobangebot, das mich erreichte. Vielmehr hielt ich einen „Fragebogen zur Datenerhebung des Migrations­hintergrundes“ in der Hand, den ich ganz freiwillig bitte auch unausgefüllt zurücksenden möge. Was die Statistik­verschönerungs­truppe mit meinem leeren Fragebogen anfangen will, erschließt sich mir allerdings nicht. Dann lese ich das Mantra des Datenschutzes: „Alle Angaben werden geheim gehalten und ausschließlich für statistische Zwecke genutzt. Ihre Angaben werden nicht für Zwecke der Arbeitsvermittlung, der Leistungsgewährung oder für andere Verwaltungszwecke verwendet. […] Ihre Zeit hilft uns, sehr wichtige Aussagen über den Arbeitsmarkt zu treffen, die wiederum Ihnen und anderen Menschen helfen sollen, beispielsweise eine adäquate Beschäftigung zu finden.“

Das sehe ich sofort ein: Die Antwort auf die Frage, ob meine Mutter „außerhalb des heutigen Gebietes der Bundesrepublik Deutschland geboren“ ist, verbessert meine Chancen auf einem Arbeitsmarkt, der mich gar nicht haben will. Genial! Auf so etwas muß man und frau erst einmal kommen. Das ist genauso gut wie das Angebot eines lokalen Kampfsport­instituts, das mir in den Räumen des Darmstädter Jobcenters das Angebot macht, zu lernen, wie ich mich mit Alltagsgegen­ständen verteidigen kann. Ein solch unsittliches Angebot muß ich schon deshalb ablehnen, weil dann zu befürchten steht, daß ich von einer übereifrigen Polizistin erschossen werde. Obwohl, ich bin ja nicht schwarz wie Christy Schwundeck, die sich mit einem Alltags­gegenstand gegen die Zumutungen einer Arbeitslosen­bürokratie zu verteidigen suchte. Christy Schwundeck wurde am 19. Mai 2011 im Frankfurter Jobcenter erschossen. Auch eine elegante Methode, die Statistik zu verschlanken.

Die Fragerei zum Migrationshinter­grund verkennt die grundsätzliche Einsicht, daß alle Menschen dieser Erde Menschen mit Migrations­hintergrund sind, nachdem ihre Vorfahren vor einigen Millionen beschlossen haben, die Bäume zu verlassen, um in den Savannen Afrikas den aufrechten Gang zu erlernen. Es mag ja für Bürokraten, Statistikerinnen, Jobcenter, Politikerinnen und Manager nützlich sein, Menschen nach Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Alter, „Behinderung“, Bildungs­horizont oder sonstiger Nützlichkeit ein- und auszusortieren, um den größtmöglichen Nutzen für profitables Ausbeuten herauszuholen. Einem derart absurden Zweck verweigere ich meine Mitarbeit, und meine Zeit ist mir für derartigen Blödsinn viel zu schade. Insofern erhält mein Jobcenter auch nicht das leere Formular zurückgesandt. Und sollten an dieser absurden Datenerhebung Arbeitsplätze hängen, dann empfehle ich den dort Beschäftigten, sich gesellschaftlich sinnvollere Beschäftigungen zu suchen.

Zwischenruf: Wenn ein Blogger unliebsame Wahrheiten ausplaudert

Der Darmstädter Blogger Jörg Heléne hatte am 30. August 2011 einen polemischen, aber durchaus treffenden Text zu einer Darmstädter Internetzeitung verfaßt, der den Getroffenen wohl schwer auf den Magen geschlagen ist. Sie schickten ihren Anwalt vor, um den Blogger zur Raison zu bringen. Da derartige Abmahn­aktionen ins Geld gehen können, zog es der Blogger vor, den Text von seiner Webseite zu entfernen. Dies sorgte in Darmstadts Parteien­landschaft für einigen Unmut, weshalb der Text beispielsweise hier als Dokument gespiegelt wurde. Die haarsträubende Begründung der Chefredakteurin der Internetzeitung, Angela Barany, gipfelt in der Behauptung:

„Es geht vielmehr darum, dass Herr Hélene den Verlags-Kollegen jüdischer Herkunft de facto unterstellt hat, sie würden bei einer tendenziell faschistoiden beziehungsweise faschistischen Bericht­erstattung mitwirken. Eine krankere, zynischere und böswilligere Form der Beleidigung ist schwer vorstellbar. Ähnlich verhält es sich mit dem Boykott-Aufruf des Bloggers Hélene. Bei Lichte betrachtet hat Herr Hélene 66 Jahre nach dem Ende der national­sozialistischen Gewalt-Herrschaft einen alten braunen Satz mit einem rötlichen Anstrich versehen: ‚Kauft nicht bei Juden.““

Nun hat Jörg Heléne genau dies nicht getan. Er hat eben nicht aufgerufen, bei Jüdinnen und Juden nicht zu kaufen, sondern er hat vorgeschlagen, ein irrelvantes Medium nicht mit Inhalt zu füttern:

„Ich würde mir wünschen, dass die Großkopferten der Stadt geschlossen aufhören würden, mit Heinertown zu sprechen. Nur dann würde man dort vielleicht kapieren, dass man so keinen Journalismus betreibt.“

Ich erlaube mir, hier zu wiederholen, was ich schon als Kommentar auf der Uffbasse-Webseite zu Angela Baranys merkwürdiger Interpretation zu sagen hatte:

„Man muß ja schon schwer aufpassen, mit wem man sich so in einem Boot wiederfindet: FDP, SPD. Egal – als von einem anderen Darmstädter Medium Zensur­betroffener mißbillige ich die Unterdrückung eines Textes, der scharf, aber gewiß nicht antisemitisch ist (eine dämliche Unterstellung). Und HT hat ja nun nachgewiesen, daß der Text von Jörg in seiner Schärfe voll berechtigt war.

Im übrigen sollte Frau Barany den Unterschied zwischen einem Nazi-Boykottaufruf, der an die soziale Existenz einer ganzen Bevölkerungs­gruppe geht, und der argumentativ vorgetragenen und vorgeschlagenen Option, ein irrelevantes Medium zu ignorieren, dem dennoch volle persönliche, finanzielle und soziale Handlungs­freiheit bleibt, kennen. Oder sie hat in Geschichte nicht aufgepaßt.“

Ich ergänze: Wer Antisemitismus als Vorwurf nutzt, um einen lokalen Blogger fertigzumachen, verkennt die Dimensionen und verharmlost den Genozid an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Russinnen und Polen …

Winken als werbendes Anbaggern 

Szene auf dem Luisenplatz.
Szene auf dem Luisenplatz. Die winkende Baggerfrau steht mit orangener Schürze mitten im Bild.

Daß in Darmstadt – wie in jeder Großstadt auch – Dutzende Männer und Frauen Passantinnen und Passanten ansprechen, um den einen oder anderen Euro zu erbetteln, kann als normal angesehen werden. Kapitalistische Lebens­verhältnisse sind kein Zuckerschlecken; und häufig ist es nicht zu entscheiden, ob es sich um Dropouts handelt, die das Überleben finanzieren, oder um das bewußte Ausnutzen einer Marktnische. Persönlich habe ich kein Problem mit dieser Art Geldakquise, vielleicht abgesehen von der damit verbundenen Erniedrigung.

Unerträglich penetrant finde ich hingegen die kommerziellen Geldeintreiber diverser Organisationen, die vorgeben, das Wohl der Menschheit oder wahlweise das von Tieren, Ökosystemen oder Kindern im Sinn zu haben. Diese kommerziellen Unterschriften­sammler haben nur ihre Quote vor Augen, also die Anzahl von neuen Opfern, die sie an ihre Auftraggeber weiterzureichen haben. Entsprechend aufdringlich ist ihr Auftreten.

