Bernd Schmiedeke

Radiomachen im (nicht–kommerziellen) Lokalfunk

Überlegungen, Anmerkungen & Tips

 

Logo Radio DarmstadtDas auf dieser Seite dokumentierte Seminarmanuskript eines internen Ausbildungsseminars der Sportredaktion von Radio Darmstadt führt in konzentrierter Form in die programmlichen und moderativen Eigenheiten eines nichtkommerziellen Lokalradios ein. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Interview–Technik. Auch wenn vielleicht einiges aufgrund einer über neunjährigen Sendepraxis noch einmal reflektiert werden müßte, kann dieser Text immer noch als Basisanleitung für die NeueinsteigerInnen bei Radio Darmstadt verwendet werden. Der Text verdeutlicht den Gedanken, daß das "Format" nichtkommerzielles Lokalradio nach neuen Formen der Sendungsgestaltung suchen muß und sich nicht einfach an vorhandenen Formaten orientieren kann.

Zum Qualitäts–Logbuch von Radio Darmstadt 2006

Zu den Goldenen Regeln im Nichtkommerziellen Lokalradio

Zur Startseite von Waltpolitik

Warum hat diese Logbuch–Seite ein anderes Outfit als die anderen Seiten von Waltpolitik? Ich möchte mit dieser Seite auch Menschen ansprechen, die weder meine Sendungen hören noch deren Inhalte ergoogeln. Deshalb versuche ich (und experimentiere damit noch ein wenig herum), diese Seite möglichst barrierefrei zu gestalten. Insbesondere die Farbgebung der anderen Seiten, aber auch deren Tabellenstruktur und einige Features mehr erfüllen dieses Kriterium leider nicht.

 


RADAR / RADIO DARMSTADT
SPORTREDAKTION

RADIOMACHEN IM (NICHT–KOMMERZIELLEN) LOKALFUNK
ÜBERLEGUNGEN, ANMERKUNGEN & TIPS

 

1.) Die Chancen unseres Lokalfunks

Mit den lokalen, nicht–kommerziellen Rundfunkstationen erhielt Hessen neben den öffentlich–rechtlichen und privaten Sendeanstalten ein drittes Standbein im Hörfunk. Damit man die damit verbundenen Chancen auch richtig einordnen kann, muß man sich mit der Entwicklungsgeschichte dieses Mediums befassen:

Tatsächlich hat der Hörfunk in den letzten Jahren einen einschneidenden Funktionswandel durchgemacht: Das Radio ist mehr und mehr zum Begleitmedium geworden.

Hierzu ein paar Fakten:

Dies hat nun zur Folge, daß die Programmplaner der "großen" Sendeanstalten ihre Programmüberlegungen nach diesen geänderten Hörsituationen ableiten – es sei hier nur auf den berühmt–berüchtigten "1½–Minuten–Journalismus" im Hörfunk verwiesen.

Heißt dies nun etwa auch für uns, daß auch wir in der (Sport–)Berichterstattung bei RadaR / Radio Darmstadt unser Programm nach den Wort–Musik–Verhältnissen gemäß den "großen" Sendern wie HR 3, FFH, usw. auszurichten hätten?

Natürlich nicht!!! Vielmehr ist vor solch einer Schlußfolgerung nur zu warnen, denn der "1½–Minuten–Journalismus" impliziert ja, daß das Hörer/innen/publikum jedwedes Programm nur achtlos aufnehmen würde und somit Radio nur als mehr oder weniger nicht näher zu definierendes "Hintergrundmedium" konsumiere. Wenn aber bestimmte Elemente wie "Qualität", "Wiedererkennbarkeit" und "Einheitlichkeit" in unserem Programm auftauchen, dann ist es so, daß aus Nebenbei–Hörern (wieder) konzentrierte Zu–Hörer werden können …

