Shuar Schule.
Shuar-Schule.

Antje Trukenmüller

Die Tochter ist das ärgste Elend

Rezension

 

Besprochen am 17. Mai 1999 in einer Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt.

Redaktion und Moderation: Antje Trukenmüller.

Ausstrahlung am:

Montag, 17. Mai 1999, 17.00 bis 17.55 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 18. Mai 1999, 00.10 bis 00.55 Uhr
Dienstag, 18. Mai 1999, 08.00 bis 08.55 Uhr
Dienstag, 18. Mai 1999, 14.00 bis 14.55 Uhr

Zusammenfassung:

Im Herbst 1998 bereiste die Rezensentin den Süden Indiens und fand hierbei einige Parallelen zu der als Buch vorliegenden Untersuchung von Anna Reiter »Die Tochter ist das ärgste Elend«.

Besprochenes Buch:

Anna Reiter: »Die Tochter ist das ärgste Elend«, Campus Verlag

 


 

Rezension

Heute hört ihr die dritte unserer Sendungen über Indien. Am Mikrofon sitzen Elise und Antje. [1]

Wir sind Ende des letzten Jahres drei Monate durch Südindien gereist. Diesmal wollen wir mehr über den Alltag der Inder und vor allem der Inderinnen berichten. In der nächsten Stunde wollen wir uns mit den Problemen beschäftigen, mit denen die Frauen dort ihr Leben lang zu kämpfen haben.

Während unserer Reise sind wir mit vielen Indern ins Gespräch gekommen.

Bei jeder Zugfahrt wurden wir neugierig angesprochen. Allerdings waren unsere Gesprächs­partner meistens Männer. Zum Teil lag das wohl daran, daß Frauen oft kein Englisch sprechen, da Mädchen seltener zur Schule geschickt werden.

Überall auf den Straßen trafen wir auf alte verarmte Frauen oder kleine Mädchen, die betteln oder arbeiten mußten. Wir fragten uns oft, wie sie in diese Lage gekommen waren oder wie der Alltag einer der vielen jungen Frauen aussieht, die man in Begleitung des Ehemanns trifft.

Dabei mußte ich oft an ein Buch denken, daß ich vor der Reise gelesen hatte. Es trägt den Titel: »;Die Tochter ist das ärgste Elend«.

Buchcover Anna ReiterDie Autorin Anna Reiter beschreibt darin die Lebens­situation indischer Frauen. Bei ihren Recherchen wurde sie von indischen Sozial­wissenschaftlerinnen und Frauen­rechtlerinnen begleitet, so daß sie einfacher Kontakte zu Inderinnen aus allen gesell­schaftlichen Schichten bekam.

Was wir selbst auf unserer Reise am Rande mitbekamen von den Problemen der Frauen, wird in diesem Buch ausführlich behandelt.

Während unserer Indien­reise haben wir eine Woche bei indischen Freunden auf einem kleinen Dorf verbracht. Sie sind ein Ehepaar, das wie alle Paare in dem Dorf von ihren Eltern verheiratet worden ist. Oft ist es bei diesen arrangierten Hochzeiten so, daß Braut und Bräutigam sich vorher nie gesehen hatten. Die Eltern der Frau handeln mit den Eltern des Mannes die Bedingungen für die Heirat aus. Das heißt, sie vereinbaren den Betrag, den die Familie der Frau an die Familie des zukünftigen Schwieger­sohns zu zahlen hat. Diese Gabe, die sogenannte Mitgift, wird auch oft in Form von Land­besitz, Schmuck oder anderen Wert­gegen­ständen oder zusammen mit Prestige­gütern wie Fernseher oder Autos gezahlt.

Ursprünglich war die Mitgift ein Sondergut, das Mütter ihren Töchtern mit auf den Lebensweg gaben. In den letzten Jahrzehnten ist der Betrag, den die Brauteltern zusammen mit ihrer Tochter der Schwieger­familie übergeben, stark gestiegen. Eine übliche Mitgift­summe beträgt einen mehrfachen Familien­jahres­verdienst. Da eine unverheiratete Tochter als Schande gilt, wird der hohe Preis für ihre Verheiratung immer noch akzeptiert, obwohl die Mitgift seit 1961 gesetzlich verboten ist.