Zunächst ist sie mir am Weißen Turm begegnet. Eine junge Frau, die voll sprühender (und aufgesetzter) Freude auf mich zugestürmt kam und die, als ich nicht reagierte, ihre Hände ausstreckte und vor mir den winkenden Hampelmann (naja, wohl eher die Hampelfrau) machte. Auf mein unwirsches Kopfschütteln hin beklagte sie sich: „Aber ich habe doch noch gar nichts gesagt!“ Wer weiß, vielleicht hätte sie mich wie andernorts ein Standbeschicker im Brustton der einschmeichelnden Überredung gefragt: „Sind Sie Tierfreund?“ Was glaubt ihr, wie ihnen die Klappe vor Entsetzen herunterfällt, wenn diese Suggestivfrage eindeutig verneint wird? Nun – die junge Dame schien gar nicht glücklich über die verpaßte Chance gewesen zu sein, mich mit irgendeinem Sprüchlein vollabern zu können.

In Havanna reicht hingegen ein angedeutes Kopfschütteln vollkommen aus, um den allgegenwärtigen Zigarren­verkäufern und Geldwechslern zu entgehen. Aber in Deutschland hat die Unverschämtheit ohnehin Methode, denn sie ist politikleitend und wirtschaftsfördernd.

Tage später treffe ich die junge Winkefrau wieder – es kann auch eine Kollegin gewesen sein. Neben einem Stand orange bekleideter Animateurinnen und Animateure (leider habe ich mir nicht notiert, für welche „wohltätige“ Organisation sie diesmal zugange waren) hüpfte sie herum und spähte ihre potentiellen Opfer aus. Und siehe da! Das Winken gehört zum aufgeplustert fröhlichen Habitus dazu, um diejenigen, die den unwirtlichen Ort des Verkehrschaos vor dem Konsumtempel möglichst schnell wieder verlassen wollen (nicht wegen der Punks, sondern wegen des kapitalistisch organisierten Unbehagens), abzufangen und mit ihren Werbesprüchen vollzudröhnen.

Die Ordnungspolizei des neuen Ordnungs­dezernenten Rafael Reißer wird hier sicherlich nicht vorstellig werden. Das Darmstädter Echo vermerkt am 20. Mai 2011, Reißer wolle „den Luisenplatz wieder allen Bevölkerungs­gruppen zurück­gewinnen“. Nun, die allgegenwärtigen Punks und Herumlungerer wird er allenfalls negativ im Sinn gehabt haben, stören sie doch das Wohlfühl­klime derjenigen, die von den geschäfte­machenden Winkefrauen angebaggert werden sollen. Schließlich gehört eine solche weiblich-rollendressierte Anmache zu einem erfolgreichen Geschäfts­abschluß. Ob sich die junge Frau mit ihrer Hampelmethode nicht blöd vorkommt? Wie redet sie mit ihren Freundinnen darüber? Erzählt sie diesen, wie viele Dummies sie mit ihrem Herumgewinke eingefangen hat? Welcher Zynismus, welche Selbstverarschung gehört eigentlich dazu, um so sein (ihr) Geld zu verdienen?

Die geplante Radfahrfalle 

Verengung an der Fuchsstraße.
Neue Wege für Arheilgen.

Gar nicht so neue Wege ging die Verkehrsplanung beim Ausbau der Straßenbahnlinie nach Arheilgen. Nachdem der Durchgangs­verkehr zum Leidwesen der Arheilger Geschäftswelt 1999 auf eine Umgehungs­straße verbannt worden war, konnte einige Jahre später das ambitionierte Straßenbahn­projekt Neue Wege für Arheilgen umgesetzt werden. Der Spaß wurde trotz eingeworbener Fördermittel erheblich teurer als gedacht; die Gesamtkosten stiegen von geplanten 27 Millionen auf rund 38,5 Millionen Euro. Vermutlich wäre das Projekt aufgrund eines zu geringen Kosten-Nutzen-Faktors nicht förderfähig gewesen, hätten die später ermittelten Zahlen von vornherein auf dem Tisch gelegen. Allerdings scheint die Kosten­steigerung nicht vollständig hausgemacht zu sein; eine Mehrwertsteuer­erhöhung trug ebenso dazu bei.

Zunächst wurde der eingleisige Streckenabschnitt zwischen der Wendeschleife Merck und der Endschleife in der Arheilger Hofgasse zweigleisig ausgebaut, was einem flüssigeren und häufigeren Betrieb zweifellos zugute kam. Alsdann wurde mit der Verlängerung der Strecke um drei Stationen an den Arheilger Nordrand begonnen. Im August 2011 soll dieser Streckenab­schnitt eröffnet werden.

Wie das bei Ortsdurch­fahrten so ist: der Raum ist für alle Verkehrsteil­nehmerinnen und -teilnehmer einfach nicht ausreichend. Also müssen irgendwo Kompromisse eingegangen werden. Selbstver­ständlich soll der rollende Verkehr auf vier Rädern möglichst wenig eingeschränkt werden, auch an ausreichende Parkflächen zur dekorativen Verschönerung des Dorfbildes ist zu denken. Diejenigen jedoch, die sich umweltfreundlich auf zwei Rädern durchs Leben strampeln, sind die ungeliebtesten Objekte einer derartigen Verkehrsplanung. Sie stören den Verkehrsfluß auf dem Straßenplanum, halten gar die verspätungs­anfällige Straßenbahn auf, und sie können auch nicht einfach direkt an Haustüren und Hofeinfahrten vorbei auf den Gehweg verbannt werden.

Die halbherzige Lösung sieht dann so aus, daß man (und vielleicht sitzt in der Planungs­abteilung auch eine Frau ?) hastig eine gestrichelte Linie auf den Asphalt auftragen läßt, um den Verkehrsraum pro forma abzugrenzen. Doch an den zumindest niederflurig gedachten Haltestellen fangen die Probleme erst wirklich an, wie hier an der Haltestelle Fuchsstraße stadteinwärts. Radfahrerinnen und Radfahrer haben nun folgende Wahl: a) sie schauen zurück, was der ungebremste Drang des miefigen Verkehrs hinter ihnen macht und holpern sturzgefährdet über die Schienenrille; b) sie quetschen sich zwischen Schiene und Bordstein und verhaken sich dabei; c) sie weichen auf den Gehweg aus und gefährden wahlweise die hier noch sitzende Person im Wartehäuschen oder die im selben Moment das Haus verlassenden Kinder, die natürlich, eben weil es Kinder sind, alles mögliche im Kopf haben, nur eben keine gezwungener­maßen verkehrsgefährdenden Radfahrer(innen). Die an der Fuchsstraße gefundene Lösung zeichnet sich durch gewollte Schlangenlinien­fahrt ganz besonders aus. Die offizielle Sprach­regelung für diesen bürokratischen Unfug lautet dreist so:

„Während der Planungsphase hat sich gezeigt, dass ein Radweg in beiden Richtungen bei der vorhandenen Straßenbreite und mit den gewünschten beidseitigen Parkplätzen im Ortskern nicht möglich ist. Als Kompromiss wurden in einigen Streckenab­schnitten so genannte Schutzstreifen für Radfahrer eingerichtet. Diese bieten Radfahrern die Möglichkeit, hier abgetrennt zum motorisierten Verkehr zu fahren. In den noch schmaleren Streckenab­schnitten, in denen kein Schutzstreifen oder Radweg angeboten werden konnte, kann unter Beachtung der nötigen Vorsicht (Anpassen an Fußgänger erforderlich), der Gehweg genutzt werden. Radfahrer die schnell fahren möchten, müssen zur Sicherheit aller Verkehrsteil­nehmer die Fahrbahn benutzen.“

Die Wortwahl verdeutlicht, daß Radfahrerinnen und Radfahrer gerade einmal geduldet sind. Sie – und nicht etwa der bevorzugte und erwünschte Verkehr – haben Rücksicht zu nehmen. Wenn sie schneller fahren wollen – was anderen Verkehrsteil­nehmenden umstandslos zugestanden wird –, müssen sie zur Sicherheit Anderer ihre eigene Sicherheit aufgeben. Hätte es auch andere Lösungen geben können? Natürlich. Verkehrsplanung dient jedoch einem bestimmten Zweck und ist demgemäß eingebettet in eine kapital­freundliche Rationalität. Und doch: Wer denkt sich eigentlich solch einen Unfug aus? Auf der Webseite der Interessenge­meinschaft Arheilger Bürger fand ich einen Argumentationsstrang, welcher der hier gewählten Lösung Hohn spricht:

„Da für Radfahrer in der Frankfurter Landstraße die Benutzung des Gehwegs nicht vorgeschrieben ist (Fußgängergebots­schild mit Zusatztafel ‚Fahrradfahrer frei‘), können zügig und schnell fahrende Radler auch die Straße benutzen. Sie benötigen dazu aber am Rande der Fahrbahn einen Fahrbahn­bereich mit ausreichendem Abstand zu den äußeren Straßenbahn­gleisen. Die HEAG bestand im Planungsbeirat lange auf einem Abstand zwischen den Gleisachsen von 3,50 Meter, so dass seitlich zwischen äußerer Schiene und Fahrbahnrand nur ein Streifen von 1,00 Meter verblieben wäre. Dieser wäre aber zu schmal und damit verkehrsge­fährdend für Radfahrer, und der Abstand zu seitlich parkenden Autos wäre zu gering. IGAB und ADFC haben sich mit Erfolg dafür eingesetzt, dass der Achsabstand nun 3,0 Meter betragen soll …“

Woran wir sehen: das Problem wurde erkannt und bewußt zuungunsten der Fahrradnutzung gelöst. Bleiben dann noch die bombastischen Masten und Niederflurbord­steine zu erwähnen, die gerade einmal fünf Meter lang sind. Waren diese fünf Meter das Mindestmaß, um diesen Unfug aus Landesmitteln gefördert zu erhalten? – Ganz nebenbei: ich bin ein Befürworter des Ausbaus des öffentlichen Nahverkehrs durch Straßenbahnen anstelle von Bussen. Aber nicht so.

Ganz normale Radfahrfreuden 

Vor der Ampel.
Typische Situation im Autoland.

Die Baustelle für ein weiteres Spielkasino an der Frankfurter Straße sorgt für eine gewisse Unübersicht­lichkeit. Ausbaden dürfen es Fußgängerinnen und Radfahrer als schwächste Gruppe der an dieser Stelle am fließenden, parkenden und vor allem gasgebenden Verkehrsge­schehen Teilnehmenden. Hier staut sich der Verkehr vor der roten Ampel am Martin-Luther-King-Ring. Selbstver­ständlich könnte der von rechts kommende Lastwagen eine Phase fließenden Verkehrs abwarten, anstatt den Fahrradstreifen zu blockieren. Aber weshalb sollte er (bzw. sein Fahrer)? Hier gilt das Recht des Stärkeren, zumal jede Sekunde bares Geld zählt. So quetscht man sich hemmungslos in den sobald anfahrenden Strom der großen Gefährte, um den eigenen Standortvorteil zu nutzen. Wie im richtigen Leben eben.

Übrigens: ich fange hier keine neue Grundsatz­diskussion darüber ein, welche Verkehrsteil­nehmerinnen und -teilnehmer sich am unverschämtesten ihren Platz nehmen. Denn das, was wir hier sehen, ist unverschämt genug; da bedarf es keiner Diskussion darüber, wer sich weniger oder mehr im Straßenverkehr herausnimmt.

Atomkraft gehört ins Museum 

Transparent.
Transparent an der TU Darmstadt.

Das ist nicht euer Ernst, oder? Sicher, ihr meint das nur metaphorisch. Aber mal kurz nachgedacht: wollt ihr noch jahrhunderte­lang ein staunendes Publikum verstrahlen? Eines, das in der Zukunft einfach nicht begreifen kann, wie blöd die Menschen (genauer: profitgeile Energiekonzerne) im 20. Jahrhundert waren, als sie saubere Energie mit Uranmüll, Strahlemeilern und undichten Endlager­stätten herzustellen glaubten. Das Museum, das euch da vorschwebt, müßte in einen monströsen Sarkophag verpackt werden. Meinetwegen könnten dabei die für diesen Müll Verantwortlichen gleich miteinbetoniert werden. Die finden das ja alles richtig, also sollen sie ruhig die Konsequenzen am eigenen Leib ertragen.

Macht euch lieber Gedanken darüber, wie wir diese absurde Welt übernehmen, um a) dieser tödlichen Idiotie ein Ende zu bereiten und b) Ideen zu entwickeln, wie wir diese Hinterlassen­schaften kapitalistischen Wahns möglichst gefahrlos einsammeln.

Tacke, Tacke, Knoten 

Tacke-Knoten.
Ein Knotenmonster für die Automonster.

Draußen vor den Toren der großen Stadt, dort, wo die Einkaufszentren blühen und die Autobahn ruft, haben die Verkehrsplaner der Stadt Darmstadt ein kleines Verkehrs­monster etabliert. Knapp acht Millionen Euro durften sie hier verbuddeln, um in Reichweite des Nadelöhrs unter den Eisenbahn­brücken über der Gräfen­häuser Straße zu zeigen, was heutzutage state of the art ist. Unter den Augen der im Turm lächelnden Smarties kommen hier vier Verkehrsadern und die Zufahrt eines Gewerbege­bietes zusammen und erwarten selbstredend, eine grüne Welle vorzufinden. Nun soll an dieser Stelle nicht auf die Bevorzugung des automobilen Wahns verwiesen werden, obschon sie offensichtlich ist. Während die großen oder kleinen Miefies im schlimmsten Fall zwei Ampelphasen ertragen müssen, um über die Kreuzung zu kommen, stellt sich die Angelegen­heit für die weniger Leistungs­starken sozial­darwinistisch ganz anders dar.

Zunächst einmal dürfen sie vor jedem Versuch, eine der Schlagadern des motorisierten Wahns zu überqueren, aufs Knöpfchen drücken. Und damit sie auch bemerken, daß sie hier vollkommen unerwünscht sind und allenfalls aufgrund einer heuchlerischen ökologischen Verkehrs­politik geduldet werden, dürfen sie im schlimmsten Fall fünf Mal ein grünes Lichtzeichen für sich ordern, um das Monster vollständig zu erfahren. Fünf Mal – drücken, fünf Mal warten, dann schnell hinüberhuschen, wieder das Knöpfchen drücken, wieder warten, usw.

Gewiß – Radfahrerinnen und Fußgänger sind in den Randbezirken der großen Stadt reine Exoten, die den ungehemmten Verkehrsfluß ungebührlich hemmen. Aber derart diskrepant erlebe ich selten eine autofreundliche Stadt, und das will so einiges heißen. Immerhin haben auch die Liebhaberinnen und Freunde des Gaspedals etwas von dieser Kreuzung: Nirgends, so die polizeiliche Verkehrs­statistik für 2010 [quelle], krache es so oft wie am Tacke-Knoten. Bei 39 registrierten Unfällen wurden 13 Menschen verletzt. Zu dichtes Auffahren als Unfallursache verweist auf den systemisch erwünschten aggressiven Drang nach vorne, Crashs beim Abbiegen auf die Über­forderung angesichts komplexer Situationen.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, dessen Lieblingsbe­schäftigung in der Reinhaltung der deutschen Sprache in seinem Amtsbereich besteht, plusterte sich am 8. April 2011 angesichts einer Dekra-Umfrage über die „Kampfradler“ auf [quelle]. Rücksichtslos machten sie von ihren Pedalen Gebrauch und störten so den Verkehrsfrieden. In derselben Umfrage stellte die Hälfte der Befragten eine Rücksichts­losigkeit der Automobilen fest. Das hat Ramsauer nicht gestört. Jeder Crash – so lehrt es uns die Wirtschafts­theorie – belebt die Konjunktur. Insofern haben Darmstadts Millionenver­buddler alles richtig gemacht.

»»  Siehe auch den Artikel von Sebastian Weissgerber Die größte Kreuzung der Stadt in der Frankfurter Rundschau (online) am 16. Dezember 2008.

»»  Das Darmstädter Echo spendierte dem Monster ein Bild in seiner Bildergalerie zur Nordostumgehung.

