Bundeswehr in Afghanistan
Wo ist der Feind? [1]

Jürgen Todenhöfer in Afghanistan

Kommentierte Materialsammlung

 

Am 24. Februar 2003 sendete ich bei Radio Darmstadt einen Beitrag über Jürgen Todenhöfers Buch Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Im Gegensatz zu den meisten Presseveröffent­lichungen hierzu habe ich mir erlaubt, Todenhöfers eigenen Anteil an der Unterstützung afghanischer Mörderbanden hervorzuheben. Selbstverständ­lich sieht er das nicht so. Ebensowenig eine Redakteurin und ein Redakteur der Redaktion treffpunkt eine welt, die auf Radio Darmstadt einen völlig verklärenden Blick auf dieses Buch geworfen haben.

Auf dieser Seite nun habe ich aus ausgewählten Veröffentlichungen ein wenig Material zusammenge­stellt, das belegen möge, warum Jürgen Todenhöfers Tränen wohl doch eher Krokodilstränen sind.

»»  Zum Manuskript Emanzipatorische Maßstäbe meiner Sendung vom 24. Februar 2003.


Wer weint schon um Abdul und Tanaya?

Ich wollte im August [1980] trotzdem keinen Urlaub machen, sondern als entwicklungs­politischer Sprecher der CDU/CSU noch einmal eine Reise in ein Land der Dritten Welt unternehmen. Die sowjetische Armee war Ende Dezember 1979, als sich die gesamte Führung der westlichen Welt in den Weihnachts­ferien befand [wie perfide!, WK], in Afghanistan einmarschiert. Sie wollte der prosowjetischen kommunistischen Regierung in Kabul zu Hilfe eilen und den Aufstand der muslimischen Mudschaheddin niederschlagen. Der Westen hatte gegen den Einmarsch zwar protestiert, aber im grunde interessierte sich kaum jemand für Afghanistan und den dort beginnenden Völkermord. Auch im Deutschen Bundestag war das Thema schnell abgehakt. Ich wollte mithelfen, das zu ändern.

Das war leichter gesagt als getan. Wie sollte ich nach Afghanistan kommen? Die sowjetischen Truppen hatten ganz Afghanistan besetzt. Es gab keine klaren Fronten, im ganzen Land herrschte Krieg. Und der wurde von beiden ungleichen Seiten mit erbarmungsloser Härte geführt.

Schon im Frühjahr hatte ich mit dem „Verein für afghanische Flüchtlingshilfe“ Kontakt aufgenommen. Ich musste vorsichtig vorgehen, der Verein konnte von prosowjetischen Spitzeln unterwandert sein. Wenn die Sowjets von meinem Plan erfuhren, kam ich zwar lebend nach Afghanistan hinein, aber vielleicht nicht mehr lebend heraus. Die Sowjetunion war eine vor Selbstbewusst­sein strotzende, waffenklirrende Supermacht, die sich nicht auf der Nase herumtanzen ließ.

Im Mai hatte ich mich mit dem Vertreter der Flüchtlings­organisation Kajokan Niazi abends in einer kleinen Straße Bonns getroffen. […] Nachdem wir lange über die Lage in Afghanistan diskutiert hatten, fragte ich ihn, ob er mich und seinen Journalisten im August nach Afghanistan schleusen könnte. Er meinte, das sei selbst für die Mudschaheddin mit Lebensgefahr verbunden, warum ich denn mein Leben riskieren wolle. Ich erklärte ihm meine Motive, und er versprach schließlich, Kontakt zu einer der großen Befreiunsg­bewegungen Afghanistans aufzunehmen, der Hezbi Islami Hekmatyars. […] Hekmatyar war bereit, mich mit einer kleinen Gruppe ausgesuchter Freiheitskämpfer ins Landesinnere, in die Nähe von Dschalalabad bringen zu lassen. [Seite 14–15]

