Sonja Vogel

Der deutsche Sonderweg

(Rezension)

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Rezension :
Der deutsche Sonderweg
 
Redaktion und Moderation :
Sonja Vogel
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 21. Juli 2003, 17.00-18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 22. Juli 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 22. Juli 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 22. Juli 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes Buch :
Jürgen Elsässer : Der deutsche Sonderweg, Diederichs Verlag
 
 
Der hier wiedergegebene Text der Rezension orientiert sich an der gesprochenen und gesendeten Fassung.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/takeover/rezsonja.htm
 
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REZENSION VON SONJA VOGEL

 

Der deutsche Sonderweg

I.

Es gibt viele gute Bücher, und wahrscheinlich noch mehr schlechte. Bei Büchern, die im Geschäft dem Ressort Politik oder Fachliteratur zugeordnet werden, ist das nicht anders. Es gibt Bücher mit interessanten Ansätzen und fundierten Analysen und es gibt Bücher mit schlechtem, falschem oder einfach nur dummem Fazit. Es gibt sogar welche, die können beides vereinen. Nun macht interessantes Material ein schlechtes, falsches oder dummes Fazit nicht besser, sondern lediglich das Buch - schlechter. Darum, das sei hier vorbemerkt, mag man es mir nachsehen, wenn ich bei der folgenden Buchbesprechung den analytischen Hauptteil des besprochenen Buches weitgehend außer acht lasse, um mich auf die Schlußfolgerungen zu konzentrieren. Ersterem, also dem Hauptteil, haben sich außerdem die bereits erschienenen Rezensionen gewidmet. [1]

Ich bespreche heute das aktuelle Buch von Jürgen Elsässer Der deutsche Sonderweg - Historische Last und politische Herausforderung.

Der Journalist Elsässer widmete sich in eigenen Büchern und als Autor der hamburger Monatszeitschrift Konkret unter anderem besonders intensiv und aufschlußreich der deutschen Verantwortlichkeit an der Zerschlagung Jugoslawiens, dem Bombenterror 1999 und dem Ausverkauf der Region infolge des arrangierten Regierungswechsels 2001. [2]

Der deutsche Sonderweg ist herausgekommen beim Diederichs Verlag. Dies ist ein Novum. Vorherige Veröffentlichungen des Autors liefen über explizit linke Verlage. Der Diederichs Verlag beheimatet ansonsten eine Menge esoterischer Hokuspokus-Literatur; im politischen Bereich dominieren Israel- und Amerika- (in Deutschland nennt man es:) kritische Autorinnen und Autoren, also Mainstream. Naja.

Der Altkanzler Kohl hatte ganz Recht, als er sagte, es komme letztendlich darauf an, was hinten rauskommt.

 

II.

In seinem aktuellen Buch Der deutsche Sonderweg - Historische Last und politische Herausforderung prophezeit der Autor Jürgen Elsässer: ohne den Bruch mit Amerika befindet sich Europa auf dem sicheren Weg in die Katastrophe. Nur wenn es Deutschland schafft, sich von den USA freizumachen, ist eine andere Welt möglich.

Der Aufhänger des Buches ist das deutsche Nein! zum Irakkrieg, welches laut Klappentext "diesseits und jenseits des Atlantiks alte Ängste geweckt" habe. Beschreitet Deutschland wieder einmal einen Sonderweg?

In den Besprechungen des Deutschen Sonderweges überschlagen sich die Rezensenten mit Attributen wie "provokant", "brisant", "scharf", "provozierend".

Tatsächlich mag Elsässer, so scheint es in der Einleitung, sein Buch präsentieren als eines, das mutig sich voranwagt, das pro amerikanische "Dogma" zu brechen.

"Wer sich heute Amerika verweigert, zündet morgen Synagogen an und marschiert übermorgen in Polen ein", umschreibt der Autor seine Vorstellung vom angeblich allgemein-akzeptierten Innenleben der "dogmatischen Lehre" vom "deutsch-amerikanischen Verhältnis". Eine schlechte Polemik, die spätestens nach den Monaten der emotionalen Massenproteste gegen amerikanischen Krieg und Kriegstreiber weit über linksliberale Kreise hinaus heftigheftig Zustimmung garantieren dürfte. Kein Tabu also, das erst noch gebrochen werden müsste.

Elsässers eigene, seiner Meinung nach der gängigen Lesart der deutsch-amerikanischen Beziehung entgegenstehende, Analyse fasst er in seiner Einführung vorwegnehmend so zusammen: der Vernichtungskrieg gegen den Osten, die Protektion der nationalsozialistischen Kriegsprofiteure, die deutsche Wiedervereinigung und die darauf folgenden Kriege unter Beteiligung der wiedererstarkten Großmacht - nichts ging ohne die USA.

"Ein Weiter so gibt es nicht mehr", endet die Einführung. Nach Elsässer ist es nun an der Zeit sich zu entscheiden. Für was ist noch offen - zumindest aber gegen Amerika.

 

III.

Der deutsche Sonderweg beginnt mit einem historischen Teil über den deutschen Sonderweg - dem mit Abstand schwächsten Drittel des Buches. Es finden sich hier in einem gedrängten Wirrwarr geschichtliche Abrisse, Hypothesen und verschiedene Ansätze der Sonderweg-Theorie. Elsässers Kernthese ist: Der deutsche Sonderweg habe sich immer gegen Europa gerichtet, niemals gegen Amerika oder den Westen generell. Das deutsche Spezifikum, der, wie er es nennt "singuläre Tiefpunkt des Sonderwegs", sei der "Vernichtungskrieg gegen den Osten" gewesen.