Einkaufsfreuden 

Der Mensch benötigt Nahrung zum Leben. Vor Tausenden von Jahren wurden Tundren und Savannen abgegrast, um Beeren zu pflücken und Hirsche mit Speeren zu erlegen. Heutzutage betritt der mitteleuropäische Mensch einfach einen Erlebnispark, genannt Supermarkt, bei dem ihm die bunte Warenwelt freundlich anzwinkert und die Quengelware zum Standardpro­gramm gehört. Fein abgepackt in Dosen, Tüten, Kartons und Flaschen wartet das Sortiment darauf, aus Tiefkühl­truhen, Regalen oder Theken herausge­nommen zu werden. Der mehr oder minder hektische Spaziergang durch die fein vorsortierten Warenschluchten endet gewöhnlich an der Kassenschlange, in der wir grob geschätzt einen kompletten Monat (oder auch zwei oder drei) unseres Lebens damit verbringen, ungeduldig nach vorne zu tippeln. Dann kommt der große Moment der Abrechnung, und seltsamerweise werden wir gefragt, ob wir denn auch unseren Kassenbon haben möchten. Handelt es sich um eine ökologisch motivierte Frage oder um eine das grüne Moment ausnutzende Methode, die nachträgliche Reklamation zu verhindern?

Bildzitat aus dem Rewe-Flyer. Ausgepreiste Ware. Kassenbon.
Collage: Sponsoring und diskrepante Preisgestaltung.

Die Deregulierung gewohnter Standards macht auch vor dem Supermarkt nicht halt. Gebinde können neuerdings in allen möglichen seltsamen Verpackungs­größen angeboten werden, was ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, Preisvergleiche zu erschweren und mehr Inhalt als vorhanden zu suggerieren. Ohnehin ist es altbekannt, daß die doppelte Menge eines Produktes nicht etwa billiger, sondern teurer angeboten werden kann, wofür es gewiß eine marktwirtschaft­liche Logik gibt, auch wenn sie sich mir nicht erschließt. Ob die Lebensmittel, die uns angeboten werden, auch wirklich gesund sind, steht auf einem ganz anderen Blatt, das uns durch bewußt unverständliche Inhaltsde­klarationen auch nicht transparent vorgelegt wird.

Lassen wir die Frage beiseite, ob das Dioxin in den Eiern (wahlweise aus Käfigen entnommen, von Betonböden aufgehoben oder freilaufend glücklich) den Cholesterinspiegel erhöht, ob lighte Produkte eine Gesundheit vortäuschen, die durch chemische Aromencluster verstärkt werden, oder ob Schweine und Rinder ihrer Schlachtung genauso erfreut entgegenge­schaut haben wie das Milchtier aus Milliways, dem Restaurant am Ende des Universums, seiner opulenten Sezierung. Mitunter sind es die banalen Dinge, die wir nicht überprüfen, mit denen aber findige Betreiber ihre Margen hochtreiben können. Selbst unterstellt, hier liege keine Absicht vor, ist es ein Geschäft.

Und so betrat ich eines Januarnach­mittags einen Supermarkt inmitten des Darmstädter Luisencenters und gewahrte als erstes eine Ansammlung von Schlangen. Da ich die Ungeduld der kauflustig Bespaßten erahnen kann, ist von vornherein klar, daß eine Reklamation an der Kasse nur Unmut schürt. Aber ich wußte ja noch nicht, was geschehen würde. Da ich mich nicht unbedingt auf dem Gesundheitstrip von Krankenkassen und anderen Ernährungs­experten befinde, lockte mich ein Glas deutschen Corned Beefs. Selbiges, so verriet das Schild, solle einen Euro und neunundvierzig Cent für schlappe 200 Gramm kosten. In Erwartung einer gewissen Zeitverschwen­dung tigerte ich nach Erledigung einiger anderer Einkäufe zur Kassenschlange, um fünf Minuten später einen Bon in der Hand zu halten, auf dem selbiges Corned Beef um stolze 50% teurer, nämlich mit zwei Euro fünfund­zwanzig abgerechnet wurde. (Ehe mich Rewe wegen falscher Angaben verklagt: es sind sogar etwas mehr als 50%.)

Jetzt hätte ich natürlich einen Riesenaufstand an der Kasse machen können, doch ich beschloß, den Marktleiter zu suchen. Eine freundliche Beschäftigte nahm sich, von mir angesprochen, des Problems an und führte ihren Elektronenscanner an die noch im Regal stehenden Gläser dieses deutschen Corned Beefs. Irgendwann einmal scheint selbiges zum günstigeren Preis angeboten worden zu sein, doch Wochen später war ein anderer festgelegt wurden, nur hatte dies keine und niemand der Kundschaft verraten, die seither mit einem Aufschlag von 50%+ abgezockt wurde.

Nehmen wir einfach einmal an, daß seit Anbringen des Preisschilds am 26. November 2010 nur einhundert Gläser zum höheren Preis verkauft wurden (vermutlich waren es mehr), dann hat diese Filiale allein aufgrund von eigener Unachtsamkeit und mangelnder Überprüfung häufig nicht ausgegebener Kassenbons in diesem Fall sechsund­siebzig Euro zusätzlich erwirtschaftet. Dann fällt es natürlich leichter, im Herbst 2010 den großen Wohltäter der Tafeln mit der Rewe-Tafel-Tüte zu spielen [Pressemitteilung], wobei mir der tiefere Sinn des in dieser Tüte enthaltenen Spaghetti-Fertiggerichts nicht so recht einleuchtet.

»»  Zur Problematik der Tafelbewegung siehe (und höre) den Vortrag von Stefan Selke am 28. Oktober 2010 in Darmstadt.

Schadenzauber 

Feuerwerk. Luisenstraße. Luisenplatz. Bankfiliale. Ernst Ludwig Platz. Schloß. Schloß mit Weihnachtsbaum und Scherben. Einsame Flasche im Schnee. Müll vor Darmstadts schöner Stube, dem Darmstadtium. Vor dem Kongreßhotel. Herrngarten. Johannesplatz.
The Day After. Graue Tristesse einer typischen südhessischen Provinzstadt.

Jedes Jahr hat ein Ende, und damit wir das auch bemerken, wird Krach geschlagen. Die bösen Geister des Jahres werden vertrieben in der Hoffnung, daß alles besser werden möge. Gemeinsam, so meint die Sachwalterin deutscher Kapitalinteressen in ihrer Neujahrsansprache, hätten wir enormes geleistet. Wer ist „wir“? Und wer profitiert hiervon? Das allgemeine Herumsalbadern über den Rückgang der Arbeitslosig­keit mag ja einen bösen Geist überzeugen, aber schön gestylte Statistiken sind das eine und die Realität das andere. Der neuerliche Aufschwung kommt auch weiterhin nicht unten an, und das ist kein Systemfehler. Wobei anzumerken ist, daß es durchaus eine breite Schicht im oberen Segment gibt, die von der allgemeinen Umverteilung des Reichtums von unten nach oben profitiert und die mittels ihrer Medien auch die Deutungshoheit in diesem Land besitzt. Anderthalb bis zwei Millionen Menschen in Millionärs­haushalten werden unterstützt von einer breiten Schicht gutsituierter Postachtundsechziger(innen).

Derweil wurden auch diesmal wieder mehr als 100 Millionen Euro verballert, verpulvert und verfeuert. Das ist gut für die Konjunktur und schlecht für die Ökobilanz. Ausgelassene Parties mit viel Dumpfbacken­musik verbreiteten nicht nur eine alkoholselige Stimmung, sondern auch Scherben, Gestank und Müll. Ich überlege mir schon einmal, ob ich mir für das nächste Silvestergeballer ein Konto einrichte, auf das alternativ zum verpulverten Geld eingezahlt werden kann. Also ehrlich – ich dachte, das Anzünden von Geldscheinen sei nur unter besonders snobistischen Neureichen verbreitet.

Wer den Müll dann wegräumen darf, ist klar. Dafür gibt es ja die Müllabfuhr. Die Frage ist nur, ob die bösen Geister durch den alljährlich geradezu zwangs­neurotisch ritualisiert durchgeführten Schadenzauber tatsächlich vertrieben werden. Natürlich wirkt Schadenzauber nicht. Aber er verschafft ein wenig Luft, gaukelt Optimismus und gute Wünsche vor, die ebenso ritualisiert abgenudelt werden wie beim liebevollen Verschenken hastig zusammenge­kaufter beliebiger Weihnachtspräsente.

