Gedenkstein
Gedenkstein zum Kornsand­verbrechen 1945

Erinnern

von Walter Ullrich

Sendebeitrag

Sendung der Redaktion „Gegen das Vergessen“

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Ullrich

Ausstrahlung am:

Montag, 5. April 2004, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 5./6. April 2004, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 6. April 2004, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 6. April 2004, 14.00 bis 15.00 Uhr

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung nach der gesprochenen Fassung.


I.

Erinnern ist eine schwierige Geschichte. Ich arbeite als Pfarrer, und besonders in meiner Eigenschaft als Seelsorger mit hochbetagten älteren Menschen – und ich sage bewußt arbeiten, weil Erinnerung Arbeit ist. Wir arbeiten nicht gerne, besonders wenn es mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist, aber in der Erinnerung liegt der Schlüssel für die Erlösung. So definiert es wenigstens die jüdische Kabbala, eine Wissenschaft um das Leben und eine komprimierte Lebenserfahrung.

Die Musik, die Sie eben hörten, befördert auch Erinnerung. Woody Herman and his Orchestra mit dem Stück Caldonia [youtube], es entstand 1945. Mit dieser Art erinnernder Tradition können wir uns sehr gut anfreunden. Viele von uns hören diese Musik ausgesprochen gerne und mögen sie. Schwieriger ist es mit der Erinnerung an die Untaten, die eben auch mit dem Zeitpunkt 1945 verbunden sind und die uns heute noch umtreiben.

Es ist nicht damit getan, daß, 1947 geboren, ich von der „Gnade der späten Geburt“ rede. Was an nicht geleisteter Erinnerungsarbeit in der Bundesrepublik uns alle belastet, das geben wir an unsere Kinder und vermutlich auch noch an unsere Enkelkinder weiter. Darauf komme ich dann am Schluß noch mal zurück.

Jetzt aber zu einem kurzen Stück biographischer Arbeit bei mir selbst. Als kleiner Junge – ich bin in Goddelau, heute Riedstadt, geboren – habe ich am sogenannten Volkstrauertag nach dem Gottesdienst mit meinen Eltern und Großeltern an Feiern teilgenommen, die eine Würde und eine Traurigkeit ausstrahlten, die mich gefangen genommen hat. Da standen mit Standarten drei Reiter in ihren Reituniformen, da stand die Feuerwehr in Feuerwehr­uniformen, da standen viele dunkel gewandete Menschen. Fahnen wurden gesenkt. Ich erinnere mich auch noch an das Lied „Ich hatt' einen Kameraden“ und an die Tränen von vielen alten Frauen.

Der Volkstrauertag, den gibt es heute noch. Heute ist er allerdings weniger von solchen Ereignissen geprägt, wie ich sie Ihnen eben geschildert habe. Sie finden dort in der Regel einen Männergesang­verein, einen gemischten Chor, einige Vertreter der Gemeinde von eher konservativ denkenden Parteien und noch einige wenige, die dort einer ganz persönlichen Trauer wegen anwesend sind. Das Ritual ist ganz ähnlich, wenn man mal von den Reitern und den Feuerwehrleuten absieht. Es hat sich nicht verändert. Und das Schlimme dabei ist, daß die Tradition, die ich Ihnen eben geschildert habe – und wie gesagt, das war so Anfang der 50er Jahre –, etwa zwölf Jahre zurückreicht. Denn der Volkstrauertag gründet auf einen Heldengedenktag; und die Rituale sind sehr ähnlich geblieben. Der Heldengedenktag wiederum ist sehr früh und sehr spezifisch von den Nazis usurpiert worden. Sie haben ihn gestaltet, und man hat sich später nicht die Mühe gemacht, außer der Namensänderung von Heldengedenktag in Volkstrauertag wirklich eine Änderung vorzunehmen.