Und genau hier liegt ja infolge der ansprechenden Themengestaltung eine große Chance unseres nicht–kommerziellen, lokalen Senders! Nicht zuletzt haben wir in der RadaR–Sportredaktion deshalb bestimmte Elemente unserer Sendungen auch schon längst nach diesen Prämissen orientiert: Unsere Wortbeiträge betragen in der RegeI 5–Minuten–Blöcke – bieten somit einerseits Raum für eine inhaltsreiche Bearbeitung eines Themas und sind auf der anderen Seite in Bezug auf die Konzentrationsfähigkeit unserer Hörerinnen und Hörer nicht zu lang –, die An– und Abmoderationen weisen bestimmte immer wiederkehrende Elemente auf, die Musiktitel dienen zur Entspannung bzw. bieten sich als Wunschtitel unserer Gäste als Mittel zur Hörer/innen/bindung an, der "Sportplatz"–Jingle und andere RadaR–Jingles und –Trailer dienen zur Kennung und zugleich als "Auflockerungsmittel", und nicht zuletzt verdeutlicht die in der RadaR–Sportredaktion aktuell geführte Diskussion um die Ausgestaltung der "Sportnachrichten" die Wichtigkeit der Darbietung eines weiteren festen Sendebestandteils in einem strukturierten Rahmen.

"Qualität", "Wiedererkennbarkeit" und "Einheitlichkeit" sind nach zwei Jahren Dauersendebetrieb also unlängst feste Bestandteile der "Sportplatz"–Sendungen bei RadaR / Radio Darmstadt geworden.

 

2.) Veränderungen in der lokalen Medienlandschaft

Durch unseren Lokalfunk hat vor allem die führende Darmstädter LokaIzeitung eine publizistische Konkurrenz bekommen, (ebenso haben dies natürlich die südhessischen Büros [der] Sender HR und FFH).

Gegenüber der hiesigen LokaIzeitung haben wir durch das Medium Radio natürlich einen entscheidenden Vorteil – unsere Aktualität! Denn wir können als lokales Medium zuerst vermelden, wie beispielsweise der Gewinner des Heinerfesttriathlons heißt oder wer Sportler/in des Jahres in Darmstadt geworden ist.

Auf der anderen Seite darf natürlich diese Aktualität nicht auf Kosten einer guten Recherche gehen. Aber: Durch den prinzipieIl dialogischen Charakter unseres Mediums und durch die direkte Kommunikation mit den Beteiligten haben wir auch hier entscheidende Vorteile gegenüber der Zeitung: Wir können Gespräche, Diskussionsrunden, Foren usw. organisieren – in einer Art und Weise, wie sie eine (Lokal–)Zeitung niemals könnte.

Und noch mehr: Durch unsere medienspezifischen Eigenschaften werden zusätzliche Veränderungen ausgelöst, denn nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ hat sich die lokale öffentlichkeit im Darmstädter Raum verändert. Durch Radar / Radio Darmstadt tauchen (nicht nur) in der regionalen Sportwelt seit einiger Zeit mehr Journalisten auf – insbesondere bei den kleineren Sportvereinen ist diese publizistische Konkurrenz zu spüren. Waren bis vor einiger Zeit bei Pressegesprächen nur Abgesandte der hiesigen lokalen Zeitung dabei – wenn überhaupt –, sind mittlerweile durch unsere Anwesenheit mit den portabien Aufuahmegeräten Art und Weise der Statements geändert worden, denn bisher war man ja auf die schreibende Zunft fixiert. Hörfunkreporter/innen sind aber nun einmal immer auf der Jagd nach "O–Tönen" für ihre Sendungen.

Überhaupt bieten wir als nicht–kommerzieIles Medium gerade denjenigen auch Zugang zum Hörfunk, die bisher außen vor waren. Dies ist bei der RadaR–Sportredaktion beispielsweise für die sog. Randsportarten ja ein nicht zu unterschätzender Faktor!

