Die Alternative leben …

… und erlebbar machen

 

Dies sind einige Gedanken im Anschluß an die Demonstration für die Freilassung der politischen Gefangenen am 20.6.92 in Bonn. So unaktuell diese Demo inzwischen sein mag, so aktuell scheinen mir einige Punkte, die mir dort nochmals aufgefallen sind, die ich zum großen Teil nur benennen kann, ohne eine Lösung dafür aufzeigen zu können. Da es Punkte sind, die bei jeder politischen Initiative auftreten (können), denke ich, daß es sinnvoll ist, sie einmal zu Papier zu bringen. Mag sein, daß die angeschnittenen Probleme gar nicht so neu sind, mag sein, daß dazu schon eine ganze Menge Papier beschrieben worden ist –

Tatsache ist, daß die Probleme nach wie vor existieren und dringend einer Lösung bedürfen, will (revolutionäre) Politik hier im Herzen der Bestie noch irgendetwas bewegen. Sofern ich Kritik übe an Ablauf und Art dieser Demonstration, dann nicht, um den VeranstalterInnen irgendetwas reinzuwürgen. Ich denke, die Demo war in Art und Ablauf genau das, was die (nicht nur revolutionäre) Linke im Augenblick in der Lage ist … zu demonstrieren. Insofern hatte ich auch keine wesentlich anders gearteten Erwartungen. Sie war richtig und notwendig; aber – so geht es eben nicht (mehr!).

Wenn wir die politischen Gefangenen herauskämpfen wollen – und nur so geht es, sie freizubekommen; jedes staatliche Handeln läuft nur über unseren Druck und es ist dann ihr Problem, den passenden normativen Rahmen dafür zu finden –, dann brauchen wir

Die Demonstration hat weder Entschlossenheit ausgedrückt noch Außenwirkung gehabt. Sie war deshalb nicht falsch, aber im Ergebnis vorauszusehen. Sie kann ein Schritt zur Befreiung aller politischen Gefangenen gewesen sein – genauso wie es letztlich auch jede noch so im Wasser ertrunkene Kundgebung für die Freilassung von Günter Sonnenberg vor dem Justizministerium in Stuttgart gewesen ist. Aber sie kann nur dann dieser Schritt gewesen sein, wenn sie Teil eines Lernprozesses wird, der zu neuen Formen politischer Auseinandersetzung führt. Es interessiert keine und niemanden, wenn wir durch leere Straßen ziehen oder Grußadressen im eingezäunten und damit quasi isolierten Raum verlesen.

Die Entschlossenheit einer Demonstration drückt sich nicht (nur) durch die Lautstärke der Parolen aus oder durch Seile und Transparente an der Seite, die ja wohl – wie gewisse schwarze Klamotten – eher die eigene Abgrenzung nach außen ausdrücken als den Willen und die Fähigkeit, ein eigenes Projekt entschlossen … zu demonstrieren. Ist es Entschlossenheit, im Regen zusammenzutröpfeln, durch leere Straßen zu bummeln, bei der Zwischenkundgebung locker-flockig-durcheinander herumzuwuseln, um beim richtigen Stichwort ein MUSS WEG! zu rufen, sich zum Schluß vielerlei Beiträge konsumartig anzuhören, um dann wieder (bis zum nächsten Mal) zu gehen? Gibt es denn nichts entschlosseneres als dieses – Ritual? Damit will ich keiner und niemanden absprechen, Entschlossenheit ausgedräckt haben zu wollen.