Im Klartext: Erinnerung, wie sie in den 50er Jahren in der Bundesrepublik – und ich rede jetzt von der Bundesrepublik – üblich war, basierte auf der „Erinnerungskultur“ der Nazizeit. Und das belastet sie letztendlich noch heute, weil es keine überzeugende Form des Gedenkens in der Bundesrepublik gibt, die die Dinge zusammenschaut. Und mit Zusammenschau meine ich, die die Geschichte der Opfer und der Täter in den Blick nimmt. Die heute neu gewonnenen Erkenntnisse – zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Gedenktag an die Opfer des Holocaustes am 27. Januar jeden Jahres – haben diese Kluft nicht überwinden können. Man spricht dann von einem Opfergedenktag und einem Tätergedenktag, ohne in der Lage zu sein, beides zusammenzuführen. Aber nur in dieser Zusammenführung liegt letzten Endes das, was ich Ihnen vorhin von der jüdischen Kabbala sagte und wovon ich gesprochen habe, nämlich die Fähigkeit, Erlösung zu finden. Und zwar Erlösung in dem Sinne, daß man frei wird, auch Neues zu denken, weil man aus einer Geschichte kommt, die man bearbeitet, bedacht und in sich aufgenommen hat, für die man selbst­verständlich keine Erlösung finden kann, aber die Erlösung liegt eben darin, das jetzt Neue unmittelbar tun zu können, wenn man's tun will.

Bei den Wörtchen können und wollen wird natürlich schon deutlich, daß es hier um einen Akt der Freiwilligkeit geht, von dem ich unterstelle, daß ihn die wenigsten auch in dieser heutigen Zeit mögen. Man läßt sich lieber schieben, damit man dann nachher die Schuld auf andere verschieben kann. Also, es geht um die Übernahme von Verantwortung, wenn's um Erinnerungskultur in diesem Land geht. Die Übernahme von Verantwortung setzt aber voraus, daß man sich erwachsen fühlt, das heißt, daß man sich von seiner Familiengeschichte emanzipiert hat. Die Familiengeschichte allerdings, das erweist sich immer deutlicher, ist etwas, was in diesem Land immer noch beschwiegen wird, also nicht verschwiegen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes beschwiegen wird. Man will deswegen nicht dran, weil es eben Menschen (Vorfahren) gibt, die sich an den Untaten der Nazis, wenn nicht aktiv beteiligt, so doch billigend und hinnehmend das Ganze begleitet haben.

Ich selbst und die Geschichte meiner Familie sind dafür ein Beispiel, ohne daß ich dies jetzt ausführen möchte. Aber ich weiß eben, was mein Großvater während der Nazizeit getan, gedacht und gemacht hat, wiewohl er da auch eine Wende vollzogen hat, als nämlich sein Sohn im August '41 irgendwo in Rußland zerfetzt wurde. Da hat er angefangen nachzudenken, obwohl er noch „stolz getrauert“ hat. Aber Schüler, die bei ihm im Unterricht waren, haben mir erzählt, daß er danach kein so überzeugter Nazi mehr gewesen wäre wie er es vorher war, übrigens schon vor der sogenannten Machtübergabe. Woher ich das alles weiß? Ich beschäftige mich eben mit dieser Geschichte und vor allem mit dem Erinnern im Zusammenhang mit der Begleitung von Menschen in der ehemaligen Synagoge in Riedstadt-Erfelden.

Die Herausforderung dieser Erinnerung ist nun, daß wir als die Generation, die nicht mehr unmittelbar betroffen ist, also diese Zeit erinnert und gelebt hat, daß wir trotzdem in der Verantwortung stehen – wie ich es wenigstens empfinde und fühle –, diese Erinnerung voranzutreiben, damit wir zu einer Erinnerungs­gemeinschaft werden, in der eben das Täter- und Opfer-Sein zusammengedacht werden kann. Nicht um es zu überbrücken und um es zu heilen, ohne das Unrecht zu verleugnen und zu beschönigen, sondern ganz einfach, um zu anderen Formen, neuen Formen des Erinnerns zu kommen. Eine ethisch verantwortbare Möglichkeit, das ist die Erinnerungs­gemeinschaft, für die ich dann heute ein Plädoyer sprechen möchte. Hören wir aber zunächst von Cab Calloway aus dem Jahr 1945 The Honeydripper [youtube].

II.