Und neben dem Einbau von Elementen wie Musikwünsche oder Grüße können wir Interesse und Bindung fiir unsere Sendungen schaffen durch die Präsentation von Meinungen, Menschen und Statements eben der "Menschen von nebenan" ("Das ist ja mein Verein!").

 

3.) "Schreiben für das (Zu–) Hören"

Es gibt aber noch weitere wichtige Unterschiede zwischen dem Medium "Zeitung" und dem Medium "Hörfunk", die es von uns Radiomacher/innen zu bedenken gilt.

Im Unterschied zum Schreiben, wie wir es einmal in der Schulzeit gelernt haben – nämlich für das Lesen –, muß derjenige, der für das Hören schreiben will, ein paar wichtige Spielregeln beachten, denn es gilt: Der Hörer hat es stets schwerer als der Leser!!!

Hier nun ein paar der wichtigsten Unterschiede zwischen dem Lesen und Hören:

LESENHÖREN
Lesen ist in der Regel HauptbeschäftigungRadiohören ist oftmals Nebenbeschäftigung
Überblick über den Text (durch Gliederung)selten ist ein Überblick über das Programm möglich
Hilfsmittel sind vorhanden: Schriftbild, Satzzeichen, usw.Angewiesensein auf den Sprecher (z.B. durch Betonung, Akzentesetzen)
Selbstbestimmung der Lesegeschwindigkeitein "Langsam hören" oder "zurückhören" ist unmöglich
Selbstbestimmung der Ort und Zeit des Lesens möglichHörer/innen können Programm aussuchen, "müssen dann aber nehmen, was kommt"

Wir können aber versuchen, es unseren Hörerinnen und Hörern etwas leichter machen, wenn wir folgende sieben Punkte beachten:

  1. Kurze, einfache Sätze benutzen!
    (Anm.: Laut dpa heißt es. daß die Obergrenze der bestmöglichen Verständlichkeit bei neun Wörtern je Satz liege …)
  2. Geläufige Wörter benutzen!
    (also: "Telefonzelle" sagen statt "öffentlicher Münzfernsprecher" oder "LKW" statt "Lastkraftwagen" …)
  3. Redundanz – d.h. immer wieder 'mal zusammenfassen!
    (Beispiele nach einem Musiktitel: "Sie hören den 'RadaR–Sportplatz', heute zum Thema 'Volleyball'" oder "Bei uns heute im RadaR–Studio immer noch zu Gast die hessische Tennismeisterin Sieglinde Bauer" u.ä.)
  4. Vorsicht bei Synonymen!
    (Achtung: bedeutungsähnliche / –gleiche Wörter können Abwechslung schaffen, aber auch zur Verwirrung beitragen: z.B. "Lothar Leder" = "Sportler des Jahres 1997" = "südhessischer Spitzentriathlet" = "ehemaliges DSW–Mitglied" = und, und, und, …)
  5. Verben sind besser als Substantive und Aktiv ist besser als Passiv!
    (somit nicht: "Vom TUS Griesheim wird zum 100. Geburtstag erwartet, daß er eine große Feierlichkeit abhält" – sondern: "Der TUS Griesheim feiert seinen 100. Geburtstag.")
  6. Vorsicht bei Verneinungen!
    (Beachte: Verständlichkeitsforscher haben herausgefunden, daß ein Hörer wesentlich länger braucht, Sätze mit Vemeinungen zu verstehen. Tatsächlich gibt es in unserer Sprache viele Möglichkeiten, ein 'Nein', auszudrücken, z.B. durch Vor– und Nachsilben und Wörter wie 'nicht', 'nirgends', 'kein', usw.)
  7. So schreiben, als müßte man es selber sprechen (und hören)!
    (Auf geht's: Immer wieder 'mal daheim für sich selber die eigenen Texte laut lesen, dann merkt man schon, wo es bei einem hakt …)

 

4.) Die Moderation – die Vermittlung unseres Radioprogrammes

Das Wort "Moderator" kam in den 60iger Jahren aus den USA in die deutsche Radiosprache und bedeutet soviel wie "Vermittler" oder "Mittelsmann".