Und klar – es gab die üblichen Auflagen. Natürlich ist der Staatsapparat grundsätzlich daran interessiert, daß wir unser Anliegen so wenigen Menschen wie möglich vermitteln können. Daher die Route durch abgelegene Straßen, daher die Gitter bei der Abschlußkundgebung. Aber es stellt sich die Frage, was denn wir dafür tun, um unserem Anliegen Ausdruck zu verleihen. Oder – vielleicht müßte ich eher fragen: tun wir nicht vielmehr in unserer Praxis eher etwas dagegen? Was wir demonstriert haben, das war doch eher so etwas wie eine interne Veranstaltung. Es waren Transparente, die für uns etwas ausgedrückt haben, aber für wen sonst noch? Es waren Parolen, die aus einer bestimmten Tradition heraus kommen, die darin auch ihren Sinn finden – aber wem vermitteln wir damit etwas? An wen richtet sich denn das, was wir demonstrieren wollen?

Wenn ich den Ablauf der Demo summarisch zusammenfasse, dann kann ich nur feststellen, daß sie im wesentlichen nicht nach außen gerichtet war. Ein Bonner Normalbürger, eine Bonner Normalbürgerin – was hätten sie damit anfangen können? Vorausgesetzt, sie hätten damit etwas anfangen wollen. Denn für wen sind denn die vielen Beiträge? An wen richten sie sich? Wer, außer uns, kann denn damit etwas anfangen? Ist es nicht notwendig, Formen zu finden, in denen wir die realen (Metropolen-) Menschen einbinden können (ohne sie dabei zu instrumentalisieren)? Können dieses Worte denn das erlebbar, spürbar, fühlbar machen, was anders ist als der Alltag all dieser Menschen?

Oder so gefragt: in welchem Milieu bewegen wir uns … grundsätzlich. Wo sind – bei allem Anspruch – die realen Umsetzungen davon, uns im Volk zu bewegen? Wie bemühen wir uns, uns, unser Anliegen, unsere Vorstellungen, Ziele, Träume, … zu vermitteln? Oder anders gefragt – versuchen wir nicht etwas zu vermitteln, was wir nicht haben oder gar sind – die wirklich gelebte Alternative zum Leben im System? Und muß dieser Widerspruch nicht sofort aufstoßen?

Wofür stehen wir, wofür kämpfen wir, wer sind wir? Wo leben wir die Alternative zum System?

Wo gibt es Anfänge, Aufbrüche – wo sind deren Grenzen? Wo festgefahrene Positionen, Hierarchien, Druck, Streß, informelle Gewalt – bei uns? Wo und wie drücken wir den Willen und die Fähigkeit aus, daß es anders geht?

Fragen aus einer anderen Welt? Nein – Fragen aus dem real existierenden Widerstand, den realen Scenes, aus der Welt der Ansprüche, der Thesenpapiere, der Parolen. Fragen an die Ernsthaftigkeit eines/r jeden, die eigenen Vorstellungen, Wünsche, Träume … wirklich umzusetzen – oder es zumindest so gut es geht zu versuchen.

Das wissen wir doch: wer 24 Stunden am Tag angelogen, betrogen, ausgenutzt wird (und es bis zu einem gewissen Grad auch selbst tut!), glaubt keiner und niemandem mehr, allenfalls den eigenen Illusionen. Unsere schünen Sprüche und Parolen, unsere klugen Analysen und Vorstellungen – wen interessieren sie? Wo und wie bringen wir zum Ausdruck, daß es zu all dem Druck und Müll, zu all der Gewalt und Ohnmacht eine reale Alternative gibt, und zwar nicht erst in irgendeinem Himmelreich, sondern jetzt, hier und heute.

Und daß wir diese Alternative sind bzw. leben. Wo leben wir sie? Ich denke, daß die Zeiten vorbei sind, in denen wir durch unser Auftreten in Wort und Schrift aufklärerisch über die Verhältnisse wirken könnten. Es mag alles richtig sein, was wir sagen, aber warum sollen die Menschen unsere klugen Analysen an sich heranlassen, wenn wir nicht in der Lage sind, die Wahrheit mit Inhalt und Leben zu erfüllen. (Es könnte auch eine Frage der Medien sein, die wir benutzen und wie wir sie benutzen.)