Hekmatyar, den seine Männer mit „Ingenieur“ ansprachen, obwohl er sein begonnenes Ingenieur­studium nie beendet hatte, war höchstens 35 Jahre alt, mittelgroß. schlank und feingliedrig. Auch er trug Paschtunen­tracht. Trotz seines finsteren, schwarzen Vollbarts wirkte er recht freundlich. Ich hatte mir den Chef der radikal islamischen Hezbi Islami ganz anders vorgestellt. Damals ahnte ich nicht, dass dieser Stille, fast schüchterne Freiheitskämpfer zehn Jahre später, nach der Vertreibung der Sowjets, in den Wirren des Bürgerkrieges zu einem der blutigsten Guerillaführer mutieren würde. [Seite 19]

Seine folkloristische Abenteuererzählung mutiert zum Heldenepos, ohne zu vergessen, die Grausamkeiten der sowjetischen Kriegsführung ins rechte Licht zu stellen:

Die nächsten Tage benutzten wir zu weiteren Erkundungs­märschen in die umliegenden Dörfer. Überall bot sich uns das gleiche Bild &8211; zerstörte Häuser, wohin man schaute. Das Land sah aus wie ein ausgebombter Wüstenplanet. [Seite 30]

Mit […] Terroranschlägen gergen unschuldige Zivilpersonen wollten die Paschtunen nichts zu tun haben. Die Paschtunen waren stolze Freiheitskämpfer, aber keine Terroristen. Ein Paschtune tötet keine unschuldigen Zivilpersonen. Das widerspricht seiner Ehre. [Seite 52]

Der selben Ehre widerspricht es natürlich nicht, Frauen zu töten, die sich nicht ehrenvoll verhalten haben. Derartige Frauen sind dann keine unschuldigen Zivilpersonen, sondern schuldige Nichtmenschen (also keine Männer).

Die Begeisterung meiner Familie über meine Gitarren- und Gesangskünste hielt sich in Grenzen. Sobald ich zu spielen und zu singen anfing, entschwand ein Familienmitglied nach dem anderen aus dem Raum. […] Nur unseren beiden Hunden Rambo und Jimmy, zwei weißen Havanesen, schien mein Gitarrespiel zu gefallen. [Seite 57]

Im Februar 1984, dreieinhalb Jahre nach meiner ersten Afghanistan­reise, war ich mit einer Gruppe deutscher Journalisten wieder nach Peschawar gefahren. Ich wollte ihnen das Elend der afghanischen Flüchtlings­lager in Pakistan zeigen und das wieder eingeschlafene Interesse der deutschen Politik an der afghanischen Tragödie wecken. […] Afghanistan wollte ich nicht besuchen. Nicht weil ich Angst um mein Leben gehabt hätte. […]

Ich wollte auf dieser Reise vor allem auf die humanitären Folgen des Afghanistan-Krieges hinweisen, auf die Probleme der Flüchtlingslager, auf die Perspektivlosig­keit der Kinder, die dort heranwuchsen. Dass diese fatale Perspektivlosig­keit eines Tages zur Entstehung der Talibanbewegung führen würde, ahnte ich damals auch nicht.

An einem romantischen Berghang des Hindukusch überreichte ich die Medikamente dem alten paschtunischen Freiheitsführer Yunis Khaless. […] Offenbar genoss er nicht nur bei den paschtunischen Männern, sondern auch bei den paschtunischen Frauen hohes Ansehen. Er war mit einer bildhübschen, höchsten 17 Jahre jungen Frau verheiratet, die der Medikamenten­übergabe neugierig zuschaute. [Seite 60–61]

Der Mann Todenhöfer kommt natürlich nicht auf die Idee, danach zu fragen, wie freiwillig diese Ehe geschlossen wurde. Männer seines Alters sehen es offensichtlich als normal an, wenn sie sich junges Frischfleisch ins Bett holen. – Auf den darauf folgenden Seiten erzählt Todenhöfer, wie er Abdul kennengelernt hat, der schwerverletzt und bewegungs­unfähig in Peschawar dahinsiechte. Todenhöfer sorgte engagiert für seine Überführung an die Tübinger Universitäts­klinik – Abdul konnte danach wieder gehen.