Die Aktion 3. Welt Saar hat sich gegen den Aufruf Brot statt Böller gewandt: „Zum Wesen des Menschen gehört in allen Kulturen das Feiern, der Rausch, die Verausgabung – für manche eben auch die Freude am Sylvesterfeuer­werk. Dies sollte respektiert werden.“ Doch wer von Lustfeind­lichkeit redet, muß auch über Lust reden. Welche Lust bereitet ein Ritual, das alljährlich kommt und wieder geht? Kommt die Lust am Feiern, wenn mir Ereignis, Termin und Ausgestaltung sozusagen formular­gerecht diktiert werden? Eine emanzipatorische linke Weltsicht ohne Askese und mit Freude, Lust und Glück sieht anders aus.

Darmstadt am Morgen danach. Grau. Deprimierend. Eintönig. Mit dreckigen Schneematsch­resten und den Hinterlassen­schaften einer Balla Balla-Welt. Solange die Menschen in diesem Land nur einmal im Jahr nachts auf die Straße gehen, um böse Geister zu vertreiben, lenken sie sich von den wirklich bösen Geistern ab und sind auch im Jahr 2011 empfänglich für weitere Streichorgien, Entlassungen, Zumutungen, Schikanen und politische Scharaden. Und glauben tags darauf jeden Humbug, der ihnen vorgesetzt wird, und machen dabei auch noch freiwillig mit. Wetten, daß die Böllerfraktion die Mehrheit in der neuen Stadtverordnetenver­sammlung und zudem den Oberbürger­meister stellt?

P.S.: Ich will hier keineswegs einem deutschen Sauberkeits­fanatismus frönen, ebensowenig über eine Jugend herziehen, die ihren Dreck überall liegenläßt, weil: Mami EAD räumt ja schon auf. Denn erstens sind die Jugendlichen, die in der Silvesternacht dumm herumknallen, was das Zeug hält, oftmals gar nicht so jung. Manchmal sind es anständige Familienväter, die ihren Sprößlingen schon von früh auf zeigen, wie diese Erde mit noch mehr sinnlosem Krach zugemüllt werden kann. Insbesondere handelt es sich hierbei um diejenigen, die sich über jedes Graffito aufregen, das die Grauheit der Städte verpixelt. Und zweitens reproduzieren die Jungen nur das, was die verantwort­lichen älteren Damen und Herren (nun gut, meist Herren) tagtäglich in ihrer Sorge um die Profite von Banken, Industrie- und Handwerks­betrieben, sowie Infrastruktur­unternehmen in die Luft blasen, im Meer verklappen, ins Grundwasser versenken oder in Lebensmittel verpanschen. Und da die Jungen gut aufgepaßt haben und den meisten von ihnen durch die harte Schule der Elternhäuser, Schulen, Ausbildungs­betriebe und Universitäten jegliche Kritik an diesen Zuständen ausgebleut worden ist, machen sie nichts anderes als das, was gesellschaft­licher Normalzustand ist. Die Idiotie findet nicht (nur) auf den Bohrinseln von BP und anderen schmierigen Konzernen statt, sondern direkt vor unserer Haustüre.

P.P.S.: Die allseits als Prügelknaben beliebten Hartzies können es ja nicht gewesen sein, denn die Lohndumper dieser Republik haben derlei im Hartz IV-Regelsatz nicht berücksichtigt. Vielleicht sieht Leif Blum das anders, und er muß es als Experte für eingebildete Organisierte Hartz IV-Kriminalität ja wissen.

Nachtrag : Anstatt den mülligen Schadenzauber anzuprangern (das wäre aber wegen der vielen Werbebei­lagen zu Silvester geschäfts­schädigend), sucht sich das Darmstädter Echo lieber eine sozial anders auffällige Männergruppe heraus. Ob es nur die Obdachlosen dieser Stadt sein mögen, sei dahingestellt. Daß die Westseite des Kollegien­gebäudes am Luisenplatz Geruch von chemisch umgewandelten Urin verströmt, ist hingegen ein jahrzehnte­altes Phänomen. Umso bemerkens­werter, daß Echo-Redakteur Klaus Honold zu Beginn des neuen Jahres eine randständige Gruppe als Symbol gesellschaft­licher Verlotterung herausgreift. Dabei ist die Lösung des Pinkelproblems ganz einfach nur ein architektonisches. Man nehme die ohnehin dort überflüssige Stolperfalle vor dem Darmstadtium und plaziere sie dorthin, wo sie benötigt wird, und schließe sie an Brauchwasser­zufuhr und Kanalisation an. Ganz abgesehen davon: Wild herumpinkelnde Männer sind kein Phänomen alkoholisierter Penner, Herr Honold! Wir finden sie in jedem brauchbaren Gebüsch, beim Schloßgraben­fest oder am Zaun jedes größeren Fußballstadions. Haufenweise.

Den Tunnelblick einüben 

Zugeparkt.
Tunnelblick zwischen Mauern, Pflaster und Autos.

Wie erleben Dreijährige ihre Welt? Was prägt sie? Gestern nachmittag sah ich wieder einmal eine Gruppe Kinder in Zweierreihen durch die Landwehr­straße tigern. Eingekeilt zwischen Autoblech, Grundstücks­mauern und mit Gittern versperrten Toreinfahrten erkundeten sie eine Welt, die einfach nur depressiv macht. Früh übt sich, wer sich später einmal brummend und hupend den öffentlichen Raum nimmt. Der Tunnelblick eines oder einer Dreijährigen wandelt sich zum gewollten Tunnelblick des homo oeconomicus, der seinen Vorteil darin sieht, nicht nach rechts und links zu schauen, sondern Gas zu geben.

Anstatt fröhlich lachender Kinder auf einer einladenden Nebenstraße sehen wir hier die Abweisung jeglicher Selbstbe­stimmung. Die Welt darf nur in Zweierreihen erkundet werden, weil für andere Lebensent­würfe schon rein optisch (und physikalisch) kein Platz ist. Die hier erzeugten Frustrationen wandeln sich zu einer späteren, gesellschaft­lich durchaus erwünschten, Identifikation mit dem Aggressor und zur Aggression gegen andere Dritte. Derlei mentale Disposition ist biegsam und formbar und führt zu Allesschluckern, die wiederum die nächste Generation mit ihrem eigenen Tunnelblick sozialisieren und schikanieren.

Mit geradezu feinsinniger Ironie nahm die Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung den notorischen Zwang zum permanenten Gas Geben auf die Schippe. Nun finde ich zwar, daß die Kids von heute nicht unbedingt mit dem Schreck­gespenst Aids kirre gemacht werden müßten, um zu lernen, daß Kondome auch zur Verhütung ganz tauglich sind. Aber vielleicht haben sich die Sozial­psychologen und Sozial­politikerinnen gedacht, daß Verhütungs­mittel auf dem Index der Katholischen Kirche stehen, denn: „Der Gebrauch von Kondomen verstößt gegen die Moral.“ Jaja, die Katholische Kirche und ihre Moral. Also, ich finde ja, wir sollten die Papst­fraktion nicht wegen ihrer Moral schelten, paßt sie doch prima zu einer Gesellschaft, in der Lug und Trug zu Hause sind. Wer auf die verklemmte Sexual­moral der Katholischen Kirche schimpft und die heimlichen Sexspiel­chen ihrer Priester­schaft geißelt, verkennt, daß derlei verklemmte Gestalten prima Mitmacher und Jasager abgeben.

Für nicht minder wahrschein­lich halte ich es, daß Sozialfuzzis und Katholische Kirche Angst für ein probates Mittel halten, Menschen ihre unbefangene Lust beim Ausprobieren zu nehmen. Nichtsdesto­trotz finde ich das Plakat witzig und gelungen, auch wenn mir die Utensilien etwas arg künstlich drapiert scheinen.

Frieden tötet nicht 

Transparent.
Gesehen am 5. September 2010 vor dem Schloß.