Denn es kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: wir leben schließlich in der Metropole Nr.1 – und das prägt die Menschen hier in einem Maße, daß ich mich langsam frage, inwieweit es überhaupt möglich und realistisch ist, mit ihnen (allen?) eine andere lebenswerte Perspektive aufzubauen. Einerseits ist es richtig festzustellen, auch die Menschen in der Metropole werden ausgebeutet, um ihre Lebensperspektive betrogen etc. Natürlich können sie nicht glücklich werden im patriarchalen Kapitalismus (oder kapitalistischen Patriarchat), das beweisen Alkoholismus und andere Drogensucht, Konsum wie destruktives Umgehen mit sich und mit anderen zur Genüge. Aber auch ein Kapitalist kann hierzulande nicht das Glück einer befreiten Gesellschaft finden – aber zu bedauern ist er deshalb nicht. Auch einem Macker mag es nicht gut gehen, aber er profitiert sehr real vom Patriarchat; und es gibt für ihn wenig Gründe, damit wirklich brechen zu wollen. Und ich denke, ein ähnliches Phänomen läßt sich bei den meisten BewohnerInnen dieser Top-Metropole Großdeutschland feststellen.

So sehr sie etwas zu gewinnen hätten in einer befreiten Gesellschaft: sie haben mehr zu verlieren als ihre Ketten. Hier zu leben ist angesichts der weltweiten Ausbeutungsverhältnisse ein Privileg, so beschissen es im Konkreten auch immer sein mag. Ein Privileg, das es zu verteidigen gilt – wenn es sein muß, um jeden (rassistischen) Preis. Es ist ein Ausdruck der realen Lebenssituation hier, daß dieses Sein, dieses sehr widersprüchliche Sein das reale Metropolenbewußtsein prägt. Und es prägt durchaus auch das Bewußtsein derer, die dennoch den Aufbruch versuchen, den Bruch mit der alten Scheiße.

Es kann gar nicht anders sein.

Ich will nicht alles noch aufzählen, wie sich das konkret auswirkt: wer Augen hat zu sehen, sieht, wie es bei uns real zugeht. Das Konsumverhalten untereinander, die Kälte, die Warenbeziehungen … Alk, Depressionen, die Nischen. Wieviele Menschen sind in den letzten Jahren zu uns gekommen, wie viele wieder verschwunden, wie viele schlicht aus den Zusammenhängen herausgeflogen, weil sie den Ansprüchen nicht genügt haben. Wieviele Menschen waren dabei, die einfach daran kaputt gegangen sind, obwohl sie ihren Weg gehen wollten, die Alternative zum Bestehenden zu finden und zu leben? Ich denke, es fehlt in vielem eine Haltung, eben nicht andere daran zu messen, was sie leisten, sondern zu versuchen, gemeinsam und vorsichtig und ohne etwas einzufordern, was unrealistisch wäre, zu lernen, auf eigenen Füßen stehen zu können. Ansätze dazu gibt es, aber eben nur … Ansätze. Es ist einfach wichtig zu begreifen, daß wir derzeit weder die Alternative zum System leben noch sie überhaupt für irgendeineN erlebbar, attraktiv machen.