Ich beschloss, noch einmal nach Afghanistan zu fahren, um die öffentlichen Scheinwerfer wieder auf die Tragödie des kleinen Volkes am Hindukusch zu lenken. […] An Weihnachten 1984 flogen wir über Karatschi in die pakistanische Grenzstadt Quetta. Am 27. Dezember, dem 5. Jahrestag der sowjetischen Invasion, ging es per Jeep ins Landesinnere Afghanistans. Wir wollten uns zusammen mit afghanischen Mudschaheddin Richtung Kandahar durchschlagen. [Seite 67–68]

Wir verbrachten zehn Tage mit den Mudschaheddin in Afghanistan. Auf Eseln und im Jeep zogen wir durch das winterliche Land am Hindukusch. Die Mudschaheddin teilten ihr Brot mit uns und ließen uns in den bitterkalten Nächten in ihren primitiven Baracken direkt am Ofen schlafen. Sie erzählten uns von ihren Familien und von ihrem Traum von einem freien und friedlichen Afghanistan. und immer wieder fragten sie, warum der Krieg in Afghanistan niemanden in der Welt interessiere, warum die Welt sie allein lasse. [Seite 71]

Offensichtlich hatte die CIA noch nicht Kontakt mit dieser Gruppe aufgenommen. Und schon 1980, ohne daß Todenhöfer dies erwähnen würde, inszenierten die westlichen Staaten medienwirksam den anti­kommunistischen Olympiaboykott der Spiele in Moskau. Keine und niemand kam auf die Idee, dasselbe mit den USA wegen Vietnam und anderer Kriegs­verbrechen zu machen oder die Bundesrepublik Deutschland wegen der Beteiligung am NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien von den Spielen in Sydney auszuschließen.

Am Tag der Taufe [seiner Tochter Nathalie Malalai] habe ich meiner Frau feierlich versprechen müssen, dass ich, solange Krieg war, nicht mehr nach Afghanistan reisen würde. Ich habe dieses Versprechen vier Jahre lang konsequent eingehalten. [Seite 73]

Wir schrieben das Jahr 1988. Die Mudschaheddin hatten mittlerweile große militärische Fortschritte gemacht. […] Afghanische Freunde hatten mehrfach bei mir angefragt, ob ich noch einmal nach Afghanistan kommen könnte. Ich hatte höflich abgelehnt. Mein Bedarf an sowjetischem Raketen- und Granaten­beschuß war für alle Zeiten gedeckt. […] Afghanistan, das war ein Kapitel aus der Vergangenheit, für immer und ewig abgeschlossen.

Jetzt kommt der rührselige Teil:

Bis im März 1988 ein afghanischer Familienvater unseren inzwischen sieben-, fünf- und vierjährigen Kindern Valérie, Frédéric und Nathalie [einen] Brief schrieb. […] Ihr Votum war überraschend klar und eindeutig: „Papa, geh hin!“ Meine Frau schwieg.

In den nächsten Tagen telefonierte ich mehrmals mit meinen afghanischen Freunden in Deutschland. Ich hatte eine Idee. Wir mussten im besetzten Afghanistan eine Kabinettssitzung der afghanischen Exil­regierung veranstalten, um den Prozess ihrer Anerkennung zu beschleunigen. […]

Am späten Abend brachen wir mit zwei Jeeps in Peshawar auf, um in das Kampfgebiet Khost zu fahren. Von dort wollten wir weiter nach Urgun, wo die Kabinettssitzung stattfinden sollte. […] Ich musste jeden der anwesenden Afghanen umarmen. Das gehörte offenbar zur Begrüßungs­zeremonie. Danach begann die erste Kabinettssitzung der Exil­regierung auf afghanischem Gebiet. Es war ein historischer Augenblick. Die Sitzung verlief bemerkenswert diszipliniert. [Seite 74–78]

Schon Alexander der Große hatte gewarnt: „Afghanistan kann man durchqueren, erobern kann man es nicht.“ [Seite 77]

Herr Todenhöfer verzeihe mir meine historische Ungebildet­heit, aber ist dieser Ausspruch belegt? Ich glaube kaum, denn das heutige Afghanistan stand zu diesem Zeitpunkt seit rund zwei Jahrhunderten unter persischer Herrschaft und ein Afghanistan im Sinne einer politischen Einheit mitsamt nationalen Selbstverständ­nisses gab es zur damaligen Zeit einfach nicht. Dies läßt durchaus Rückschlüsse auf andere Aussagen im Buch zu. Mit der historischen Wahrheit nimmt es Herr Todenhöfer offensichtlich nicht so genau.