Vermutlich ein Relikt der Demonstration am Abend zuvor ist das Transparent, das passend zur selbstmitleidigen Beschwörung der Brandnacht vom September 1944 über eine der zwischen Friedensplatz und Weißem Turm aufgestellten Tafeln gestülpt wurde. Sofern „Frieden“ nicht als eine humanitär-imperialistische Neusprech­vokabel benutzt ist, sondern mehr meint als nur Abwesenheit von Krieg, so wird das so stimmen: „Frieden tötet nicht.“ Solange dieser Frieden jedoch Teil einer kapitalistischen Ausbeutungs- und Leistungs­gesellschaft bleibt, geht das Töten auch ohne Waffen weiter. Rund zehn Millionen Kinder verhungern jedes Jahr oder sterben aufgrund fehlender Medikamente, obwohl genügend Lebensmittel und Arzneimittel verfügbar sind. Die herrschende Klasse weltweit benötigt jedoch keine Hungerleider. Sie sind erstens nicht profitabel, also muß auch nichts in sie investiert werden. Und sie könnten zweitens auf die dumme Idee kommen, die Verhältnisse zu stürzen, die aus ihnen Hungerleider gemacht haben. Da ist es schon besser, ganz still und heimlich auch ohne Waffen zu töten. Das ist der Zynismus des Marktes, seiner Nutznießer und Apologeten.

Bei der Demonstration am Abend zuvor wurde der Opfer des von deutscher Seite aus veranlaßten Bombenangriffs bei Kunduz gedacht, bei dem – nach unterschiedlichen Zählungen – zwischen 90 und 150 Zivilistinnen und Zivilisten getötet wurden.

»»  Zur Darmstädter Brandnacht siehe das Manuskript zu meiner Sendung Von Brandnächten und Verantwortlichkeiten bei Radio Darmstadt am 13. September 2004. Anstrengend zu lesen, aber mit interessanten Gedankengängen versehen ist das Buch »Weh der Lüge! Sie befreiet nicht …« von Fred Kautz, 2008 erschienen in der Edition AV. Kautz kommt an einigen Punkten zu anderen Schlüssen als ich und sieht in der alliierten Bombardierung Darmstadts durchaus ein kriegs­verkürzendes Moment.

Don't drink and drive, oder: Auto und Wein, das dröhnt voll rein! 

Eingangsbereich.
Eingangsbereich zur weinseligen Wilhelminenstraße.

Etwas verdutzt schaute ich mir am 3. Sepember 2010 auf dem Luisenplatz den Eingangs­bereich zum 29. Weinfest auf der Wilhelminen­straße an. Hatte doch dort der Sponsor des vergnüglichen Besaufens, ein lokales Autohaus, die Kreationen seiner Ausrüsterfirma aufgebaut. Passender läßt sich wohl kaum die ganze Verlogenheit einer Kampagne für einen vernünftigen Alkoholpegel im Straßen­verkehr auf den Punkt bringen. Einerseits sogenannte Aufklärung, andererseits das nackte Geschäft. Dicht und passend beieinander. Damit wir alle wissen, daß wir uns ruhig einmal einen hinter die Binde gießen dürfen. Machen ja alle so, nicht nur die Jugend, sondern erst recht das verantwortungs­bewußte gesetzte Bürgertum, ist gesellig und verdient zudem ein Grußwort des noch (bis 2011) amtierenden Oberbürger­meisters Walter Hoffmann. Und da auch noch das Wetter mitspielte, war die alkoholische Erlebniszone am Wochenende bis in die Nacht hinein sehr gut abgefüllt.

Die auf dem hier gezeigten Foto abgebildeten Personen, die ja nichts dafür können, meinem Blickwinkel auf Festbühne und Autoschau im Weg zu sitzen, haben selbst­verständlich keinen Bezug zum fröhlichen Treiben, sondern nutzten nur die Gunst der Stunde, sich hinzusetzen und sich eine nebenan angebotene Käse- oder Fisch­spezialität zu gönnen.

Am Samstagabend schauten kurz einige Jugendliche vorbei. Sie hatten kurz zuvor in der fast menschen­leeren Fußgänger­zone in Erinnerung an das Bombardement der Zivilbe­völkerung bei Kunduz vor einem Jahr demonstriert. Die Band am oberen Ende der Weinzone überließ einem der Jugendlichen das Mikrofon, um einen kurzen Redebeitrag hierzu durchzusagen – um hinzuzufügen: „Das muß auch einmal gesagt werden.“ Eine nette Geste, danke.

Lieber öko als sozial? 

Diese Frage stellte ich mir, nachdem ich zwei politische Initiativen miteinander verglich. Am 6. August 2010 blockierte ein fünfzig­köpfiger Flashmob der Initiative Ich kauf per Rad mitsamt Fahrrädern den Parkplatz des Rewe-Supermarktes in der Liebfrauen­straße, um für vernünftige Fahrrad­ständer zu demonstrieren. Zwölf Tage später mobilisierte die Gewerkschaft­liche Arbeitslosen­initiative Galida zu einer Kundgebung in der Ludwigstraße vor der Ökokette tegut gegen Lohndumping. Es erschien neben zwei Kamerateams ein Dutzend Männer und Frauen, die es überhaupt nicht witzig fanden, daß ein sich sozial gebender Kettenchef eine Zeitarbeits­firma mit dem Auffüllen der Ladenregale beauftragt hatte, um sich gleiche Löhne für alle Beschäftigten zu ersparen. Gerade einmal zwei, vielleicht drei Personen fanden sich zu beiden Aktionen ein.

Flashmob bei Rewe.
Flashmob auf dem Rewe-Kundenparkplatz.

In einem reichen Land wie der Bundes­republik Deutschland gibt es Luxusprobleme, die der Rest der Menschheit nicht hat. Fahrrad­ständer sind in weiten Teilen der Welt unbekannt. Hierzulande sind Exemplare, die eher als Felgenkiller zu bezeichnen sind, grauer Alltag an vielen Orten; und auch Rewe wollte hier nicht zurückstehen. Unterstützt wird die Initiative für ein fahrradfreund­licheres Einkaufen vom ADFC Darmstadt, vom BUND Darmstadt, den Grünen in Darmstadt und der IVDA, vermutlich Personen­gruppen, die eher bei tegut als bei Aldi einkaufen gehen können. Wenn nun eine andere Initiative wie die Galida das ökologische Mäntelchen als unsozial demaskiert, dann hat die alternativ angehauchte Ökofraktion ein Problem. Sie kann nicht mehr guten Gewissens im Laden der eigenen Wahl (und des zugehörigen Geldbeutels) einkaufen gehen. Um die Konsequenzen dieses Problems zu vermeiden, bietet es sich an, ganz einfach nicht zur Kundgebung zu erscheinen und der Solidarität mit den billig ausgebeuteten Beschäftigten aus dem Weg zu gehen. Nebenbei bemerkt: manchmal ist es ganz nützlich, einen fitten Betriebsrat zu haben. Beim real-Markt in der Escholl­brücker Straße beispiels­weise werden Leih­arbeiterinnen und Leiharbeiter derselben lohndumpigen Zeitarbeits­firma beschäftigt, aber zu einem Mindestlohn von siebenein­halb Euro (vgl. Artikel im Darmstädter Echo, online am 7. August 2010).

Gerade bei ökologisch angehauchten Betrieben, freien Berufen, Märkten und Initiativen ist es weit verbreitet, die Beschäftigten der guten Sache willen nicht ganz so gut zu bezahlen wie andernorts. Die hohe Identifikation der Beschäftigten mit dem eigenen ökologischen Produkt führt zu einer erhöhten Bereitschaft, die eine oder andere grüne Kröte zu schlucken. Auch Ökobetriebe arbeiten nach denselben kapitalistischen Prinzipien wie die ordinäre Konkurrenz. Auch und gerade hier wird jede Gelegenheit genutzt, die Arbeitskraft der Beschäftigten zum Wohle des eigenen Geldbeutels zu vernutzen. Das zuweilen anzutreffende Bonmot, Grüne und FDP unterschieden sich nur durch den Gelben Sack, kommt nicht von Ungefähr.