Mir ist dabei etwas aufgefallen, was ich vorläufig einmal als selektive Wahrnehmung bezeichnen möchte: Ich denke, daß es eine Anzahl Menschen hier gibt, die von sich sagen würden, ernsthaft daran zu arbeiten, daß sich diese Verhältnisse ändern (und sicher auch ernsthafter, als ich das im Moment zuwege bringe). Die davon ausgehen, daß sie sich wirklich ernsthaft darum bemühen, diese beschissenen Strukturen weder zuzulassen noch selbst zu reproduzieren. Die Initiativen ergreifen und intensiv mit anderen an konkreten Punkten zusammenarbeiten und sich dadurch auch eine Perspektive versuchen zu erarbeiten. Die sich an verschiedenen Brennpunkten organisieren. Aber die dabei oftmals nicht mehr sehen, was sie mit sich selbst und mit anderen, die vielleicht nicht mit derselben Klarheit und/oder Entschiedenheit an bestimmten Punkten dran sind, anstellen. Ich denke, daß wir uns – so ein unglaublicher Luxus das angesichts der Verhältnisse weltweit auch sein mag, aber es ist notwendig! – die Zeit und den Raum nehmen müssen, um die Art, wie unser Agieren wirkt, selbstkritisch zu reflektieren. Es nutzt keiner und niemandem etwas, wenn wir von uns ausgehen und sagen, wir wollen das Richtige – für uns und andere und miteinander; aber es wirkt sich im Konkreten nicht so aus. Ich kenne einige Menschen, denen ich es unbesehen abnehme, daß sie niemandem vor den Kopf stoßen oder fertigmachen wollen, die es aber real und unreflektiert einfach tun. Es ist ein Problem. Und ich denke, es hängt ein Stückweit mit der gelebten Realität zusammen, daß die Macht einer/m so geballt entgegensteht, daß für einen Umgang miteinander, der wirlich Räume öffnet, zu wenig Platz und Geduld bleibt.

Überhaupt – was ist das: wir? Ich weiß es nicht. Ich schreibe davon, aber der Begriff ist dermaßen schwammig, daß er vielleicht besser nicht mehr benutzt werden sollte. Ich habe aber keine Alternative dafür, über uns anders zu schreiben. Es gibt nämlich so etwas wie kollektive Erfahrungen von- und miteinander. Es gibt gleiche Verhaltensweisen; Muster, die sich in jeder Stadt und in jeder Scene wiederfinden. Dieses wir ist ein Abstraktum, genau wie die beschriebenen Verhaltensweisen von der konkreten Situation abstrahieren; aber auch dieses Abstrakte ist auf seiner Ebene real. Ich will nämlich nicht sagen mässen: X in Stadt Y hat dies oder jenes Verhalten drauf und Z in A ebenso etc. Es sind keine Einzelfälle, die zufällig nebeneinander stehen – es ist die reale Misere. Und in gewisser Weise fähle ich dann so, als säße ich mitten zwischen allen Stühlen: einerseits die Misere mitzutragen bzw. zu reproduzieren, andererseits zu versuchen, sie so zu analysieren, daß neuer Raum aufgemacht werden kann, um einen Schritt nach vorn gehen zu können. Ich bin genauso dieses wir wie ich es nicht bin – und ich glaube, daß es einigen so geht, daß sie sich in diesem Text wiederfinden und auch nicht. Ich hoffe, das war jetzt nicht zu philosophisch.

Um auf den Ablauf der Demonstration zurückzukommen :

Es wurden viele Redebeiträge gehalten oder Grußadressen vorgelesen – für wen? Ist es denn nicht so, daß wir einerseits uns das nur selbst vorlesen, was wir – wahrscheinlich ohnehin schon – alle wissen (oder wissen sollten), während alle Unbeteiligten außerhalb der Sperrgitter Sprache wie Inhalte als völlig fremdartig empfinden müssen? (Wobei ich jetzt nicht irgendeiner Art Volkstümlichkeit das Wort reden will.) Und daß andererseits eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Vorgetragenen weder stattfindet noch stattfinden kann. Wer kann denn das auch alles aufnehmen, während nebenbei noch der eine die andere mal wieder sieht? Du stehst da und es rattern die Worte an dir vorbei.

Die Anzahl der Beiträge und das Spektrum ihrer VerfasserInnen drücken ja noch keine Kraft aus. Die Beiträge sind Ersatz für eine nicht vorhandene reale und daher auch handlungsfähige Breite einer Bewegung, die sich doch erst einmal finden muß. Es kommt mir so vor, als würden wir uns da eher etwas vormachen – eine Variante zur schon erwähnten Abschottung nach außen und Selbstbestätigung nach innen. Aber eben keine … Kraft.

