Armand Mattelart

Opus Dei in Chile

 

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Buchcover Jahrbuch Politik 6 Auf dieser Seite dokumentiere ich einen Auszug aus einem Aufsatz von Armand Mattelart mit dem Titel Chile: Was die Bourgeoisie von Lenin gelernt hat aus dem Jahr 1974. Es handelt sich hierbei um die Textpassagen, die sich mit der Rolle des Opus Dei in Chile beschäftigen. Unterlassungsandrohungen seitens des Opus Dei oder von ihm beauftragter Rechtsanwäte erteile ich schon jetzt eine Absage. Der Text auf dieser Seite wird einfach nur dokumentiert und nicht als wahrhaft behauptet. Über den Wahrheitsgehalt mögen sich diejenigen, die sich ernsthaft mit dem Werk Gottes beschäftigen, ein eigenes Urteil bilden.

Armand Mattelart [*]
Chile: Was die Bourgeoisie von Lenin gelernt hat
Der Gremialismus [1] und die Massenlinie der chilenischen Bourgeoisie
auf Deutsch erschienen in :
Wolfgang Dreßen (Hg.) : Jahrbuch Politik 6
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1974, Seite 7–36
auf Französisch erschienen in :
politique aujourd'hui, Februar 1974

 


 

Der Anlaß

Am 10. November 2002 sendete eine Darmstädter Religionslehrerin in der Sendung RadaR Stories der Unterhaltungsredaktion auf Radio Darmstadt eine – wie sie sagte – "kritische Betrachtung" des Opus Dei. Anlaß war die kurz zuvor erfolgte Heiligsprechung des Opus DeiGründers Escrivá durch Papst Johannes Paul II.

Ihre "kritische Betrachtung" bestand aus dem unkritischen Verlesen von Artikeln bzw. Presseerklärungen des Opus Dei, die sie als "Teile aus Zeitungen" vorstellte. Sie gab damit vor, das Opus Dei und seinen Gründer Escrivá "ein wenig kritisch [zu] betrachten". Worauf sich das wenig bezieht, bleibt in diesem Zusammenhang im Dunkeln. Jedenfalls gab ihre Sendung Anlaß für den Programmrat von Radio Darmstadt, sich mit dieser Sendung und ihren fehlenden journalistischen Grundlagen auseinanderzusetzen.

Ihre Argumente zugunsten ihrer Sendung während der Diskussion im Programmrat lassen sich auf eine einfache Formel bringen: Kritik am Opus Dei leistet ohnehin nur die Boulevardpresse. Ansonsten leierte sie ihre auswendig gelernten Textbausteine herunter.

Dem Programmrat mußte diese Sendung vorgelegt werden, von sich aus wurde er nicht tätig. Immerhin hat er dann in seiner Februarsitzung 2003 festgestellt, daß die von ihm abgehörte Sendung keinerlei journalistischen Kriterien entsprochen hat. Der Autorin wurde daher aufgegeben, in Zukunft keine religiösen und politischen Themen im Rahmen der Unterhaltungsredaktion von Radio Darmstadt zu behandeln und derartige Themen allenfalls auf dem Sendeplatz und mit der journalistischen Betreuung und Verantwortung einer anderen Redaktion zu senden. Die Pikanterie, einer Religionslehrerin die Behandlung religiöser Themen im Radio nur eingeschränkt ermöglichen zu können, liegt auf der Hand.

Der Name der Religionslehrerin ist in diesem Zusammenhang irrelevant; sie bekleidete jedoch Anfang 2003 eine Funktion im Darmstädter Katholischen Dekanatsrat.

Im Zuge der Recherche zum Opus Dei bin ich in meinem Archiv auf einen Aufsatz gestoßen, der bislang im Internet nicht dokumentiert worden ist, der jedoch ein erhellendes Licht auf einige Argumentationsstränge der Verteidigung des Opus Dei werfen könnte. Teile dieses Aufsatzes, die sich direkt mit der Rolle des Opus Dei in Chile auseinandersetzen, sind nachfolgend abgedruckt. Die Anmerkungen [*][1][14][15] entstammen der Vorlage, die Anmerkungen [W1] bis [W12] sind von mir.