Es ging mir im ersten Teil meiner Ausführungen um die Zukunft der Erinnerung und um die Konstituierung einer Erinnerungs­gemeinschaft und wie das möglicherweise sich heute in dieser Zeit darstellen könnte. Erinnerung braucht reale, persönliche und – ich nenn's mal so – archivalische Bezüge. Nur daraus, aus der Verbindung von Institution und Person kann sich etwas ergeben. Was liegt nun heute vor? In den Schulen wird in der Regel archivalisches Wissen als Geschichtswissen weitergegeben. Das heißt, nach der Untersuchung der Universitäten Bielefeld und Hannover, haben wir heute bestens informierte junge Menschen aufgrund von Archiv- und so definiertem historischen Wissen über die Zeit des Holocaustes, manchmal so viel, daß die Schüler schon anfangen zu stöhnen: „Nicht schon wieder!“ Was sie allerdings nicht können, ist, dieses Wissen in Beziehung setzen zu ihrem eigenen Leben und vor allen Dingen auch zu den Generationen vor ihnen. Es gibt da ein schönes Buch, das heißt „Opa war kein Nazi“. Die Verbindung zwischen dem, was sie wissen über diese Zeit des National­sozialismus, auch über die national­sozialistischen Verbrechen und über die KZs, und ihrer eigenen Familiengeschichte, dieses wird nicht geleistet, von der Schule nicht, und natürlich auch nicht vom Elternhaus.

Der Holocaust spielt im deutschen Familiengedächtnis einfach keine Rolle. Wie kann man ihn aber dann in heutiger Zeit noch dort lokalisieren? Eben nur, indem man die Anzahl der Gedenkorte erhöht. Eine Möglichkeit – und im Kreis Groß-Gerau versuchen wir das – ist zum Beispiel, daß an allen Gebäuden, die einmal als Synagoge genützt wurden, entsprechende Tafeln angebracht sind. Das prägt sich mit der Zeit ein. Es geht natürlich auch, wie an manchen anderen Orten schon geschehen, daß alle Häuser, in denen Juden lebten, als solche deutlich erkennbar gemacht werden. Oder was jetzt in einigen großen Städten – dieser Tage habe ich's in Berlin erlebt – sehr schön gemacht wird, sind diese Pflastersteine, die in den Pflasterbereich vor dem Haus eingelassen werden, die Namen derer noch einmal aufzeigen, die dort gelebt haben. Solche Erinnerungsorte zu verbinden dann mit der Geschichte dieser Menschen, das heißt also den konkreten Ort und das archivalische Wissen miteinander in Beziehung zu setzen, das schafft eine erste Form des Familiengedächtnis.

Die zweite und sehr viel wichtigere wäre dann eben die Täterschaft sehr deutlich zu benennen. Und es ist eben nicht so, daß der National­sozialismus nur aus überlebensgroßen Tätern wie Hitler oder Himmler bestanden hätte, sondern die Subjekte der national­sozialistischen Zeit gehen in die Millionen. Sowohl derer, die als Täter tätig waren, als auch derer – eine viel größere Zahl selbst­verständlich –, die billigend in Kauf genommen haben, daß man Juden ausgegrenzt hat und daß man sie ermordet hat. Denn so sicher man im Kreis Groß-Gerau (übrigens in ganz Südhessen) sagte „Wennde dein Maul nicht hältst, kimmste nach Osthofen“, wußten sie auch, was Osthofen bedeutet, und selbst­verständlich auch, daß die Juden in den Osten kommen. Es war durchaus bekannt, was geschieht, aber man hat es billigend in Kauf genommen, weil man auch übrigens materielle Vorteile davon hatte, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Es kommt also darauf an, die persönliche Familiengeschichte in Beziehung zu setzen zu dem, was man als archivalisches Wissen angehäuft hat. Schüler dürfen nicht dabei belassen werden, daß sie dann bei einem Test gut abschneiden, indem sie ihr archivalisches Wissen ausbreiten, sondern es geht darum, daß sie begreifen, daß ihre Familie, daß ihre Vorfahren in diese Geschehen involviert waren und daß sie dann selbst eben auch die Aufgabe haben, verantwortlich damit umzugehen und darauf hinzuwirken, daß in heutiger Zeit aus der Kraft der Erinnerung eine immer wieder stabile demokratische Struktur erwächst.

Danke schön.


Diese Seite wurde zuletzt am 21. März 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2004, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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