Ich kann es leider nicht so sehen wie ein Teil der Vorbereitungsgruppe: Die Tatsache, daß etwa 2000 Menschen am 20.6. in Bonn demonstriert haben und viele Gruppen und Organisationen mit Grußbotschaften oder Redebeiträgen auf der Demo vertreten waren …, werten wir zu Recht als Erfolg.

Es geht darum, militanter zu werden, sich und die eigenen Lebensvorstellungen ausdrücken zu können. Wobei Militanz, richtig verstanden, etwas anderes meint als bloß actions, nämlich eine Lebenshaltung. Vielleicht fühlen sich jetzt einige mit ihren Ansätzen und ihrer Praxis untergebügelt – aber ich stelle die Frage von einer grundsätzlich anderen Seite aus: wäre es wirklich so, daß es mehr gibt als ein paar Ansätze und Menschen, die wirklich ernsthaft kämpfen, dann wäre die revolutionäre Linke ein ganz anderer Faktor, als sie es jetzt ist. Aber – wir können nur das ausdrücken, was wir sind. Nicht mehr, oft weniger. Wer unzufrieden mit den bestehenden Verhältnissen ist, muß nach Wegen zu ihrer Veränderung suchen. Nicht maulen, nicht von vornherein bei jeder Praxis es besser wissen. (Wobei vieles tatsächlich voraussehbar ist.) Also in den Spiegel ihrer/seiner selbst schauen und sich fragen, was könnte besser sein – für den Prozeß, also für sich selbst, für sich selbst, also für den Prozeß. Guck in den Spiegel, dann siehst du ein revolutionäres Subjekt oder du siehst keins. (Karl-Heinz Dellwo)

Somit ist die Absicht, die ich mit diesen Gedanken verfolge, alles andere als zufällig: nämlich Strukturen, Denkweisen und eine gewisse vorherrschende Lebenspraxis infrage zu stellen, um daraus zu einer grundsätzlich neuen Einstellung zu gelangen, um das Projekt der sozialen Befreiung hier neu begründen zu können. Ich will damit nicht behaupten, daß ich da so etwas wie den Durchblick hätte. Ich kann im Moment nicht mehr tun als derartige Fragen zu stellen. Die Antworten ergeben sich aber nur durch die Praxis; also über den Versuch, all die beschriebenen Ungereimtheiten des eigenen Lebensstils illusionslos zu betrachten und nach Wegen zu suchen, es besser zu machen.

Und so ist es auch allgemein: wir werden unsere Anliegen nur dann vermitteln können, nur dann zu einer realen politischen Kraft werden und uns durchsetzen können, wenn es uns gelingt, dieses Projekt der sozialen Befreiung hier neu zu begründen. Was wollen wir für uns und nicht nur gegen die Macht. Ich denke daher, es wird ein Prozeß von Jahren sein, von neuen Aufbrüchen und Reflektionen ..., also von Versuchen, die Alternative, die es noch nicht gibt, aufzubauen. Mir geht es hierbei darum, nicht wieder hinter bereits erkanntes (und die ganzen Kritikpunkte sind ja sicher alle schon einmal benannt worden!) zurückzufallen. Der Realität ins Auge sehen und in jeder konkreten Handlung auch das konkret Bessere suchen und zu finden versuchen. In jedem Lebensbereich, überall, 24 Stunden am Tag. Die Widersprüche in sich selbst und außerhalb erkennen, um sie zu verändern, langsam, zäh, geduldig, … eben nicht mehr loslassen.