Quelle: Jürgen Todenhöfer : Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Herder Verlag, Freiburg 2003
Antikommunistische Mission

[…] Im Hauptberuf CDU-MdB, streunte der Tübinger Jurist Jürgen Todenhöfer als »Deutscher unter afghanischen Kriegern« zwischen 1980 und 1985 mit der Anhänger­schaft der Herren Hekmatyar, Dostam und Massud durchs Land. Stilsicher gekleidet und mit dem letztlich unerfüllbaren Wunsch nach einem typischen Vollbart versehen, überbrachte er der Bevölkerung die frohe Botschaft von der unbedingten Unterstützung des freien Westens. Der Beweis des »außerordent­lichen Opfermuts der Afghanen« hätte kaum eindrucksvoller geführt werden können.

Doch auch auf Heimaturlaub fand Todenhöfer keine Ruhe, rastlos widmete er sich seiner Mission. Nicht allein, dass er bereits vor 20 Jahren predigte, was heute die ganze westliche Welt zu wissen glaubt, dass nämlich die Freiheit unserer Zivilisation auf afghanischem Boden verteidigt werden muss. Ihm gebührt zugleich das Urheberrecht auf die Instrumentali­sierung der NS-Verbrechen für eine deutsche Interventions­politik. Seine Äußerung, in Afghanistan finde ein »tägliches Lidice« statt, wird Revisionisten vom Schlage eines Gerhard Löwenthal wohl überfordert haben, Joschka Fischer und Rudolf Scharping aber stuften diese Logik offenbar als »voll verwendungsfähig« ein.

Als der Russe schließlich weltweit besiegt war, konnte Todenhöfer beruhigt ins zivile Leben zurückkehren. Er heuerte beim Medienkonzern seines Schulfreunds Hubert Burda an und brachte es schnell zum Vorstandsvize. […]

Quelle: Beat Sutter : Der Teewärmer, in: Jungle World Nr. 42/2001, 10.10.2001, Seite 32. [Fundstelle].
Hekmatyar und seine deutschen Freunde

[…] Im Vergleich zu den USA waren die deutschen Bundesregierungen der 80er Jahre außenpolitisch wesentlich zurückhaltender. Dennoch haben prominente Politiker der Unionsparteien Kontakte zu extrem islamistischen Mudjaheddin­gruppen in Afghanistan unterhalten und diese wohl auch finanziell unterstützt.

Unter den zahlreichen rivalisierenden Mudjaheddin­gruppen haben sich die Unionspolitiker ausgerechnet die „Hezb-e Islami“ ausgesucht, die als die radikalste islamistische Gruppierung galt. Ihr Anführer, Gulbuddin Hekmatyar, war schon in den frühen 70er Jahren in Afghanistan als Terrorist gesucht, weil er Säureattentate auf nach seiner Ansicht zu westlich gekleidete Frauen verübt hatte. […]

Im Februar 1981 besuchte Hekmatyar auf Einladung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung die BRD. Als erster deutscher Spitzenpolitiker hat der baden-württembergische Minister­präsident Lothar Späth mit dem Chef der afghanischen Widerstands­bewegung, Gulbudin Hekmatyar, gesprochen. Späth empfing eine Delegation der Freiheitskämpfer Freitag nacht in der Villa Reizenstein. Späth zeigte sich beeindruckt vom Freiheitswillen der Widerstands­bewegung. Es sei jedoch nicht über Waffen und Geld gesprochen worden. (Sonntag Aktuell, 8.2.1981) Danach traf Hekmatyar in Bonn mit dem Staats­sekretär im Auswärtigen Amt, van Well, zusammen.

Ob Lothar Späth in der Villa Reizenstein die Grundlagen für blühende Landschaften in Afghanistan legen wollte?

Weitere Gespräche führte Hekmatyar in Bonn mit den CDU-Politikern Mertes und Heck, in München traf er mit dem bayerischen Minister­präsidenten Franz-Josef Strauß zu einer fast zweistündigen Unterredung zusammen. Die CSU-Wochenzeitung Bayernkurier (19.2.1981) präsentierte Hekmatyar und seine Hezb-e Islami als „Freiheitskämpfer“, die in den Bergen des Hindukusch auch unsere, der Völker Europas Freiheit verteidigen.