 

Der Text von Armand Mattelart

Wie wir gesehen haben [W1], entsteht der Gremialismus als eine Antwort der herrschenden chilenischen Klasse auf die Praxis ihres Klassenfeindes. Diese Antwort allerdings entsteht nicht etwa spontan aus dieser gesellschaftlichen Gruppierung, sondern hat ihre Ideologen, die sie inspiriert und die sich vor allem bemüht haben, sie, ausgehend von der Praxis des Klassenkampfs, so wie sie in der konkreten chilenischen Wirklichkeit erscheint, in eine Begriffswelt zu fassen. Die Ausarbeitung dieser Ideologie ist von zwei wesentlichen Quellen beeinflußt worden: zum einen vom nordamerikanischen Imperialismus mit seinen Modellen der freien Gewerkschaften; zum anderen von den kreolischen Vertretern der alt–katholizistischen Ideologie, die sich um Opus Dei herum gruppieren.

 
[…]
 

… bis Opus Dei

Den wirklichen Ideologen des chilenischen Gremialismus, denjenigen, der ihn formuliert und in der Lage ist, ihn zu einer Doktrin zu verarbeiten, die den Sozialismus »ablöst«, wird man jedoch in einer extrem rechten Gruppe von Katholiken zu suchen haben, nämlich im kreolischen [14] Opus Dei. Aufgrund der konjunkturellen Bedürfnisse konnte sich die Ideologie dieser Gruppe tatsächlich besonders günstig entfalten: modernistisch und erzkatholisch zugleich, ist sie in sich kolossal widersprüchlich. Genau wie in ihrem Mutterland Spanien ist diese Gruppierung, die auch »Santa Mafia« genannt wird, nicht so sehr eine religiöse Sekte als vielmehr eine Kaste von Technokraten [W2], die aufs engste mit dem monopolitistischen und abhängigen Kapitalismus verfilzt sind und sich selbst als Modernisierer definieren: Modernisierer von Wirtschaft und Politik, aber nicht etwa Modernisierer ihrer dogmatischen religiösen Basis. Es sind eifrige Verfechter einer technisch–professionellen Herrschaft: der neue Politiker – das ist der Experte. Ein bedeutendes Mitglied dieser bedeutenden weltlichen Institution, Verfasser eines Buchs mit dem bezeichnenden Titel »Der Untergang der Ideologisten«, schreibt hierzu folgendes: »Die Aufgabe, den größten Teil der konkreten Regierungsmaßnahmen auszuarbeiten, werden anstelle des Fürsten Juristen, Soziologen, Ökonomen und Ingenieure übernehmen.« Und weiter: »Um in einer bestimmten konjunkturellen Situation für Ordnung, Gerechtigkeit, materielle und kulturelle Entwicklung zu sorgen, braucht man nicht irgendein Dekret von oben oder irgendeinen Mehrheitsbeschluß, sondern die ökonomischen und politischen Wissenschaften.« [15]

Die »Santa Mafia«

Die Mitglieder von Opus Dei sind überall und nirgends; man findet sie in der Führungsspitze von Patria y Libertad [W3], der Nationalpartei, in der Armee, in der Kirche (als Anekdote sei hier erwähnt, daß der Chef der politischen Polizei unter Frei [W4], einer der schärfsten Gegner der MIR [W5] im Untergrund, niemand anderes als ein prominentes Mitglied von Opus Dei war). Aber eins ist sicher: man wird sie nie innerhalb der Christ–Demokratie finden – es sei denn zu Infiltrationszwecken –, auf die sie einen unglaublichen Haß haben, selbst wenn sie gezwungen sind, sich mit diesen christlichen Renegaten, diesen Kerenskis [W6], die den Marxisten das Eindringen ins Christentum ermöglicht haben, zu verbünden. Diese Abneigung ist im übrigen durchaus erklärlich, denn immerhin hat die Christ–Demokratie versucht, innerhalb der katholischen Kirche eine, wenn auch zweideutige, Alternative zum Integrismus von Opus Dei und verwandten Gruppierungen darzustellen.