Dieser oft so verhängnisvolle Brauch ist keineswegs nur auf dem Land üblich. Auch in Städten wie Delhi oder Bombay oder Kalkutta ruiniert er viele Frauen.

Unsere Bekannte aus dem Dorf nahe Hyderabad hatte Glück gehabt. Lalita war mit ihrem Cousin verheiratet worden, der ein sehr lieber Mensch ist. Als wir die beiden besuchten, lernten wir auch Lalitas Schwester Jyothi kennen. Seit ihrer Hochzeit vor vier Jahren lebt sie bei ihrem Mann in dessen Familie. Die Schwieger­eltern akzeptieren sie nicht und machen ihr gemeinsam mit ihrem Mann das Leben zur Hölle. Gleich nach der Hochzeit gab ihr der Mann einen anderen Vornamen, der ihm besser gefiel. Sie wird bei allen Leuten schlecht­gemacht und er schlägt sie.

Jyothis Mutter leidet darunter und macht sich Vorwürfe, ihre Tochter diesem Mann ausgeliefert zu haben. Obwohl die Eltern zur Hochzeit bereits Mitgift bezahlt haben, geben sie der Familie des Mannes immer wieder Geld, in der Hoffnung, daß ihre Tochter besser behandelt wird. Jyothi selbst fühlt sich nicht imstande, ihren Mann zu verlassen, mit dem sie eine 2½-jährige Tochter hat.

Eine Trennung würde die junge Frau ins gesell­schaftliche Abseits befördern und das zukünftige Auskommen von Jyothi und ihrer Tochter wäre mehr als ungewiß.

Leider ist Jyothis Fall keine Ausnahme. Anna Reiter beschreibt in ihrem Buch einige Schicksale indischer Frauen, die sehr ähnlich aussehen.

Dieses Buch ist eine wissen­schaftliche Arbeit, die die Lebens­umstände dieser Frauen untersucht; angefangen von den Problemen, als unerwünschtes Mädchen geboren zu sein über die Schwierig­keiten vor und in der Ehe bis hin zu der wenig aussichts­reichen Situation der indischen Frau als Witwe.

Anna Reiter hat zahlreiche Inderinnen interviewt. So konnte sie sich ein umfangreiches Bild davon machen, womit diese Frauen in ihrem Leben zu kämpfen haben.

Mädchen bedeuten für eine Familie eine große finanzielle Belastung, da ihre Verheiratung immer mehr Mitgift kostet. Söhne hingegen stellen eine Bereicherung dar. Im Gegensatz zur Tochter, die bis zur Verheiratung Gast in der Familie ist und später zur Schwieger­familie gehört, bleiben Söhne in der Regel bei den Eltern und vermehren den Familien­besitz, indem sie heiraten.

So erleben viele Mädchen von klein auf, daß sie eine Belastung darstellen oder oft uner­wünscht sind. Oft bekommen sie schlechtere Nahrung als die Brüder und werden seltener zur Schule geschickt.

Eine unverheiratete Frau wird als unehren­haft betrachtet. Ebenso wie eine Frau, die von ihrem Mann verstoßen wurde, betrachten sie die Männer als Freiwild.

Anna Reiter beschreibt, was eine Frau in Kauf nimmt, nur um den Status einer verheirateten Frau zu erreichen. Sie berichtet von Frauen, die ihre Autonomie und sämtliche Ersparnisse abgeben, um zu einer Ehefrau zu werden. Oft sind sie dann gewalttätigen Ehemännern ausgeliefert. Die Eltern zahlen dann häufig große Summen, um den Schwieger­sohn zu besänftigen, so wie es auch bei Jyothi der Fall war.

Anna Reiter berichtet, daß es allein in Delhi zwischen 1978 und 1985 jährlich zu 700 bis 1200 Mord­fällen an Ehefrauen in Folge von Mitgift­erpressung kam. Wenn eine solche Ehe nicht mit dem Tod der Frau endet, wird ihre Familie irgendwann verarmen und obdachlos oder der Mann verstößt die Frau, die dann in der Regel verarmt.