Gisela Dutzi sagt in einem in der Clockwork 29/30 abgedruckten Gespräch u. a.:

wir haben 89 im hungerstreik schon angefangen praktisch eine stärkere gesellschaftliche ausweitung zu versuchen. das hat natürlich eine bedeutung für hier draussen – also nicht einfach in dem gegensatz von breite und militanz, der ja an sich inhaltslos ist, sondern es hat eine bedeutung dafür: wie kann hier ein umwälzungsprozess weitergehen. hier müssen neue formen, entsprechend den inhalten gefunden werden.

neue formen wären für mich z.b.: versammlungen in den städten zu initiieren. versammlungen, wo sowohl revolutionäre linke als auch andere gesellschaftliche gruppen vertreten sind, deren anliegen im weitesten sinne darin bestehen, veränderungen hier im land zu erkämpfen. (…)

bei diesem gedanken versammlungen geht es mir darum, demokratie von unten, strukturen von unten aufzubauen, in denen sich die soziale und politische realität bewusst angeeignet wird – um sie zu verändern.

Ich will nicht dagegen reden. Ich will nur zu bedenken geben, daß die gesellschaftliche Realität hierzulande dermaßen widersprüchlich ist, daß mir unklar ist, wer das Subjekt von Gisels Gedanken sein kann. Es gibt den realen Widerspruch zwischen einer immer noch vorhandenen Linken, die weitestgehend isoliert ist vom Rest der Bevölkerung, und allen anderen Menschen, deren Ziel es auch sein könnte, ihre Lebenssituation nicht auf Kosten anderer Menschen zu verbessern oder zu halten, sondern im Kampf für besseres Leben für alle Menschen. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, die erst einmal nicht weiterführen: entweder wird bloß der Kreis derjenigen erweitert, die ohnehin auf die diversen Plena, Treffen, Versammlungen, Veranstaltungen kommen, aber es entsteht dabei nichts qualitativ Neues. Oder es wird der Versuch unternommen, quasi blind ins Volk zu gehen.

Vielleicht verstehe ich Gisel auch falsch. Ich vermute (und ich sage das hier ausdrücklich so, weil ich Gisel nicht habe fragen können, ob sie es wirklich so meint) aber, daß Erfahrungen aus revolutionären Prozessen in Lateinamerika, wo es die Verbindungen zwischen revolutionärer Linker und dem Volk gibt, zu unreflektiert auf die hiesigen Verhältnisse übertragen werden. Das, was es in Lateinamerika einfach gibt: die Verbundenheit von Linken / Revolutionären mit dem Volk, ist hier einfach nicht vorhanden. Eine politische Kultur, wie sie dort existiert, muß hier erst noch geschaffen werden. Das scheint mir aber nur dadurch zu gehen, daß wir die Alternative zum System … leben. Da gibt es kein eindimensionales Rezept, aber in allem muß einfach spürbar sein, daß das, was wir sind und was wir wollen, wirklich etwas anderes ist als die verlogene Lebensführung im Widerspruch zwischen Ansprüchen und gelebter Realität.

Das geht nicht von heute auf morgen. Und wenn wir uns ehrlich selbst gegenüber sind, erleben wir in uns selbst diesen täglich gelebten Widerspruch. Es kann nur im gemeinsamen Prozeß darum gehen, diesen Widerspruch aufzulösen, was allerdings andere Kommunikations- und Umgangsformen miteinander erfordert. Und Ruhe. Und Zeit. Und Raum in unserem Denken und Handeln.

Anfang Oktober 1992

 

Literaturverweise

Gisela Dutzi / Mathias Meyers: Vorschläge für unsere Arbeit; in: Clockwork 29/30, 31.7.1992, Seite 3–5

Wie weiter mit der Freiheitsinitiative? In: Angehörigen-Info 102, 24.9.1992, Seite 3–4

Wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Das ist unsere Chance. In: Interim 107, 21.6.1990, Seite 28–30

 

 

Originalveröffentlichung in: Angehörigen – Info 110 vom 14. Januar 1993, Seite 3 bis 5

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 18. Mai 2006 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.©  Walter Kuhl 1992, 2006. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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