Zur Moderation gehört (bzw. kann gehören):

informieren – unterhalten – Interviews und Gespräche führen – Radiospiele mit Hörer – (evtl.) Verlesen von Nachrichten

für Höreransprache sorgen – Höranreiz schaffen – Hörerbindung gewährleisten

Vermittlung zwischen Programm und Hörer/in – Zusammenhalt unterschiedlicher Programminhalte – Personifizierung des Radioprogramms

Moderieren heißt also zusammengefaßt, mit der Hörerin bzw. dem Hörer reden!

Und hier ein paar Tips und Hinweise:

 

5.) Der Interview–Check

Interviews sind als gezielte Befragung eine unverzichtbare Methode der Recherche, können aber auch als journalistische Darstellungsform selbst Produkt sein!

Drei Interview–Typen werden hierbei unterschieden:

Hier nun der bei allen Interviews zu beachtende Check:

Eine gute Vorbereitung ist unabdingbar!!! Hierzu gehören u.a.: die Einschätzung und die Eingrenzung des Themas, die Überlegung einer Leitfrage, die Wahl des richtigen Interviewpartners, das Nachdenken über die eigene Haltung zum Thema und die Planung des Interviews – vor allem des Anfangs und des Endes!!!

Die Führung eines Vorgespräches ist immer angebracht!!! Hier kann man den Interviewpartner über den Rahmen des Interviews informieren, das Thema einkreisen und – ganz wichtig – die Reaktionsweisen des Interviewpartners kennenlernen!!!

Immer gelassen bleiben beim Interview!!! D.h. z.B.: immer gut zuhören – denn so ergibt sich meist die 'richtige' Anschlußfrage, am Anfang eher offene Fragen stellen und stets kurze Fragen stellen!

Wenn das Interview nicht so läuft wie es soll …!!! … dann muß man nachfragen bei Unverständlichkeiten, unbeantwortete Fragen wiederholen, sich zurückhalten mit eigenen Kommentaren zu den gegebenen Antworten, den Interviewpartner (z.B. durch Kopfnicken) ermutigen, bei Weitschweifigkeiten unterbrechen und falls der Interviewpartner nicht besonders gesprächig ist, verstärkt offene Fragen steIlen!!!

Ein paar technische Tips fur die Interviewvorproduktion …: !!! … vor dem Interview die Technik überprüfen (u.a Batterien– und Kabelcheck!), bei Tapedecks auf die Bandsorte achten, generell auf eine sorgfältige Aussteuerung (schon vor der Aufnahme per Pausentaste) achten, Mikrofone behutsam bewegen, Vorsicht bei Nebengeräuschen!!!

 

6.) Quellen– und Literaturnachweis

Neben eigenen Erfahrungswerten habe ich die folgenden beiden empfehlenswerten Bücher für die Ausarbeitung meines Textes benutzt:

Bernd Schmiedeke
RadaR–Mitglied–Nr. 71
Sprecher der Sportredaktion
von RadaR / Radio Darmstadt

Darmstadt, 24. Januar 1999


 

Diese Seite wurde zuletzt am 21. September 2009 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.
©  Bernd Schmiedeke (Text) 1999/2009
©  Walter Kuhl (Internetfassung) 2001, 2009
Der Text wurde für diese Internetfassung (hoffentlich fehlerfrei) eingescannt und hinsichtlich der Verwendung fetter und kursiver Passagen im Originaltext leicht modifiziert, inhaltlich dabei jedoch nicht verändert. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers des Textes gestattet.

Zum Seitenanfang

WaltpolitikbuttonEmail an Walter Kuhl

Zum Qualitäts–Logbuch von Radio Darmstadt 2006

Zu den Goldenen Regeln im Nichtkommerziellen Lokalradio

Zur Startseite von Waltpolitik

Zu Radio Darmstadt