Jetzt wissen wir also, woher Peter Struck den patriotischen Spruch von der Verteidigung Deutschlands am Hindukusch hat. Alles nur geklaut …

Am 15.5.1985 empfing der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht den Mudjaheddin­führer Younos Khalis. Dieser führte eine Miliz, die sich von Hekmatyars Hezb-e Islami abgespalten hatte […].

Das ist der Frischfleischvertilger, der auf Todenhöfer so einen großen Eindrick gemacht hatte.

Dr. Jürgen Todenhöfer, der in den 80er Jahren als CDU-Abgeordneter den Wahlkreis Tübingen in Bonn vertrat, engagierte sich wohl mehr als alle anderen seiner Kollegen für die Sache der Mudjaheddin. […] Mindestens dreimal besuchte Todenhöfer die Mudjaheddin­miliz von Hekmatyar. In seinem Buch Ich denke deutsch berichtet er, wie er im April 1989 in der afghanischen Provinz Urgun den „Premierminister“ der Mudjaheddin, Abdul Radul Sayyaf, traf. Sayyaf führte damals die Mudjaheddin­miliz Gebheh-ye Islami […], die als klein, aber gut bewaffnet galt; Tausende arabische Freischärler kämpften als gutbezahlte Söldner für Sayyaf. Einige von ihnen gründeten später auf den Philippinen die nach ihrem afghanischen Anführer benannte Terrorgruppe „Abu Sayyaf“ […].

Quelle: Martin Jung : Hekmatyar und seine deutschen Freunde, in: Sozialistische Zeitung, April 2002, Seite 10. [Fundstelle].
Große Koalition von schwarz bis grün

Als die afghanischen Kommunisten (Demokratische Volkspartei Afghanistans – DVPA) im April 1978 die Macht ergriffen, hatte ihnen das Feudalregime eine katastrophale Lage hinterlassen: 40 Prozent der Kinder starben bis zu ihrem 12. Lebensjahr, den moslemischen Großgrund­besitzern gehörten 80 bis 90 Prozent der Landwirtschaftsfläche, 0,2 Prozent der Bevölkerung besaßen circa die Hälfte des Ackerbodens.

Was das »Regime in Kabul« sich zur Abschaffung oder Milderung des Elends auf die Fahne geschrieben hatte, war lediglich insofern »eurozentristisch«, als es zivilisatorische Minimal­vorstellungen durchsetzen wollte, die zufällig zum ersten Mal in der Französischen Revolution thematisiert worden waren[…]. Damit klar wird, wogegen sich die afghanischen Fundamentalisten und ihre grünen und linksradikalen Freunde im Westen richteten, sei das Regierungs­programm der afghanischen Kommunisten aus dem Jahre 1979 (hier in der Zusammen­fassung durch den Spiegel [2]) zitiert:

  • „eine Landreform, nach der über eine Million Hektar Boden an 680.000 Kleinbauern umverteilt und über 100.000 Großgrund­besitzer enteignet werden sollten;
  • strenge Schulpflicht auch für Mädchen und ein Alphabetisierungs­programm, das alle Erwachsenen, einschließlich der fast hundert Prozent anlaphabetischen Frauen, zum Unterricht zwingt;
  • Verbot der nach islamischen Gesetzen zugelassenen Kinderehen, Abschaffung des Brautgeldes und des Scheidungsverbots für Frauen;
  • Feindpropaganda gegen den Einfluß der Mullahs der Großgrund­besitzer. Erlaß aller Schulden der Bauern gegenüber Geldverleihern und Großgrundbesitzern.“

[…] Hätte der Westen damals die mit der Aprilrevolution 1978 eingeleitete Reformpolitik unterstützt, wären die Gotteskrieger eine Fußnote der Geschichte geblieben und keine weltweit operierende Terrorarmee geworden. Doch nicht nur Kalte Krieger, sondern auch Sanfte Tauben setzten auf die angeblichen Freiheitskämpfer. Was laut Pflasterstrand ein Volksaufstand war (»rebelliert täglich, bewaffnet und listenreich, mit passivem Widerstand, der den Alltag erfüllt«), kommt in Wirklichkeit Lynchjustiz im Auftrag der Feudalherren gleich. Selbst in einer Publikation der Deutschen Entwicklungshilfe konnte man 1979 lesen:

„Die Interessen von geschädigten (d.h. enteigneten, Anm. J.E.) Grundbesitzern und Geschäfts­leuten und die der Verteidiger islamischer Sitten und Gewohnheiten dürften oft gleichgelagert, wenn nicht gar dieselben sein. Beide Gruppen erhalten Unterstützung aus dem Ausland.“

Über die Kampfmethoden berichtete ein Korrespondent der Zeit, der 1979 – noch vor dem Einmarsch der Sowjets! – die von den Mudjahedin eroberten Provinzen bereiste. Diese seien bemüht,

„ihr eigenes Stammes- und Talschaftsgebiet feind- und regimefrei zu halten, d.h. die von der Regierung ausgesandten Lehrer, Parteiaktivisten und ideologischen Einpeitscher zu eliminieren.“

Nach Angaben der Revolutionsregierung wurden 300 sowjetische Berater in jenem Jahr ermordet. Über das Geschehen in einer Provinzstadt informierte die FAZ:

„Nach Augenzeugenberichten wurden sowjetische Bürger in der Stadt auf offener Straße zerstückelt. Der Mob machte mit Listen über die Adressen sowjetischer Familien Jagd auf die Russen.“

Das entspricht wohl eher den von Todenhöfer gelobten Ehrvorstellungen der Paschtunen.

Auch nach der Intervention der Sowjets am 27. Dezember 1979 waren nicht Militär­einrichtungen oder -konvois vorrangiges Angriffsziel der Terroristen, sondern Schulen: Bis zum Frühjahr 1983 gelang es den Freiheitshelden, über 90 Prozent der 230 höheren und 1438 Grundschulen Afghanistans zu zerstören.

„Bei der Eroberung von Kunduz … wurde ein Waisenheim in die Luft gesprengt, weil die Kinder den Tod verdient hätten: Sie seien die Waisen von Regierungsbeamten und Mitgliedern der DVPA.“

Die grüne Begeisterung für die sogenannten Widerstands­kämpfer war nicht nur platonisch. Zwei Aktivisten aus dem hessischen Landesverband, Uli Fischer und Milan Horacek, schlugen sich zu den Mudjahedin durch, Horacek posierte am Khaiberpaß auf einem zerstörten Sowjetpanzer. Fischer hinterher über die Mudjahedin: »Die sind echt gut drauf.« Sein bekannterer Namensvetter Joschka drückte 1986 im Bundestag dasselbe etwas umständlicher aus:

„Wenn ich auch nach wie vor davon überzeugt bin, daß die internationale Bündnis­organisation einiger afghanischer Widerstands­organisationen den Interessen der Völker Afghanistans schadet, halte ich die Position, den Mudjahedin pauschal einen undemokratischen und antiemanzipa­torischen Charakter zu unterstellen, für borniert, kurzsichtig und ideologisch einäugig.“

Da wußte Joschka noch nicht, daß er Todenhöfers Vision einer Exilregierung in Afghanistan auf dem Petersberg erfüllen durfte. Aber mit antiemanzipa­torischen Terroristen zu parlieren, darauf war er offensichtlich schon 1986 vorbereitet.

Quelle: Jürgen Elsässer : Make Love and War. Wie Grüne und 68er die Republik verändern. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2002. Hier Auszüge aus den Seiten 29 und 30.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Das Bild stammt von der Propaganda­abteilung (Public Affairs Office) des ISAF-Hauptquartiers in Kabl, Afghanistan, und stellt laut englischem Begleittext dar: „Fayzabad, Afghanistan: German soldiers with Mobile Observation Liaison Team conduct a long term patrol in Keshem, January 21st. The Germans are helping ISAF in assisting the Afghan government in extending and exercising its authority and influence across the country, creating the conditions for stabilization and reconstruction.“ Veröffentlicht bei Flickr, übernommen von Wikimedia, izenziert mit einer Creative Commons Lizenz.

»» [2]   Jürgen Elsässer bezieht sich hier auf den Artikel Schon unsere Kinder lernen töten in der Ausgabe 3/1980, Seite 102ff.


Diese Seite wurde zuletzt am 10. Februar 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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