Allerdings ist zu berücksichtigen, daß bei einem Flashmob um 17.00 Uhr wohl mehr Menschen Zeit haben als bei einer Kundgebung um 11.00 Uhr. Deregulierte Arbeitszeiten erlauben spontane Aktionen eher abends als mittags. Zudem scheint die Galida nicht dieselbe offensive Öffentlichkeits­arbeit zu betreiben wie eine Initiative, der es weniger um die Beschäftigten, sondern um das unkomplizierte Einkaufen vor Ort geht. Festzu­halten ist auch, daß die Ökofraktion über ein weiter gefächertes Netzwerk verfügt als Erwerbslose, die sich aufgrund ihrer Lebens­bedingungen isoliert voneinander dem Streß von Argen, Zeitarbeits­firmen, Bewerbungs­trainings und sinnlosen Beschäftigungs­maßnahmen aussetzen müssen. Einem ökologischen Netzwerk mit immer stärkerer parlamen­tarischen Anbindung fällt es somit leichter, mit dem Strom zu schwimmen, als einer marginali­sierten Bewegung gegen denselben, weil sie sich gegen die unsozialen Folgen auch der grünen Politik wendet und wenden muß.

Nachtrag, April 2011: Die Kommunalwahl am 27. März bestätigte mit erschreckender Offenheit diesen Trend. Während 32,9% der Wählenden bei der grünen Partei kumuliert und panaschiert bis zu 71 Kreuze hinterließen, war die einzige Partei, deren soziales Anliegen als soziales so halbwegs ernstzunehmen ist, nur zu 3,9% erfolgreich. In gewisser Weise spiegeln sich hier die Dimensionen der Anteilnahme bei Rewe und vor tegut wider.

Heinerfest – Geselligkeit mit Spaßfaktor Alkohol 

Heinerfest.
Nachmittags, vor dem Ansturm der Massen.

Fünf Tage lang, vom 1. bis zum 5. Juli 2010, wird auf Darmstadts 60. Heinerfest zu allen möglichen Lustbarkeiten auch reichlich Brot in flüssiger Form verabreicht. Schon die alten Ägypter wußten den rauschfördernden Geselligkeits­faktor der Droge Bier zu schätzen. Das atomisierte Selbst, eingepreßt zwischen Kleinstfamilie, prekärer Arbeit oder Ellenbogen­studium, findet nur dann den Spaß am Leben zurück, wenn es mit Anderen (meist Männern) sinnloses Zeug herumgrölen kann. Dazu benötigt es eine sinnfrei befreite Zunge, was den Weg in die großen und kleinen Kneipen ebnet. Ein Heinerfest ist – neben den nachfolgenden unzähligen Stadtteil- oder Dorfkerben – der willkommene Anlaß, ohne Anstoß zu erregen die Sau herauslassen zu können. Das soll dann lustig sein. Kein Wunder, daß Alkohol als Droge hierzulande nicht verboten ist, denn ohne ein derartiges Ventil wäre der profitable Dauerarbeits­einsatz in einer Leistungsgesell­schaft ja auch nicht zu ertragen.

Am frühen Samstagnach­mittag des 3. Juli sieht das Hamelzelt samt vorgeschalteten Bänken, der inoffizielle Treffpunkt des mit Dumpfbacken­musik veredelten Geselligkeits­trinkens, noch reichlich leer aus. Das wird sich ändern, erst recht, nachdem Deutschlands Multi-Kulti-Nationalkicker ein uninspiriertes argentinisches Fußballteam einfach mal so aus dem Weltmeisterschafts­turnier geworfen haben. Wobei – es muß ja nicht das Hamelzelt sein, um einen Vorwand zu finden sich abzufüllen.

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich predige nicht das Drogenverbot auch für alkoholische Getränke und will den Heinern ihr Fest auch nicht nehmen, selbst wenn diese Sorte fremdbe­stimmten Bespaßens alles andere als emanzipations­fördend wirkt. Ich weise hingegen auf die maßlose Bigotterie hin, wenn einerseits die sich auf dem Luisenplatz treffenden und zuweilen alkoholisiert herum­lungernden Punks als öffentliches, weil angeblich geschäfts­schädigendes Ärgernis hingestellt werden, aber andererseits das öffentliche Besäufnis dann Kultcharakter besitzt, wenn es die Kassen von Kleinkapita­listen zum Zweck der Hebung der öffentlichen Arbeitsmoral füllt. Zum Flair einer weltoffenen Stadt gehört eben das Spießertum der Massen und nicht das Nischen­spießertum einer alternativen Jugendkultur.

Zum Spaß des Spießertums gehört eine aufwendige Musikbe­schallung, möglichst mit abgedroschenen oder gar kindlichen Gemütsstücken, damit sich das Publikum so richtig regressiv in das auf Konsum getrimmte Vergnügen stürzen kann. Der Lärmteppich ist überwältigend, die kulinarischen Gerüche sollen zum Verweilen an den unzähligen Buden verführen. Hundert­tausende werden auch diesmal wieder dem Sog nicht widerstehen können. Unfreiwillig komisch wirkt es dann, wenn schon vor Beginn des Heinerfestes einzelne Beiwagen der Darmstädter Straßenbahn eine Fortsetzung der alkoholisiert geselligen Lustbarkeit auf dem Erbacher Wiesenmarkt zwei Wochen später versprechen.

»»  Siehe hierzu auch Jörg Dillmanns Gedanken zur Darmstädter Gefahrenabwehrverordnung.

Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann sah schon im September 2006 dringenden Handlungsbedarf. Mehrere sogenannte „Sparkassen­parties“ erfreuten wenig später weder die Kundschaft noch die Stadtpolitik, obwohl hier nur einige gelangweilte Kids den traurigen Zustand einer neoliberal auf den Hund gekommenen Gesellschaft eindrucksvoll dokumentierten. Wenn die Kids dabei wenigstens ihren Spaß hatten, ist es ja gut.

Die Vuvuzela des deutschen Gemüts 

Public Viewing.
„Orgien! Wir wollen Orgien!“ – Darmstadt gegen Ghana.

Am 23. Juni 2010 fand es statt, das deutsche Schicksals­spiel gegen die Elitefußballer aus Ghana. Nachdem Miroslav Klose fünf Tage zuvor keine Lust mehr hatte mitzukicken, die deutsche Abwehr milchbuben­haft ein serbisches Tor ermöglicht und Lukas Podolski zu allem Überfluß auch noch seinen Elfmeter versemmelt hatte, also die deutsche Millionärself alles tat, um vorzeitig aus dem Weltmeisterschafts­turnier auszuscheiden, stand die Party am Rande des Abgrunds. Nicht auszudenken, womit sich das deutsche Kollektiv bespaßt, wenn ihr imaginiertes Selbst die Showbühne verläßt.

„Come Together“ – auf den Fanmeilen trifft sich das atomisierte Völkchen, das sich im Alltag mit Hilfe künstlicher virtueller Netzwerke sozial assoziiert, dafür jedoch mehr und mehr außerstande ist, im wirklichen Leben empathisch miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen, sich gegen die Zumutungen zu organisieren. Fünftausend Atome auf dem Marktplatz bilden eine kritische Masse – und gehen anschließend wieder auseinander, um auf das nächste kollektive Event zu warten: Schloßgraben­fest, Weltmeister­schaft, Heinerfest, die diversen Besäufnis­kerben. Musik ist ein tragender Bestandteil dieser Kultur, denn diese immer wieder gleiche künstliche Soße ist der klebrige Zusammen­halt fragmentierter Lebenslagen. Ohne Musik wäre nicht nur die Stille, sondern auch das eigene Leben unerträglich. Das Opium des Volkes in post­modernen Zeiten eben.