Diese quasi unsichtbare Gruppe hat die Herausbildung jener »neuen gremialistischen Ideologie«, wo sich noch Anklänge an den alten Korporatismus finden, Schritt für Schritt verfolgt. Zuerst operiert sie, zur Zeit der Frei'schen Agarreform, im Rücken der S.N.A. [W7]. Ein ehemaliger Minister Alessandris [W8] und Chef der chilenischen Sektion von Opus Dei unterbreitet den nicht besonders phantasiebegabten Großgrundbesitzern die gremialistische Taktik und vermittelt die theoretischen Grundlagen. Zur selben Zeit gründen die Almosenpfleger von Opus Dei an der Katholischen Universität von Santiago sowie an einigen Provinzuniversitäten die gremialistische Studentenbewegung. Gleich in den ersten Monaten der Volksregierung übernehmen die Soziologen von Opus Dei die politische Programmierung des Mercurio [W9] und lancieren direkt, aber niemals offen, weitere Informationsorgane (vor allem Que pasa, die einzige politische Wochenschrift in den Händen der nicht christ–demokratischen Rechten). Die einzige Fernsehstation der Opposition (der Sender der Katholischen Universität Chiles) bekommt die finanziellen Mittel und Journalisten für ihre Kampagnen gegen die Unidad Popular ebenfalls von Opus Dei (zu diesen Journalisten gehört auch Jaime Guzman, einer der juristischen Experten, die mit dem Entwurf der neuen Verfassung des Generals Leigh Guzman beauftragt sind). An der berüchtigten Komplott–Sitzung des »pastel de choclo« (Maispastete) vom März 1972, auf der die Oppositionsgruppen die Annahme einer Massenpolitik diskutieren, nehmen mindestens drei der wichtigsten Ideologen von Opus Dei teil. Eine Woche vor dem Putsch wird wiederum ein Mitglied der chilenischen Sektion von Opus Dei beauftragt, im Namen dieser angeblich religiösen Institution eine derartige Goldmenge auf dem Weltmarkt zu verkaufen, daß es zwangsläufig zu einer Baisse auf dem Goldmarkt kommt [W10]. Und wie wir sehen werden, ist es die einzige Gruppe, die, nachdem die Christ–Demokratie aus dem Blickwinkel der Militärs verschwindet, in der Lage ist – wenn sie dem wachsenden Faschismus auch nicht dir Unterstützung durch die Massen sichern kann –, diesem doch ein ganzes Gerüst von Doktrinen und ein Gremium von Experten zur Verfügung zu stellen, die ihre antimarxistische Politik als »demokratischen Wiederaufbau« legitimieren.

Die Mitglieder von Opus Dei sind jedoch nicht sehr zahlreich. Sie bilden eine Elite, die aufgrund der Tradition ihrer aristokratischen Abstammung bzw. ihrer spezifischen Besonderheit an der Regierung »klebt«. In Chile hat sich Opus Dei in den letzten Jahren vor allem mit jungen Ökonomen, Soziologen und Ingenieuren umgeben, die alle direkt aus den Chicagoer Universitäten [W11] vom Typ »Manchester–Liberalismus« oder ähnlichen kommen. Nach der Rechtswendung der Christ–Demokratie verdoppelte Opus Dei seine Anstrengungen, die Angehörigen des universitären und professionellen Sektors, die jetzt völlig desorientiert waren, für sich zu gewinnen. Aber trotz ihrer eingeschränkten Mitgliederzahl ist es die einzige Gruppe, die während der ganzen Periode von Frei und Allende das Rad der Geschichte systematisch zurückgedreht hat. Indem sie sich die Widerstandspraxis der herreschenden Klasse zueigen machte, versuchte sie, ein politisches Modell zu konstruieren, das an die Stelle des sozial–christlichen Reformismus treten, das marxistische Regime stürzen und einen neuen Typ von Demokratie installieren sollte. es ging eigentlich darum, den alten Traum der Verfassungsreform von Alessandri zu verwirklichen – allerdings mit ein bißchen mehr Repression. Und was für eine Repression! [W12] Überall dort, wo die verarmte Rechte, die historisch gesehen am Ende ihrer Kunst ist, und der verheerende Faschismus der Generäle, der allerdings erst in den Kinderschuhen steckt, versagen, scheint Opus Dei einzuspringen, und zwar sowohl innerhalb als auch vor allem außerhalb der Parteien.

 

Anmerkungen des Originaltextes

 

Meine Anmerkungen zum Text

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 23. März 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2003, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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