Den Krieg gegen Europa betrieb Deutschland bis 1945 im Alleingang, im 1.Weltkrieg gegen die "russische Gefahr", im 2. durch die mörderische Erschließung von "Lebensraum im Osten". Die USA, so der Autor, ermöglichten, wiederum gegen Europa, 1989 die Deutsche Einheit und somit neues deutsches Großmachtstreben. Die Zerschlagung Jugoslawiens, angetrieben vom wiedervereinten Deutschland, ließen die USA zwar anfangs aus Desinteresse geschehen, zogen aber bald nach - sie machten sich die "bisher vorwiegend deutschen Ziele zu ihren eigenen. If you can't beat them - join them." Nach Meinung des Autors folgte das deutsch-amerikanische Verhältnis im Jugoslawien- und Afghanistankrieg dem Modell einer "antagonistischen Kooperation", in der lediglich die Akzente beider Großmächte, nicht aber das prinzipielle geostrategische Interesse sich widersprachen.

1999, heißt es weiter, erfolgte eine "Kurswende" in der amerikanischen Außenpolitik hin zum Unilateralismus. Als Ursache wird die immense Auslandsverschuldung der USA genannt, die sich auf 35% des Bruttoinlandsprodukts belaufe. "Krieg als Flucht vor dem wirtschaftlichen Kollaps", schreibt Elsässer: Die "US-Monopole" bemühten sich um "Deckung ihrer fiktiven Kapitalmasse" durch die militärische Aneignung von Rohstoffen und Devisen. Deutschlands Kriege hingegen würden sich aus einer profitableren Situation ergeben, hier würde nach neuen "Absatzmärkten und Anlagesphären" gesucht.

Die "gegensätzliche Struktur" der beiden Nationalökonomien ergänze sich "ideal" - USA und Deutschland, so heißt es im Buch, seien "symbiotisch" verflochten.

In der Analyse der Exportabhängigkeit Deutschlands von den USA scheint Elsässer die Möglichkeiten abzustecken, die bleiben - ohne die USA. Obwohl er die Weigerung Deutschlands, am Irakkrieg teilzunehmen, als Ausdruck lediglich antagonistischer Kapitalinteressen erkennt und nicht als friedlichen Wandel der deutschen Außenpolitik, sieht er darin nicht Gefahr, sondern eine große Chance - für Deutschland, Europa und den Rest der Welt. Denn um den Weg aus "der Katastrophe" zu finden, ist für Elsässer der Bruch mit Amerika unumgänglich.

Im Schlußkapitel "Friede von Brest bis Wladiwostok" erfährt man schließlich, was ein von der Abhängigkeit der "amerikanischen Kriegslogik" befreites Europa sein könnte: ein "eurasisches Friedensnetz", ein "Bund souveräner Republiken", der die USA sich auf ihre "isolationistischen Tugenden" zurückbesinnen ließe - und ähnliches.

 

So sehr das Buch auch bemüht ist, eine geschlossene und analytisch-fundierte Idee zu präsentieren, trotz interessanter Dokumente über deutsche und amerikanische und deutsch-amerikanische Politik im Interessenswandel, das Buch bleibt wirr, das Fazit ist kaum das Papier wert, auf dem es geschrieben steht - es bleibt der Eindruck eines politischen Panoptikums.

Elsässer geht es nicht darum zu belegen, dass Deutschlands Großmachtstreben (nennt man es Sonderweg oder nicht) eine eigenständige Kontinuität aufweist, welche an sich anzugreifen ist und nicht nur im Bündnis mit der momentanen Supermacht. Die Lehre aus der Geschichte Deutschlands wäre seine Demontage - und nicht seine, durch eine "eurasische" oder "europäische" Idee getarnte Aufrüstung!

An die Stelle radikaler Gesellschaftskritik setzt er eine vom herrschenden Ressentiment genährte Fiktion, die an den Realitäten des kapitalistischen Vergesellschaftungssystems vollkommen vorbeigeht.

Damit trifft er den Zahn der Zeit, liegt im deutschen Trend und es ist vorauszusehen, dass Der deutsche Sonderweg das meist verkaufte Buch von Jürgen Elsässer sein wird - und das schlechteste.

 

Der deutsche Sonderweg endet im O-Ton mit:

Der Bruch mit Amerika ist das Gebot der Stunde. Das Land zwischen Rhein und Oder kann nur zur Ruhe kommen im Ausgleich mit seinen Nachbarn in West und Ost.
 
Ein friedliches Europa ist nötig. Eine andere Welt ist möglich.

Amen.

So begann er als Löwe und endete als Bettvorleger. Das Schicksal zahmer Tiere.

 

IV.

Der deutsche Sonderweg - historische Last und politische Herausforderung von Jürgen Elsässer ist erschienen im Diederichs Verlag und für 19 Euro 95 im Handel erhältlich.

 

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Einige dieser Rezensionen sind auf der Homepage von Jürgen Elsässer zu finden.
[2]   Siehe auch das Buch von Jürgen Elsässer Kriegsverbrechen zu den tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre[n] Opfer[n] im Kosovo-Konflikt, erschienen 2000 im Konkret Literatur Verlag. Das Buch kam dem Monitor-Team zuvor, das die Erfindung des Hufeisenplans des damaligen deutschen Kriegsministers Rudolf Scharping sowie den vorgeschobenen Kriegsgrund - das angebliche Massaker von Racak - thematisiert hat: Es begann mit einer Lüge, gesendet in der ARD am 8. Februar 2001. Das Manuskript der Monitor-Sendung gibt es auch als PDF.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 23. Februar 2005 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 2001, 2005
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