Deutschland – es gibt keine Klassen mehr, sondern nur noch ein Fankollektiv. Die Armen und Ausgebeuteten, die in Schulen und Universitäten mit absurden Leistungsan­forderungen Drangsalierten lechzen danach, den Schulter­schluß mit den Reichen und Erfolgreichen zu vollziehen. Der Narzißmus, der sich hier Bahn bricht, ist jedoch verwundbar. Und weil er verwundbar ist, muß das Spektakel „Sommermärchen“ wie ein Ritual zwanghaft immer wieder aufs Neue reinszeniert werden. Die Merkels und Westerwelles und erst recht deren Auftraggeber in Banken und Konzernen werden es diesen Fans danken. Während die soziale Demontage auf höherer Stufenleiter durchge­peitscht wird, gehen die jetzt oder zukünftig Betroffenen auf die Straße. Nicht um dagegen, sondern um dafür zu demonstrieren. Wo es den (zumindest den mittels Hartz IV Ausgegrenzten) am Brot fehlt, funktionieren wenigestens die Spiele.

Anschließend versteckt sich das deutschselige Kollektiv in der Tunnelröhre unter der Wilhelminen­straße, um seinen Frust über die deutschen Verhältnisse in lautstark gegrölten Versen kraftmeierisch loszulassen: „So sind Sieger lalalalala …“

Ja, Sieger über sich selbst. „Wir“ haben zwar nichts vollbracht, außer auf dem Marktplatz dumm herumzustehen und bei passender Gelegenheit gemeinsam orgiastisch zu stöhnen und zu schreien, aber nachher will jede und jeder ein Stück von dem ihnen vorenthaltenen Kuchen abbekommen. Also imaginiert sich der Wahn als Siegesgesang. Man und frau will teilhaben am Reichtum und Erfolg der Herrschenden und inszeniert ein virtuelles Schauspiel – kollektiver Dummheit.

Und gegen so viel Dummheit helfen keine Argumente. Doch vielleicht heißt es bald schon – frei nach den Fehlfarben – Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei. Wie sagt der Franz so schön? „Schaun mer mal.“

Selbstbestimmter Wohnraum statt kommerzielle Mietskasernen 

Besetzes Haus.
Hausansicht Adelungstraße.

In der Nacht vom 2. zum 3. Juni 2010 drangen einige Jugendliche und nicht mehr ganz so Jugendliche in ein leerstehendes Gebäude an der Ecke Neckarstraße / Adelungstraße ein. Leerstehender Wohnraum ist in Darmstadt häufiger anzutreffen, denn nicht das Bedürfnis nach einer kostengünstigen Unterkunft steht im Kapitalismus im Vordergrund, sondern das Interesse an einer rendite­orientierten Vermarktung. Das Gebäude Neckarstraße 5 gehörte bis vor kurzem der Telekom und wurde an einen privaten Investor verkauft. Dieser hat vor, insgesamt 38 Eigentums­wohnungen in diesem herunterge­kommenen Gebäude und einem noch an der Front zur Neckarstraße zu errichtenden Anbau zu erstellen, von der Ein-Zimmer-Atomisierungs-Zelle bis hin zur Kleinfamilien­idylle. Eine Baugenehmi­gung ist noch nicht erteilt.

Nachdem es sich herausgestellt hatte, daß das Gebäude nicht mehr der Telekom, sondern diesem Investor gehört, verließen die Besetzerinnen und Besetzer am Donnerstagnach­mittag das Haus. Beim Verlassen führte die Darmstädter Polizei eine Datenerhebung zur Aktualisierung ihrer politischen Datenbank durch, obwohl der Hausbesitzer ausdrücklich keinen Strafantrag stellen wollte.

Weitere Informationen zur Hausbesetzung finden sich auf der Webseite der Besetzerinnen und Besetzer, auf der Zwitscherseite dieser Gruppe und in einem Artikel von Birgit Femppel im Darmstädter Echo am 4. Juni 2010.

Das auf der Besetzungs-Webseite vorgestellte sozialpoli­tische Programm klingt ambitioniert; und so dürfen wir gespannt sein, was dieser Gruppe als nächstes einfällt.

Nachtrag : In der Nacht vom 24. zum 25. September 2010 wurde das in städtischem Besitz befindliche Haus in der Heidelberger Straße 148 besetzt.und anschließend von den schwarz verkleideten Bütteln der Staatsmacht auch wieder geräumt.

Feinstaub Aktionsplan Darmstadt 

Automobilausstellung.
Parkplatz Wilhelminenstraße.

Jahr für Jahr findet in Darmstadts Fußgängerzone eine Automobilausstellung statt. Früher – aber das ist schon lange her – gab es sogar einmal Proteste dagegen. Damals gab es eine kleine Anti-AKW-Aktionsgruppe, die Darmstädter StadtpiratInnen. Mal veranstaltete sie eine Beach-Party an der Ecke Elisabethen­straße / Wilhelminen­straße, um das klimafeindliche Standortmarke­ting der lokalen Autohändler vorzuführen, denn Darmstadt läge beim Anstieg der Meeresspiegel eines Tages am Rande der atlantischen Nordsee. Mal trillerten sie zur Eröffnungs­ansprache des damaligen Oberbürger­meisters Peter Benz. Und manchmal verteilten sie – so zur 20. Ausgabe der Automobil­ausstellung 1998 – auch einfach nur ein Flugblatt, das deutlich gegen den automobilen Wahn Stellung bezog. Aber das war früher. Heute sind Feinstäube in aller Munde.

Die Darmstädter Innenstadt zählt zu den von Feinstaub am meisten belasteten Städten Deutschlands. Hektischer Aktionismus wechselt sich hier ab mit Debatten darüber, ob die Meßgeräte nur am falschen Ort stehen. Das Ausmaß dieser Feinstauberei kann auf der Webseite des Vereins Innovative Verkehrssysteme Darmstadt nachgelesen werden. Eines ist jedoch gewiß: Jahr für Jahr fördert die lokale Wirtschaft im Einvernehmen mit der lokalen Politik das Emissions­geschäft. Heutzutage verpackt man, seltener frau, das unter Umweltgesichts­punkten, und bietet seine Dreckschleudern als moderne, trendige Vehikel an. Den Gedanken, Verkehr zu vermeiden, oder, so er denn nötig ist, als öffentlichen Verkehr mit Nulltarif zu gestalten, finden wir hier vergebens. Das wäre ja auch geschäftsschädigend.

So fungiert die Automobilausstellung als Venusfalle technik­begeisterter Männer.

Und so dürfen wir im Mai 2011 auch zur 33. Ausstellung mit einer weiteren Ausgabe feinstaub­produzierender Karossen rechnen. Wie dieses Jahr werden Fahrräder als, mitunter recht teure, Alternative auch nächste Jahr in irgendeine Ecke abgedrängt werden. Teuer sind auch die Lifestyle-Spielzeuge der Firma Segway, die dieses Jahr ganz am oberen Ende der Ausstellung Werbung in eigener Sache betrieben. Die Akkus, mit denen die Segways betrieben werden, beziehen ihren Strom aus der Steckdose, die im Zweifelsfall mit einem Kohlekraft­werk oder einem AKW verbunden ist. Für Normalsterbliche sind derartige Spielzeuge unbezahlbar. By the way: Wo bleibt eigentlich Markus Lang mit seiner Feinstaub-Aktionsgruppe? Und würde Jochen Partsch, so er denn 2011 gewählt wird, als Darmstadts grüner Oberbürger­meister diesen Feinstaub-Aktionsplan canceln?


Inhaltsverzeichnis

Die aktuellen Einträge werden oben fortgeschrieben, wodurch die nicht mehr ganz so aktuellen Einträge sukzessive herunterrutschen.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Das „Echo“ scheint sich nicht korrigieren zu wollen, zumindest am 6. Mai 2012 war die Millionenstadt immer noch eine. Obwohl: vielleicht existiert die Million ja genausowenig wie die Stadt selbst.

»» [2]   Der Screenshot dieser ARD/Sportschau-Seite liegt mir vor; wird hier jedoch aufgrund urheber­rechtlicher Bedenken nicht gezeigt.

»» [3]   Am 18. Februar 2012 gefiel dies dann nur noch 131 Personen; drei scheinen im virtuellen Nirvana versackt zu sein. Das Selbstgespräch scheint jedoch weiterzugehen: „1 sprechen darüber“.


 
 
 
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