In ihrer Studie versucht Anna Reiter nachzu­vollziehen, was eine Mutter dazu bringen kann, ihr Baby zu töten. Ich werde jetzte eine Stelle aus ihrem Buch dazu vorlesen. Darin heißt es:

Eine Mutter erzählt:

Padma – sie glaubt, 38 Jahre alt zu sein – hat bereits vier Töchter zwischen 13 und 6 Jahren. »Ich habe vier Mädchen und ich tötete das fünfte, weil mir mein Mann Druck machte. Ich machte es sofort, nein am zweiten Tag nach der Geburt. Mir selbst ging es nicht gut. Ich war sicher, ich könnte dieses Baby nicht länger ertragen mit den ständigen Vorwürfen meines Mannes. Es ist erst fünf Monate her.« Sie lebt in einer kleinen Lehm­hütte mit ihren Kindern, arbeitet als Tage­löhnerin auf den Feldern, wo sie 10 R[upie]s (entspricht dem Preis für 1,5 kg groben Reis) täglich verdienen kann, so berichtete sie. Ihr Mann ist Alkoholiker und lebt in Madurai. Sie weiß nicht, was er dort tut. Gelegentlich kommt er nach Usilampatti. Dann will er Geld, Sex und seine Aggressionen an ihr austoben. Die Kinder schlafen dann neben der Hütte oder bei den verwandten Nachbarn. […]

Auf meine Frage »Du wolltest das Mädchen loswerden, warum hast du es nicht verschenkt?« schüttelte sie energisch den Kopf und erklärte mit traurigen feuchten Augen:

»Vielleicht würde die Regierung oder meine Schwester jetzt für es sorgen, jetzt. Aber was würde ihre Zukunft bringen? Meine Schwester ist so arm wie ich. Das Kind würde leiden, wie ich selbst leide. Warum sollte ich es dafür leben lassen? Töten ist das beste, was ich für mein Kind tun konnte. Ich bin so arm! Nichts außer Schlägen und Gewalt von diesem Betrunkenen habe ich. Ich will ihr nicht das gleiche Elend zumuten!«

[…] Das getötete Mädchen war sehr hübsch, sagte Padma, und sie ist sicher, wenn sie es weggegeben hätte, würde es mißbraucht werden:

»Ich unternahm alles, um mein Kind davor zu schützen, eine Waise zu werden. Warum sollte ich ein Kind produzieren, damit es dann eine Waise wird? Waisen sind in dieser Gegend schlimmer als Mädchen. Sie sind Freiwild.«

Auch ihrem Mann gegenüber ist sie mißtrauisch: »Mir ist nicht wohl, wenn mein Mann mit meinen Töchtern allein ist. Du kannst einem Mann nicht trauen. Da ist es besser, wenn ihr Leben mit meinen Händen beendet wird.«

Soweit Anna Reiter. [2]

In der Tat ist es so, daß auf 1000 Männer in Indien 1991 nur 927 Frauen kamen. Die Autorin stellt fest, daß also ca. 37 Millionen Frauen fehlen.

Welche gesellschaftlichen Umstände dazu führen und was diese für das Leben dieser Frauen bedeuten, stellt Anna Reiter sehr eindrucks­voll dar. Dabei geht sie auch darauf ein, wie die Frauen damit umgehen und wie sich einige von ihnen zu wehren beginnen.

Das Buch von Anna Reiter heißt »Die Tochter ist das ärgste Elend« und ist im Campus Verlag zum Preis von 40 Mark 80 erschienen.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Vergleiche die beiden Sendungen Reise nach Indien und Von Bangalore nach Amsterdam aus dem Jahr 1999.

»» [2]   Anna Reiter, »Die Tochter ist das ärgste Elend«, Seite 194–195.

 


 

Shuar Reservation.Seit 2007 unterstützt Antje Trukenmüller ein Projekt ecuadorianischer Shuar-Indigenas, dessen finanzielle Hilfe es einigen Jugendlichen erlauben soll, an einer Hochschule in Quito zu studieren. Das dort erworbene Wissen soll der Shuar-Gemeinschaft anschließend dazu verhelfen, die eigenen natürlichen Ressourcen selbst­bestimmt, sinnvoll und ohne die Ausbeutung durch multi­nationale Konzerne zu nutzen. Weitere Informationen findest du auf einer eigenen Projektseite.

Diese Seite wurde zuletzt am 30. April 2009 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Antje Trukenmüller 1999, 2001, 2009. Die Wiedergabe (Text und Fotos), auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis der Verfasserin gestattet.

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